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Die Energiefrage

 
 
     
 

Dr. BjÖrn Peters

Die Energiefrage – #54

Energiepolitischer Realismus
bei Branchenvertretern

Bei den „Baden-Badener Energiegesprächen“ trafen sich zahlreiche Branchen- und Verbandsvertreter. Wir waren dabei und vom Realismus der Experten überrascht. Im Gegensatz zu früheren Zusammenkünften ähnlicher Art ist heute in der Branche klar, dass der einseitige Fokus der Energiepolitik auf die Art und Weise, wie Strom produziert wird, das Land nicht voranbringt.

Vor gut zwanzig Jahren wurde die „Energiewende“ als staatliches Ziel ausgerufen. Damit war zunächst gemeint, uns langfristig unabhängig von chemischen Energieträgern zu machen, die bis heute neun Zehntel des Energiebedarfs zur Verfügung stellen. Als es an die Umsetzung ging, wurde aber sehr einseitig auf wenige Ziele gesetzt. Neben dem Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie wurde vor allem der Ausbau von Umgebungsenergien verfolgt. Folgerichtig wurde über ein System fester Abnahmepreise für Strom aus Biomasse, Wasserkraft, Wind und Sonne der Ausbau entsprechender Kraftwerke massiv vorangetrieben. Erst jetzt, nach dem Bau von über 100 Gigawatt an Kraftwerksleistung im Bereich der Umgebungsenergien, beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass der Ausbau der Umgebungsenergien nicht dem Zweck der Überwindung der chemischen Energieträger näher bringt.

Der Knackpunkt ist, dass sich nur wetterabhängige Umgebungsenergien stark ausbauen lassen, diese aber weder in der Menge noch in der Stetigkeit die notwendigen Voraussetzungen mitbringen für eine zuverlässige und kostengünstige Stromversorgung. Viele zentrale technologische Bestandteile eines Energieversorgungssystems auf Basis von Sonne und Wind müssen erst noch entwickelt werden. Und wenn das Tempo technischer Innovationen auch nicht unterschätzt werden sollte, riet beispielsweise der Vorstandsvorsitzende des Braunkohle-Stromproduzenten MIBRAG, Armin Eichholz, dazu, das Innovationstempo auch nicht zu überschätzen. Gerade die Entwicklung von geeigneten Stromspeichern zur Überbrückung von Dunkelflauten werde noch viele Jahrzehnte verschlingen.

Das sehr ungleiche Tempo beim Ausbau von Strom-Produktionskapazitäten und dem gesamten Rest des Energieversorgungssystems wurde von allen Teilnehmern als Webfehler der Energiewende benannt. Selbst der Vorsitzende des Bundesverbands Erneuerbare Energien e.V., Peter Röttgen, erkannte dies an. Es fehlten Konzepte zur Speicherung und zum Transport von Solar- und Windenergie quer durch Europa. Überhaupt müsse die Energiepolitik endlich europäisch organisiert werden.

Ein anderer Aspekt war Röttgen auch wichtig. Das Ausbauziel der neuen Bundesregierung von 65 Prozent an Strom aus Umgebungsenergien bis 2030 klinge ja erstmal ehrgeizig. Die Frage sei allerdings, wovon die 65 Prozent gerechnet seien. Da die Bundesregierung von einem stark sinkenden Stromverbrauch ausgehe, seien die Zubaumengen an Solar- und Windenergie bescheidener als von manchen erhofft.

Dass die Prognosen der Bundesregierung in Bezug auf einen sinkenden Stromverbrauch unmöglich einzuhalten seien, war häufiges Pausengespräch. Alleine die Kryptowährung Bitcoin verschlingt weltweit weit über 100 Terawattstunden (ein Sechstel des deutschen Stromverbrauchs), und Einsparungen an Strom in traditionellen Sektoren würden durch den Ausbau von leistungsstarken Rechenzentren im Zeitalter der Digitalisierung wettgemacht.

In Bezug auf den Wärmesektor wies der Vorstandsvorsitzende der Badenova AG, Thorsten Radensleben, darauf hin, dass dort noch viel Innovationspotential liege. Dreizehn Millionen Heizungen seien in Deutschland nicht mehr zeitgemäß. Anreizprogramme könnten seitens der Politik die Heizungsmodernisierung ankurbeln, seien aber nur sinnvoll bei erheblichem Volumen und langer zeitlicher Dauer.

Flächendeckend auf Wärmepumpen-Heizungen umzustellen, sei dabei gar nicht möglich, worauf Martin Neumann, energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, hinwies. Neumann, der studierter Bauingenieur mit Lehrstuhl für Technische Gebäudeausrüstung in Magdeburg ist und damit einer der viel zu wenigen fachkundigen Kenner der Energiepolitik im politischen Berlin, machte dafür den Unterschied zwischen Hoch- und Niedertemperatur-Heizungen geltend. Während in Neubauten Heizungen mit geringen Temperaturen große (meist Fußboden-) Flächen ausnutzten, sei die Umrüstung in Altbauten zwar möglich, erforderten aber den Umbau des ganzen Hauses, was nur bei seltenen Kernsanierungen sinnvoll sei. Hintergrund sei, dass in den meisten älteren Häusern relativ kleine Radiatoren verbaut sind, die eine hohe Vorlauftemperatur erforderten, um genügend Wärme in die zu beheizenden Räume abzugeben.

Dass über sinnvolles Dämmen von Häusern viel zu wenig bekannt sei, bedauerte Neumann stark. So riskiere man schädlichen Schimmelbefall, wenn ohne Berücksichtigung von Feuchtigkeitstransporten Hauswände mit Dämmplatten versiegelt würden. Seit Jahren gebe es dazu Forschung an den Universitäten, aber nur wenig Fachkunde bei Baufirmen und Handwerkern.
Und beim Mobilitätssektor wiesen einige Teilnehmer darauf hin, dass nicht nur die Batterietechnik für E-Mobilität noch bei weitem nicht geeignet sei für flächendeckende Anwendung. Die fehlenden Konzepte zur Verstärkung der Stromverteilnetze um ein Vielfaches der heutigen Ausbaukapazitäten sei noch nicht im Ansatz konzeptionell verstanden, geschweige denn in wenigen Jahrzehnten umsetzbar.

Einen interessanten Aspekt lieferte Jürgen-Friedrich Hake, Physiker am Forschungszentrum Jülich, der sich in seinen jüngeren Forschungsarbeiten auf die öffentliche Wahrnehmung der Energiepolitik verlegt hat. Er mahnte – unter Beifall der anwesenden Firmenchefs – zu mehr Realismus, zu einer neutralen Bewertung der Faktenbasis und wies darauf hin, dass nur dadurch Vertrauen in energiepolitisches Handeln wiederhergestellt werden könne. Es zeigte sich auch unglücklich darüber, dass der jährliche Monitoring-Bericht zur Energiewende vom Bundeswirtschaftsministerium erstellt wird, das auch für die Formulierung der Energiepolitik zuständig ist. Dies führe dazu, dass der Bericht weithin unbeachtet bliebe. Besser wäre, ihn vom Statistischen Bundesamt erstellen zu lassen.

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass die zahlreichen ungelösten Fragen der „Energiewende“ auch in der Energiebranche angekommen sind. Während vor noch wenigen Jahren auf Branchentreffen die Hoffnung auf ein schnelles Lösen der technischen Herausforderungen vorherrschte, ist der Grad an Realismus diesbezüglich heute kaum zu überbieten. Nicht nur wird nach Lösungen für die bekannten Fragen gesucht, die Branchenvertreter und Politiker beginnen auch endlich, die richtigen Fragen in Bezug auf technische Konzepte, Kosten und die volkswirtschaftlichen Auswirkungen zu stellen. Wir hoffen, dass dieser Trend anhält und wenigstens mit der nächsten Bundesregierung ein langfristig tragfähiges und europäisch gedachtes Konzept für die Energieversorgung der Zukunft entwickelt werden kann.

19. Mai 2018

Dr. Björn Peters

Peters beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Energiesektor in Zeiten der Energiewende unter wissenschaftlichen, volks- und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Er ist Inhaber der Unternehmens- und Politikberatung Peters Coll.