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Die Standortfrage

 
 
 
 
 

Hans Wischer

Straf- und Vergeltungszölle
auf Waren aus den USA

«Auch die Boots- und Yachtbranche ist stark betroffen»

Köln - Strafzölle auf Stahl und Aluminium drüben, Vergeltungszölle auf Produkte aus Amerika in Europa. Der freie Handel steht Kopf. Auch Boote und Yachten sind, die sehr oft aus USA kommen, sind davon betroffen, für Bootsmotoren und Außenborder war die Lage bei Redaktionsschluss noch unklar. Harley-Davidson, US-amerikanischer Motorradhersteller, kündigte bereits kurz nach Inkrafttreten der neuen Zoll-Situation an, Bikes für den europäischen Markt künftig in Brasilien, Indien oder Thailand herzustellen. Und das hat den Verursacher der Zollstreiterei, den US Präsidenten Donald Trump, bereits außerordentlich erzürnt. Wie es weitergeht, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Die European Boating Industry, Zusammenschluss europäischer Bootsindustrieverbände wandte sich gemeinsam mit deren weltweiten Dachverband der ICOMIA mit einem Brandbrief an den EU-Präsidenten Jean-Claude Juncker, um für eine Deeskalation zu sorgen. Der Bundesverband Wassersportwirtschaft wandte sich mit dem gleichen Anliegen an die deutschen Abgeordneten des zuständigen Ausschusses im EU Parlament. Sie betonten darin die möglichen Auswirkungen wie das Wegfallen von Arbeitsplätzen bei den betroffenen Werften und Händlern auf beiden Seiten des Atlantiks.

Denkbar wäre, dass US-amerikanische Bootswerften künftig auch außer Landes Boote für den europäischen Markt produzieren. Einige von ihnen sind ja ohnehin schon in europäischem Besitz mit Produktionsstätten auch außerhalb der USA. Wie beispielsweise die Groupe Bénéteau aus Frankreich. Vier von ihren Marken werden in Cadillac im US-Staat Michigan gefertigt: Four Winns, Glastron, Wellcraft und Scarab. Hervé Gastinel, CEO der Gruppe, ist sich sicher: „Die als Reaktion auf die protektionistischen Maßnahmen der USA beschlossenen Preiserhöhungen der EU werden sich auf die internationale Entwicklung dieser 4 US-Marken auswirken und die europäischen Importeure ernsthaft beunruhigen.

Die Ankurbelung eines transatlantischen Handelskriegs wäre eine riskante Verlustsituation für alle davon Betroffenen in der Bootsindustrie, da diese zwei Regionen - Nordamerika und Europa - 80% des globalen Marktes repräsentieren.“ Gastinel sieht auch schon Konsequenzen für seine Gruppe: „Als Global Player, der 19 Bootsproduktionsstandorte in Frankreich, den USA, Polen und Italien betreibt, erwägen wir, importierte Modelle zukünftig lokal zu produzieren, um den Händlernetzwerken der Marken und ihren Kunden bestmöglich zu dienen.“

Harald Siegel, Importeur der Marke Crownline, rechnete vor, dass es nicht bei 25 % bleibt, sondern dass sich die aus den USA importierten Boote unter Berücksichtigung der deutschen Mehrwertsteuer und des bisherigen und auch weiteren regulären Zollsatzes von 1,7 % für seine Kunden um 28 % verteuern werden. Sofern er bei der Kalkulation seine bisherigen Marge beibehält. Boote, die er derzeit noch am Lager hat, wird er noch zum alten Preis anbieten. Das sind noch ausreichend viele, vorwiegend in den gängigsten Optionen ausgestattete Boote. Geht der Kunde damit konform, so wird dieser Bestand noch eine Weile reichen.

Wünscht der Kunde indes spezielle Ausstattungen oder andere Motoren, die die Lagerboote nicht bieten, und deshalb bestellt werden müssen, wirken sich die neuen Strafzölle sofort aus. „Quicksilver-Boote, die Siegel ebenfalls anbietet und die strafzollfrei sind, weil sie aus europäischer Fertigung stammen, sind indes ganz andere Bootstypen,“ meint Harald Siegel. Sein Portfolio mit einer weiteren europäischen Marke anzureichern ist wohl zu überlegen, damit für die Kunden auch zukünftig die gewohnte Produktpalette zur Verfügung gestellt werden kann.

Bei Pfister-Boote betreffen die Strafzölle die Marke Larson voll, die Marke Sea Ray nur teilweise, weil kleinere Sea Rays auch in Polen gefertigt werden. Für beide muss Joachim Pfister die Strafzölle auf die bisherigen Preise aufschlagen und es bleibt zu hoffen, ob die Kunden diesen Weg mitgehen. Immerhin hat er aber noch andere Marken im Programm, die nicht aus den USA kommen und damit auch nicht mit Strafzöllen belegt werden.

Für die folgenden Warengruppen werden Zusatzzölle erhoben:

Warengruppe
CN 2018

Beschreibung der Waren Zusatzzollsatz
89039110 Seegehende Segelboote + Yachten für Sport- und Freizeitzwecke, mit u. ohne AB-Motor 25%
89039190 Segelboote + Yachten für Sport- u. Freizeitzwecke mit u. ohne AB-Motor 25%
89039210 Seegehende Motorboote + Yachten für Sport- u. Freizeitzwecke (andere als Außenbord-Motorboote) 25%
89039291 Motorboote für Sport- u. Freizeitzwecke <= 7,5 m Länge (andere als Außenbord-Motorboote) 25%
89039299 Motorboote für Sport- u. Freizeitzwecke > 7,5 m (andere als Außenbord-Motorboote) und ohne seegehende Motorboote 25%
89039910 Schiffe für Freizeit und Sport, Ruderboote + Kanus <= 100 kg (ohne Motorboote mit IB-Motor, Segelboote mit und ohne AB-Motor und Schlauchboote) 25%
89039991 Schiffe für Sport und Freizeit, Ruderboote + Kanus > 100 kg und <= 7,5 m (außer Motorboote und Yachten mit IB-Motor, Segelboote und Yachten mit und ohne AB-Motor sowie Schlauchboote 25%
89039999 Schiffe für Sport und Freizeit, Ruderboote + Kanus > 100 kg und > 7,5 m (außer Motorboote und Yachten mit IB-Motor, Segelboote und Yachten mit und ohne AB-Motor sowie Schlauchboote 25%
Hierzu hat die EU Kommission am 20. Juni die Durchführungsverordnung (EU) 2018/886 beschlossen, die das Nähere regelt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Hinweis unter Nummer (8) dieser Verordnung auf die bereits vorher erlassene Durchführungsverordnung (EU) 2018/724. In Artikel 4 dieser Durchführungsverordnung wird nämlich ausgeführt, dass „in den Anhängen der Verordnung aufgeführte Waren (das sind die oben genannten), für die vor dem Inkrafttreten der Verordnung eine Einfuhrlizenz mit einer Zollbefreiung oder eine Zollermäßigung ausgestellt wurde, keinen zusätzlichen Zöllen unterworfen werden. In der Verordnung ist ferner vorgesehen, dass in ihren Anhängen aufgeführte Waren, für die die Einführer belegen können, dass sie vor der Anwendung zusätzlicher Zölle auf diese Waren aus den Vereinigten Staaten in die Union ausgeführt wurden, keinen zusätzlichen Zöllen unterworfen werden.“
Quelle: Die veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des BUNDESVERBAND WASSERSPORTWIRTSCHAFT E.V. als Herausgeber der Fachzeitschrift „Wassersport-Wirtschaft“; www.bvww.org

15. Mai 2018


Hans Wischer

Hans Wischer ist als seit über 40 Jahren als Fachjournalist im Boots- und Yachtbereich zuhause, hat in der Zeit gut 500 Motorboote- und -yachten getestet und ist ein anerkannter Kenner der Branche. Für die WassersportWirtschaft, Organ des Bundesverbandes Wassersportwirtschaft, berichtet er seit 1992 als freier Journalist über das Marktgeschehen sowie über wirtschaftliche und technische Entwicklungen.