Start | Kontakt | Impressum | Datenschutz
 
 
 

Aktuelles

 
 

RSS-Feed
abonnieren

 
 
 

Ralf Hildebrandt

Es gibt keinen Mangel an Talent

 

Die provokanteste Aussage gleich vorab: Der "Kampf um Talente" ist ein Scheinproblem. Talente gibt es wie Sand am Meer. Jeder Mensch hat Talente – wahrscheinlich unendlich viele. Die meisten davon bleiben unentdeckt, denn Talente sind selten marktschreierisch. Sichtbar werden sie, wenn eine Person sich von einem Problem angezogen oder positiv provoziert fühlt. Und ihr die Lösung leichter fällt, als den meisten anderen.

Das ist, zugegeben, die ungewohnte Definition eines Begriffs, der zum Klapperbegriff verkommen ist. Vor lauter Lärm ist nur schwer herauszufinden, worum es wirklich geht. Unter Talent wird ja gängigerweise eine für eine dezidierte Jobbeschreibung besonders geeignete Person verstanden. Mit einem beschreibbaren Skillprofil - beliebig aufgeladen mit Qualifikation. Das zieht den oben genannten Rattenschwanz von Scheinproblemen nach sich.

Völlig andere Perspektiven entstehen, begreift man Talent als eine Eigenschaft unabhängig vom Verstand, im Unterschied zu Bewusstsein und Verstand. Ob sich jemand zu einer Sache hingezogen fühlt, ist keine Sache des Verstandes. Eine passende Idee entsteht viel schneller als es der Verstand bemerken könnte. Man spricht davon, dass es einem in den Fingern juckt. Man packt etwas an. Man riecht den Braten. Lange bevor eine Analyse der Situation durch den Verstand einsetzt, ist man schon auf dem Weg und probiert sich aus. Natürlich kann man  nach dem Tun mit Hirn beobachten und einordnen, was geschehen ist.

Innovation bei der heute üblichen hohen Dynamik entsteht genauso. Durch Tüfteln, Ausprobieren, Verdauen von Niederlagen und Wiederaufstehen. Nicht durch Brainstorming.

Wie Gefühle, so können auch Talente nicht vermessen werden. Wenn schon, müsste man die Resonanz zum Problem oder Projekt messen wollen. Jedenfalls nicht ein menschliches Bewusstsein im leicht erregten Leerlaufzustand, zum Beispiel bei der Durchführung eines Tests. Da entsteht sicher nichts Neues. Da werden allenfalls vorbekannte Aufgaben gelöst. Denn die Antworten sind ja bekannt. Nur bekanntes wird abgefragt. Es geht um Wissen. Das ist weniger spannend und fördert auch kein Talent zu Tage. Höchstens "das Talent", Assessment Center zu bestehen. Aber was soll man in der betrieblichen Praxis schon damit schon anfangen können, dass man ein Assessment Center bestehen kann? Wird man deshalb ein besonders erfolgreicher Manager? Kaum. Assessment Center lösen eben andere Probleme.

Der Unterschied zwischen Wissen und Können

Was Unternehmen heute wirklich benötigen? Könner. Das notwendige Wissen kann angeeignet werden. Zur Not gegoogelt. Wissen ist das, was gelernt werden kann, gemerkt, aufgeschrieben und weitergeben. Wissen ist das, was dazu führt, Fragen beantworten zu können. Nur diese Fähigkeit ist, zum Beispiel, an der Universität abprüfbar. Der Professor fragt "weißt Du das?" – nicht etwa "kannst du das?" Er stellt eine Frage und der Student weiß die Antwort - oder nicht. Darauf fußt ein Notensystem – nur dies ist messbar. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Natürlich ist Wissen wichtig. Aber es entscheidet nicht mehr im wesentlichen, wer im Wettbewerb vorne ist.

Haben Sie eines der vielen Bücher über Steve Jobs oder Richard Branson gelesen? Oder den Film über Mark Zuckerberg gesehen? Wenn ein Mensch im Angesicht einer Frage, die ihn interessiert - die in ihm brennt - alles stehen und liegen lässt, Streit mit der Familie riskiert und Nächte opfert, um etwas herauszufinden, zu experimentieren – eben das ist es, was die oben Erwähnten so erfolgreich gemacht hat. Wenn man in einem Experiment wissen will, ob etwas geht oder nicht. Dieses gefühlsmäßige Verbundensein mit einem Problem macht den Unterschied.

Im Können sind die Menschen ungleich. Können klebt am Könner. Im Gegensatz zum Wissen, welches man – verhältnismäßig - leichter weitergeben kann. Können braucht als Basis Talent und entwickelt sich durch Üben. Vertrieb, Projektmanagement und Führung – bitte nicht verwechseln mit Management -  sind typische Bereiche in einem Unternehmen, in denen nur Könner beeindruckende Leistungen erbringen.

Das Scheinproblem mittelständischer Unternehmen
bei der Gewinnung von Talenten

Mittelständische Unternehmen beklagen sich häufig, dass Konzerne und Großunternehmen ihnen die besten Leute wegschnappen. Aus unseren obigen Überlegungen heraus möchten wir jedoch die These aufstellen:  ein Konzern bekommt zunächst einmal nur die teuersten Leute. Die mit den Spitzen-Noten. So funktioniert das Geschäftsmodell der MBA-Anbieter. Und dieses Modell hat seine Berechtigung.

Selbstverständlich gibt es auch eine Menge Problemlöser, die mit einem MBA ausgestattet sind. Das soll nicht in Frage gestellt werden. Mittelständische Unternehmen brauchen aber "geeignete Mitarbeiter" und nicht die teuersten. Warum also klagen?

Konzerne und Mittelstand repräsentieren unterschiedliche soziale Systeme und erfüllen  unterschiedliche Aufgaben. Das grundsätzliche Verhältnis zwischen "großen" Unternehmen und "kleinen" Unternehmen hat sich über Generationen kaum verändert. Es existiert zwischen diesen beiden Unternehmenstypen eine objektive Arbeitsteilung. Die einen können etwas, was die anderen nicht können. Wäre es so, dass die "Großen" immer im Vorteil sind, dann wären die "Kleinen" längst ausgestorben.

Vereinfacht gesagt: Mittelständler können Talente integrieren. Sie können leichter Innovationen erzeugen. Konzerne entwickeln aus diesen Innovationen dann ein großes, weltweites Geschäft. Mit kleiner Marge große Gewinne erzielen. Das fällt Konzernen eben leichter - mit anderer Kapitalausstattung, anderen Strukturen. Hier wird nicht jeden Tag das Rad neu erfunden.

Die Voraussetzungen für beständige Innovationen entstehen sehr oft in  mittelständischen Unternehmen. Weltweites Geschäft benötigt dagegen definitiv andere Strukturen als sie kleine "Labore" bieten können.

Warum versuchen sich große, multinationale Konzerne immer wieder in der Schaffung kleiner, von bürokratischen Zwängen befreiter Satelliten? Aus exakt den oben beschriebenen Problemstellungen heraus.

Warum dies deutschen "Multis" wie VW eher schlecht gelingt und warum es Firmen wie Google oder Facebook besser machen wäre eine andere Frage, mit der wir uns in einem gesonderten Beitrag beschäftigen sollten.

Fakt ist: Mittelständler verstehen sich selbst zu wenig. Statt stolz zu sein auf das "tüfteln, basteln, schrauben und probieren" ist das ständige Bestreben zu spüren,  die "geordneten Bahnen" der Großen zu imitieren in Struktur, Aufbau und Verwaltung. Und eben auch in der Sicht auf  den "war of talents".

Menschen lieben Veränderung und Abwechslung. Und wer kann diese ständige Veränderung und Abwechslung besser bieten als der Mittelstand?

Mit diesem Pfund gilt es zu wuchern.

Ralf Hildebrandt ist Aufsichtsratsvorsitzender der Avano AG in Stuttgart

25. Januar 2016