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Texte zur Freiheit

 
 
 
 
 

Parviz Amoghli

Zweierlei Grün

Grün war einmal die Farbe der Hoffnung, in ihr fand eine lebensspendende Natur genauso ihren Ausdruck wie das Streben nach Glückseligkeit oder auch ein Leben in individueller Freiheit. Doch das ist inzwischen vorbei. Heute zeigt sich, warum Grün auch mit Dingen wie Neid, Gift und Krankheit assoziiert wird. Aus dem einstigen Versprechen auf eine lebenswerte Zukunft ist eine Drohung geworden.

Dabei hat es Europa, vor allem aber Deutschland mit zweierlei Grün zu tun, einem Inneren und einem Äußeren. Gleich den Backen eines Schraubstocks nehmen sie die Völker der Alten Welt mit jedem Tag ein bisschen mehr in die Mangel. Die Motive mögen sich dabei unterscheiden, das Ziel jedoch ist das gleiche: die Auflösung und Umformatierung überlieferter kultureller Identitäten.

Im Innern Deutschlands ist es der grün eingefärbte Zeitgeist der Berliner Republik, der sich dieser Aufgabe annimmt. Sein Gift ist mittlerweile bis tief in die Kapillaren der Gesellschaft vorgedrungen. Wie tief, wird die nächste Bundestagswahl zeigen. Wahrscheinlich wird wieder eine überwältigende Mehrheit von achtzig oder auch neunzig Prozent Parteien wählen, die es zeitgeistgerecht darauf angelegt haben, das Land endgültig in ein Vielvölkergebilde zu verwandeln, in dem das deutsche Volk bestenfalls nur noch eines unter vielen ist und in dem jeder einzelne seine Sicherheit und seinen Frieden täglich neu zu verhandeln hat. Angesichts eines solchen Votums verwundert es nicht, dass der politische Arm des grünen Zeitgeistes, "Bündnis 90/Die Grünen", immer mehr an parlamentarischer Bedeutung verliert. Die Partei wird schlicht nicht mehr gebraucht. Ihre Arbeit wird von einer Kanzlerin erledigt, die Deutschland zu einem offenen Gebiet ohne Grenzen erklärt und das Volk gleich mit abgeschafft hat.

Doch man braucht gar nicht bis zur Bundestagswahl im September zu warten, um sich ein Eindruck vom Erfolg des grünen Zeitgeistes zu verschaffen. Es reicht bereits ein Blick auf die letzten Ungeheuerlichkeiten und die beinahe nicht vorhandenen Reaktionen darauf. Der deutsche Michel ist anno 2017 nicht zu beleidigen und zu empören. Man kann die Deutschen eine "Köterrasse" nennen, ihr Land als ein "mieses Stück Scheiße" bezeichnen oder auf die Fahne urinieren, man kann sie nach Herzenslust demütigen, diffamieren und anspucken – sie lassen es sich gefallen. Von außerhalb des Kreises der üblichen Verdächtigen ist nichts zu hören. Kein Protest, keine Wut, kein Entsetzen derjenigen, die da aus dem polit-medialen Kosmos heraus beschimpft werden. Es hat den Eindruck, als existiere Deutschland nur noch alle zwei Jahre, zu Europa- beziehungsweise Weltmeisterschaften, als Polyesterfähnchen aus dem 1-Euro Shop, das nach neunzig Minuten in der Gosse landet. – Fürwahr, der grüne Ungeist hat, seitdem seine Apologeten ihren Marsch durch die Institutionen antraten, ganze Arbeit geleistet.

Das führt zu dem anderen, von außen kommenden, radikalislamischen Grün, das es auf die Zerstörung der Alten Welt abgesehen hat. Diesem geht es weniger um den geschlechts- und identitätslosen Einheitsmenschen, der als fleischgewordene Gutheitsmaschine über den Erdball schlurft. Für ihn steht eher die Bekehrung und Missionierung der Ungläubigen auf dem Plan, auf dass sie Teil einer Umma werden, in der der Einzelne vor Gott über nicht mehr Gewicht verfügt, als ein Sandkorn in der Wüste. Und auch wenn es sich nur um eine Minderheit innerhalb der moslemischen Glaubensgemeinschaft handelt, die sich dieser Spielart des Islam zugehörig fühlt, so ist diese doch groß und vor allem mächtig genug, Europa und Deutschland vor existentielle Herausforderungen zu stellen.

Sie tut es bereits heute. Nicht nur militärisch und polizeilich. Die vielen, in den letzten Wochen und Monaten zur Normalität gehörenden, großen und kleinen Attentate sind nur die blutige Spitze des Eisbergs. Das Problem reicht tiefer. Von Moscheen, Verbänden und Vereinen, die mehr oder weniger offen radikalislamische Positionen vertreten und trotzdem Partner staatlicher Stellen bleiben, über die Kampfbetereien auf Straßen oder Plätzen und die Einklagung von nie benutzten Gebetsräumen an Schulen und Universitäten bis hin zur Durchsetzung des Kopftuchs im öffentlichen Dienst.

Der Druck wächst, die Islamisierung des Landes schreitet voran. Und es ist nicht anzunehmen, dass sich die Lage in nächster Zeit entspannen wird. Das Gegenteil steht zu befürchten. Umso mehr, da islamische Funktionäre in der Berliner Republik offene Türen einrennen. Einspruch oder gar Widerstand aus Medien, Politik und Verwaltung gegen ihren Forderungen brauchen sie nicht zu fürchten. Schließlich sind sie als Heilsbringer gegen die verhasste eigene Bevölkerung höchst willkommen. Und deshalb stehen die Zeitgeistritter auch stets bereit, um nach jedem neuerlichen Verbrechen im Namen des einwandernden Gottes zu erklären, warum nichts mit nichts zu tun hat, warum der oder die Täter Opfer der deutschen Mehrheitsgesellschaft sind oder warum es jetzt erst recht geboten ist, jene gesellschaftlich zu isolieren, die sich den Plänen der beiden Grün in den Weg zu stellen versuchen.

Dass unter ihrer Kollaboration auch Teile der Gesellschaft zu leiden haben, deren Schutz und Förderung bis vor kurzem noch grünes Grundanliegen war, scheint die Berliner Republikaner indes nicht zu stören. Jetzt, wo endlich der Traum von der Verwässerung und Auflösung alles Deutschen Realität zu werden scheint, wo millionenfach illegal eingewanderte junge Männer im wehrfähigen Alter zur Neuordnung des Landes bereitstehen, in solchen Zeit gibt man sich nicht mehr mit Kleinigkeiten ab, da kann der Zeitgeist keine Rücksicht nehmen.

So bemühen sich beispielsweise die Protagonisten des grünen Zeitgeistes nach Kräften darum, das muslimische Kopftuch wahlweise als bloßes modisches Accessoire zu verharmlosen oder als Zeichen des Fortschritts, der Emanzipation und Freiheit zu feiern, mit dessen Hilfe nun endlich den tumben, rückständigen Deutschen zivilisatorisch auf die Sprünge geholfen wird. Wohingegen die Folgen, die das Tragen einer Kippa in muslimisch dominierten Stadtteilen mit sich bringt, dem Berliner Republikaner bestenfalls ein kaltes Schulterzucken abnötigt. Übergriffe auf Juden in Berlin, Hamburg, Mannheim oder Duisburg sind in seinen Augen nur die Antwort auf die Siedlungspolitik Israels im Westjordanland. Sollte sich die ändern, ist auch das Problem mit den Übergriffen gelöst. Darüber hinaus existiert im grünen Zeitgeist kein genuin islamisch motivierter Antisemitismus. Muslime, die trotzdem derartige Gefühle hegen, können nichts dafür, sie sind schuldlos, ihre Vorfahren wurden schließlich von christlichen Kolonialheeren damit infiziert.

Aber es ist nicht nur der Antisemitismus, der nach grüner Lesart von den Europäern den Muslimen eingepflanzt wurde und nun auf die Alte Welt zurückschlägt. Das gilt auch für jegliche Form islamisch motivierter Homophobie. Sie ist ebenfalls das Ergebnis westlich-christlicher Indoktrination in kolonialer Vorzeit. Daher ist es nicht Ausdruck politischen Irrlichterns, sondern nur allzu logisch, wenn An- und Übergriffe von Migranten gegen Schwule und Lesben regelmäßig Propagandaoffensiven nach sich ziehen, die die deutsche Mehrheitsbevölkerung als intolerant und menschenfeindlich brandmarken und sie zu mehr Toleranz und Respekt ermahnen.

Und auch hinsichtlich der Gewalt gegen Frauen bleibt der grüne Zeitgeist seiner menschenfeindlichen Logik treu. Frauen, denen es wie zu Sylvester in Köln nicht gelingt, die verordnete Armlänge Abstand einzuhalten, und die zu "Erlebenden sexueller Gewalt" werden, können sicher sein, dass ihr Martyrium bald schon zu einem kulturelles Missverständnis beziehungsweise Dummen-Jungen-Streich marginalisiert wird. Immerhin waren der oder die Peiniger ständig mit Werbeplakaten konfrontiert, auf denen Frauen lächelten sowie Bein und/oder Dekolleté zeigten. Da konnten er oder sie ja gar nicht anders, als sich irgendwie Erleichterung zu verschaffen. Folgerichtig werden dann auch der oder die Täter auf Bewährung in die Freiheit entlassen während dessen auf Plakatwänden strenge Sittengesetze Einzug halten: Lächeln und Posieren verboten!

Und dann ist da eine noch weitere Gruppe einstmals grüner Schützlinge, die durch den Zeitgeist der Berliner Republik verraten werden. Gemeint sind die Millionen Zu- und Eingewanderten, die Deutschland als ihre Wahlheimat betrachten. Jene, die sich eingelebt haben und wichtiger Bestandteil der bundesrepublikanischen Gesellschaft sind. Die nicht von den Moscheen, Verbänden und Vereinen des politischen Islam vertreten werden, die nichts am Hut haben mit islamischen Moral-, Glaubens oder Kleidervorschriften, die als Ingenieure, Selbstständige, Arbeiter, Angestellte, Ärzte, Piloten oder auch als Manager die Chancen, die Deutschland trotz aller Schlechtrederei bietet, ergriffen und sich hier eine Existenz aufgebaut haben. Sie alle, die tatsächlich das Leben in Deutschland bereichern, haben erfahren, welch ein Segen es ist in einem laizistischen Rechtsstaat zu leben, und wissen, was auf dem Spiel steht. Sie sind es aber auch, die keine Lobby haben, die als Deutsche mit Migrationshintergrund dem Druck der beiden Grünvarianten am stärksten ausgesetzt sind. Als Deutsche und in ihrer Landsmannschaft. An ihnen übt die grüne Zeitgeister Kollaboration gleich doppelt Verrat.

Alles in allem sieht es nicht gut aus. Derzeit hat es den Eindruck, als würden die beiden Grüns ihr Ziel erreichen können, die einen früher, die anderen später. Doch sollte man die Hoffnung nicht fahren lassen. Denn "Wo aber Gefahr ist, wächst/Das Rettende auch." (Hölderlin) Noch ist freilich nicht abzusehen, woher das Rettende kommen soll und wie es sich dann präsentieren wird. Eines jedoch dürfte sicher sein. Es wird nicht grün sein.

03. April 2017

   

Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat