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Die Standortfrage

 
 
 
 
 

Oskar Loewe

Russland will auf Chinas "Neuer Seidenstraße"
Fuss fassen

Wiesbaden - Auf dem internationalen "Seidenstraßen"-Gipfeltreffen "One belt and one road", welches in Peking stattfand, konstatierte Wladimir Putin, in Anspielung auf den Westen, dass die früheren Entwicklungsmodelle für Wirtschaftsräume gescheitert seien und Protektionismus zur Norm geworden sei. Damit ist aber nicht nur die derzeitige Situation im Handel mit dem Westen gemeint, sondern auch die erst vier Jahre alte Eurasischen Wirtschaftsunion, die nicht recht in Gang kommt.

Die russische Führung hat in den vergangenen Jahren mehrfach unterstrichen, dass sie sich dem wirtschaftlichen Druck des Westens nicht beugen werde, sich stattdessen unabhängiger machen und in Richtung Asien wenden wolle. Neben dem Schlagwort der "Importsubstitution" im Inneren – was das Ersetzen importierter Güter durch solche bedeutet, die im Inland produziert werden – sollte die Etablierung der Eurasischen Wirtschaftsunion dabei eine wichtige Rolle spielen. Ihr gehören neben Russland, Kasachstan und Belarus auch Kirgisistan und Armenien an. Doch nach vierjähriger Arbeit scheint auch diese Gemeinschaft in einer gewissen Sackgasse zu stecken. So hat sich Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew bereits mehrfach über die mangelnde russische Investitionsbereitschaft in die Wirtschaft seines Landes beschwert. Und der Staatschef von Belarus, Alexander Lukaschenko, behauptete Anfang 2017 gar, Belarus habe wegen ungleicher Preispolitik auf Waren und Rohstoffe innerhalb der Union rund 13,5 Milliarden Euro verloren.

Frischer Ostwind von der "Neuen Seidenstraße"

Unter diesen Umständen ist Russland dringend auf chinesisches Investitionskapital angewiesen und zählt heute zum größten Unterstützer des Projekts "Neue Seidenstraße". In den Staatsmedien werden besonders die Momente der Gleichwertigkeit beteiligter Partner innerhalb der "Neuen Seidenstraße" hervorgehoben, die Xi Jinping immer wieder betont und auf die auch Wladimir Putin allerhöchsten Wert legt. So schrieb Dmitri Kisseljow, Chef von "Russia Today", Sprachrohr der russischen Propaganda, auf der Internetseite der Nachrichtensendung "Westi" in einem Kommentar, dass China durch seine gigantischen Investitionen einerseits weiteres Wirtschaftswachstum und andererseits "Frieden und Ruhe in der asiatischen Welt kaufen" wolle, denn wer Handel treibe, der führe keinen Krieg. "Gleichzeitig sind diese Trillionen auch eine Investition in die chinesische Vorstellung einer Welt nach Konfuzius. Das gewünschte Ideal darin sind Balance und Harmonie und nicht Eroberung und Diktat. Spüren Sie den Unterschied?“ fragt Kisseljow süffisant in Richtung Westen.

Russland auf Augenhöhe mit China?

Doch es bleibt fraglich, ob Russland in dieser schönen neuen und harmonischen Wirtschaftswelt auch tatsächlich auf Augenhöhe mit China spielen kann. Zwar ist 2015 eine Übereinkunft zwischen dem russischen Staatschef und seinem chinesischen Amtskollegen unterzeichnet worden, die das Konzept der "Neuen Seidenstraße" und die Eurasische Wirtschaftsunion miteinander in Einklang bringen soll. Doch was das konkret bedeutet, ist bis heute nicht klar. Und trotz aller Kuschelrhetorik von chinesischer Seite unterliegen deren Investitionen ebenso harten Prüfkriterien wie sonst überall auch: Ist der Partner zuverlässig? Kann das Projekt im geplanten Zeit- und Budgetrahmen realisiert werden? Und welcher Profit ist wann davon zu erwarten? Denn nur auf politisch motivierte Investitionen will und wird sich auch das Reich der Mitte nicht einlassen.

China verdoppelt Investitionen im Ausland

Nach einer sehr nüchternen und professionellen Vorgehensweise haben Unternehmen aus der Volksrepublik China 2016 über 200 Milliarden Euro ins Ausland investiert. Das ist doppelt so viel wie noch 2014. Und doch betrug davon der Anteil der Investitionen nach Russland lediglich zwei Prozent. Der überwiegende Teil ging weiterhin auf die deutlich besser entwickelten Märkte in Europa, USA und Australien und nicht nach Russland. Die Konkurrenz um chinesische Milliarden ist also gewaltig und bedarf enormer Anstrengungen und konkreter Erfolgsaussichten.

Unerfüllte russische Erwartungen an die «Neue Seidenstraße»

Für den Asienexperten des Moskauer Carnegie Center, Aleksander Gabuew, bleibt deswegen die Bilanz bisheriger chinesischer Investitionen in die russische Wirtschaft deutlich hinter den Erwartungen zurück. "Russland hat bislang noch nicht viel von der 'Seidenstraße' gesehen, denn die Erwartungen, dass es eine Menge günstiges und politisch motiviertes Geld geben werde, haben sich nicht erfüllt", so Gabuew gegenüber der russischen Nachrichtenagentur "RIA Novosti". Tatsächlich gab es 2016 nur zwei größere Investitionen seitens des 36 Milliarden schweren chinesischen Silk Road Fund (SRF). Erst kaufte dieser im März 2016 für rund 900 Millionen Euro 9,9 Prozent der Aktien von "Jamal LNG", eines Flüssiggasunternehmens. Und Mitte Dezember 2016 dann 10 Prozent des ölverarbeitenden Unternehmens "Sibur" für rund eine Milliarde Euro. Beide Unternehmen gehören im Wesentlichen Leonid Michelson, der der aktuellen Forbes-Liste zufolge mit 16,5 Milliarden Euro Vermögen der reichste Russe ist.

Erste echte Projekte der "Neuen Seidenstraße"

Ein echtes Infrastrukturprojekt im Sinne der "Seidenstraße" ist dagegen Mitte Juni 2017 im chinesischen Harbin zwischen dem Gouverneur der Oblast Tscheljabinsk, Boris Dubrowskij, und der China Railway Group beschlossen worden. Beide Seiten unterschrieben ein Abkommen über den Bau einer etwa 215 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen den beiden Millionenstädten Jekaterinenburg und Tscheljabinsk in unmittelbarer Nähe der kasachischen Grenze. Von chinesischer Seite sollen rund 2,25 Milliarden Euro in das Projekt fließen. «In Anbetracht der Tatsache, dass diese Strecke in die aussichtsreiche Linie Berlin-Moskau-Astana-Peking integriert werden kann, besitzt sie ein riesiges Nutzungspotential", so die Einschätzung von Dubrowskij. "Investoren aus Russland und anderen Staaten verstehen das und interessieren sich für das Projekt." Die Betreibergesellschaft der "Ural Hochgeschwindigkeitsstrecke" soll bereits mit potenziellen technologischen und finanziellen Partnern in Südkorea, Italien und Deutschland verhandeln.

Russland braucht mehr Investitionen

Entsprechend skeptisch und abwartend reagieren auch die Europäer auf die chinesische Investitions-Initiativen. Russland dagegen zeigt großes Interesse, was gerade in letzter Zeit nicht ausgereicht hat, grössere Investitionen anzulocken und an frühere Erfolge anzuknüpfen. Es möchte beim Warentransport einerseits von der geografischen Lage zwischen Europa und China profitieren und andererseits hofft es auf politisch motiviertes chinesisches Kapital in seiner Auseinandersetzung mit dem Westen. Die Wirtschaft des Landes braucht dringend neue Finanzimpulse und bei Geschäften mit China dürfte es im Gegensatz zum Westen keinerlei Diskussionen zu Grundsatzfragen, wie etwa den Menschenrechten, geben.

Quelle: Erstellt mit Material von mdr.de

15. Mai 2018


Oskar Loewe

Oskar Loewe verantwortet als Vorstand die Organisations- und Personalentwicklung des Verbandes. Zu seinen Aufgaben gehört auch das Marketing, das Unternehmermagazin sowie Koorperationen mit Veranstaltern, anderen Verbänden, Regierungsstellen und der Diplomatie.