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Texte zur Freiheit

 
 

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Parviz Amoghli

Der Amoklauf eines Kapaun

Ein Gutes hat die eskalierende Unsicherheitslage in Deutschland wenigstens. Diejenigen, die sich schon immer gefragt haben, wie es sich wohl in einer untergehenden Kultur lebt, brauchen nur die Nachrichtenlage zu verfolgen und aus dem Fenster zu schauen. Im Hier und Heute der Berliner Republik erhalten sie erschöpfende Antwort.

Doch wie konnte es soweit kommen? Was ist geschehen, dass Deutschland im Begriff ist, sich abzuschaffen?

Die Spur führt fünfundsiebzig Jahre zurück. Was am 22. Juni 1941 als verbrecherischer Griff nach der Weltherrschaft begann, entwickelte sich über den Kapaunstaat der Nachkriegszeit hin zu einer Berliner Republik, deren Eliten es auf nachhaltige Zerstörung der kulturellen und ethnischen Homogenität des Landes abgesehen haben. Und damit einmal mehr Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit über Deutschland hinaus in ganz Europa bedrohen.

Dabei sah es im Sommer 1941 zunächst ganz und gar nicht danach aus, als würde sich drei Generationen später eine deutsche Regierung anschicken, das Land dem Kehrrichthaufen der Geschichte übergeben zu wollen. Ganz im Gegenteil drohte Europa Opfer eines mörderischen Rasseimperialismus zu werden. Binnen weniger Wochen nach Beginn von "Barbarossa" standen Wehrmachtsverbände nur wenige Hundert Kilometer vor Moskau, und es machte nicht den Eindruck, als könnte sie irgendetwas aufhalten. Ob in Białystok, Uman oder Smolensk – den stählernen Zangen der deutschen Panzerarmeen hatten die Verteidiger nichts entgegenzusetzen. Eine rote Widerstandslinie nach der anderen wurde durchbrochen, umfasst, vernichtet. Ende August '41 fehlte nicht mehr viel, bis zum völligen Zusammenbruch der Sowjetunion.

Tatsächlich aber war der Krieg bereits zu diesem Zeitpunkt für das III. Reich verloren und Deutschlands Schicksal besiegelt. Danach konnte Hitler seinen Krieg nicht mehr gewinnen. Schlagartig und entscheidend verschoben sich die Machtverhältnisse zuungunsten der Achsenmächte. Mit dem roten Riesenreich an ihrer Seite schloss sich der Kreis der alliierten Flügel- und Seemächte um die Landmacht in der Mitte. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Durch die Ausweitung des Leih-und-Pacht Gesetzes auf die Sowjetunion hatte die Roten Armee nun Zugriff auf die US-amerikanischen Arsenale. Und damit dem Transport auch nichts im Wege stand, wurde ab dem 25. August der "Persische Korridor" geschaffen, durch den die Sowjetunion mit Nachschub und Ausrüstung versorgt werden konnte. Was nichts anderes bedeutete als Besetzung und Dreiteilung des Irans. Das aber war der Preis dafür, dass die Rote Armee hinkünftig dem Ansturm der Wehrmacht zu widerstehen vermochte.

Grund genug für Churchill, einen Tag später, am 26. August 1941, seine Vorstellung von einem besiegten Deutschland zu konkretisieren. Ungeachtet der Tatsache, dass zeitgleich die Panzerarmee Kleist die ukrainische Stadt Dnjepropetrowsk eroberte, erklärte der britische Premier anlässlich einer Kabinettssitzung, dass Nachkriegs-Deutschland wirtschaftlich stark, jedoch politisch machtlos sein sollte, "fat but impotent", vergleichbar einem gemästeten Kapaun.

Die Polemik dahinter ist unverkennbar. Schließlich handelt es sich bei einem Kapaun um einen kastrierten Hahn, der sich lediglich als Delikatesse – mild, weiß und fett ist sein Fleisch – sowie als Betreuer von Kunstbrut-Küken eignet. Zu diesen Zwecken wird er produziert. Ansonsten gäbe es ihn nicht. Feist, ohne Geschlechts- und Aggressionstrieb rangiert er ganz unten in der geflügelten Hackordnung. Er ist vollkommen abhängig von seinem Erschaffer und aus eigener Kraft nicht überlebensfähig. Der Kapaun ist so etwas wie das ornithologische Negativ zum König der Lüfte, dem Adler. Und das gilt insbesondere für jenen raubgierigen Adler, der Ende August '41 seine Schwingen vom Atlantik bis tief in die Ukraine breitete: den Reichsadler.

Wichtiger aber noch als Churchills Talent für so elegante wie schneidige Polemik, ist die kurze und bündige Zusammenfassung westalliierter Kriegszielpolitik, die knapp acht Jahre später mit dem Kapaunstaat Bundesrepublik Deutschland Realität werden sollte.

Freilich war nach dem Untergang auch nichts anderes als die Besetzung und Unterwerfung Deutschlands zu erwarten gewesen. Die Nationalsozialisten hatten ein Vernichtungswerk in Gang gesetzt, das nun auf das Reich zurückfiel. Wenngleich es dabei weniger barbarisch zuging als noch ein paar Jahre früher, als die Einsatzgruppen unter dem Totenkopf den Osten Europas verheerten. An der Zielsetzung der Alliierten, den unruhigen Koloss in der Mitte des Kontinents dauerhaft als selbstständigen, machtpolitischen Faktor auszuschalten, hatte sich deshalb aber nichts geändert. So wurde das Reich nach der Niederlage zuerst zerstückelt und das, was übrigblieb, anschließend als Besatzungsgebiete unter den vier Siegern aufgeteilt.

Die kurz darauf im Westen entstandene BRD war ein Kunstprodukt, eine als Staat getarnte Verwaltungseinheit, konstruiert zur möglichst reibungslosen Organisation und Administration des gesellschaftlichen Lebens auf dem zentralen Schlachtfeld des Kalten Krieges. Darüber hinaus aber fehlte ihr alles, was einen in der Zeit gewachsenen Nationalstaat ausmacht. Ohne historische und kulturelle Verwurzelung, geschichts-, mythen- und traditionslos war die Bundesrepublik nicht mehr als "halb ordentlicher Industriehof, halb Naherholungszone mit regelmäßig geleertem Papierkorb,… dessen Bewohner nach Harmlosigkeit gieren" (Maschke). Ihr in irgendeiner Art patriotische Liebe entgegenzubringen war schwierig bis unmöglich. Umso mehr, da die deutsche Geschichte in den Krematorien der Vernichtungslager mitverbrannt war. Damit wollte niemand mehr etwas zu tun haben. Die Entfremdung vom kollektiven Selbst wuchs. Hagen musste dem Marlboro Mann weichen, das Christkind dem Weihnachtsmann und der Wald dem eingehegten Forst.

Gleichwohl lebte es sich in der Bonner Republik nicht schlecht. Der Rechtsstaat war nach Jahren der Willkürherrschaft zurückgekehrt; es herrschten demokratische und friedliche Zustände, so dass niemand wegen abweichender Ansichten um seine Gesundheit oder gar um sein Leben bangen musste. Außerdem waren Wirtschaftswunder und "Wohlstand für alle" ein angemessener Ausgleich für den Ausschluss aus dem rauen Spiel der Mächte. Außenpolitik wurde, wenn überhaupt nötig, mit dem Scheckbuch betrieben, und dann auch nur im Sinne der Besatzungsmächte, die sich im Laufe der Jahre mehr und mehr zu den Schutzmächten entwickelten.

Das alles konnte nicht ohne Auswirkungen auf die Bevölkerung der Bonner Republik bleiben. Zunächst wandelte sich ihr Erscheinungsbild. Niemand wollte mehr "zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und flink wie ein Windhund" sein. Stattdessen war Körperfülle angesagt. Bäuche signalisierten Wohlstand und verliehen Status. Und jene Deutschen, die nun wieder nach Europa ausschwärmten kamen im Käfer und mit Sandalen an den Füßen und nicht mit Panzer und Knobelbecher; sie okkupierten Liegestühle und keine Länder. "Die Deutschen an die Front", das war einmal. Das Thema Krieg oder Frieden war für die Deutschen nur mehr ein theoretisches. Die Bruchlinienkonflikte und Stellvertreterkriege des Kalten Krieges fochten andere aus. Der einzige Waffengang, in den die BRD hätte verwickelt werden können, hätte gleichzeitig das Ende der gesamten Menschheit bedeutet.

Derart von der Apokalypse gehätschelt, machte sich spätestens seit der Kulturrevolution der späten sechziger Jahre ein idealistischer, von moralischem Rigorismus befeuerter Pazifismus breit, der sich bald zur vorherrschenden Grundstimmung in der BRD ausweitete und zuweilen Hunderttausende auf die Straße brachte. Hier liegen die Wurzeln der derzeit Herrschenden. Deren moralische Selbstüberhöhung und Arroganz, die die Auftritte der derzeit Herrschenden stets begleitet, sind eine direkte Folge dieser Zeit. Der Luxus, im beschützten Kapaunstaat BRD von den realpolitischen Herausforderungen und Notwendigkeiten des Kalten Krieges enthoben zu sein, machte es möglich.

Doch dann passierte etwas, das niemand erwartet hatte. Der Kommunismus brach in sich zusammen, die Mauer fiel, der östliche Teilstaat trat dem westlichen bei. Das kurze 20. Jahrhundert war beendet. Und mit ihm die Zeitstrafe auf der Paria Bank der Weltgeschichte. Deutschland kehrte zurück ins Konzert der Mächte. Diesmal in Gestalt eines souveränen und saturierten Nationalstaats.

Eigentlich wäre das der Zeitpunkt gewesen, an dem das Land seine von außen auferlegte Kapaunexistenz hätte abstreifen und zu einem historisch wie kulturell verankerten Selbstverständnis und Selbstbild finden können, welches seiner neuen Rolle in der neuen Welt angemessen gewesen wäre. Es wäre sogar zwingend gewesen. Die mit dem Abschmelzen der Fronten des Kalten Krieges bald aufziehenden politischen Unwetter und Stürme verlangten nach tieferer Verwurzelung. Es waren ja schließlich keine Zufälle, dass die neu oder wieder erstehenden Nationalstaaten im Osten bei ihrer Gründung nicht auf das Pathos einer eigenen Vergangenheit und Herkunft verzichten wollten. Und dass es dabei ausgerechnet auf dem Balkan, dem traditionellen Schlachtfeld aufeinanderprallender Identitäten, nicht ohne blutige Konflikte abging.

Doch in Deutschland geschah nichts dergleichen. Die Wiedervereinigung vollzog sich als Ausweitung des Beamten- und Verwaltungsapparates auf die Beitrittsländer. Weiteres war nicht von Belang. Die BRDDR hatte dringlichere Probleme als ein historisch fundiertes, integrierendes Deutschlandbild. Stattdessen sollten im Innern blühende Landschaften entstehen, und das möglichst schnell. Nach außen tastete sich die erweiterte Bonner Republik derweil durch die verschiedenen neuentstandenen Krisenherde in Europa und der Welt. Die neue Macht und Verantwortung war ungewohnt. Dementsprechend vorsichtig wurde agiert.

Einige Jahre lang ging das immerhin gut. Bis 1998. In diesem heimlichen Wendejahr erzielte einerseits das Internet seinen Durchbruch, wodurch die Welt zum Dorf schrumpfte. Andererseits betrat der militante Islam mit den Anschlägen in Daressalam und Nairobi die weltpolitische Bühne. So dass sich von da an zum Historischen und Kulturellen noch das Religiöse als weiterer weltweiter Konfliktfaktor gesellte.

In Deutschland fiel dieser Zeitpunkt mit einem Generationenwechsel an den Schalthebeln der Macht zusammen. Die Bonner Republik trat ab, die Berliner auf. Und mit ihr wahrhaft Catilinarische Existenzen, denen Churchills Vision vom Kapaunstaat nicht weit genug ging und geht. Ihnen nach haben Deutschland und die Deutschen während der zwölfjährigen Herrschaft der Nationalsozialisten eine derart große Schuld auf sich geladen, dass diese einzig und allein durch finis germaniae gesühnt werden kann. Und weil das III. Reich ein Tausendjähriges war, wird gleich die ganze Geschichte des Landes zum Beweis für Anklage und Urteil.

Aus seiner Absicht, das Krebsgeschwür in der Mitte Europas mittels Ausdünnung, Entnationalisierung und Umformung in ein Vielvölkergebilde zu beseitigen, hat das leviathanische Gewölk zu keiner Zeit einen Hehl gemacht. Es scheint ihm geradezu ein existentielles Bedürfnis zu sein: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können". Wobei es allerdings nicht einer gewissen Ironie entbehrt, dass sich die tonangebenden Eliten dabei bis heute ausgerechnet einiger Wesenszüge bedienen, die zu den deutschesten aller teutonischen Wesenszüge zählen dürften: die Gründlichkeit, den Idealismus, die Inbrunst und nicht zu vergessen: den Selbsthass der Deutschen. Darauf ist Verlass. Erst recht in der Berliner Republik. Und so treibt sie, gänzlich ironiefrei, die Auflösung immer weiter voran.

Eine zentrale Rolle nehmen dabei der Islam und dessen Vordringen nach Europa im Allgemeinen und nach Deutschland im Besonderen ein. Die staatliche Förderung des politischen Islams zu einem gesellschaftlichen Machtfaktor gehört zu den Fixpunkten der Politik der Berliner Republik. Daran haben die Anschläge von New York, Washington, London oder Madrid in der Vergangenheit genauso wenig geändert, wie es die von Paris, Nizza, Würzburg oder Ansbach in der Gegenwart tun. Im Gegenteil wurde bisher noch jedes neue Blutbad im Namen des einwandernden Gottes seitens des Gewölks dazu genutzt, um nun erst recht die fremden, parallelen Gesellschaftsstrukturen im Land zu festigen und auszubauen. Die Muslime scheinen für die medialen, politischen und kulturellen Machthaber so etwas wie die Befreier Mitteleuropas von der Herrschaft des alten weißen Mannes zu sein. Der dabei zutage tretende Rassismus – so im Begriff vom "Biodeutschen" oder wenn Minister von Inzucht (sic!) unter den Einheimischen sprechen oder andere Funktionäre davon, die ethnische wie kulturelle Homogenität des Landes aufbrechen zu wollen – sollte indes nicht weiter verwundern. Anti-Rassisten sind eben auch nur Rassisten.

Zudem liegt es ganz in der Logik der Auflösungsapologeten der Berliner Republik, Deutschlands Sicherheit als lässliche Nebensächlichkeit zu behandeln. Warum in einem Abbruchhaus noch für Ordnung sorgen? Insofern nimmt es auch nicht wunder, wenn sich in einem Land, dessen Regierung spätestens seit der Finanzkrise Gesetzesbruch und Regelübertretung zum politischen Prinzip erhoben hat, überall tribalistische und vormoderne Gesellschafts- und Rechtsstrukturen sowie No-go-areas etablieren, das staatliche Gewaltmonopol von verschiedensten Seiten immer weiter durchlöchert wird und massive sexuelle Übergriffe durch so genannte "schutzsuchende" Männer inzwischen alltäglich geworden sind.

Was nach innen gilt, gilt auch nach außen. Nach wie vor ist das wiedervereinigte und souveräne Deutschland ohne substanzielle eigene Interessen in der Welt. Diese sind ja angeblich identisch mit denen Europas. Wer das nicht so sieht, ist ungeeignet in der Berliner Republik Verantwortung zu übernehmen. Selbst wenn es sich um den obersten Würdenträger des Landes handelt, den Bundespräsidenten. Aber auch wenn es anders wäre, und das Gewölk handfeste deutsche Interessen definieren würde, die es zu verteidigen bereit wäre, und sei es auch nur die Abwehr eines Angriffes – es würden die Mittel dazu fehlen.

Die Bundeswehr war sicherlich niemals eine besonders stolze Armee. Wie sollte sie auch? Nach der Katastrophe, die zu ihrer Gründung geführt hatte, war Bescheidenheit und Demut angesagt. Dementsprechend gut passte sie zum Kapaunstaat BRD. Wie dieser, wurde sie nicht geliebt oder verehrt, sondern lediglich akzeptiert und respektiert. Sie war halt notwendig. Aber wenigstens war sie abwehrbereit, wenn auch zeitweise nur bedingt.

In der Berliner Republik ist das anders. Durch eine jener, für sie so typischen Ad hoc Aktionen, wurde die Wehrdienstarmee mit Verwurzelung in der Gesellschaft in eine Freiwilligenarmee umgewandelt, in der Manager das Sagen haben. Und für die sind Kinderhorte und Gleichstellungsfragen nun mal wichtiger, als Ausrüstung und Bewaffnung derer, die überall auf der Welt ihr Leben einsetzen für den globalen Interventionismus der Mächtigen. Zur Landesverteidigung indes reichen die wenigen zehntausend Mann, über die das Heer noch verfügt, selbstredend nicht aus. 

Dass die Zersetzung Deutschlands nun schon so lange ohne nennenswerte innergesellschaftliche Verwerfungen vonstattengeht, ist nicht zuletzt dem Fett zu verdanken, welches der Kapaun BRD in den Jahrzehnten nach seiner Erschaffung angesetzt hat. Die Infrastruktur des Landes, der gewachsene Mittelstand, das (noch) funktionierende Rechts- und Justizwesen, der (ebenfalls noch) funktionierende Sozialstaat – das sind die Errungenschaften der Bonner Republik. Und es ist dies die Substanz, von der ihre Berliner Nachfolgerin zehrt. Doch sie ist fast aufgebraucht. Ein Blick auf das marode Straßen- und Schienennetz des Landes oder die Verwahrlosung ganzer Stadtteile samt deren Einwohnerschaft verrät, wie weit.

Das Gewölk ficht das nicht an. Schon gar nicht nach den Menschenströmen und der handstreichartigen Grenzöffnung vom September 2015. Diese Chance will sich man nicht entgehen lassen. Endlich, endlich wird sich Deutschland irreversibel verändern, wird das Übel aus der Welt getilgt, frohlockt es seither. Die vornehmlich jungen, kulturfremden Männer ohne Bildung, aber dafür mit herrschaftlichen Ansprüchen und dem Willen diese auch durchzusetzen, werden's schon richten. Für die Gesellschaftsingenieure der Berliner Republik sind die Millionen illegaler Einwanderer tatsächlich ein Geschenk.

Zwar geschieht das alles gegen den Willen der Einheimischen, aber dennoch vollzieht sich der Bevölkerungsumbau ohne breit angelegten Widerstand. Anscheinend ist der herbeigeführte Kontrollverlust des Staates noch nicht groß genug, um bei denen, auf deren Rücken der molekulare Bürgerkrieg ausgefochten werden wird, ein grundsätzliches Umdenken zu bewirken. Stattdessen übt man sich in einer kollektiven Gemütslage, vergleichbar einem Menschen, der vom Dach eines hundertstöckigen Hochhauses fällt und auf Höhe der fünften Etage beruhigt feststellt, dass ihm bis hierhin nichts passiert ist. Wie ist es sonst zu erklären, dass immer noch 80% und mehr die Parteien des Gewölks wählen?

In Europa ist das Ergebnis der Politik der Berliner Republik eine tiefe politische Spaltung des Kontinents. Nun zeigt sich Kehrseite der vollmundigen Verlautbarungen, wonach die deutschen Interessen identisch mit den europäischen seien. Die Migrationskrise hat deutlich gemacht, dass dem nicht so ist. Da helfen auch alle Erpressungsversuche und moralischen Verurteilungen nichts. Die Interessen der europäischen Partnerländer sind nicht gleich denen der Berliner Republik.

Das trotzige Beharren des Gewölks, dennoch auf der moralischen Zwangsvereinnahmung Europas zu bestehen, führt im Übrigen zu zwei weiteren urdeutschen Wesenszügen anti-deutscher Politik: dem Drang zur Missionierung anderer Völker sowie dem zum Sonderweg. Beides wirkt sich erfahrungsgemäß negativ auf Frieden, Freiheit und Sicherheit auf dem Kontinent aus. So auch diesmal, wo sie in Form eines um Europa erweiterten nationalen wie kulturellen Suizids des Landes daherkommen. Infolge der Machenschaften des amoklaufenden Kapauns ist inzwischen nicht nur der europäische Einigungsprozess zum Stillstand gekommen. Überdies hat die Politik des grenzenlosen Irrsinns den Zerfall Europas als politische und wirtschaftliche Union eingeleitet.

Und es ist sicher kein Zufall, wenn diese Entwicklung wieder einmal von Großbritannien aus seinen Anfang genommen hat. Jahrhundertelang Zünglein an der Waage kontinentaler Großmachtpolitik zu sein, sensibilisiert. Auch für die Machenschaften eines moralimperialistischen "Hippiestaates". Daher sollte der Brexit, fast auf den Tag genau fünfundsiebzig Jahre nach dem Beginn von "Barbarossa", am 23. Juni 2016, eigentlich Warnung genug sein. Ist er aber nicht. Stattdessen nur die üblichen unappetitlichen Vulgaritäten, Beleidigungen und Beschimpfungen aus Berlin gegen eine ganze Nation.  

Für die Zukunft lässt dies, wie die gesamte Politik der Berliner Republik, nichts Gutes erwarten. Wie es aber tatsächlich weitergeht, wie die Zukunft aussieht, die die Berliner Republik hinterlassen wird, ist naturgemäß ungewiss. Gewiss jedoch ist, dass sie ungemütlich wird. Die Zeichen stehen auf Sturm. Der Kapaun hat seinen Amoklauf erst begonnen.

24. Oktober 2016

 
   

Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat