Start | Kontakt | Impressum
 
 
 

Texte zur Freiheit

 
 

RSS-Feed
abonnieren

 
 
 

Parviz Amoghli

Die Banalisierung der Moral

In Zeiten in denen Religionen, Götter und Heilige nicht mehr sind als Budenbesitzer auf dem Jahrmarkt esoterischer Aberglauben, existiert der Mensch als Abbild und Teil des Ewigen nur noch als Freak, der von der Humanressource des frühen einundzwanzigsten Jahrhundert wechselweise begafft, bestaunt oder beekelt, auf jeden Fall aber verhöhnt und verlacht wird. Es ist der Triumph der flachen Augenblickemotion über das tief wurzelnde Prinzip, der tumben Don't-be-evil-Gesinnung des "humanitären Imperativs" über eine wirklich humanistische Welt, in der der Mensch stets das Böse will und stets das Gute schafft. Wer sich dennoch darauf beruft, ist automatisch disqualifiziert, bereits die Andeutung einer höheren, gar göttlich inspirierten Ordnung genügt. Es scheint, als wolle die Gegenwart auch noch die letzten Verbindungen zu Geschichte und Mythos kappen, um anschließend losgelöst vom Alten in die vollkommene Leere des anything goes zu entschweben, in der alle Menschen, Götter, Herkünfte, Kulturen, Ethnien, Sprachen, Geschlechter gleich gültig sind – und damit gleichgültig.

In dem sich dadurch auftuenden Vakuum machen sich als weiteres Indiz nihilistischer Herrschaft Ersatzreligionen aller Art breit.

"Es ist eine Zeit der Apostel ohne Aufträge. Endlich lassen sich auch die politischen Parteien die Apotheose zuteilwerden, und göttlich wird, was ihren Doktrin und ihren wechselnden Zielen dient."(Ernst Jünger, "Über die Linie")

Dementsprechend bevölkert in der Berliner Republik eine unüberschaubare Anzahl von Erfüllungsversprechen den niederen Himmel weltlicher Heilslehren. Zahllose Ismen, Programme, Schulen oder Gymnastiken versprechen wahlweise die Vereinigung aller Geschöpfe in einer gerechten und sauberen Umwelt, Wege zum Glück samt spiritueller Erkenntnis oder die Entdeckung des Körpers als Tempel. Niemand kommt zu kurz, für jeden ist etwas dabei. Die Banalisierung der Moral ist in vollem Gange, inzwischen gibt es sie als Sonderangebot in jedem Discounter zu kaufen.

Derweil haben die Leitsätze einiger dieser Ersatzglauben nicht nur ihren Niederschlag in Parteiprogrammen gefunden. Zudem sind sie zu quasi religiösen Dogmenkatalogen avanciert, gegen die zu verstoßen den Tatbestand der Blasphemie erfüllt und mit Exkommunikation geahndet wird. Dabei wird der Weg von der Denunziation über die Skandalisierung bis hin zum medial und politisch eingeforderten Glaubensbekenntnis immer kürzer. Es reicht ein als häretisch empfundenes Foto, ein Posting, ein Tweet manchmal sogar ein falsch gewähltes, einzelnes Wort um den inquisitorischen Mechanismus in Gang zu setzen.

01. August 2016

 
   

Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat