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Texte zur Freiheit

 
 

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Norbert Bolz, Philosoph

Intellektuelles Ghetto

"Alle reden ja heute von Parallelgesellschaften und meinen damit die schlecht integrierten Einwanderer in den Ghettos der großen Städte. Aber es gibt Parallelgesellschaften, die besser integriert sind und sich dabei pudelwohl fühlen. Sie leben in den geistigen Ghettos der Parlamente, Redaktionen und Universitäten und diktieren uns von dort aus, wie wir die Welt zu sehen haben – nämlich kritisch.

"Kritisches Bewusstsein" ist heute ein Modeartikel, den man auf dem Markt der Massenmedien kaufen kann. In einem über Jahrzehnte hinweg stabilen Selbstmissverständnis haben sich die kritischen Bewusstseine für "anders" gehalten, d.h. für unbestechlich durch die Lockungen des Konsums und immun gegen den Zeitgeist. Die Linksintellektuellen machten Abweichung zum Business. Sie beherrschen das Marketing des "Anti". Früher waren sie Salonsozialisten, heute treten die Kritiker als Celebrities in den Talkshows auf. Das Wort, das Christian Wernicke einmal für die Non Governmental Organizations geprägt hat, passt gut auf die Linksintellektuellen, die für
sich in Anspruch nehmen, die Intellektuellen tout court zu ein: "die hofierten Störenfriede". Jeder hat sie gern. Furchtlos vertreten sie die Meinung der Mehrheit, diese modernen Konformisten des Anderssein.

Der Erfolg der deutschen Linken brachte es  mit sich, dass die seit Jahrzehnten keine politische Idee mehr gehabt haben. Und  wenn man theoretisch nicht mehr weiter weiss, wird man moralisch aggressiv. Die Erben der Achtundsechziger, die der Berliner Philosoph Peter Furth "Wächtergeneration" genannt hat, ersetzen das Denken durch Moralismus und Sprachhygiene. Die daraus resultierende Politik der Heuchelei begünstigt die Moralbonzen und Oberlehrer. Vor allem die Steigbügelhalter der "Weltmacht Habermas" (Die Zeit), des Philosophen der Reeducation, tun sich hier gerne hervor. Doch dessen "herrschaftsfreier Diskurs" ist längst in eine Sprachdiktatur dessen umgeschlagen, was man sagen und denken darf – und was nicht. Wer sich nicht daran hält, wird nicht widerlegt, sondern moralisch diskreditiert.

Allzu viele haben hingenommen, dass sich die Moral längst vom gesunden Menschenverstand abgekoppelt hat. Willig dienen die Massenmedien den Wohlmeinenden als Organe der Gesinnungskontrolle. Das ist eine geistige Klimakatastrophe, die viel schlimmer ist als die ökologische.

Studenten und Professoren haben vor allem an geisteswissenschaftlichen Fakultäten heute eine gute Chance, in ein Treibhaus der Weltfremdheit hineinzugeraten. Eine Gesellschaft, die sich weder an erfahrungsgesättigter Moral noch an bürgerlicher Tugend und gesundem Menschenverstand orientieren kann, wird zum Spielball eines Tugendterrors, der in Universitäten, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird. Die neuen Ingenieure der Seele arbeiten mit Sprachcodes, Gruppenidentitätszuweisungen und Trainingscamps für  "sensitivity" und "awareness".

Aus: Hauptsache Links
Erschienen in Schweizer Monat 1008

07. März 2016