Start | Kontakt | Impressum | Datenschutz
 
 
 

KLARTEXTFABRIK

 
 

RSS-Feed
abonnieren

 
 
 

Cigdem Toprak, Journalistin

Der Handschlag ist Teil
unserer Kultur und unserer Werte

Wenn in der hiesigen Gesellschaft muslimische Mitbürger Frauen den Handschlag verweigern – aus religiösen Gründen oder aus "Respekt" vor der Frau – wie dies in der Schweiz im Fall von zwei Schülern gegenüber ihrer Lehrerin geschah und in Schweden, als ein Grünen-Politiker einer Journalistin den Handschlag verweigerte – dann ist das kein religiöser oder kultureller  Gewinn für unsere liberale Gesellschaft. Es ist ein symbolischer Verlust unserer freiheitlich-demokratischen Werte, von denen wir alle, muslimisch wie nicht-muslimisch, leben.

Natürlich gilt es, gerade in einer liberalen und offenen Gesellschaft, unterschiedliche Lebensweisen, religiöse und kulturelle Gebote und Praktiken zu respektieren – aber jegliches Verhalten willkürlich als religiös zu begründen und gleichzeitig die Gepflogenheiten der eigenen Heimat wie den Handschlag abzulehnen, macht uns und unsere Gesellschaft nicht vielfältiger, sondern führt zu Spannungen.

Ein Gemeinschaftsgefühl kann so nicht entstehen. Der Handschlag ist nicht nur allein eine deutsche, europäische oder westliche Gepflogenheit, sondern ein Teil unserer gemeinsamer Kultur. Unabhängig von der Herkunft zeigt man seinem Gegenüber Respekt und Anerkennung, in dem man ihr oder ihm die Hand reicht. Es hat symbolische Kraft und bindet uns Menschen – wenn man aneinander vorgestellt wird oder wenn man ein Geschäft abgeschlossen hat. Es versiegelt das Zusammentreffen zweier Menschen, die so unterschiedlich sie auch in ihrer Religion, Kultur oder Lebensweise sein können, die sich aber auf Augenhöhe begegnen. Wenn man nun einer Frau diesen Handschlag verweigert – aus vermeintlichem Respekt ihr gegenüber – dann zeigt es mangelnden Respekt gegenüber der Frau als Gleichgestellte.

Ich erinnere mich gut daran, als zwei junge muslimische Frauen meinem Vater den Handschlag verweigerten – nach einem erfolgreich abgeschlossenen Geschäft – und wie mein Vater wütend und enttäuscht seine Hand sacken ließ. Später erzählte er mir – beleidigt – dass in diesem Verhalten ein versteckter Vorwurf stecke: dass der Handschlag ein sexueller Angriff sei, und dieser von den beiden Damen ungerechter weise so konnotiert werde.

Nur für den Luxus in einer vermeintlich "liberalen Gesellschaft" leben zu wollen, werden paradoxerweise Unfreiheiten und Intoleranz von jenen in Kauf genommen, die selbst nach den Werten in dieser Gesellschaft leben – ohne sie aktiv zu verteidigen. Die eigene Tochter nach ihrem Abitur als Au-pair nach Australien verabschieden, an gemeinsamen Abend mit Freunden Wein trinken, der Ehefrau oder Ehemann des Kollegen die Hand geben, fleißig Steuern zahlen und bei Rot an der Ampel stehen bleiben – das zeugt von keinem Engagement für jene Werte, von denen sie leben, wenn man gleichzeitig es schulterzuckend hinnimmt, dass Mitbürger dieselben Werte ablehnen und jene Normen nicht befolgen, die unser friedliches und solidarisches Miteinander bestimmen.

Die Forderung nach einem Handschlag, unabhängig von Religion und Geschlecht des Gegenübers, zeigt, so symbolisch dies auch sein mag, nicht nur, dass man sich auf Augenhöhe begegnen möchte, sondern auch, dass man den Kontakt zu seinen Mitmenschen aufsucht. Sowohl die Verweigerung des Handschlags, als auch die Toleranz der Verweigerung, zeigt Ignoranz und die Haltung, dass es sich um einen "Anderen" handelt, von dem man sich abgrenzen möchte.

Es ist unsere Bürgerpflicht, gerade in diesen konfliktreichen Zeiten unsere Werte zu verteidigen, denn unsere demokratische und vielfältige Gesellschaft wird von rechten Ressentiments und anti-westlichen Anfeindungen angegriffen. Diese Pflicht macht unsere Demokratie erst wehrhaft, wie es in unserem Grundgesetz heißt.

Gerade im Alltag spüren wir die Herausforderungen der Integration und was es bedeutet, in einer vielfältigen Gesellschaft zu leben. Dabei integriert man sich nicht für die anderen, sondern zunächst stets – für sich selbst. Wer sich eine bunte und weltoffene Gesellschaft wünscht, muss auch eine liberale und demokratische Gesellschaft verteidigen und in seinem Alltag – auch beim Handschlag – diese Vielfalt leben.

16. Mai 2016