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Management & Führung

 
 
 
 
 

Gabriel Pankow

Liqui Moly Boss im Exklusiv-Interview

«Warum dieser Chef jedem Mitarbeiter 11.000 Euro Prämie zahlt oder warum der Fachkräftemangel oft hausgemacht ist»

Landsberg am Lech - 11.000 Euro Prämie zahlt Liqui Moly Chef Ernst Prost jedem Mitarbeiter. In einem bemerkenswert offenen Interview mit der Fachzeitung «Produktion» erklärt er die Hintergründe dazu und warum wir seiner Meinung nach in einem «beschissenen System» leben. Darin erklärt Prost auch, warum der Fachkräftemangel bei vielen Unternehmen, hausgemacht ist.

Herr Prost, Sie zahlen Ihren Mitarbeitern eine Prämie von 11.000 Euro. Hätten auch nicht 6.000 Euro gereicht? Das wäre immer noch mehr als bei Daimler.

Spreche ich jetzt mit einem Arbeitgeber oder einem Arbeitnehmer?

…mit einem Arbeitnehmer.

Und dann fordern Sie, dass ich meinen Mitarbeitern weniger zahle, als ich ihnen gezahlt habe?

Nein, ich würde aber gerne wissen, wie
die Summe von 11.000 Euro zustande kam.

Grundsätzlich haben wir im Haus Ertragsziele – und wenn die erreicht werden, gibt es Prämien. Ich liebe es, den Leuten, die richtig schwer arbeiten – auch körperlich arbeiten in der Fabrik – richtig schönes Geld zu geben. Die Siegesprämie ist vom Ertrag abhängig und kein warmer Regen, der aus meinem Universum fällt. Sondern das ist etwas, was die Leute verdient haben. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir unseren Leuten – vom Pförtner bis zum Prokuristen bis hin zu unseren Kollegen in Südafrika – den gleichen Betrag, nämlich die 11.000 Euro, zahlen können. Sogar unsere Auszubildenden bekommen eine Prämie, und zwar 3.300 Euro.

Sind die 11.000 Euro dann Ausdruck Ihrer Anerkennung
für die geleistete Arbeit?

Die Leute schaffen gut und dann sollen sie auch gut verdienen. Wie weit sind wir eigentlich schon in Deutschland vom Normalen weggekommen, dass man sich erklären muss, wenn man seinen Leuten eine anständige Prämie gibt, wenn es die Gewinne doch erlauben. Wären es jetzt Boni für Aktionäre, Vorstände oder Aufsichtsräte, dann würde niemand die Frage stellen. Dann würden alle sagen: Das ist doch selbstverständlich. Die haben gut gewirtschaftet, dann sollen sie auch eine paar Millionen Euro mehr verdienen. Wenn aber ein Unternehmer wie ich sagt: Ich gebe das Geld den Leuten, die gearbeitet haben. Dann kommen solche Rückfragen.

 

"Es ist ein Skandal, wie wir
in Deutschland mit manchen
Leistungsträgern umgehen"
,
so Liqui Moly Chef Ernst Prost

…warum ist das in Deutschland so?

Weil Arbeit nicht geschätzt wird! Weil die körperliche Arbeit nicht mehr geschätzt wird. Außerhalb unserer Branche werden beispielsweise im Pflegebereich Mindestlöhne bezahlt, von denen kein Mensch leben kann, geschweige denn eine Familie ernähren kann. Es ist ein Skandal, wie wir in Deutschland mit manchen Leistungsträgern umgehen: Mit Menschen, die den Schwächsten in der Gesellschaft dienen, die in der Krankenpflege tätig sind, sich um Behinderte kümmern.

…in vielen Branchen müssen sich Menschen mit dem Mindestlohn über Wasser halten…

Ein Mindestlohn von 8,84 Euro. Das sind 1.500 Euro brutto und 1.100 Euro netto. Tausendeinhundert Euro netto kriegt jemand, der sich mit dem Mindestlohn über Wasser halten soll. Auf der anderen Seite werden sogenannte ‚Tätigkeiten‘, die eigentlich nichts mit Leistung zu tun haben, entlohnt mit Millionen-Summen. Tätigkeiten, wo man ein bisschen Geld hin- und herschiebt, wo man Spekulationen betreibt, wo man irgendwelche Kurven malt. Und, und, und. ...

…eine totale Schieflage in Ihren Augen?

Ja, das muss ich wirklich sagen. Mir scheint, dass die, die am härtesten arbeiten, am schlechtesten bezahlt werden. Aber diejenigen, die am cleversten die Kohle von einem Platz zum anderen schieben, kommen sehr gut dabei weg. Wenn sie noch clevere Steuerberater haben – Großkonzerne haben so was – werden die Gewinne solange hin- und hergeschoben, bis keine Steuern mehr anfallen. Das ist eine Schieflage!

Möchten Sie deswegen als gutes Beispiel
für andere Unternehmer vorangehen?

Das wäre wirklich schön, wenn ein paar andere sagen: Mensch, die Leute haben doch alle für mich gearbeitet, dann kann ich denen doch auch einen guten Anteil am Gewinn geben. Man muss halt eins sehen: Meine Mitunternehmer haben mich reich gemacht. Das ist platt formuliert, aber es ist doch so.

Sie haben nicht den Eindruck, dass andere Unternehmer Ihnen nacheifern?

Doch, den habe ich. Aus der Ecke der Mittelständler und Familienunternehmen, so wie wir eins sind, kommt vermehrt die Frage: Wie machst du das? Da hatte ich schon einige sehr gute Gespräche mit Unternehmern – also Menschen. Nicht irgendwelchen anonymen Aktiengesellschaften.

Jeder Unternehmer lebt von der Kraft seiner Mitarbeiter…

…und die haben nichts anderes als ihre Arbeitskraft. Und wenn ihre Arbeitskraft anständig belohnt wird, kann der Mensch auch davon leben. Wenn sie aber nicht anständig belohnt wird, dann sind wir nahe bei der Ausbeutung. Bezahle ich meine Leute gut, sind sie auch gut zur Firma. Es ist ein Geben und Nehmen.

Sie haben das Thema Familienunternehmen angeschnitten. War es Ihnen wichtig, dass Liqui Moly unter das Dach von Würth schlüpft, weil das auch ein Familienunternehmen ist?

Das ist genau der Punkt, warum Liqui Moly an Würth ging. Würth tickt wie wir. Würth ist wie wir. Das sind die gleichen Werte, das ist die gleiche Unternehmensphilosophie, das ist der gleiche Stil. Das ist ein deutsches Familienunternehmen, wo der Mensch und die Arbeitskraft der Menschen noch zählt. Alles diametral anders als in einem multinationalen Großkonzern, wo die Angestellten im schlimmsten Fall nur Rationalisierungspotenzial sind.

"Wenn ich schlecht zahle und
schlechte Arbeitsbedingungen biete,
würde ich mich nicht wundern,
wenn keiner bei mir schaffen will"
,

so Liqui Moly Chef Ernst Prost

In Deutschland wird sich landauf landab über den Fachkräftemangel beklagt. Liegt dieser dann in Ihren Augen einfach nur an zu niedrigen Löhnen?

(lacht) Die These, die Sie da aufstellen, kann ich voll und ganz bestätigen. In der Praxis ist es doch so: Wenn Sie gut bezahlen, bekommen Sie auch gute Leute. Gar keine Frage. Egal, ob Fachkräfte, im Büro, in der Produktion oder im Labor, wenn man gut zahlt, bekommt man gute Leute. Das ist der Nebeneffekt unserer Entlohnungssysteme inklusive Siegesprämie.

Sie können sich nicht über zu wenige Bewerbungen beklagen?

Wir kriegen hier jeden Tag Bewerbungen für alle Bereiche – auch wenn wir manchmal gar keinen suchen. Wenn ich schlecht zahle und schlechte Arbeitsbedingungen biete, würde ich mich nicht wundern, wenn keiner bei mir schaffen will.

Bei Stellenanzeigen wirbt in den seltensten Fällen ein Unternehmen mit dem konkreten Gehalt. In letzter Zeit fallen aber öfter Begriffe wie Work-Life-Balance. Oder es wird erwähnt, dass es einen Kicker-Tisch gibt, der Kaffee lecker und noch dazu gratis ist. Was halten Sie davon?

(Lacht) Nix. Also Work-Life-Balance halte ich für einen ausgemachten Schwachsinn, weil man ‚Work‘ auf die eine Seite stellt und auf die andere Seite ‚Life‘. In meiner Denke ist die Arbeit ein Teil des Lebens und nicht etwas anderes. Viele Menschen, die ich kenne, brauchen die Arbeit zur Bestätigung, um soziale Kontakte zu haben, um eine Aufgabe erfüllen zu können. Arbeit gehört für viele Menschen zu einem erfüllten Leben schlichtweg dazu – wie ein vernünftiges Hobby auch. Und dann von einer Work-Life-Balance zu sprechen, das trifft es nicht genau. Man muss schon gucken, dass Freizeit vorhanden ist, Anspannung und Entspannung sich abwechseln. Aber man darf nicht Arbeit gegen das Leben stellen. Und ob da jetzt noch ein Kicker und ein Kaffeeautomat – so ein Killefitz – da noch rumsteht, ist egal. Wenn die Arbeit Spaß macht, brauche ich solche Trostpflaster nicht. Der Unternehmer, der Verantwortliche an der Spitze, muss dafür sorgen, dass die Arbeit, die getan werden muss, gerne, freudig und mit Spaß erledigt wird.

…und wie gelingt das?

Das Umfeld spielt eine Rolle, die Arbeitsplätze selbst sind wichtig. Sicherheit spielt eine große Rolle. Natürlich ist es auch wichtig, mit welchen Kollegen man sich den ganzen Tag umgeben muss. Das Unternehmensklima ist extrem wichtig. Das kann ich nicht mit so Trostpflastern wie einem Kicker und einem Kaffeeautomaten regeln. Da muss schon mehr von innen heraus kommen. Unternehmenskultur, Stil, Menschlichkeit – ich sage bewusst auch Freundschaft und Liebe. Da, wo keine Liebe herrscht, gibt es auch nichts Vernünftiges.

Werden diese Gefühlslagen in vielen Unternehmen vernachlässigt?

Ja. Aber man kann seine Emotionen nicht an der Stempeluhr abgeben, man nimmt sie mit in die Firma rein. Da wird geheiratet, da wird gestorben, da werden Kinder geboren und da wird man krank und wieder gesund. All das gehört zum menschlichen Leben mit dazu. Das muss Eingang finden in einem Unternehmen. Wenn zum Beispiel jemand bei uns Geburtstag hat oder heiratet, kriegt er persönlich von mir ein Geschenk. Das gilt für alle 835 Mitunternehmer.

Aber es ist doch wichtiger, dass die Türen vor allem dann offen sind, wenn es mal Probleme gibt...

Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden, wenn jemand zu mir reinkommt und sagt: „Herr Prost, ich habe ein Problem. Können Sie mir helfen?“ Da weiß ich, dass ich gebraucht werde. Wir sind wie eine Familie. Wenn wir helfen können, dann helfen wir. Wenn jemand beispielsweise ein finanzielles Problem hat, gebe ich ihm ein Firmendarlehen.


"Das ist natürlich insgesamt ein beschissenes System.
Ich habe auch Leiharbeiter.
Wir haben mal eine Grippewelle,
wir haben Hochsaison und wir haben Urlaubszeiten.
Da bin ich dann froh, wenn ich diese Leiharbeiter habe. Wir bezahlen diesen aber
12 Euro pro Stunde Mindestlohn.
Das ist das, was ich freiwillig drauflege"

so Liqui Moly Chef Ernst Prost

Sie nennen Ihre Mitarbeiter auch Mitunternehmer.
Was verstehen Sie darunter?

Ich bin jetzt 61. Als ich ins Berufsleben gestartet bin, hat man von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gesprochen. Ich hielt das schon immer für ein total doofes Begriffspaar. Weder gebe ich den Leuten Arbeit, noch nehmen sie mir Arbeit. Für mich ist das ein Lagerdenken, das sich in diesen Begriffen manifestiert. Mitarbeiten ist mir aber auch zu wenig. Wir haben jetzt 835 Mitunternehmer. Und ich erwarte von 835 Menschen, dass sie wie Unternehmer denken und handeln. Das ist mehr als arbeiten. Das bedeutet Verantwortung übernehmen, kreativ sein. Unternehmer sein heißt auch, für andere Verantwortung zu übernehmen. Das erwarte ich von meiner Mannschaft und das funktioniert auch.

Kann denn jeder überhaupt im gleichen Maße Mitunternehmer sein?

Jeder hat andere Aufgaben. Das stimmt schon. Aber selbst ein Mitunternehmer im Versand kann mehr als nur mitarbeiten und Paletten von A nach B schieben. Wenn er sich dazu aufgefordert fühlt, denkt er mit, überlegt, wie er seine Arbeit optimieren und Fehler vermeiden kann. Es ist doch nur Klasse, wenn ich 835 Kollegen und Kolleginnen habe, die mitdenken. Dann sind wir wieder bei der Siegesprämie, weil sie am Ende des Geschäftsjahres auch was vom Profit abbekommen. Wenn 835 mitdenken, habe ich doch eine viel größere Effizienz in so einem Laden, als wenn nur einer das macht.

Sind unbefristete Verträge die Grundvoraussetzung für dieses Mitunternehmertum? Habe ich nicht erst dann die Motivation ‚mitzudenken‘, wenn ich weiß, dass ich nicht nach einem Jahr gehen muss?

Wir geben auch den Leiharbeitern eine Prämie. Diese bekommen 30 Prozent von dem, was ein festangestellter Mitunternehmer bekommt. Das sind 3 300 Euro. Und auch unsere Leiharbeiter sind hochmotiviert und bringen ihre unternehmerischen Fähigkeiten ein. Warum? Weil sie wissen, wenn sie gut sind und vernünftig schaffen, werden sie übernommen. Wenn natürlich die befristeten Arbeitsverhältnisse System sind…

…darauf will ich hinaus…

…das ist natürlich insgesamt ein beschissenes System. Ich habe auch Leiharbeiter. Wir haben mal eine Grippewelle, wir haben Hochsaison und wir haben Urlaubszeiten. Da bin ich dann froh, wenn ich diese Leiharbeiter habe. Wir bezahlen diesen aber 12 Euro pro Stunde Mindestlohn. Das ist das, was ich freiwillig drauflege. Und wenn sie gut sind, übernehmen wir sie auch. Wenn diese prekären Arbeitsverhältnisse aber zu einem System der Entlohnung werden, um Erträge zu verbessern, dann ist das einfach unanständig. Man darf Leiharbeit nicht schamlos ausnutzen.

Sie wurden in der Vergangenheit in der Presse auch schon mal als roter Kapitalist oder roter Baron tituliert. Wie gefallen Ihnen diese Bezeichnungen beziehungsweise würden Sie sich selbst auch so bezeichnen?

Ach Gott. Das sind so Schubladen, so platte Beschreibungen, die man so oft für mich wählt. Der linke Schlossherr hat man mich auch schon genannt. Klar braucht man eine geile, knackige Überschrift. Aber es muss nicht jeder ein Armer sein, um Armut zu bekämpfen. Und es muss auch nicht jeder ein Linker sein, um gerechte Positionen zu vertreten. Es muss auch nicht jeder Kapitalist sein, wenn er gerne Geld verdient. Das sind für mich zu starke Vereinfachungen.

Quelle: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Fachzeitung «Produktion» (Verlag Moderne Industrie GmbH, https://www.mi-verlag.de)

19. Mai 2018


Gabriel Pankow

Gabriel Pankow (M.A.) arbeitet als Redakteur für die Fachzeitung ‚Produktion‘. Er schreibt über Wirtschafts- und Technikthemen rund um die deutsche und internationale Industrie. Sein Fokus liegt auf der Automobilbranche.
www.produktion.de

Über Ernst Prost (Liqui Moly)

Er ist nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Ernst Prost hat sich hochgearbeitet – nach ganz oben. Als Sohn einer Flüchtlingsfamilie wurde Prost 1957 in Altötting geboren. Seine Mutter arbeitete in einer Fabrik, sein Vater als Maurer auf dem Bau. Nach dem Realschulabschluss machte Prost eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Beim Autopflegemittelhersteller Sonax in Neuburg stieg er vom Juniorverkäufer zum Marketingleiter auf. 1990 wechselte er zu Liqui Moly nach Ulm.

Schritt für Schritt kaufte er Unternehmensgründer Hans Henle die Firmenanteile ab. Seit 1998 gehört das Unternehmen, welches mittlerweile über EUR 500 mio. umsetzt, Prost. Er brachte das Unternehmen nach vorne. Mitarbeiterzahlen und Umsatz wuchsen.

Prost lebt auf Schloss Leipheim bei Günzburg. In seiner Freizeit fährt er Motorrad.