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Holger Douglas

Google - Neid muss man sich erarbeiten

Eine Veranstaltung im Rhein-Main-Gebiet. Abends. Feierabendverkehr. Alle Autobahnen dicht. Nichts geht mehr. Das eingebaute Navigationssystem ist hilflos, zeigt überall Staus an.

Der Griff zu Google Maps auf dem Handy. Binnen Minuten zeigt sich eine freie Strecke auf Nebenstraßen. Also runter von der Autobahn, über die Bundesstraßen. Erstaunen: kein Stau, kaum Probleme. Fast rechtzeitig zum Termin. Der Vortragende dagegen bleibt im Stau stecken, kommt nicht. Er benutzt wohl kein Google Maps.

Eine geniale Technik, die hervorragend funktioniert und sehr unterschiedliche Daten miteinander verknüpft. Die Positionen des Handys können sehr genau abgerufen werden. Aus den Veränderungen, schnellen oder langsamen Bewegungen bis hin zum Stillstand kann sie auf den Verkehrsfluß schließen. Wenn das System eine genügend große Anzahl an Informationen hat, kann es sehr genau auf die Verkehrssituation schließen. Diese Informationen sind weitaus präziser als jene nervenden Verkehrsfunkmeldungen und gar jene überflüssigen ADAC-Prognosen (»Am Ferienbeginn wird es Staus geben!«) und helfen mit ihrer auf die individuell zugeschnittene Situation punktgenau all jenen, die auf der Straße stehen und sich Alternativen suchen. Nicht ein halbes Jahr später, wenn Verkehrsminister feststellen: Die Straßen sind voll!

Der Deal: Gib mir Deine Daten und wir schaffen etwas, was Dir nützt - und uns. Dich kostet das kein Geld.

Klar können Datenschutzbewegte jetzt aufschreien: Meine persönlichen Daten werden feilgeboten. Wo ich mich gerade aufhalte und wie ich mich bewege, liegt jetzt in Form von Bits und Bytes auf irgendwelchen Servern, die schrecklicherweise wohl auch noch in den USA stehen.

Doch warum nicht? Ein solches System hat wie so vieles zwei Seiten: Es kann nur funktionieren, wenn es wie bei jeder Statistik möglichst viele Daten auswerten kann. Nutzen oder nicht - das ist jedem Einzelnen überlassen. Er kann auch für gutes Geld Navigationsapps kaufen und dieselben Dienstleistungen erstehen.

Doch jetzt wirft die EU-Wettbewerbskommissarin Margarethe Verstager Google vor, Wettbewerber unfair auszubremsen. Die Kommission hat Beschwerde eingelegt; sie zweifelt die Neutralität von Google's Suche an. Produkte von Wettbewerbern würde die Suchmaschine nachrangig anzeigen.

Die Wettbewerbskommissarin hat ihren Vorstoß öffentlichkeitswirksam inszeniert. Die Begleitpropaganda funktioniert: Das sei eine Politikerin, die tue, was sie ankünde, bleibe dabei, sei konsequent und so weiter, wie sich eine Politikerin eben gerne sieht. Berichtet sogar der Washington Post Korrespondent.

Der amerikanische Konzern weist das zurück: »Jeder kann Informationen auf unterschiedliche Weise finden. Unterstellungen, Kunden und Wettbewerber würden geschädigt, liegen weit daneben!«

Ich stelle mir schallendes Gelächter in den Gängen von Googles Headquarter vor: Was? Wer? Was will diese Margarethe Versager Verstager? Weltweit spielt das kleine Europa im Vergleich zu Amerika und Asien eine eher untergeordnete Rolle - sicherlich auch in Googles strategischen Überlegungen.

Nicht zuletzt wird in den Vereinigten Staaten auch im Hinblick auf die TTIP-Verhandlungen sehr genau registriert, welche Protektionismus-Keulen die Europäer herausholen wollen.

Nein, Google muss man nicht verteidigen. Google ist selbst groß und stark, sogar so stark, dass sich Springer Vorstandschef Mathias Döpfner öffentlich davor fürchtet. Zumindest sagte er dies im vergangenen Jahr in einem offenen Brief an den ehemaligen Google Chef und jetzigen Verwaltungsratsvorsitzenden Eric Schmidt. Der wiederum beklagte sich in seiner Antwort, warum alle auf seinem Unternehmen herumhacken würden und warnte vor einer europäischen Innovationswüste.

Nur noch einmal zur Erinnerung: Es standen nicht so fürchterlich viele mit Maschinenpistolen bewaffnete Gewalttätige hinter den armen Internet-Nutzern und zwangen sie, Google einzuschalten. Derlei Berichte drangen zumindest nicht an die Öffentlichkeit. Es war vielmehr so, dass die Nutzer ziemlich freiwillig immer wieder Google auswählten und nutzten.

Dabei war Google nicht einmal am Anfang dabei. Es gab und gibt eine Reihe von Suchmaschinen, Google kam erst später.

Was also geschah? Dafür, daß sich die Massen der Internetnutzer von den anderen Suchmaschinen hin zu Google bewegten, muss es einen Grund gegeben haben. Ganz einfach: Google zeigt die besseren Suchergebnisse an in einer graphischen Umgebung an, die den Wünschen der Benutzer nahekommt.

Die Entwickler bei Google trafen offenbar mit ihren Algorithmen deutlich besser das, was Internetnutzer wünschten, als andere Anbieter von Suchmaschinen. Heute »errät« die Maschine förmlich das, was man sucht, und schlägt bereits während des Eingebens eine Reihe von häufig richtigen Suchbegriffen vor.

Technisch genial - wobei unter den Tisch fällt und praktisch nicht existiert, was von den Suchalgorithmen nicht erfasst wird. Doch dieser gewaltige Erfolg war von Anfang an keineswegs klar. Es hätte sich auch ein anderer Anbieter durchsetzen können. Dazu kam am Anfang der geniale Gedanke, zur Suche und damit den Interessen des Nutzers passende Werbung neben die Suchergebnisse zu stellen. Bezahlt, aber nicht aufdringlich, sondern schlichte, einfache Textzeilen. Das kam an.

Und wichtig für Google: Es wurde bezahlt. Aufgrund der gewaltigen Verbreitung sehr gut sogar. Jetzt kann Google immerhin zwei Milliarden Dollar allein in den Ausbau seiner Serverfarmen investieren - nicht im Jahr, im Quartal.

Die Frage wurde oft gestellt: Warum gibt es in Deutschland oder Europa nicht Vergleichbares?

Schaut man in die arabische Welt, ahnt man vielleicht etwas von den Gründen. Eine der größten Triebfedern für arabische junge Leute verbirgt sich hinter McDonalds, Nike und Popmusik.

Für einen großen Teil der unter mittelalterlichen Traditionen aufgewachsenen Jugendlichen in arabischen Ländern gibt es fast nichts Besseres, als die wie Pilze aus dem Boden schießenden McDonalds Filialen zu stürmen, sich in Nike-Klamotten zu stürzen und über den Musiksender mtv amerikanische Pop-Musik zu hören. Auch hier sind keine Berichte bekanntgeworden, dass wildgewordenen Taliban die arabischen Jugendlichen dazu zwingen würden. Eher im Gegenteil. Youtube und Google spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Man darf wohl behaupten, daß diese amerikanischen Markenzeichen, Warenwelten, Güter und damit auch Lebensarten wesentlich mehr zur aufmüpfigen arabischen Jugendlichen beigetragen haben, als irgendwelche politischen Programme oder Aufklärungsaktionen dies vermocht hätten.

Das wollten die Menschen so. Sie haben sich dafür freiwillig entschieden.

Googles »Chrome« ist einer der erfolgreichsten Browser weltweit. Die Deutsche Telekom hat einen Browser entwickelt, einen technisch gar nicht mal so schlechten. Doch die Nutzer klicken nicht so häufig auf den von der Telekom, sondern häufiger auf den von Google. Ohne Zwang, ohne dass sie bezahlt werden, einfach aus freien Stücken. Das ist die »Abstimmung am Kiosk«, von der der Gründer des Springer Verlages, Axel Springer, früher sprach. Nur liegen die Kioske von heute nicht mehr kilometerweise auseinander, sondern nur ein oder zwei Mausklicks entfernt.

Die Welten im Internet haben auf sagenhafte Weise Entfernungen schrumpfen, Kulturen zusammenwachsen und rasant den Austausch von Informationen rund um den Erdball beschleunigen lassen. Google hat dazu ein gutes Stück beigetragen; endlich sind viele Informationen frei zu bekommen. Wo gibt es etwa alte Bücher, aus Archiven gekramt und digitalisiert? Sofort downloadbar? So kann, wer will, nach ein paar Mausklicks die Erzählungen des Pfalzgrafen Ottheinrich von seiner Reise nach Jerusalem im Jahre 1521 heute weltweit lesen. Ein deutscher Buchhalter wäre nie im Leben auf diese Idee gekommen, solches Wissen kostenfrei zur Verfügung zu stellen.

Warum spielen europäische Unternehmen kaum eine Rolle? Und wenn, dann fällt uns - wie das Beispiel SAP zeigt - die Buchhalter-Rolle zu. Die erfüllen wir glänzend. Oder die der mittlerweile leicht bröckelnden Rolle der Erbauer sauber konstruierter Autos.

Und warum wirkt der T-Online Browser so anziehend wie eine Biogasanlage?

Sicher: Google ist eine Datenkrake. Die Analysemöglichkeiten sind verblüffend bis erschreckend, wenn die Statistiker der IT-Konzerne wie Amazon voraussagen wollen, wann wir uns was kaufen. Keine Frage: Es gilt, genau auf Googles Politik zu schauen. Aber unter dem Strich bleibt es jedem selbst überlassen, was er tut. Jeder hat es in der Hand, welche Suchmaschine er wählt. IT- Experten raten, zum Beispiel für nicht so wichtige Suchen auch mal andere Suchmaschinen zu wählen. Der Abstand liegt tatsächlich nur einen Mausklick entfernt. Und sollten andere Suchmaschinen besser werden, dürften Googles Tage gezählt sein. Es wäre nicht der erste große Konzern, der unterginge.

13. Mai 2015

 

 
   

Holger Douglas,
Vorstand Technik und Wissenschaft im DAV