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Die Energiefrage

 
 
     
 

Dr. BjÖrn Peters

Die Energiefrage – #57

Energiepolitische Forderungen

Mehrere Ereignisse der letzten Woche zeigen einerseits, dass die Nutzung der Umgebungsenergien in eine energiepolitische Sackgasse führt, andererseits, dass in der Politik noch falsche Weichenstellungen vorherrschen. Wir stellen unsere energiepolitischen Forderungen für Deutschland und Europa dagegen.

Einige Meldungen der letzten Tage beweisen, wie ineffizient es ist, dass unsere Politik so einseitig auf den Ausbau von Umgebungsenergien setzen, allen voran auf Solar- und Windenergie. Dies betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch die EU und die Welt.

Erstens zeigten Statistiken der europäischen statistischen Behörde Eurostat, dass erstmals in der Geschichte Deutschlands Haushaltskunden die höchsten Strompreise Europas bezahlen müssen. Hiesige Kleinhaushalte mit einem Stromverbrauch zwischen 1.000 und 2.500 Kilowattstunden im Jahr zahlen 33,6 Eurocents je Kilowattstunde. In anderen Segmenten teilten sich Dänemark und Deutschland die Ehre, ihren Bürgern die höchsten Strompreise abzuverlangen. Dies sind nicht zufällig die beiden Länder mit dem höchsten Anteil an Windenergie. Dadurch, dass Windstrom nur zufällig dann zur Verfügung steht, wenn der Mensch in benötigt, wird jedes Stromproduktionssystem mit wachsendem Anteil an Windenergie nur teurer, aber nicht umweltfreundlicher. Hintergrund ist, dass für mehr Windeinspeisung ins Netz dieses überproportional ausgebaut werden muss, kein einziges regelbares Kraftwerk aber abgeschaltet werden kann. Die Kosten der Windstromproduktion addieren sich also nicht nur auf die Kosten des Energiesektors auf, ohne an anderer Stelle Kostenreduzierungen zuzulassen, es kommen auch neue Kosten hinzu.

Das ist kein Wunder, denn in ganz Europa weht der Wind gleichzeitig oder gleichzeitig nicht, wie eine Studie von VGB Powertech bereits im Vorjahr ermittelt hat. Es ist aber viel schlimmer. (Und jeder in der Branche weiß das.) Wie der angesehene Chefvolkswirt von British Petroleum, Spencer Dale, in einer letzte Woche vorgestellten Studie schreibt, sinken die CO2-Emissionen, eigentlich der heilige Gral der Energiepolitik, auch weltweit trotz massiven Ausbaus der Umgebungsenergien nicht ab. Für Deutschland haben wir auf dieses energiepolitische Parodoxon bereits mehrfach hingewiesen.

Das hat sich auch bei Vertretern von Energiebranche und Politik eigentlich herumgesprochen, wie zuletzt beim Wirtschaftstag des Wirtschaftsrats der CDU deutlich wurde. Nur noch Profiteure eines Ausbaus der Umgebungsenergien wie Siemens, halten diese für sinnvoll, und unterstützen Pläne für den Einsatz von Smart Metern, also elektronischer Stromverbrauchsüberwachung in allen Haushalten. Es gibt aber nur noch wenige, die nicht erkannt haben, dass alles Nachfragemanagement und aller Speicherausbau nur Lösungen dafür schafft, um Produktionsschwankungen aus Wind- und Solarenergie für wenige Stunden auszugleichen. Notwendig wären Lösungen, die dies für mehrere Tage und Wochen schaffen, nur sind diese weder technisch noch physikalisch in Sicht.

Und dennoch diskutieren EU-Kommission, Parlament und Europäischer Rat, scheinbar unbefleckt von diesen Erkenntnissen, eine Steigerung des Ausbaus der Quote an Umgebungsenergien am Gesamtenergieverbrauch bis 2030 von heute ca. 17 auf 32 Prozent. Wohlgemerkt, als maßgeblich wird hier der Gesamtenergieverbrauch genannt, nicht der Stromverbrauch. Eine solche Quote lässt sich beim Stromverbrauch durchaus erreichen, Deutschland und Dänemark haben es vorgemacht. Allerdings, wie einleitend festgestellt, zum Preis der höchsten Stromkosten in Europa.

Was dies für den Verkehrssektor bedeutet, weiß niemand.

In Deutschland stammen nur etwa vier Prozent der Energie, die in Kraftstoffen steckt, aus biologischen Quellen, viel zu häufig aus Palmöl, das naturzerstörend in riesigen Monokulturen angebaut wird, wo früher Regenwälder standen. Immerhin haben die Europapolitiker dafür gesorgt, dass Palmöl nicht mehr auf die „Bioquote“ angerechnet werden darf. Auf Druck einiger Mitgliedsländer wurde hingegen die Quote von Raps und Mais nicht reduziert, obwohl hierfür hochwertige Agrarflächen verwendet werden, die in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. Durch ihre Nutzung zur Energieversorgung in Monokulturen veröden sie zu agrarischen Industrieflächen, der Artenschutz bleibt auf der Strecke.

Als Beobachter wundert man sich über so faktenresistente Aussagen beispielsweise von Energiekommissar Arias Canete, dass „der stärkere Ausbau der ‚Erneuerbaren‘ mehr Jobs, billigere Stromrechnungen für die Verbraucher und weniger Energieimporte“ bringe. Ein Blick nach Deutschland und Dänemark sollte zeigen, dass alle diese Ziele krachend verfehlt werden.

Deutschland sollte in der Energiepolitik nicht länger den Kopf in den Sand stecken. Die Klimaziele werden mit dem Ausbau der Umgebungsenergien nicht erreichbar sein, stattdessen tragen diese zu großflächiger Naturzerstörung, zum Artensterben und zur gesundheitlichen Gefährdung von Mensch und Tier bei. Dass vermeintlich ‚Grüne‘ die Umgebungsenergien immer noch fördern wollen, ist geradezu skurril.

Was stattdessen zu tun ist, lässt sich an wenigen Punkten festmachen. Viel wäre geholfen, wenn über eine Politik der marktwirtschaftlichen und ökologischen Nadelstiche die ökonomische Attraktivität von Investments in Umgebungsenergien angegriffen werden könnte. Wenn ein kompletter Ausstieg aus dem planwirtschaftlichen EEG schon nicht gelingt, könnten die Länder vom Bund ermächtigt werden, eigenständig Abstandsregeln für Windkraft von menschlichen Siedlungen festzulegen, das Helgoländer Papier mit Abstandsregeln zu Brutgebieten und Vogelhorsten könnte als verbindlich erklärt werden, und per Erlass könnte festgelegt werden, dass der Bund die Rückbauverpflichtung von Windkraftanlagen nach §35(5) Baugesetzbuch ernst nimmt und auf ihrer Durchsetzung besteht. Die hierfür anfallenden Kosten sind in den seltensten Fällen ausreichend eingeplant und werden am Ende Grundstückseigentümern belastet werden müssen.

Die Förderung des Anbaus von Energiepflanzen lässt ganze Landstriche veröden. Die Artenvielfalt in Großstädten ist heute größer als in den meisten ländlichen Räumen. Hier wäre es aus Naturschutz-Sicht und aus Kostengründen dringend geboten umzusteuern. Der stofflichen Verwendung von pflanzlichen und tierischen Abfällen ist ein Beitrag zur Rohstoffwirtschaft, der primäre Anbau von, schönfärberisch so genannten, „Energiepflanzen“ ist energetisch, ökonomisch und ökologisch ein Skandal, der beendet werden muss.

Im Wärmesektor wäre viel geholfen, wenn die Umrüstung auf effizientere Heizsysteme langfristig, planbar und verbindlich über lange Zeiträume gesetzlich geregelt und vielleicht gar gefördert würde. Zusätzlich sollten endlich Untersuchungen angestellt werden, wie die energetische Bilanz von Dämmmaßnahmen ist. Viel zu oft werden Dämmstoffe unter hohem energetischem Aufwand hergestellt, die über ihre Lebenszeit die eingesetzte Energie nicht einspielen.

Parallel sollte das Bundeswirtschaftsministerium in Zusammenarbeit mit dem Forschungsministerium endlich die Suche nach neuen Primärenergiequellen verstärken. Wenn wir in Deutschland nicht bereit sind, der Kernfusion zum Durchbruch zu verhelfen, werden wir diese in dreißig Jahren aus China importieren müssen – dort wird das Thema mit einigem Ernst angegangen. Da der Koalitionsvertrag die Ministerien in Fesseln schlägt, ist dies vielleicht ein Thema, das bis zur nächsten Bundestagswahl mit einigem Vorlauf vorbereitet und als Wahlkampfthema genutzt werden könnte.

17. Juni 2018

Dr. Björn Peters

Peters beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Energiesektor in Zeiten der Energiewende unter wissenschaftlichen, volks- und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Er ist Inhaber der Unternehmens- und Politikberatung Peters Coll.