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Udo Keuenhof

Flüchtlinge und der Fachkräftemangel
«Sind Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten
eine Chance für die Unternehmen?»

Wiesbaden - Seit Jahren klagen Unternehmen in Deutschland über Fachkräftemangel. Früher eher mit Blick auf die Zukunft, nun aber bereits im Hier und Jetzt. Dazu kommt zusätzlich die demografische Entwicklung: Was passiert, wenn sich in etwa 10 Jahren die gut ausgebildeten und erfahrenen Fach- und Führungskräfte aus den geburtenstarken Jahrgängen in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden? Dann nämlich rücken nur noch geburtenschwächere Jahrgänge nach.

Im Zuge des Zuzugs von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten und Krisenländern haben zahlreiche Politiker diese als mögliche Lösung im Hinblick auf den immer akuteren Fachkräftemangel auserkoren. Heute, nach unzähligen Erfahrungen aus Unternehmen, Behörden und Sprachschulen muss man feststellen, dass dies nicht so einfach ist.

Wer wird überhaupt gesucht?

Viele Unternehmen klagen über eine rückläufige Zahl an qualifizierten Bewerbungen. Speziell in den MINT-Berufen wird dies deutlich: Es fehlen Ingenieure, IT-Spezialisten, Naturwissenschaftler, Bauingenieure, aber auch Mechatroniker, Fachkräfte für die Produktion sowie Ärzte und Pflegekräfte im Gesundheitswesen.

Die Folge

Stellen bleiben unbesetzt respektive können nur mit großem Zeitverzug besetzt werden, Projekte müssen verschoben werden, Kunden vertröstet. Kreative Lösungen sind gefragt. Nur, wie sieht es mit den Möglichkeiten zum Einsatz von Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten tatsächlich aus?

Bisherige Erfahrungen - Problemfelder

Dieses immer deutlichere Vakuum mit Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten aufzufüllen, versuchen jetzt immer mehr Unternehmen. Allerdings sind die bisherigen Erfahrungen sehr oft ernüchternd: Obwohl es vereinzelt positive Beispiele gibt, können jedoch in der Breite kaum Erfolge vermeldet werden.

Die Gründe sind vor allem folgende

  • Sprache: Die mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache scheint eine schier unüberwindliche Hürde. Deutsch zu lernen ist nun auch nicht gerade leicht (vor allem die Grammatik), weshalb es in der Regel viele Monate wenn nicht gar Jahre dauert, bis eine reibungslose Kommunikation möglich ist. Immer unter der Voraussetzung, man möchte die Sprache auch wirklich erlernen. Einige Flüchtlinge kommen als Analphabeten zu uns, was die Sache nicht gerade erleichtert.
  • Qualifikation: Eine duale Ausbildung wie in Deutschland gibt es in den Heimatländern nicht, demnach auch keine entsprechende Qualifikation. Dazu kommt, dass der „Stand der Technik“ in deutschen Unternehmen höher ist und damit die Anforderungen größer sind. Dies setzt eine große Lern- und Anpassungsbereitschaft voraus. Manche Flüchtlinge haben in ihren Heimatländern Arbeiten, ohne eine richtige Ausbildung absolviert zu haben, als Fachkräfte ausgeführt. Hier ist es dann besonders schwer, passende Jobangebote zu finden, da die Vorstellungen von Unternehmen und Bewerbern oftmals auseinander gehen. Bei Hochschulabsolventen sind die Voraussetzungen schon besser.
  • Kultur: Kulturelle Unterschiede können, speziell im Gesundheitswesen ebenfalls eine Hürde darstellen. Dürfen alle Aufgaben von jedem Kandidaten vollumfänglich durchgeführt werden? Wie ist der Umgang zwischen den Geschlechtern? Und so weiter.
  • Bereitschaft / Motivation: Viele Kandidaten müssen, um entsprechend qualifiziert zu sein, ganz von vorne beginnen und zunächst eine Berufsausbildung absolvieren. Dies stößt jedoch häufig auf wenig Begeisterung. Wenn ein Familienvater mit 2, 3 Kindern erst einmal eine Ausbildung machen und mit 16-jährigen Deutschen „Kindern“ in der Berufsschule die Schulbank drücken soll – schwierig - zumal auch das Einkommen gering erscheint und nicht als Investition in die eigene Zukunft gesehen wird.
    Und gerade das Einkommen wird mitunter zu einem Problem: die Summe der staatlichen Leistungen lässt eine Arbeitsaufnahme oft unattraktiv erscheinen. Welchen Grund soll es also dann geben, eine Ausbildung zu absolvieren und in der Folge den Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften?
  • Anerkennung: Manche Berufe erfordern eine Anerkennung in Deutschland z. Bsp. Ärzte und Pflegeberufe. Diese formale Anerkennung ist die Voraussetzung für die Erlaubnis zur Ausübung des Berufs. Im Rahmen der Anerkennungsverfahren werden neben profunden Sprachkenntnissen, die durch entsprechende Prüfungen (TELC, Goethe-Institut oder ähnlich) zu belegen sind, auch die Ausbildungsinhalte des Herkunftslands mit denen in Deutschland abgeglichen. Zeigt sich, dass es dabei keine Konformität gibt, sind Teile der Ausbildung oder gar die gesamte Ausbildung einschließlich einer Abschlussprüfung nachzuholen. Ein solcher Prozess kann sich dann Jahre hinziehen.

Eine kleine Erfolgsgeschichte
(Aus der eigenen beruflichen Erfahrung des Autors)

Zwei junge Männer aus Nordafrika, Muttersprache Arabisch, kamen vor einigen Jahren nach Deutschland. Danach haben sie konsequent die Deutsche Sprache erlernt und dann an einer Hochschule in Deutschland studiert. Beide im Fachbereich Informatik. Beide hatten aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und ihrer Ausbildung kein Problem, eine Anstellung zu finden. Beide in jeweils sehr namhaften Unternehmen. Auch mit einem Stellenwechsel war es kein Problem, da beide mit ihrer Qualifikation und ihrem Werdegang gefragte Fachkräfte waren.

Was zeichnet sie aus? Nun, der unbedingte Wille, Fuß zu fassen, es schaffen zu wollen. Und beide haben es geschafft. Sie sind angekommen.

Fazit

Flüchtlinge aus heutigen Kriegs- und Krisengebieten werden die Probleme des Fachkräftemangels in Unternehmen nicht beheben können. Die Hoffnungen und Vorstellungen der jeweiligen Seiten (Unternehmen, Politik, Flüchtlinge) gehen zu weit auseinander.

Die angeführten Gründe spiegeln Erfahrungen aus unterschiedlichsten Betrieben in ganz Deutschland wider. Auch wenn es natürlich immer wieder „success-stories“ zu vermelden gibt, so bleibt für die größte Anzahl der Suchenden (Unternehmen wie Bewerber) eine zufriedenstellende Lösung außer Reichweite.

Bei Hochschulabsolventen, die bereits mit sehr guten Sprachkenntnissen zumindest in Englisch ankommen, sind die Probleme geringer und die Möglichkeiten signifikant größer.
Ungelernte Kräfte, die erschwerend oft als Analphabeten einreisen, dürften dauerhaft Schwierigkeiten haben, im Deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Eines ist und bleibt eine wichtige Voraussetzung: Bin ich Willens, mich zu integrieren und die Sprache zu erlernen? Solange an diesem Punkt keine ausreichende Bereitschaft vorherrscht, wird es bei wenigen Erfolgsgeschichten bleiben.

Folglich dürften die Hoffnungen von Politik, Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten und Unternehmen weiterhin unerfüllt bleiben. Deshalb muss über neue und zusätzliche Ansätze zur Lösung des Fachkräftemangels nachgedacht werden.

24. März 2018


Udo Keuenhof

Der Autor studierte Internationale Betriebswirtschaftslehre. Heute ist er Geschäftsführender Gesellschafter einer Personalberatung und Teilhaber eines IT-Personaldienstleisters. Er unterstützt Unternehmen bei der Suche und Auswahl von Fach- und Führungskräften. Dazu sitzt er im Aufsichtsrat eines mittelständischen IT-Beratungshauses.