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Die Energiefrage

 
 
     
 

Dr. BjÖrn Peters

Die Energiefrage – #59

Der World Overshoot Day –
robuste Missverständnisse

Kelkheim - Am 1. August soll laut Berechnungen eines „Global Footprint Networks“ der Tag erreicht worden sein, an dem die Menschheit alle für das Jahr verfügbaren Ressourcen aufgebraucht habe. Daran ist nicht alles falsch, jedoch werden wesentliche Zusammenhänge nicht mit einbezogen. Wir wetten: Auch in 100 oder 1.000 Jahren wird die Menschheit noch genügend „Ressourcen“ zur Verfügung haben.

Gerne werden von der Presse Katastrophenmeldungen aufgegriffen, wenn es darum geht, menschliche Eingriffe in die Natur darzustellen. So hat sich im Golf von Mexiko eine regelrechte Todeszone gebildet, in der chemische Verseuchung sämtliches Leben ausgelöscht hat. Grund ist wohl eine Überdüngung des Meeres mit Nitraten, die erst zu einer Algenblüte und dann, nach deren Tod, zu einem Aufbrauchen sämtlichen Sauerstoffs im Meerwasser führt. Ähnlich problematisch wird der Artenschwund angesehen. Auch wenn alarmistische Meldungen wie die vom WWF aufgestellte Behauptung, der Klimawandel bedrohe die Hälfte der Arten, weit übertrieben sind, wie sogar der IPCC einräumt (s.u.), so bedrohen wir mit unserer Lebensweise den Fortbestand vieler Arten.

Der Verbrauch an natürlichen Rohstoffen ist dennoch nicht das Problem, wie wir in einer zweiteiligen Artikelserie gezeigt hatten. Unter den vielsagenden Titeln „Wie lange reicht das Öl?“ und „Wie misst man die Reichweite von Rohstoffen?“ hatten wir seinerzeit nachgewiesen, dass der Begriff der Ressource, so wie er von den Autoren beispielsweise des Club of Rome wiederholt verwendet wird, zu schwammig ist. „Ressource“ ist kein statischer Begriff, sondern zerfällt in drei Teile, die man sorgsam auseinanderhalten sollte. Eine natürliche Ressource ist erst dann eine technische Ressource, wenn die Technologie zur Verfügung steht, um sie auszubeuten. Wind ist eine natürliche Ressource, wenn eine Windmühle den Energiestrom der Luft anzapfen kann. Damit eine technische Ressource aber genutzt wird, muss sie auch wirtschaftlich sein.

Nur wirtschaftliche Ressourcen werden von den Studienschreibern berücksichtigt, tatsächlich ist die Abgrenzung dessen, was eine wirtschaftliche Ressource ist, sehr dynamisch, und hängt insbesondere von technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ab. Als klares Anzeichen, dass die Autoren bspw. des Club of Rome oder des Global Footprint Network mit ihrer Analyse gründlich danebenlagen, ist zu werten, dass die meisten Rohstoffe heute inflationsbereinigt im Mittel nicht teurer sind als vor vierzig Jahren, als der Report erschien, bei massiv gesteigerter Produktion (vgl. Rohöl, Gold, Weizen und Kupfer). Wären sie tatsächlich so endlich, wie immer wieder fehlerhaft berichtet wird, so müssten sie längst zur Neige gegangen oder wenigstens so knapp geworden sein, dass ihre Preise explodiert wären. Im Übrigen sind das Denkfehler, die seit dem berühmten Buch von Thomas Malthus aus dem Jahr 1798 von Institutionen wie dem Club of Rome und dem eingangs erwähnten Global Footprint Network wieder und wieder gemacht wird. Die Argumentationsweise ist dabei ungefähr diese:

  1. Wird mehr produziert, werden dafür auch mehr Ressourcen benötigt.
  2. Wenn mehr Ressourcen benötigt werden, bindet dies Kapital für deren Beschaffung, das an anderer Stelle fehlt.
  3. Dadurch sinkt die Pro-Kopf-Produktivität und es fehlt an Mitteln für Umweltschutz. Auch steht weniger Geld für Investitionen in Landwirtschaft zur Verfügung.
  4. Die Nahrungsmittelproduktion sinkt ab und weniger Geld kann für Gesundheit und Soziales aufgewendet werden.
  5. Hierdurch sinken Bevölkerungszahl und Lebensbedingungen ab. Es kommt zum Kollaps der Volkswirtschaften.

An dieser Argumentation, auch wenn sie von prominenten Nachhaltigkeitsforschern selbstbewusst vertreten wird, ist so ziemlich alles falsch. Betrachten wir zunächst die Rohstoffe, als Teilmenge der natürlichen Ressourcen. Erstens werden für zusätzliches Wachstum nicht notwendigerweise mehr Rohstoffe benötigt – in entwickelten Volkswirtschaften findet Wirtschaftswachstum schon seit Jahrzehnten vor allem bei Dienstleistungen statt. Neues Wachstum bedarf keiner neuen Rohstoffe. In Deutschland sinkt der Energierohstoffbedarf beispielsweise seit etwa 1980 langsam ab (Quelle: IEA Electricity Information), obwohl sich in der Zeit das Bruttosozialprodukt vervielfacht hat. Neue Produktionsmethoden werden konstant entwickelt, die Rohstoffe immer effizienter einsetzen.

Zweitens zeigen Rohstoffpreise ihre Knappheit an, und wenn in einem langanhaltenden Rohstoffboom wie zwischen dem Jahr 2000 und 2012 mehr und mehr Menschen der Armut entwachsen und daher Häuser, Möbel, Fahrräder und Automobile benötigen, dann steigen zwar die Rohstoffpreise an, irgendwann löst dies aber Reaktionen in den Rohstoffbranchen aus, nämlich dass mehr Lagerstätten erschlossen werden. Dadurch steigt das Angebot wieder, die Knappheit ist beendet und die Preise sinken ab. Die Betrachtung der Nachhaltigkeitsforscher ist also viel zu statisch, tatsächlich entwickeln sich Rohstoffmärkte seit Menschengedenken in Zyklen.

Drittens und viertens gab es noch nie Zeiten mit sinkender Arbeitsproduktivität, sinkenden Umweltschutzstandards oder fallenden Investitionen in Landwirtschaft ohne externe Krisen. Dies zu behaupten ist schlicht ahistorisch. Die Hektarerträge stiegen in Deutschland und weltweit dank der verschiedenen technologischen Durchbrüche in der Bodenbewirtschaftung stetig an, auch in den vergangenen Jahrzehnten, wo doch angeblich durch den Klimawandel genau das Gegenteil eintreten sollte. Die Menschheit durchlebt stattdessen derzeit einen extrem langanhaltenden Boom. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt global an, mehr und mehr Menschen arbeiten sich aus extremer Armut in den Mittelstand vor. Soziale Standards steigen weltweit an, in Deutschland haben Sozialtransfers gar die Marke von einer Billion Euro durchbrochen.

Mit wachsendem Wohlstand steigen auch die Anforderungen der Menschen an eine intakte Umwelt.

Nur so ist zu erklären, dass China stark auf Elektromobilität setzt – kein Wunder bei der extremen Luftverschmutzung in deren Großstädten. Die Bürger lassen sich dies nicht länger gefallen und gehen für eine intakte Umwelt auf die Barrikaden. Dass in einer sehr entwickelten Gesellschaft wie Deutschland von Lobbyisten und Medien dennoch von Tausenden Toten wegen der angeblich so hohen Feinstaubbelastung gesprochen wird, entbehrt zwar jeder nachweisbaren Grundlage, spricht aber für die Korrelation von Lebensstandard mit Umweltbewusstsein.

Kommen wir zurück zu den natürlichen Ressourcen. Der Vorwurf der Umweltorganisationen ist ja, dass in den Preis für Rohstoffe nicht alle externen Kosten einfließen. Dies ist prinzipiell richtig, und gerade in armen Ländern kann Rohstoffabbau mit einem enormen Raubbau an der Natur einhergehen. Dies findet aber vor allem dort statt, wo korrupte Regierungen die Interessen der Konzerne statt diejenigen der Bevölkerung vertreten. In entwickelteren politischen Systemen bilden sich hohe Umweltstandards aus, jeder Häuslebauer kann hierzulande davon berichten. Dass sich die Anrainer des Golfs von Mexiko auf Dauer ein verseuchtes Meer bieten lassen, ist nicht zu erwarten. Sie werden dafür sorgen, dass die Nitratbelastung der Böden und Gewässer wieder zurückgeht.

Und dann gibt es ja noch ein paar erkennbar positive Nachrichten, die gerne ignoriert werden. So wächst die Biomasse, gemessen am Bedeckungsgrad der Erde mit grünem Bewuchs, mit Ausnahme der urbanen Zentren in Afrika und weltweit an. Die Forscher vermuten, dass die bessere Versorgung der Pflanzen mit CO2 der Grund ist, warum in ariden Zonen die Pflanzen besser mit Trockenstress umgehen können und warum es auf der Erde insgesamt grüner wird und die landwirtschaftlichen Erträge ansteigen.

Dass die Auswirkungen des bislang beobachteten Klimawandels auf die Biodiversität gering bis unmessbar sind, sagt der IPCC im fünften Sachstandsbericht (WG II, Part A, S. 44ff, S.67 und S. 275). Der ‚Spiegel‘ merkte dazu an (Ausgabe Nr. 13/2014):

Bislang, so räumt der IPCC ein, gebe es keinen Beweis, dass der Klimawandel auch nur zum Aussterben einer einzigen Art geführt hat. Allenfalls beim Verschwinden einiger Lurche, Süßwasserfische und Weichtiere könne der Klimawandel vielleicht eine Rolle gespielt haben.

Zwar gebe es durchaus bedrohliche Hinweise: Klimazonen scheinen sich schneller zu verschieben, als Arten mitzuhalten imstande sind. Bei den meisten Lebewesen aber mangele es an grundlegenden Daten, sagt der Zoologe Ragnar Kinzelbach von der Universität Rostock. Prognosen, wie sich das Klima auf sie auswirken würde, seien deshalb kaum möglich. Das Klima, fürchtet der Ökologe, werde zum Feigenblatt für Untätigkeit bei drängenderen Problemen. "Monokulturen, Überdüngung oder Bodenzerstörung vernichten mehr Arten als mehrere Grad Temperaturanstieg es je vermögen."

Fazit:

Insgesamt hat die Menschheit in vielerlei Hinsicht „Peaks“ erreicht, was aber eine gute und keine schlechte Nachricht ist. In westlichen Gesellschaften sinkt der Fleischkonsum, der Ölverbrauch und vielleicht bald auch die CO2-Emissionen werden aufgrund technologischer Fortschritte und Verhaltensänderungen ihr Maximum erreichen und danach absinken. Nie war übrigens der ökologische Fußabdruck des Menschen größer als in der Zeit der Jäger und Sammler – der Pro-Kopf-Flächenverbrauch dieser frühen Kulturen bemaß sich in vielen Quadratkilometern. Seitdem sinkt beispielsweise der Flächenverbrauch, der zur Ernährung eines Menschen benötigt wird, stetig ab, dank immer besserer Landwirtschaftsmethoden.

Solch dynamische Entwicklungen verdanken wir unserer Innovationskraft und dem technischen Fortschritt. Nichts von diesen dynamischen Betrachtungsweisen findet sich aber bei den Nachhaltigkeitsforschern und den Apologeten des Untergangs, von denen viele noch in der Tradition von Thomas Malthus und Dennis Meadows sehen. Die neuen Technologien werden, wie gezeigt, nicht nur zum Produktivitätsfortschritt auf Kosten der Natur eingesetzt, sondern helfen, immer besser im Einklang mit der Natur und deren begrenzten Möglichkeiten zu leben. Technologie ist also nicht nur die Ursache ökologischer Probleme, sondern vor allem ihre Lösung.

In diesem Licht sollten wir den „World Overshoot Day“ in der Tat ernst nehmen, aber hauptsächlich für eine zielgerichtete Problemanalyse, und dann unser Handeln darauf lenken, die ökologischen Schäden durch unser Tun nach und nach zu verringern, beginnend bei den größten Problempunkten. Wenn uns dies gelingt, werden wir immer und jederzeit über genügend Ressourcen verfügen, um einer immer größeren Anzahl von Menschen wachsenden Wohlstand, steigende Lebenserwartung und bessere Lebensqualität in einer stetig sich verbessernden Umwelt zu ermöglichen – wetten? Die wichtigste Ressource hierfür ist der menschliche Geist – und dieser ist unendlich.

25. August 2018

Dr. Björn Peters

Peters beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Energiesektor in Zeiten der Energiewende unter wissenschaftlichen, volks- und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Er ist Inhaber der Unternehmens- und Politikberatung Peters Coll.