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Management & Weiterbildung

 
 
 
 
 

Karoline Kopp

So sieht es in der Fabrikhalle von Accenture aus

«Oder: Warum ein Beratungshaus wie Accenture eine eigene Fabrik braucht»

Landsberg am Lech - In Garching bei München steht eines der weltweit 23 Zentren des „Industry X.0 Innovation Network“ von Accenture. Das Zentrum bietet speziell Industriekunden die Möglichkeit, der eigenen Digitalisierung auf die Sprünge zu helfen. In dem nachfolgenden Artikel der Fachzeitung «Produktion» werden die Hintergründe dazu geschildert. Das Center liegt inmitten eines Gewerbegebiets, innerhalb einer echten Industriehalle, und erstreckt sich über zwei Etagen: Oben Büros und Besprechungsräume, unten echte IIoT-Versuchsaufbauten „zum Anfassen“. Eindrucksvoll, das Ganze – aber weshalb leistet sich ein Beratungshaus wie Accenture eine solche „Industrieanlage“?

Das Garchinger Center bietet auf 2.600 m² Fläche einen Empfangsbereich mit Küche, zehn Meetingräume, sechs Büros, einen großen Besprechungsraum, zwei „Workshop-Cubes“ mit Flipcharts u. Lounge-Möbeln, sowie einen Shopfloor mit rund 30 Tech-Showcases. Weitere Demo-Bereiche, darunter ein durchgestaltetes „Connected Home“-Wohnzimmer, entstehen derzeit. Auf dem Shopfloor zeigt Accenture an zehn Stationen rund 30 IIoT-Anwendungsbeispiele von etwa 30 Partnerunternehmen, darunter IIoT-Lösungsanbieter wie Dassault Systèmes, Microsoft, PTC, SAP, Siemens ebenso wie Industrie-Ausrüster und Industrienahe Startups. Die Beispiele veranschaulichen konkrete Lösungen zu Themen wie Industrial Consumerism, integrierte Hard- und Softwareentwicklung, Digital Engineering und Manufacturing, Connected Asset Management, Industrial Analytics, Connected Industrial Worker, Shopfloor Optimierung, IIoT-Sicherheit; neue Show-Cases sollen noch in diesem Jahr hinzukommen.

Mit Fragen hin, mit Lösungen heim

Einer der Teilnehmer aus den Workshops, die hier stattfinden beschreibt, was den Center-Ansatz für seine Firma so wertvoll macht: „Wir sind hierhergekommen, weil wir uns gefragt haben, was ‚Digitalisierung‘ für uns überhaupt heißen kann. Welche Dienste sollten wir schon entwickeln? Jetzt wissen wir’s nicht nur, sondern haben auch eine Art Prozessgerüst für die Entwicklung digitaler Dienste erarbeitet – in weniger als drei Tagen.“ „Genau darum geht’s“, freut sich Wahrendorff. Das Garchinger Center biete den Rahmen, das Know-how und die Strukturvorlagen, mit denen Kunden die für sie passende Lösung selbst entwickeln könnten, unterstützt von Accenture-Beratern. „Mit Fragen hin, mit Lösungen heim“, nennt das der Marktforschungsexperte. Und wenn die Besucher zu Hause feststellen, dass sie bei der Umsetzung doch noch weitere Hilfe brauchen? „Dann stehen wir natürlich gern zur Verfügung – und mit uns ganz Accenture.“

Neue Wege in der Industrie-Innovation

„Die Digitalisierung zwingt viele unsere Kunden zunehmend zum Umdenken: Daten und Dienste werden wichtiger als Industriemaschinen, Software-Know-how gewinnt an Bedeutung. Ganze Industriezweige verändern sich weg von der Ingenieursgetriebenen, Produktzentrierten Haltung, hin zu mehr Dienstleistung und Kundenorientierung.“ Dieser Wandel verändere „auch und vor allem“ Bereiche wie Innovation, Forschung und Entwicklung – und sei für viele Firmen eine Herausforderung. „Die Unternehmen müssen zunehmend Ansätze beherrschen, wie wir sie sonst eher aus der Welt der Software-Start-ups kennen“, erläutert Matthias Wahrendorff, Geschäftsführer bei Accenture Research und zugleich Vize-Chef des Centers. „Schnelle, schrittweise Experimente, Verfahren wie „Rapid Prototyping“ und „Minimum Viable Products“, also Lösungen, die gerade „gut genug“ sind – für Industrieausrüster ist das oft ein regelrechter Kulturwandel.“ Wahrendorff weiß, wovon er redet. Accenture Research hat weltweit 350 Unternehmen untersucht um zu ermitteln, wie die besten von ihnen Forschung und Entwicklung steuern. Die Resultate: Besonders erfolgreiche Erfinder verknüpfen tatsächlich die bewährten Arbeitsweisen erfahrener Industrieunternehmen mit neuen Ansätzen von Software-Startups und öffnen die eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit für Dritte, um erhebliche Kostenvorteile zu erreichen. Und: die große Mehrzahl der Betriebe nutzt diese „Best Practices“ noch nicht (vgl. Kasten).

 

Neue Geschäfte, neue Regeln

Wie sehr die Digitalisierung der Industrie auch deren Forschung und Entwicklung verändert, zeigt die Accenture-Marktuntersuchung „Beyond the Product: Rewriting the Innovation Playbook“. Dieser zufolge können Industrieunternehmen nach ihrer Herangehensweise an Innovation und Innovationsmanagement in vier Gruppen unterschieden werden:

  • „Market Share Protectors“: Die größte Kategorie; rund 43 Prozent aller untersuchten Unternehmen gehören in diese Gruppe. „Marktanteilsschützer“ konzentrieren sich auf die stete Weiterentwicklung bereits vorhandener Produkte und bedienen sich dabei überwiegend herkömmlicher Verfahren.
  • „Efficient Executors“: Ähnlich wie die Marktanteilsschützer entwickelt auch diese Gruppe überwiegend Produkte weiter – dies allerdings anhand erheblich stärker strukturiert Abläufe. Die Firmen in dieser Kategorie – 37 Prozent der Stichprobe – sind daher vergleichsweise effizient.
  • „Value Maker“: Die erste „Gewinnergruppe“ in der Untersuchung; 13 Prozent der untersuchten Unternehmen entsprechen dieser Kategorie. „Wertschöpfer“ entwickeln nicht nur Produktinnovationen, sondern auch neue Dienstleistungen und Kunden-Erlebnisse. Hierfür gehen die Vertreter der Gruppe vom Kunden aus (und nicht vom Produkt) und setzen überdies auf die Zusammenarbeit mit Ökosystem-Partnern.
  • „Early Innovators“: Die zweite Gewinner-Gruppe und klarer Sieger im Vergleich. „Early Innovators“ suchen geziehlt nach Marktlücken und ungedeckten Kundenbedürfnissen, und entwickeln gezielt und anhand stark standardisierter Abläufe entsprechende Lösungen. Forschung und Entwicklung erfolgen strategisch und in enger Rückbindung an die Geschäftsentwicklung; strukturierte Experimente und schrittweises Vorgehen nach dem „fail fast“-Ansatz sind die Regel.

Unter allen genannten Gruppen erreichen nur die „Value Maker“ und die „Early Innovators“ erhebliche Wettbewerbsvorteile: die Unternehmen dieser Gruppe erkennen Kundenbedürfnisse früher, bringen neue Lösungen schneller an den Markt und verzeichnen mehr erfolgreiche Markteinführungen als ihre Wettbewerber.

 

Raus aus dem Büro, rein in den Workshop

Genau diese Mehrheit will Accenture mit dem Garchinger Center ansprechen. „Wir bieten hier den Ort, die Plattform, das Know-How die Unterstützung, um Digitalisierungs-Strategien zu entwickeln und erste Versuche zu starten – oder um steckengebliebene Vorhaben zum Erfolg zurückzuführen“, zählt Schuler auf. „Das klappt bei uns erwiesenermaßen besser als im eigenen Büro – vor allem, weil wir auf praxisnahe, pragmatische Ansätze setzen wie eben unsere Workshops, aber auch, weil wir hier ein Netzwerk starker Partner haben.“ Die Zusammenarbeit mit Dritten schreibt das Accenture-Center reichlich groß: Kunden, die in Garching vorbeischauen, erhalten dort nicht nur Zugang zu Experten des Beratungsunternehmens, sondern auch zu dessen großem Netzwerk. In dem finden sich namhafte Tech-Konzerne ebenso wie Industrieunternehmen, Hochschulen und Start-Ups. „Wir stecken viel Zeit in die Entwicklung unserer Münchner Community“, erklärt Matthias Wahrendorff. „Zudem arbeiten wir viel mit den übrigen Zentren im Accenture Industry X.0 Innovation Network zusammen.“

Mehr als nur „Versuchsumgebung“

Das erwähnte Netzwerk umspannt bereits die Welt; „Schwester-Zentren“ zu dem in Garching finden sich beispielsweise in Modena, Italien, Tokyo, Japan und Detroit, USA. Dazu kommen zahlreiche weitere Einrichtungen, die vorwiegend Räumen und Ressourcen für längerfristige Projektarbeit bieten. „Nur einige wenige Center wie Garching sind als „Versuchsumgebung“ gedacht; die Mehrzahl dient uns als eine Art spezialisierte Project Offices“, führt Schuler aus „Die nutzen wir in Fällen, in denen Kunden möchten, dass ihre und unsere Experten außerhalb ihrer Firmengelände arbeiten.“ Für ein Beratungsunternehmen wie Accenture sei das eine reichlich neue Art zu arbeiten, aber: „Die Art kommt an. Die Kunden merken, dass die Center gerade für Innovations- und Change-Projekte einen echten Mehrwert bieten.“ Als Beleg hierfür führt der Berater die Zahlen des Garchinger Centers an: Seit der Eröffnung im Frühjahr 2017 hat Accenture dort bereits über 190 Kunden begrüßt; derzeit betreuen die Center-Mitarbeiter im Schnitt 4,3 Besucher-Gruppen und -Projekte wöchentlich. Welche Firmen schon in Garching waren, verrät der Center-Chef zwar nicht – umschreibt aber immerhin dass schon „namhafte Mittelständler und Großunternehmen aus allen Leitindustrien“ dagewesen seien; „dazu kommen die TU München, mehrere große Tech-Konzerne aus unserem Partner-Netzwerk, und mehrere Start-Ups.“

22. Juni 2018


Karoline Kopp

Technische Innovationen haben die Volkswirtin und ausgebildete Wirtschaftsjournalistin in ihren Bann gezogen. Bei Produktion recherchiert und schreibt sie über Märkte, Unternehmen und Innovationen aus Technik und Industrie. www.produktion.de
   
Quelle: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Fachzeitung «Produktion» (Verlag Moderne Industrie GmbH, https://www.mi-verlag.de)