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Friedrich List

Die Theorie der produktiven Kräfte
und die Theorie der Tauschwerte

Adam Smiths berühmtes Werk führt den Titel: "Über die Natur und die Ursachen des Reichtums der Nationen". Damit hat der Stifter der herr-schenden Schule den doppelten Gesichtspunkt richtig angegeben, aus welchem die Ökonomie der Nationen wie die der einzelnen Privaten zu betrachten ist.

Die Ursachen des Reichtums sind etwas ganz anders
als der Reichtum selbst.

Ein Individuum kann Reichtum, d. h. Tauschwerte besitzen; aber wenn es nicht die Kraft besitzt, mehr wertvolle Gegenstände zu schaffen als es konsumiert, so verarmt es. Ein Individuum kann arm sein; aber wenn es die Kraft besitzt, eine größere Summe von wertvollen Gegenständen zu schaffen als es konsumiert, so wird es reich.

Die Kraft, Reichtümer zu schaffen, ist demnach
unendlich wichtiger als der Reichtum selbst;

sie verbürgt nicht nur den Besitz und die Vermehrung des Erworbenen, sondern auch den Ersatz des Verlorenen. Dies ist noch viel mehr der Fall bei ganzen Nationen, die nicht von Renten leben können, als bei Privaten.

Unmöglich konnte ein so scharfer Verstand, wie Adam Smith ihn besaß, den Unterschied zwischen dem Reichtum und seinen Ursachen und den überwiegenden Einfluss dieser Ursachen auf den Zustand der Nationen gänzlich verkennen. In der Einleitung zu seinem Werk sagt er mit klaren Worten: Die Arbeit ist die Quelle, aus welcher jede Nation ihre Reichtümer schöpft, und die Vermehrung der Reichtümer hängt größtenteils von der produktiven Kraft der Arbeit ab, nämlich von dem Grad der Kenntnisse, der Geschicklichkeit und der Zweckmäßigkeit, womit die Arbeit der Nation verwendet wird, und außerdem von dem Verhältnis zwischen der Zahl der produktiv Beschäftigten und der Zahl der nicht Produktiven. Wir ersehen hieraus, wie klar Smith im Allgemeinen erkannt hat, dass der Zustand der Nationen hauptsächlich durch die Summe ihrer produktiven Kräfte bedingt ist.

Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass aller Reichtum nur vermittelst geistiger und körperlicher Anstrengungen erworben wird. Wer allerdings wissen und erforschen möchte, wie die eine Nation aus Armut und Barbarei zu Reichtum und Zivilisation gelangt, und wie eine andere Nation aus dem Zustand des Reichtums und Glücks in Armut und Elend geraten ist, würde auf den Bescheid: die Arbeit sei die Ursache des Reichtums und der Müßiggang die Ursache der Armut, immer die weitere Frage folgen lassen: Was denn die Ursache der Arbeit und was die Ursache des Müßiggangs sei? Was kann es anders sein als der Geist, der die Individuen belebt, als die gesellschaftliche Ordnung, welche ihre Tätigkeit befruchtet, als die Naturkräfte, deren Benutzung ihnen zu Gebot stehen?

Je mehr der Mensch einsieht, dass er für die Zukunft sorgen müsse, je mehr seine Einsichten und Gefühle ihn antreiben, die Zukunft der ihm nächsten Angehörigen sicherzustellen und ihr Glück zu befördern, je mehr er von Jugend auf an Nachdenken und Tätigkeit gewöhnt worden ist, je mehr seine edlem Gefühle gepflegt und Körper und Geist gebildet worden sind, je schönere Beispiele ihm von Jugend auf vor Augen stehen, je mehr er Gelegenheit hat, seine geistigen und körperlichen Kräfte zum Zweck der Verbesserung seiner Lage zu verwenden, je weniger er in seiner legitimen Tätigkeit beschränkt ist, je erfolgreicher seine Anstrengungen und je mehr ihm die Früchte derselben gesichert sind, je mehr er durch Ordnung und Tätigkeit sich öffentliche Anerkennung und Achtung zu verschaffen vermag, je weniger sein Geist an Vorurteilen, an Aberglauben, an falschen Ansichten und an Unwissenheit leidet: desto mehr wird er Kopf und Gliedmaßen zum Zwecke der Produktion anstrengen, desto mehr wird er zu leisten vermögen, desto besser wird er mit den Früchten seiner Arbeit haushalten. In allen diesen Beziehungen hängt jedoch das Meiste von den Zuständen der Gesellschaft ab, in welchen das Individuum sich gebildet hat und bewegt, davon, ob Wissenschaft und Künste blühen, ob die öffentlichen Institutio¬nen und Gesetze Religiosität, Moralität und Intelligenz, Sicherheit der Person und des Eigentums, Freiheit und Recht fördern und weiterentwickeln, ob in der Nation alle Faktoren des materiellen Wohlstandes, Agrikultur, Industrie, Handwerk und Handel, gleichmäßig und harmonisch ausgebildet sind, ob die Macht der Nation groß genug ist, um den Individuen den Fortschritt in Wohlstand und Bildung zu sichern, von Generation zu Generation weiterzugeben und sie zu befähigen, nicht nur ihre inneren Kräfte in ihrem ganzen Ausmaß zu benutzen, sondern sich auch durch Außenhandel die -Kräfte fremder Länder dienstbar zu machen.

Adam Smith hat die Natur dieser Kräfte im Ganzen so wenig anerkannt, dass er nicht einmal der geistigen Arbeit derjenigen Personen Produktivität zugesteht, welche Recht und Ordnung handhaben, Unterricht und Religiosität, Wissenschaft und Kunst usw. pflegen. Seine Forschungen beschränken sich auf diejenige menschliche Tätigkeit, wodurch materielle Werte hervorgebracht werden. In Beziehung auf diese erkennt er zwar, dass ihre Produktivität von der Geschicklichkeit und Zweckmäßigkeit abhängt, womit sie angewendet wird; aber in seinen Forschungen nach den Ursachen dieser Geschicklichkeit und Zweckmäßigkeit geht er nicht weiter als bis zur Teilung der Arbeit, und diese erklärt er einzig aus dem Tausch, aus der Vermehrung der materiellen Kapitalien und der Ausdehnung des Marktes. Sofort versinkt seine Lehre immer tiefer und tiefer in Materialismus, Partikularismus und Individualismus.

Hätte er die Idee "produktive Kraft" verfolgt, ohne sich von der Idee "Wert = Tauschwert" beherrschen zu lassen, so hätte er zur Einsicht gelangen müssen, dass einer Theorie der Tauschwerte eine selbständige Theorie der produktiven Kräfte zur Seite stehen muss, um die ökonomischen Erscheinungen zu erklären.

So aber geriet er auf den Abweg, die geistigen Kräfte aus den materiellen Verhältnissen zu erklären, und dadurch legte er den Grund zu all den Absurditäten und Widersprüchen, wo die Schwächen seiner Schule bis auf den heutigen Tagliegen, und denen es zugeschrieben werden muss, dass die Lehren der politischen Ökonomie, also der Volkswirtschaft, gerade den fähigsten Köpfen am wenigsten zugänglich sind. Dass die Smithsche Schule nichts anderes lehrt als die Theorie der Tauschwerte, erhellt nicht allein daraus, dass sie ihre Doktrin überall auf den Begriff von Tauschwert basiert, sondern auch aus der Definition, die sie von ihrer Lehre gibt. Sie sei, sagt J. B. Say, diejenige Wissenschaft, welche lehre, wie die Reichtümer oder Tauschwerte produziert, verteilt und konsumiert werden. Offenbar ist dies nicht diejenige Wissenschaft, die da lehrt, wie die produktiven Kräfte geweckt und gepflegt und wie sie unterdrückt oder vernichtet werden. M´Culloch heißt sie ausdrücklich die Wissenschaft der Werte und neuere englische Schriftsteller nennen sie eine Wissenschaft des Tausches.

Die christliche Religion, die Monogamie, die Abschaffung der Sklaverei und der Leibeigenschaft, die Erblichkeit des Throns, die Erfindung der Buch-stabenschrift, der Presse, der Post, des Geldes, des Gewichtes und des Maßes, des Kalenders und der Uhren, die Sicherheitspolizei, die Einführung des freien Grundeigentums und die Transportmittel sind reiche Quellen der produktiven Kraft. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur den Zustand der europäischen Staaten mit dem der asiatischen zu vergleichen.
Um den Einfluss der Gedanken- und Gewissensfreiheit auf die produktiven Kräfte der Nationen kennenzulernen, braucht man nur die Geschichte von England und dann die von Spanien zu studieren. Die Öffentlichkeit der Rechtspflege, das Geschworenengericht, die parlamentarische Gesetzgebung, die öffentliche Kontrolle der Staatsverwaltung, die Selbstadministration der Gemeinden und Korporationen, die Pressefreiheit und die Assoziationen zu gemeinnützigen Zwecken gewähren den Bürgern konstitutioneller Staaten wie der Staatsgewalt eine Summe von Energie und Kraft, die sich schwerlich durch andere Mittel erzeugen lässt. Kaum ist ein Gesetz oder eine öffentliche Einrichtung denkbar, wodurch nicht auf die Vermehrung oder Verminde¬rung der produktiven Kraft ein größerer oder geringerer Einfluss ausgeübt würde.

Bezeichnet man bloß die körperliche Arbeit als Ursache des Reichtums, wie lässt sich dann erklären, warum die neuen Nationen ohne Zweifel reicher, stärker bevölkert, mächtiger und glücklicher sind als die Nationen des Altertums? Bei den alten Völkern waren im Verhältnis zur ganzen Bevölkerung ungleich mehr Hände beschäftigt, die Arbeit war viel härter, jedes Individuum besaß viel mehr Grund und Boden, und doch waren die Massen viel schlechter genährt und gekleidet als bei den neueren. Um diese Erscheinung zu erklären, müssen wir auf alle Fortschritte hinweisen, die im Laufe der verflossenen Jahrtausende in den Wissenschaften und Künsten, in den häuslichen und öffentlichen Einrichtungen, in der Geistesbildung und in der Produktionsfähigkeit gemacht worden sind. Der jetzige Zustand der Nationen ist eine Folge der Anhäufung aller Entdeckungen, Erfindungen, Verbesserungen, Vervollkommnungen und Anstrengungen aller Generationen, die vor uns gelebt haben; sie bilden das geistige Kapital der lebenden Menschheit; und jede einzelne Nation ist nur produktiv in dem Verhältnis, in welchem sie diese Errungenschaft früherer Generationen in sich aufzunehmen und sie durch eigene Erwerbungen zu vermehren gewusst hat, und in welchem die Naturkräfte ihres Territoriums, die Ausdehnung und geographische Lage desselben und ihre Volkszahl und politische Macht sie befähigt, alle Nahrungszweige innerhalb ihrer Grenzen möglichst vollkommen und gleichmäßig auszubilden und ihren moralischen, intellektuellen, industriellen, kommerziellen und politischen Einfluss auf andere minder entwickelte Nationen und überhaupt auf die Angelegenheiten der Welt zu erstrecken.
Die Smithsche Schule will uns glauben machen, die Politik und die politische Macht hätten in der politischen Ökonomie keinerlei Bedeutung. Insofern sie in ihrer politischen Ökonomie nur die Werte und den Tausch zum Gegenstand ihrer Untersuchungen macht, mag sie recht haben; man kann die Begriffe von Wert und Kapital, Gewinn, Arbeitslohn und Ertrag festsetzen, sie in ihre Bestandteile auflösen, darüber spekulieren, was auf ihr Steigen und Fallen Einfluss haben könne usw., ohne dabei die politischen Verhältnisse der Nationen zu berücksichtigen. Offenbar gehören aber diese Materien ebenso gut der Privatökonomie wie der Ökonomie ganzer Nationen an. Man braucht nur die Geschichte von Venedig, des hanseatischen Bundes, Portugals, Hollands und Englands zu studieren, um zu der Einsicht zu gelangen, welche Bedeutung die Wechselwirkung des materiellen Reichtums und der politische Macht haben. Auch verfällt diese Schule überall, wo sie dieses Wechselverhältnis zu berücksichtigen sich bemüht, in die seltsamsten Widersprüche.

Indem diese Smithsche Schule nicht in die Natur der produktiven Kräfte eindringt, indem sie die Zustände der Nationen nicht in ihrer Totalität erfasst, verkennt sie insbesondere den Wert einer gleichmäßigen Ausbildung des Ackerbaues, der Industrie, des Handwerks und des Handels, der politischen Macht und des inneren Reichtums, am meisten aber den Wert einer der Nation eigentümlich angehörigen, nach allen ihren Verzweigungen ausgebildeten Produktionskraft. Sie begeht den Irrtum, die industrielle und handwerkliche Produtionskraft mit dem traditionellen Ackerbau in die gleiche Kategorie zu stellen und von Arbeit, Naturkraft, Kapital usw. im Allgemeinen zu sprechen, ohne die zwischen ihnen bestehenden Unterschiede zu berücksichtigen. Sie sieht nicht, dass zwischen dem bloßen Agrikulturstaat und dem Agrikultur-Industriestaat ein noch weit größerer Unterschied besteht als zwischen dem Hirten- und dem Agrikulturstaat.

Bei der bloßen Agrikultur besteht Willkür und Knechtschaft, Aberglauben und Unwissenheit, Mangel an Kultur-, Verkehrs- und Transportmitteln, Armut und politische Ohnmacht. Im alten Agrikulturstaat wird nur der geringste Teil der in der Nation liegenden geistigen und körperlichen Kräfte geweckt und ausgebildet, nur der geringste Teil der ihr zu Gebot stehenden Naturkräfte und Naturfonds kann benutzt, keine oder nur wenige Kapitalien können gesammelt werden. Die Werkstätten und Fabriken sind die Mütter und die Kinder der bürgerlichen Freiheit, der Aufklärung, der Künste und Wissenschaften, des inneren und äußeren Handels, der Schifffahrt und der Transportverbesserungen, der Zivilisation und der politischen Macht. Sie sind ein Hauptmittel, den Ackerbau von seinen Fesseln zu befreien und ihn zu einem Gewerbe, zu einer Kunst, zu einer Wissenschaft zu erheben, der Ernteertrag, die landwirtschaftlichen Profite und Arbeitslöhne zu vermehren und dem Grund und Boden Wert zu geben.

Die Smithsche Schule hat diese zivilisierende Kraft dem auswärtigen Handel zugeschrieben, damit aber den Vermittler mit dem Urheber verwechselt. Die fremden Industrien sind es, welche dem fremden Handel die Waren verschaffen, die er uns zuführt, und welche die Produkte und Rohstoffe konsumieren, die wir dafür an Zahlungs Statt geben. Übt aber schon der Verkehr mit weit entfernten Industrien einen so wohltätigen Einfluss auf unsern Ackerbau aus, um wieviel größer muss der Einfluss derjenigen Industrien sein, die mit uns örtlich, kommerziell und politisch verbunden sind, die uns nicht bloß einen geringen, sondern den größten Teil ihrer Bedürfnisse an Lebensmitteln und Rohstoffen abnehmen, deren Gewerbeprodukte uns nicht durch große Transportkosten verteuert werden, deren Verkehr mit uns nicht durch anderweitige Gelegenheiten der fremden Industrienationen, sich ihre Bedürfnisse zu verschaffen, oder durch Kriege und Einfuhrverbote unterbrochen werden kann.

Sehen wir nun, in welche seltsame Irrtümer und Widersprüche die Smithsche Schule verfallen ist, indem sie den bloß materiellen Reichtum oder den Tauschwert zum Gegenstand ihrer Forschung machte und die bloß körperliche Arbeit als die produktive Kraft bezeichnete.

Wer Schweine züchtet, ist nach ihr ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft. Wer Dudelsäcke oder Maul-trommeln zum Verkauf fertigt, der produziert; die größten Virtuosen, da man das von ihnen Gespielte damals – zu Zeiten von Friedrich List – nicht zu Markte bringen konnte, waren nicht produktiv. Der Arzt, welcher seine Patienten rettet, gehörte nicht in die produktive Klasse, wohl aber der Apothekengehilfe. Ein Newton, ein Watt, ein Kepler sind nicht so produktiv wie ein Esel, ein Pferd oder ein anderes Pflugtier, welche in neuerer Zeit von Herrn M´Culloch als Arbeiter in die Reihe der produktiven Mitglieder der menschlichen Gesellschaft eingeführt worden sind.

Die angeführten Irrtümer und Widersprüche der Smithschen Schule werden sich von dem Standpunkte der Theorie der produktiven Kräfte aus leicht berichtigen lassen. Allerdings sind die, welche Schweine großziehen, Dudelsäcke oder Pillen fabrizieren, produktiv, aber die Lehrer der Jugend und der Erwach¬senen, die Virtuosen, die Ärzte, die Wissenschaftler, die Richter und Administratoren sind es in einem noch viel höheren Grade. Jene produzieren Tauschwerte, diese produzieren produktive Kräfte, der Eine, indem er die künftige Generation zur Produktion befähigt, der Andere indem er Moralität und Religiosität bei der jetzigen Generation befördert, der Dritte indem er auf die Veredlung und Erhebung des menschlichen Geistes wirkt, der Vierte indem er die produktiven Kräfte seiner Patienten rettet, der Fünfte indem er die Rechtssicherheit, der Sechste, indem er die öffentliche Ordnung verbessert, der Siebente, indem er durch seine Kunst und den Genuss, den er dadurch gewährt, zur Produk¬tion von Tauschwerten reizt. In der Lehre von den Tauschwerten können aller¬dings diese Produzenten der Produktivkraft nur insofern in Betracht kommen, als sie für ihre Dienste in Tauschwerten belohnt werden; und diese Art und Weise, ihre Leistungen zu betrachten, mag in manchen Fällen ihren praktischen Nutzen haben, wie z. B. bei der Lehre von den öffentlichen Abgaben, insofern sie in Tauschwerten zu entrichten sind. Allein da, wo es sich um die internationalen oder die Gesamtverhältnisse der Nation handelt, ist dieselbe unzureichend, führt sie zu einer Reihe beschränkter und falscher Ansichten.
Die Prosperität einer Nation ist nicht, wie Say glaubt, um so größer, je mehr sie Reichtümer, d. h. Tauschwerte aufgehäuft, sondern je mehr sie ihre produktiven Kräfte entwickelt hat. Wenn auch Gesetze und öffentliche In-stitutionen nicht unmittelbar Werte produzieren, so produzieren sie dennoch produktive Kraft; und Say ist im Irrtum, wenn er behauptet, dass man die Völker unter allen Regierungsformen habe reich werden sehen, und dass man durch Gesetze keine Reichtümer schaffen oder durch fehlerhafte Gesetze verhindern könne.

Der Außenhandel der Nation darf nicht wie der Handel des einzelnen Kaufmanns einzig und allein nach der Theorie der Werte, d. h. mit alleiniger Rücksicht auf den augenblicklichen Gewinn materieller Güter beurteilt werden; die Nation muss dabei alle jene Verhältnisse ins Auge fassen, wodurch ihre jetzige und künftige Existenz, Prosperität und Macht bedingt sind.

Die Nation muss zu einem gewissen Teil auf materielle Güter verzichten und sie entbehren, um geistige oder gesellschaftliche Kräfte zu erwerben, sie muss gegebenenfalls gegenwärtige Vorteile preisgeben, um sich zukünftige zu sichern. Wenn nun eine nach allen Zweigen ausgebildete Industriekraft Grundbedingung alles höheren Aufschwungs der Zivilisation, der materiellen Prosperität und der politischen Macht jeder Nation ist, wie wir glauben geschichtlich dargetan zu haben; wenn es wahr ist, wie wir glauben beweisen zu können, dass unter den gegenwärtigen Weltverhältnissen eine junge unbeschützte Industriekraft unmöglich aufkommen kann bei freier Konkurrenz mit einer längst erstarkten, auf ihrem eigenen Territorium beschützten: Wie will man dann unternehmen, mit Argumenten, die bloß der Theorie der Werte entnommen sind, beweisen zu wollen, dass eine Nation ebensogut wie der einzelne Kaufmann ihre Waren da kaufen müsse, wo sie am wohlfeilsten zu haben seien? dass man töricht handle, etwas selbst zu fabrizieren, was man wohl¬feiler im Ausland haben könne? dass man die Industrie der Nation der Sorgfalt der Individuen anheimstellen müsse? dass Schutzzölle Monopole seien, welche den gewerbetreibenden Individuen auf Kosten der Nation erteilt würden?
Es ist wahr, dass die Schutzzölle im Anfang die Industriewaren verteuern; aber es ist ebenso wahr, und sogar von der Smithschen Schule zugestanden, dass sie im Laufe der Zeit bei einer zu Aufbringung einer vollständigen Industriekraft befähigten Nation wohlfeiler im Inland fabriziert als von außen eingeführt werden können. Wird daher durch Schutzzölle ein Verzicht an Handelswerten bewirkt, so wird dasselbe durch den Erwerb einer Produktivkraft vergütet, die der Nation nicht allein für die Zukunft eine unendlich größere Summe von materiellen Gütern, sondern auch industrielle Independenz für den Fall von Kriegen oder von großen Wirtschaftskrisen sichert. Durch die industrielle Independenz und die daraus erwachsende innere Prosperität erwirbt eine Nation die Mittel zum auswärtigen Handel, zu Erweiterung ihrer Schiffahrt, vermehrt sie ihre Zivilisation, vervollkommnet sie ihre Institutionen im Innern, stärkt sich ihre Macht nach außen.

So handelt eine zur Förderung und zum Ausbau seiner Produktionskraft berufene Nation, indem sie das Schutzsystem ergreift, ganz im Geist jenes Güterbesitzers, der mit Aufopferung von materiellen Werten einen Teil seiner Kinder ein produktives Gewerbe erlernen lässt.

Abdruck mit Genehmigung
des Verlag Schweizer Monat

Daniel Friedrich List
(* spätestens 6. August 1789 in Reutlingen;
† 30. November 1846 in Kufstein)
war einer der bedeutendsten deutschen Wirtschaftstheoretiker des 19. Jahrhunderts
sowie Unternehmer, Diplomat und Eisenbahn-Pionier.

(Der Text von Friedrich List wurde leicht angepasst
an heutigen Sprachgebrauch von Professor Schmäing.)


4.. März 2015