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Martin Rhonheimer, Präsident Austrian Institute

Armut ist nicht die Folge des Reichtums

Die Meinung, Armut sei eine Folge des Reichtums der Reichen, spukt immer noch in den Köpfen von Sozialisten und anderen Wohlgesinnten herum, auch von Kirchenleuten. Sie vergessen, dass Armut über viele Jahrhunderte der natürliche Zustand der Menschheit war und zum Teil noch heute ist. Wie dagegen entstehen Reichtum und Massenwohlstand? Ein Blick in die Geschichte zeigt: Der präzedenzlose Massenwohlstand des Westens kam durch den Kapitalismus zustande, durch Marktwirtschaft, freies Unternehmertum, staatlich garantierte Rechtssicherheit und, vor allem, durch die Sicherung von Eigentumsrechten. Nur so können unternehmerisches Handeln und technologischer Fortschritt sich entfalten und Wohlstand schaffen. Doch genau hier liegt der blinde Fleck der katholischen Soziallehre.

Gewiss, auch diese lobt den Unternehmer. Die gängige Formel lautet: Unternehmerische Tätigkeit ist lobenswert, "insofern sie Arbeitsplätze schafft", und: "vorausgesetzt, sie dient dem Gemeinwohl". Natürlich gibt es unter Unternehmern auch gierige Machtmenschen, Betrüger und Versager. Unter der Bedingung freier Märkte – ohne Hilfe staatlicher Privilegien und politischer Protektion – können sie aber nicht nachhaltig erfolgreich sein. In Wahrheit dienen Unternehmer dem Gemeinwohl genau dann, wenn sie unternehmerisch erfolgreich handeln, und das können sie nur, wenn sie gewinnorientiert wirtschaften. Um Erfolg zu haben, müssen sie innovativ sein und produzieren, was der Nachfrage, also den Bedürfnissen und Präferenzen der Konsumenten entspricht. In einer freien Wirtschaft, in der die Nachfrager am Markt – und nicht die Politik oder von ihr gestützte Monopole – das Sagen haben, kann nur reicher werden, wer auch andere bereichert. Erfolgreiches Unternehmertum ist Dienst am Gemeinwohl – ohne Wenn und Aber.

Da der Kapitalist seinen Reichtum in weit geringerem Maße für den eigenen Konsum verwendet, als ihn produktiv zu investieren – auch Gewinne zum größten Teil reinvestiert –, löst er zwei Probleme auf einen Schlag: Er ermöglicht anderen, mit eigener Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und fördert durch Kapitalbildung und Innovation und dadurch erhöhte Produktivität ein Anwachsen der Reallöhne und damit des Wohlstands. Die unternehmerische Vision und Risikobereitschaft steigern die Produktivität der Arbeitnehmer in einer Weise, die diese ohne ihn nicht erreichen könnten. Der Unternehmer stiehlt den Arbeitnehmern nicht – wie Marx behauptete – den Mehrwert ihrer Arbeit, sondern schafft einen Mehrwert, an dem sie in Form der Löhne und gemäß ihrer Produktivität partizipieren. Ohne die unternehmerische Leistung blieben sie ohne Arbeit und ohne Lohn.

Es sind also nicht Regierungen und Ministerien, die auf dem freien Markt eine Kultur der Arbeit schaffen, sondern innovative Unternehmer und risikobereite Investoren, kurz: die vielfach geschmähten Kapitalisten. Aufgabe der Regierung indes ist es, die institutionellen Voraussetzungen für ein freies und innovatives Unternehmertum und ein gutes Investitionsklima zu schaffen. Dazu gehört immer und vordringlich der wirksame Schutz von Eigentumsrechten.

Die neuere katholische Soziallehre hat dieses Thema sträflich vernachlässigt. Sie ist fixiert auf die Idee, dass Privateigentum nicht die Lösung, sondern das Problem sei. Auf privatem Eigentum, lehrt sie, laste eine "soziale Hypothek". So richtig dies ist, so falsch ist indes die Schlussfolgerung daraus, dass der Staat deshalb das Recht habe, Reichtum besonders kräftig zu besteuern – zwecks Umverteilung. Gemäß dieser verkehrten, "peronistischen" Logik erhält Privateigentum seine soziale und gemeinwohlfördernde Funktion erst dadurch, dass es besteuert und umverteilt wird, nicht aber dadurch, dass es – wie in der kapitalistischen Wirtschaft – investiert und produktiv wird.

Die ökonomischen und moralischen Folgen dieses Irrtums sind verheerend, und wer ihn verbreitet, trägt Mitverantwortung für die Folgen. Nicht nur wird damit die wohlstandsschaffende Dynamik der Marktwirtschaft gebremst. Es wird auch unterschlagen, dass der Unternehmer durch das Investieren seines Eigentums andere in Lohn und Brot bringt, dass sein Eigentum so eine eminent soziale und gemeinwohlfördernde Verwendung findet. Treffen die Statistiken (zum Beispiel von Oxfam) zu, so sind es, vereinfacht ausgedrückt, weltweit 70 Millionen Personen (das vielzitierte reichste Prozent in puncto Vermögen, dem die großen und mittleren Unternehmen der Welt gehören), die dem Großteil der restlichen 99 Prozent Arbeit, Einkommen und Konsum ermöglichen – kein Skandal "sozialer Ungerechtigkeit", sondern ein historisch beispielloses System der Wohlstandserzeugung, ein Prozess zudem, der, je mehr er fortschreitet, die Vermögensbildung breiterer Schichten ermöglicht und das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Ländern verringert.

(Der Text ist ein Auszug aus dem Aufsatz des Autors "Welche Wirtschaft tötet? - http://austrian-institute.org)

23. Mai 2016

 
   

Professor Dr.
Martin Rhonheimer

Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce, Rom und Präsident des sich im Aufbau befindlichen "Austrian Institute of Economics and Social Philosophy", Wien.

Zahlreiche Buchpublikationen in verschiedenen Sprachen, darunter:

Martin Rhonheimer, Christentum und säkularer Staat. Geschichte - Gegenwart - Zukunft (Mit einem Vorwort von Ernst-Wolfgang Böckenförde), Herder, Freiburg i. Br. 2012, ISBN 978-3451306037, 480 S., € 29,-

Ders., The Common Good of Constitutional Democracy: Essays in Political Philosophy and on Catholic Social Doctrine, Catholic University of America Press, Washington D.C., 2013, ISBN 978-0813220093, 535 S., € 45,37.

Ders., Die Perspektive der Moral. Philosophische Grundlagen der Tugendethik, Akademie Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3050036298, 398 S., € 49,95.