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Roland Baader

Inflation - Deflation

Weil die Sprache das Material ist, mit dem wir denken, kann das Denken nur dann klar sein, wenn auch die Begriffe klar definiert sind. Deshalb wird hier die Definition der Inflation verwendet, wie sie die »alten« Ökonomen benutzt haben: Inflation nennt man die Vermehrung der Geldmenge (inflatio = Aufblähung). Die Folge dieser Aufblähung, nämlich steigende Güterpreise, nannten die früheren Ökonomen Teuerung oder Preisinflation. Dass man heute steigende Preise Inflation nennt, ist eine sprachliche Verluderung, die von der Ursache der Preisinflation ablenkt (und wohl auch ablenken soll). Die Preisinflation folgt der Inflation erfahrungsgemäß und in »normalen« Zeiten mit einer Verzögerung von rund einem Jahr. Das heißt, einer Geldmengenvermehrung von beispielsweise zehn Prozent folgt im Abstand von rund einem Jahr eine Erhöhung des Preisniveaus von zehn Prozent. Dabei erhöhen sich natürlich nicht alle Preise gleichmäßig um zehn Prozent. Einige Güter- oder Dienstleistungspreise können sogar sinken oder um ein Vielfaches des Durchschnitts steigen. Aber im statistischen Durchschnitt ergibt sich in der beobachteten Realität ein annähernder Gleichschritt.

In Hyperinflationszeiten verändert sich diese Korrelation zwischen Geldmenge und Preisniveau jedoch dramatisch. Betrachten wir die deutsche Hyperinflation der zwanziger Jahre: Von 1914 bis 1918 (Erster Weltkrieg) war die Geldmenge im Deutschen Reich um 340 % gestiegen, während die Preise nur um 139 % zulegten. Auch von November 1918 bis Juli 1919 hinkten die Preise den Geldmengen hinterher. Von August 1919 bis Februar 1920 holten die Preise auf und kletterten um 185 %, die Geldmenge nur um 33 %. Von August 1921 bis Juli 1922 explodierten die Preise um 635 %, während die Geldmenge um 149 % stieg. In der ersten Phase stiegen also die Geldmengen schneller als die Preise, in der zweiten Phase war es umgekehrt.

Der Grund, weshalb Ökonomen auf die wirre Idee kommen, es gebe keinen Zusammenhang mehr zwischen Geldmengenaufblähung und Teuerung, ist wohl bei dem Phänomen zu suchen, dass die chinesischen Exporte und ganz generell die Globalisierung in den letzten Jahren für starken Preisdruck gesorgt haben. Die Geldfluten ergossen sich statt in die Gütermärkte in die Märkte für Vermögensgüter (asset inflation). Bei einer asset inflation steigen üblicherweise die Immobilienpreise ins Uferlose. Irgendwohin muss das neu geschaffene Geld ja fließen. Oft laufen auch Aktienhaussen parallel. Bei der größten asset inflation aller Zeiten in Japan in den 1980er Jahren lag der Geldwert der Immobilien der Stadt Tokio vor dem Beginn des Preiszusammenbruchs bei einer Summe, die dem Wert aller Immobilien der gesamten USA entsprach. Auch dem Ausbruch der jüngsten Weltfinanzkrise ging eine exorbitante Steigerung der Immobilienpreise in den USA voraus. Beides, die versteckte Preisinflation (also das Nicht-Sinken der Preise, obwohl sie scharf hätten fallen müssen) auf der Güterseite und die offene Preisinflation bei den Vermögenswerten, ist offenbar den Mainstream-Ökonomen nicht aufgefallen. Ein verhängnisvolles Versagen, denn auch eine verdeckte Preisinflation verzerrt die Marktstrukturen, und eine asset inflation nährt sich selber. Wenn beispielsweise die Immobilienpreise steigen, können höhere Hypotheken eingetragen werden. Mit diesem Schuldengeld können Aktien erworben werden. Und diese können bei steigenden Preisen wiederum beliehen werden, um damit weitere papierene Vermögen zu kaufen. So steigen die Schein-Vermögen und die Schulden ins Uferlose, bis das Kettenbrief-System irgendwann reißt. Auch derzeit wird die grassierende Preisinflation nicht erkannt. Weil man Inflation fälschlicherweise als »steigende Preise« definiert – und weil die meisten Güterpreise aktuell nicht oder nicht merklich steigen, schließt man auf Ruhe an der Teuerungsfront. In Wirklichkeit müssten die meisten Konsumgüter-Preise aufgrund der geplatzten Vermögens-Blasen (Verarmungsprozess – und dadurch Konsumeinschränkung) scharf sinken. Dass sie das nicht tun, lässt nur einen Schluss zu: nämlich dass die Preisinflation inzwischen versteckt grassiert, und zwar in erheblichem Ausmaß.

Seltsamerweise betrachten fast alle Leute die Preisinflation als eine Art Naturereignis wie das Wetter. Kaum jemand weiß oder glaubt, dass sie »gemacht« und gewollt ist. Auch wird ihr Ausmaß – mit Ausnahme von Hyperinflationszeiten – fast immer unterschätzt. Als die D-Mark, die angebliche Stabilitätsweltmeisterin unter den Währungen, vom Euro beerdigt wurde, betrug ihre Kaufkraft nur noch 5 % des ursprünglichen Wertes bei ihrer Einführung 1949. Und wie sich diese Kaufkraft beim Euro seit seiner Einführung vor zehn Jahren entwickelt hat, kann jede Hausfrau bei ihren Einkäufen feststellen. Wäre sie gleich geblieben, müssten alle Waren die Hälfte des früheren D-Mark-Preises kosten (denn die Umstellung erfolgte im Verhältnis von fast genau zwei zu eins). In Wirklichkeit sind die meisten Euro-Preise inzwischen höher als die damaligen D-Mark-Preise, was bedeutet, dass seither eine Preisinflation von mehr als 100 % eingetreten ist. Somit lag die durchschnittliche Jahresrate der Preisinflation nicht bei den offiziell verkündeten ein bis zwei Prozent, sondern bei zehn und mehr Prozent.

Bei den anderen Papierwährungen schritt die Entwertung oft noch schneller voran. In den USA war der Dollar von 1976 nur fünf Jahre später – also 1981 – gerade noch 63 Cents wert. Und der zerfallene Dollar von 1990 war Mitte 2006 – also kaum 16 Jahre später – wiederum nur noch 64 Cents wert. Der Dollar von 1913 (Gründung des Fed) hat heute nur noch eine armselige Kaufkraft von 4 Cents. Und das, obwohl viele Preise dramatisch gesunken sind.

Preisinflation kann auch dann herrschen, wenn die Güterpreise gleich bleiben oder sogar sinken. Dann nämlich, wenn die Preise ohne künstliche Geldmengenvermehrung gesunken oder stärker gesunken wären. In den Preisniveau-Statistiken wird das potentielle Sinken der Preise ausgeblendet. Um aber den wahren Gesamteffekt der expansionistischen Geldpolitik auf die Preise abzuschätzen, müssen wir auch dieses potentielle Sinken mit ins Kalkül ziehen, das eingetreten wäre, wenn es die Geldpolitik nicht gegeben hätte. Der Gesamteffekt der Geldpolitik auf das Preisniveau setzt sich zusammen aus dem Anstieg des Preisniveaus aufgrund der Geldvermehrung plus dem potentiellen Sinken des Preisniveaus, das ohne expansive Geldpolitik eingetreten wäre. Der Ökonomie-Professor Mark Brandly schätzt, dass der Konsumpreisindex der USA, der 2005 bei 195,3 stand, nur 5,8 angezeigt hätte, wenn das Geldangebot seit 1959 unverändert geblieben wäre. 2005 waren also nach Brandlys Schätzung die Konsumgüterpreise 34mal höher (verglichen mit 1959), als sie es ohne monetäre Expansion gewesen wären. Ein Hamburger hätte dann im Jahr 2005 statt 4 $ nur 12 Cents gekostet – und ein 20 000-$-Auto nur 600 $. Wohlstand und Reichtum messen sich an dem, was man sich mit dem Geld kaufen kann. Deshalb lautet auch die korrekte Definition der Inflation: Inflation ist der Anstieg des Angebots an Geld und Kredit, relativ zum verfügbaren Angebot an Gütern und Diensten, was zu einem Anstieg der Güterpreise führt.

Seit Generationen überlebt die Kostendruck-Theorie der Inflation. Eine Schimäre. Diese Theorie wurde schon um 1870 widerlegt. Die Ökonomen Menger, Walras und Jevons kamen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis: Preisinflation ist immer von der Nachfrage induziert, speziell von der Geldnachfrage, und keinesfalls von steigenden Kosten der Produzenten – es sei denn, die Kostensteigerungen seien selber wiederum inflationsgetrieben. Der amerikanische Ökonom Gary North hat dafür das richtige Bild gefunden, indem er schrieb: »In einer Volkswirtschaft mit fiat money steigen die Preise aus demselben Grund, aus dem sie bei einer Versteigerung steigen, bei der Falschgeldhersteller mitsteigern.« Fakt ist, dass die Zentralbanken inflationieren, indem sie jeweils die monetäre Basis als Grundlage liefern, auf der die Geschäftsbanken alsdann ihre fiat money-Darlehen ausdehnen. »(Preis-)Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen«, wurde auch der »Vater des Monetarismus«, Milton Friedman, nicht müde zu wiederholen.

Falsch ist auch die Theorie, Preisinflation sei eine Begleiterscheinung des Wirtschaftswachstums. Das Gegenteil trifft zu. Ein Mehr an Gütern bedeutet in aller Regel niedrigere Preise je Gut. Auch die Argumentation mit höheren Öl- und Benzinpreisen als Teuerungstreiber ist falsch. Wenn die Bürger mehr für Öl und Benzin ausgeben müssen, reduzieren sie ihre Ausgaben für andere Güter – mit der Folge, dass deren Preise sinken. Das sogenannte »Preisniveau« (was immer das sein mag) steigt nicht, wenn ein Gut oder einige Güter aus nicht-inflationären Gründen teurer werden.

Jedenfalls kann das Preisniveau ohne Ausweitung der Geldmenge nicht steigen; genauso wenig wie der Wasserpegel in einer Badewanne steigen kann, wenn man kein neues Wasser zugießt. Was die Preise insgesamt nach oben treibt, ist stets die monetäre Inflation, die Steigerung der Geldmenge. Auch die Erhöhung der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, die wiederum die Preisinflation beschleunigen kann, ist selber ein Kind der Preisinflation. Das Geld wird bei merklicher und fortgesetzter Teuerung schneller ausgegeben – und dann auch vom Empfänger rascher zu Käufen benutzt.

Fälschlicherweise machen die Leute oft auch die Unternehmer und Konzerne (kurz: die Kapitalisten und den Kapitalismus) für die anziehenden Preise verantwortlich. Ein Unsinn ohnegleichen, jedenfalls solange der Wettbewerb funktioniert und nicht politisch behindert wird. Um die bereits vorgestellte Definition der Inflation in etwas anderer Form zu wiederholen: Inflation ist der Anstieg des Angebots an Geld und Kredit, relativ zum verfügbaren Angebot an Gütern und Diensten, was in der Folge zu einem allgemeinen Anstieg der Güterpreise führt. Die einzige Ursache der Preisinflation ist die Geldmengenvermehrung. Nichts sonst. Und diese Geldmengenvermehrung ist politisch gewollt.

Preisinflation ist ein betrügerischer Vorgang. Der Betrug beginnt bereits mit der Installierung eines fiat-money-Systems selber, weil es sich dabei um Falschgeld handelt. Wenn in Zeiten der Gold- und Silberwährung Geldfälscher ihr Vermögen auf Kosten anderer vermehren wollten, mischten sie den Gold- und Silbermünzen weniger edle Metalle bei. Das war Geldfälschung und Betrug. Wenn Regierungen fiat money einführen, das beliebig vermehrt werden kann, um damit auf Stimmenfang zu gehen und den Staatsapparat auszudehnen, dann steigert das – wie beim Metallfälscher – den Reichtum der Fälscher und vermindert den Wert des Geldes aller anderen Bezieher und Eigentümer von Geld. Räuberische Gewinner hier – und schuldlose Verlierer dort. Und das ist genau dasselbe wie im ersten Fall, nämlich Geldfälschung und Betrug. Die dem ungedeckten Papiergeld systemimmanente Inflation und Teuerung bewirkt auch eine Vergrößerung der Schere zwischen Arm und Reich. Die zur Geldvermehrung betriebene Niedrigzinspolitik verbilligt den Kapitaleinsatz gegenüber dem Faktor Arbeit und lässt die Vermögensgüterpreise steigen, während Geringverdiener und Rentner sich dem Kaufkraft­verlust weniger entziehen können. »Das ist«, so Professor Thorsten Polleit, »freiheitszerstörend, weil es der Marktwirtschaft angelastet wird, obwohl es sich um eine Verletzung ihrer Regeln handelt.«

Ungerechte Umverteilung findet bei Inflation auch auf anderem Wege statt: Alle Leute verlieren, weil das ständig expandierende Geldangebot gigantische Blasen erzeugt, deren unvermeidliches Platzen Vermögenswerte und Ersparnisse zerstört (zusätzlich zur Entwertung durch permanenten Kaufkraftverlust), sowie zu Arbeitslosigkeit und Elend führt. Hinzu kommt die sogenannte »kalte Progression« der Einkommenssteuer. Die nominell steigenden Einkommen geraten in eine höhere Progressionsstufe, obwohl deren realer Wert nicht (oder weniger) gestiegen ist als das Nominaleinkommen. 1958 wurde in Deutschland der Spitzensteuersatz beim 20,8-fachen des Durchschnitts-Bruttoeinkommens eines Arbeiters erhoben (damals 2 700 Euro im Jahr); 1983 wurde der Spitzensteuersatz bereits beim 3,9-fachen erreicht (damals 16 776 Euro im Jahr) – und 2007 beim nur noch 1,9-fachen des Durchschnitts-Bruttoeinkommens eines Arbeiters (27 156 Euro im Jahr). Ein weiteres Übel des Geldwertschwundes entsteht durch die faktische Entlastung der Schuldner und die ebenso offenkundigen Verluste der Forderungswerte der Gläubiger.

Von den finanziellen Folgen der Inflation ist die schlimmste jedoch der letztendlich unvermeidliche Totalruin der Währung, der in Staatsbankrott und Währungsreform mündet – und damit in den Verlust aller Geldvermögen der Bürger. Inflation und sporadische Währungsreform sind unter der Domäne des fiat money systematische Entschuldungsmethoden des Staates und somit geradezu systemimmanent, also im System angelegt. Dazu kommen die Begleiterscheinungen des monetären Niedergangs, nämlich der zunehmende Zerfall der moralischen und gesellschaftlichen Ordnung, der oft in Chaos und Revolution mündet – und schließlich in politischem Totalitarismus. Auch in der deutschen Geschichte ist das Verhängnis der nationalsozialistischen Diktatur ohne die vorausgegangene Hyperinflation und Währungsreform nicht denkbar. Sie hatte den Mittelstand als stabilisierende Gesellschaftsschicht verarmen lassen und ihn damit verbittert und radikalisiert. Stefan Zweig hat in seiner Biographie geschrieben: »Nichts hat das deutsche Volk     so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation.«

Preisinflation bedeutet eben nicht nur Kaufkraftverlust der Währung, sondern sie erodiert auch den Charakter der Menschen. Der Amerikaner Theodore Dalrymple hat (sinngemäß) geschrieben: Inflation unterminiert nicht nur die traditionellen bürgerlichen Tugenden, sondern macht sie lächerlich und verkehrt sie sogar in ihr Gegenteil. Klugheit, Vernunft und Vorsicht werden zu Unvernunft, Sparsamkeit wird Leichtsinn, Mäßigkeit wird Dummheit, Nüchternheit wird zu Antriebslosigkeit, Bescheidenheit wird zu mangelndem Ehrgeiz, Selbstkontrolle zu Betrug des inneren Selbst, Geduld wird zu mangelnder Vorausschau, Festigkeit zu Inflexibilität. Alles, was Weisheit war, wird zu Dummheit. Und die Umstände zwingen fast jeden, bei dem Veitstanz mitzumachen. Nur den Empfängern von staatlich garantierten Einkommen (Bürokraten, öffentlich Bediensteten und Funktionären) mit mehr oder weniger explizit gegen Inflation indexierten Bezügen geht es gut. Ihre Zahl wächst, und ihre Abhängigkeit vom Staat nimmt zu. Auch das unterminiert den Charakter. Inflation ist eben nicht nur ein monetäres Phänomen.

»Wie der Albatros als Vorbote des Sturms«, hat Ortega y Gasset geschrieben, »so taucht der Mensch der Tat stets am Horizont auf, wenn eine neue Krise ausbricht.« (Wobei mit »Mensch der Tat« ein Diktator gemeint ist, der eine »Zeit der Rebarbarisierung« einleitet.) Die weit überwiegende Mehrheit der Bürger versteht wenig oder nichts vom Wesen des Geld- und Finanzsystems. Sie werden mit zunehmender wirtschaftlicher Verelendung die Parolen der politischen Propagandisten von habgierigen Spekulanten und unersättlichen Managern glauben, und sie werden dann ausgerechnet jene Politiker unterstützen, die bei genauer Betrachtung für die Verelendung verantwort­lich sind. Bei fast allen Leuten in allen Gesellschaftsschichten kann man dann Realitätsverlust, Anspruchsdenken, krassen Materialismus und Moralzerfall beobachten. Dass diejenigen am meisten die Bodenhaftung verlieren, die auch mit dem meisten »Stoff« des Booms zu tun haben – also mit den babylonischen Türmen aus Scheingeld und Scheinreichtum (Schulden) –, liegt in der Natur der Sache.

Der berühmteste aller Ökonomen, John Maynard Keynes – oder Lord Keynes – kannte den betrügerischen und gefährlichen Charakter der Inflation genau. Weil in einer schweren Krise eigentlich die Löhne sinken müssten, so Keynes, die Gewerkschaften aber ein solches Sinken verhindern, müsse man Inflation erzeugen. Denn bei anhaltender Teuerung würden die Löhne nicht rasch genug mitziehen, das heißt, dass zwar die Nominallöhne nicht sinken, sehr wohl aber die Reallöhne (die Kaufkraft des Lohnes) – und somit auch die echten Lohnkosten der Unternehmen. Und das trage zur Wiedergesundung der Wirtschaft bei, indem es eine größere Arbeitslosigkeit verhindere. Der französische Ökonom Jacques Rueff hat schon früh die verheerenden Wirkungen des Keynes'schen Betrugssystems erkannt, die Löhne »still und heimlich« über Inflation zu senken, um vermeintlich die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Er nannte diese Vorgehensweise »Lohnsenkungen ohne Tränen«. Das Märchen von der beschäftigungsfreundlichen Wirkung einer moderaten Inflation fand später als sogenannte Phillips-Kurve Eingang in den Kanon der Mainstream-Ökonomik. Friedrich A. von Hayek hat diese gefährliche und falsche Hypothese 1972 mit seiner Schrift »A Tiger by the Tail / The Keynesian legacy of inflation« restlos widerlegt. Aber erst in den Folgejahren, als entgegen der Keynes'schen Lehre Inflation und Arbeitslosigkeit zugleich auftraten (sog. Stagflation), kamen einigen Ökonomen Zweifel an der Hypothese.

Keynes scheute sich also nicht, einen betrügerischen Trick zu empfehlen, obwohl er an anderer Stelle geschrieben hat: »Lenin soll erklärt haben, dass der beste Weg zur Vernichtung des kapitalistischen Systems die Vernichtung der Währung sei. Durch fortgesetzte Inflation können Regierungen sich insgeheim und unbeachtet einen wesentlichen Teil des Vermögens ihrer Untertanen aneignen. Lenin hat recht. Es gibt kein feineres und kein sichereres Mittel, die bestehenden Grundlagen der Gesellschaft umzustürzen, als die Vernichtung der Währung. Dieser Vorgang stellt alle geheimen Kräfte der Wirtschaftsgesetze in den Dienst der Zerstörung, und zwar in einer Weise, die nicht einer unter Millionen richtig zu erkennen imstande ist.«

Dennoch steht die Einstellung der meisten Menschen der Keynes'schen Ungereimtheit in nichts nach. Obwohl beispielsweise die Deutschen eine offene und eine verdeckte Hyperinflation sowie zwei Währungsreformen in einem Jahrhundert erlebt haben und obwohl ihnen die apokalyptischen Folgen der ersten großen Inflation noch in den Knochen stecken sollten, lieben sie die Inflation – jedenfalls »ein wenig Inflation«. Wie schon beim fiat money ausgeführt, so findet man fast überall Leute, die einer moderaten Preisinflation freundlich gesinnt sind. Für jedermann – inklusive der Politiker und Ökonomen natürlich – scheint sie das Leben, das Verdienen und Geschäftemachen »irgendwie zu erleichtern«. Für eine Weile stimmt das auch meistens, aber der schöne Schein rächt sich irgendwann bitter.

Bei der Deflation findet dasselbe begriffliche Verwirrspiel statt wie beim Ausdruck Inflation. Deshalb eine Klärung vorweg: Deflation nennt der korrekte Ökonom das Schrumpfen der Geldmenge oder das Sinken des Geldangebots. Allgemein sinkende Preise sind nicht gleich Deflation, sondern eine Folgeerscheinung der Deflation. Das Sinken bestimmter Güterpreise kann natürlich auch andere Ursachen haben, wie abnehmende Nachfrage oder wachsendes Angebot bei den betreffenden Gütern und Diensten – oder beides. Auch technischer Fortschritt in bestimmten Branchen kann zu niedrigeren Preisen bei deren Produkten führen. Aber ein auf breiter Front erfolgendes rapides Sinken der Preise ist nur bei schrumpfender Geld- und Kreditgeldmenge möglich (und/oder bei sinkender Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, was ja auf dasselbe hinausläuft wie eine geringere Menge des umlaufenden Geldes).

Deflation des Geldangebots ist in einem Gold- und Silberstandard höchst unwahrscheinlich. Wenn Gold- und Silbermünzen die vorherrschende Geldart sind, bewirkt eine Steigerung der Güterproduktion ein tendenzielles Sinken der Preise. Mehr Güter und Dienst jagen dann dieselbe Geldmenge, was zu sinkenden Preisen führt. Normalerweise sorgen technische Neuerungen, mehr Kapitaleinsatz und bessere Organisation der Produktion sowie der Wettbewerb zwischen den Anbietern von Gütern und Diensten dafür, dass die Preise leicht, aber stetig fallen. Und niedrigere Preise bedeuten mehr Wohlstand, weil sich die Leute für ihr Geld mehr kaufen können. Diese Tendenz konnte man während der gesamten Zeit des Goldstandards (mit Ausnahme von Kriegen) beobachten. Preisdeflation ist somit eine Wohltat für alle und für jeden Einzelnen. Deflation als Kontraktion der Geldmenge ist jedoch keine gesellschaftliche Wohltat, weil eine schrumpfende Geldmenge zu Krisen führt. Echtes Geld erzeugt also die gute Form der Preisdeflation, fiat money oder Falschgeld birgt die ständige Gefahr der üblen Form der Deflation in sich.

Man beachte, dass die »böse« Form der Deflation nur dann auftreten kann, wenn zuvor gigantische inflationäre Übertreibungen stattgefunden haben. Und auch dann ist es mehr als fraglich, ob der krisenhafte Preiszerfall wirklich ein Übel ist, denn genau besehen stellt er die einzig mögliche Heilkur für die vorangegangenen Auswüchse dar. Zentralbank und Ökonomen warnen uns seit Jahren vor den Gefahren der Deflation. Zugleich freuen wir uns aber seit Jahren über alle Preise, die sinken. Wenn nicht wenigstens einige Güter im Preis gesunken wären, wäre es heute noch viel miserabler um die Kaufkraft unserer Währungen und um unseren Lebensstandard bestellt.

Der brillante amerikanische Ökonom Llewellyn H. RockweIl jr. hat einmal die Frage gestellt: »Macht Deflation das Geschäftsleben schwieriger?«, und er hat zugleich die Antwort gegeben: Selbstverständlich. Die Händler können ihren Warenbestand nicht so lange halten. Den Gewinn zu wahren und Verluste zu vermeiden, bedeutet – schwieriger als bei ständigen Preissteigerungen – endlose Innovation, strenge Kostenkontrolle und permanente Aufmerksamkeit bezüglich der Konkurrenz. Die Konsumenten erwarten mehr für ihren Dollar oder ihren Euro sowie einen besseren Service. Warum sollte man das bedauern? Eine Wirtschaft, in der Verschwendung auf ein Minimum beschränkt wird, die Leute gut bedient werden, der Konsument König ist, die Firmen mit hoher Effizienz und Innovationskraft arbeiten: Alles das ist gut.

Deflation hat nie jemandem geschadet – außer denen, die für ihre Gewinne nicht hart arbeiten wollen. Und dazu gehören – auf indirektem Wege – auch die Politiker. Wenn die jeweils Herrschenden den Beziehern staatlicher Transferleistungen ständig die ausbezahlten Beträge kürzen müssten, weil deren Kaufkraft inzwischen gestiegen ist, würden die Wähler sie bei nächster Gelegenheit davonjagen. Außerdem gibt es viele Transferzahlungen, die nicht gekürzt werden können. So gibt es beispielsweise bei der staatlichen Rente in den USA eine automatische Anpassung an gestiegene Lebenshaltungskosten (durch Preisinflation), aber keine legale Möglichkeit der Kürzung der Renten bei Preisdeflation. Der Staat müsste also bei sinkenden Preisen »real« immer mehr zahlen. Umgekehrt können die regierenden Funktionäre den Leuten bei steigendem Preisniveau unter großem Wohltäter-Getöse immer mehr auszahlen, obwohl es eigentlich gar keine Mehrleistungen sind, weil die Empfänger sich damit ja nicht mehr kaufen können. Auch deshalb fürchten Politiker sinkende Preise wie der Teufel das Weihwasser – und lieben die permanente »moderate« Preisinflation.

Fallende Preise sind nicht per se Deflation, sondern eine Folge der Deflation. Am klarsten hat diesen Zusammenhang der amerikanische Ökonom George Reisman dargestellt. Seine diesbezüglichen Ausführungen lauten (teils wörtlich, teils sinngemäß): Völlig unabhängig von Deflation können sinkende Preise auch die Folge einer Steigerung der Produktion und des Angebots an Gütern sein – also eines wesentlichen Elements des wirtschaftlichen Fortschritts und eines steigenden Lebensstandards. In diesem Fall gehen sinkende Preise nicht einher mit einem Rückgang der Verkaufserlöse oder der Gewinne der Unternehmen, auch nicht mit Schwierigkeiten bei der Schuldenbedienung oder mit zunehmenden Konkurszahlen. Alle diese Phänomene sind einzig und allein das Ergebnis von Deflation (Geldmengenschrumpfung), nicht von sinkenden Preisen. Sinkende Preise sind sogar so weit davon entfernt, Deflation zu sein, dass sie als Gegenmittel gegen Deflation betrachtet werden müssen. Sie sind es, die es einer von Deflation geplagten Volkswirtschaft ermöglichen, sich von dieser Deflation zu erholen und die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts zu genießen.

Wer das Sinken der Preise verhindert, vermeidet also nicht die Deflation, sondern macht sie schlimmer. Es veranlasst die Leute, ihre Käufe sogar bei Dingen einzuschränken, die sie sich leisten könnten, weil sie nämlich damit rechnen, dass die Preise doch irgendwann noch sinken könnten, wenn sich die Situation verschlimmert. Wenn die Preise hingegen in hinreichendem Maß fallen könnten, würden die Konsumenten mehr ausgeben und somit die Erholung fördern. Natürlich würde das alles nicht reibungslos erfolgen. Es gibt keinen schmerzlosen Weg aus der gegenwärtigen Weltkrise. Der einzig richtige Weg wäre, die Märkte frei wirken und somit Preise und Löhne sinken zu lassen. Alles andere, vor allem die Milliarden-Bailouts des Staates und der Zentralbanken, verhindert zunächst das Sinken der Preise – und damit in der Folge auch die Erholung. Und es schafft zugleich neue Ozeane aus Papiergeld und Kredit, die irgendwann den Prozess in eine Hyperinflation umschlagen lassen.

Abdruck mit Genehmigung
des Verlag Schweizer Monat

ROLAND BAADER, geboren 1940, ist Nationalökonom und
Autor von «Freiheitsfunken. Aphoristische Impfungen» (2009)
und «Markt oder Befehl» (2007).

25. Februar 2015