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Texte zur Freiheit

 
 

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Alexander Meschnig

Schuld und Erlösung:
Auf dem Weg in den therapeutischen Staat

I.

Der Irrsinn der deutschen "Flüchtlingspolitik", die moralische Geiselhaft der eigenen Bevölkerung, die mediale und politische Propaganda für eine verpflichtende Willkommenskultur, all das ist die letzten Monate von kritischen Stimmen genügend analysiert und beschrieben worden. Man kann dem selbst nicht mehr viel Neues hinzufügen, es bleibt nur ein Staunen darüber, wie sich ein Land und alle seine Errungenschaften der letzten Jahrzehnte ohne größeren Widerstand langsam auflösen. Die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht, diesem politischen Wahnsinn nichts entgegensetzen zu können, sozusagen unverschuldet in Haftung genommen zu werden, vergiftet mehr und mehr das eigene Leben. Man fühlt sich nur noch als Passagier und Zuschauer, wie auf einer schiefen Ebene nimmt die Katastrophe unaufhörlich ihren Lauf. Natürlich kann man weiter auf die täglich zuspitzende Lage setzen und tatsächlich hat sich der öffentliche Diskurs seit September 2015 bereits verändert. Manches ist heute aussprechbar oder Konsens, was vor einem halben Jahr noch als "rassistisch" oder "rechtspopulistisch" galt. Das Problem ist nur: es bleibt keine Zeit mehr auf andere Akteure (die EU, Erdogans Türkei!) oder unwahrscheinliche Ereignisse (Ende des Krieges in Syrien, Abnahme des Flüchtlingsstroms, Weltfrieden) zu hoffen. Entscheidungen die längst getroffen werden hätten müssen, sind ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr durchzusetzen oder nur unter großen Opfern und Verwerfungen. Es ist auch niemand in Deutschland sichtbar, der unliebsame Entscheidungen und die daraus resultierenden Folgen verantworten würde.

Es mag sein, dass es noch zu früh ist, einen Schritt zurückzutreten und die Entwicklung des letzten Jahres in Deutschland aus einer größeren Perspektive zu betrachten. Dennoch lassen sich einige Muster ausmachen, die ihren Ursprung mehr in psychologischen als politischen Kategorien haben. Historiker und Politikwissenschaftler werden sich später darüber streiten ob Merkels Opportunismus, das Fehlen jeglicher inneren Überzeugung, Macht um der Macht willen oder die Unfähigkeit, einen schwerwiegenden Fehler einzugestehen, der ausschlaggebende Faktor für die nationale Katastrophe war. Ich frage mich aber, ob nicht vielmehr eine Art religiöser Masochismus, eine moralisch erhöhte Form des protestantischen Schuldabbaus, im Zentrum einer (psychologischen) Analyse stehen muss. Denn das lautstarke, wenngleich aktuell leiser werdende "Refugees Welcome", ist in seiner abstrakten Hypermoral der Ausdruck für eine letzte, metaphysische Größe die nicht mehr hinterfragbar ist: die eigene und kollektive Schuld, die nun, angesichts des Zustroms der Elenden und Benachteiligten der Erde, abgegolten werden kann. Um ja nicht den "Rechten" in die Hände zu spielen wurde, so weit möglich, am Bild des Fremden als "edlem Refugee" festgehalten. Denn in seiner Gestalt verkörpert sich symbolisch das Opfer der deutschen bzw. europäischen Geschichte. Bevor er noch einen Fuß auf deutsches Staatsgebiet gesetzt hat, ist er ein Gläubiger, der seine Schulden einfordern kann.

Die Lust an der Buße trägt dabei unzweifelhaft masochistische Züge. Jetzt, wo rückständige und tribalistische Kulturen massenhaft einwandern, kann sie endlich mit Leben gefüllt werden. Dass – in der Regel – illegale Einwanderer an deutschen Bahnhöfen mit Stofftieren und Applaus begrüßt und als "Symbole der Hoffnung" bezeichnet wurden, war mehr als eine hysterische Reaktion. Denn mit ihrer grenzenlosen Aufnahme konnte Deutschland zeigen, dass es bereit ist, seine nationale und egoistische Identität abzulegen. Ein Land, das seine vergangenen Verbrechen endlich sühnen kann und die historische Chance erhält, den Beweis für seine Läuterung anzutreten. Da unser Reichtum allgemein – so der Konsens der "edlen Seelen" – auf der jahrhundertelangen Ausbeutung der "Anderen" beruht, ist es nur gerecht und unsere moralische Pflicht, die ganze Welt mit offenen Armen aufzunehmen um eine ubiquitäre (soziale) Schuld abzubauen und endlich die lang ersehnte Absolution zu bekommen: "Und auch wenn es hier noch nicht jeder Mensch begriffen hat, jede und jeder von euch ist eine Bereicherung für Deutschland", so der grüne Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu im Juli 2015. Das war durchaus ernst gemeint.

Prinzipiell kann man von einer Art Heiligsprechung des Fremden, des Migranten oder des Flüchtlings sprechen. Er allein kann den Komplex von Schuld und Buße auflösen und die Erlösung bringen. "In dieser quasi-religiösen Kollektivneurose, nimmt der Migrant", so der Publizist Michael Ley, "den Status des Unantastbaren ein, dessen empirische Gestalt nicht thematisiert werden darf." Den "Anderen" als konkrete Gestalt darf es nicht geben, er bleibt ein reines Abstraktum auf den man seine Xenophilie projiziert. Diese bleibt ein moralisches Ideal und endet spätestens da, wo ein Asylantenheim mit 300 jungen Männern in der Nachbarschaft errichtet oder das eigene Kind eingeschult wird.

II.

Nachdem die ältere Linke im Arbeiter das revolutionäre Subjekt sah, ist heute längst der (nichteuropäische) Migrant, heute Schutzsuchender genannt, an Stelle des Proletariats getreten. Er ist der neue Säulenheilige der linken Utopie und soll das alte, müde und weiße Europa zugunsten der viel zitierten Vielfalt "bunt" machen, d. h. die nationalen und kulturellen Identitäten zum Verschwinden bringen. Dieses Erlösungsphantasma, und als solches muss man es wohl betrachten, bringt ein Beobachter einer Delegiertenkonferenz der Grünen 2013 in Berlin auf den Punkt:

"Aber dann tauchte eine Handvoll Schwarzafrikaner auf der Bühne auf. Auf dem Leib hatten sie ein T-Shirt mit der schlichten Aufschrift LAMPEDUSA in BERLIN. Der momentan hippste Gral grüner Schuldgefühle: Lampedusa. Es war, als wären Heilige direkt bis in die Niederrungen eines Parteitages herabgestiegen, um die anwesenden Grünen mit einer kurzen Rede zu segnen. Ja, zu erlösen. Beinahe alle Grünen krümmten instinktiv etwas ihren Rücken, denn sie wussten: als Einwohner, gerade als weißer Einwohner Europas sollte man sich eines geraden Rückens entledigen."

Nicht mehr die Befreiung des einheimischen Arbeiters (er gilt als besonders anfällig für "Rechtspopulisten"), sondern ethnische und kulturelle Minderheiten stehen nun im Mittelpunkt einer ausufernden Antidiskriminierungs- und Anerkennungspolitik. Das Feindbild ist heute so weniger die Bourgeoisie oder das Großkapital, wenngleich es immer noch existiert, als allgemein die weiße, christliche Mehrheitsgesellschaft und ihre dominante Kultur. Das erklärt auch die ansonsten vollkommen unverständliche affirmative Haltung breiter Kreise der "Linken" zum Islam, bei gleichzeitiger massiver Kritik an der eigenen christlichen Religion.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Paul Gottfried sieht im Multikulturalismus eine rein kompensatorische Ideologie die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus quasi eine Leerstelle füllte. Über eine ubiquitäre Schuld-Rhetorik der liberal-christlichen Mehrheit gegen sich selbst greife, so Gottfried, "ein Opfer- und Minderheitenkult" um sich, der, unter Ausnützung eines weit verbreiteten Selbsthasses, Europäern (und in geringerem Ausmaß) US-Amerikanern suggeriere, sie müssten sich für ihre Geschichte und Herkunft schuldig fühlen und Buße für "diskriminierendes Verhalten" der Vergangenheit und Gegenwart leisten:

"Das liberale Christentum verbindet nämlich die modischen Rituale westlicher Selbstablehnung, in denen die tradierten protestantischen Auffassungen über Individualität und Gleichheit mitschwingen, mit dem gefallenen Stand des Sünders bzw. Ausdrucksformen wie Selbsterniedrigung und Selbsterhöhung, wie sie sonst Heiligen zu eigen sind."

Insbesondere die protestantischen Vorstellungen von Sünde und Erlösung haben eine exzessive Schuldethik hervorgebracht, denn anders als der Katholizismus kennt der Protestantismus kein Bußsakrament, das für persönliche Schuld formale Abbitten kennt. Es ist wohl kein Zufall, dass in den katholisch geprägten Ländern Europas wie Polen, Italien, Österreich oder Frankreich, der Widerstand gegen den radikalen Islam, den Genderdiskurs oder allgemein gegen die politische Korrektheit stärker ausgeprägt ist als in den protestantischen (siehe etwa Schweden). Deutschland, mit Ausnahme vielleicht des katholischen Bayern ist, trotz des lautstark beklagten Rückgangs des Christentums nicht atheistisch, sondern imaginiert sich – zugespitzt – als Christus, der sterben muss, um die Menschheit von ihren Sünden zu erlösen. Unwillkürlich muss man dabei an die bekannte Formel: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen" denken.

III.

Die "Sünde" des normalen Bürgers besteht heute in "diskriminierendem Verhalten", der Verweigerung der Willkommenskultur und der Absage an die propagierte Bereicherung des eigenen Lebens durch den ungeregelten Zuzug Hunderttausender, bald Millionen, aus tribalistischen und patriarchalen Kulturen. Deshalb ist es eine weit verbreitete Pflicht für deutsche Politiker geworden "rassistische Anteile" der eigenen Bevölkerung (Pack, Ratten, Mob, Dunkeldeutsche) lautstark medial anzuklagen, moderne Entsprechungen der öffentlichen Buße heiliger Männer in einer Welt die als xenophob und zutiefst verdorben eingestuft wird. Den manischen Schuldvorwurf an die eigene Herkunftskultur findet man speziell auf Seiten der politischen Linken, inzwischen hat er aber auch in der CDU und sogar in Teilen der CSU eine Heimat gefunden.

Die bunte Republik, die vielzitierte Diversität, die kulturelle Bereicherung – all das soll von jedem Bürger umstandslos als alternativlose Tatsache betrachtet werden, ansonsten gilt man schnell als Reaktionär, Rassist oder Ewiggestriger. Auf politischer Ebene können wir beobachten, dass Sanktionen und Drohungen mächtiger EU-Staaten gegen Mitgliedsstaaten deren Bevölkerung für Parteien stimmen, die in Gegnerschaft zum Multikulturalismus und einer ungeregelten Einwanderung aus dem islamischen Kulturkreis stehen, üblich geworden sind. Persönliche Haltungen, Sympathie und Antipathie werden zunehmend von Politik und Medien zu Akten der Normanerkennung bzw. -verletzung gemacht. Deutschland verwandelt sich, parallel auf dem Weg zu einem Failed State (Verlust der Grenzkontrolle, Entstehung rechtsfreier Räume, Bruch geltenden Rechts etc.), mehr und mehr in einen therapeutischen Staat mit einem strengen Katechismus zur Toleranz, permanenten Schuldvorwürfen (Rassismus, Xenophobie), staatlich finanzierter Gesinnungsschnüffler und der Etablierung neuer Heiliger und Erlöser. Der therapeutische Staat, so Paul Gottfried, "arbeitet daran, eine multikulturelle Gesellschaft aufzubauen, die sich der "Verschiedenheit" verschrieben hat, indem er seine Bürger als Resozialisierungsobjekte betrachtet. Einige (Minderheiten) werden in ihrer Identität gefördert, (…) anderen (der Mehrheitsbevölkerung) wird nahegelegt, von ihren tradierten Identitäten, die ihnen als ablehnenswert dargestellt werden, Abstand zu nehmen."

Verstärkt wird dem uneinsichtigen Bürger mit Beginn der sog. Flüchtlingskrise, bei Strafe sozialer Ächtung, vorgeschrieben wie und was er zu denken hat. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind dabei fast durchgehend zu einer Art von staatlich gelenktem Erziehungsprogramm geworden. Die tägliche Realität und die wachsenden Probleme der schrankenlosen Einwanderung können aber immer weniger geleugnet werden. Noch sind die maßgeblich Verantwortlichen nicht bereit, ihre Politik in Frage zu stellen und den grundlegenden Irrtum einzugestehen, der eine Umkehr erst möglich macht. Wie lange noch? Zeit dafür ist keine mehr vorhanden.

22. August 2016

 
   

Alexander Meschnig

Alexander Meschnig, geboren 1965 in Dornbirn (Österreich), studierte Psychologie und Pädagogik in Innsbruck und promovierte am Institut für Politikwissenschaften der HU Berlin. Er lebt als freier Autor und Publizist in Berlin.