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Die Energiefrage

 
 
 
 
 
 

Dr. BjÖrn Peters

Die Energiefrage - #37
Elefanten im Raum von Energiedebatten

Im Englischen gibt es den schönen Begriff des "Elefanten im Raum". Damit meint man ein Thema, das bei einer Diskussion jeder kennen könnte, das aber niemand anzusprechen wagt – aus welchen Gründen auch immer. Solche "Elefanten im Raum" gibt es gerade bei energiewirtschaftlichen Debatten zuhauf.

Gerne diskutieren Vertreter der Energiewirtschaft auf vielen internationalen Tagungen miteinander und mit Politikern und Pressevertretern über aktuelle Entwicklungen.  Auf unzähligen solcher Konferenzen war ich in den vergangenen fünf Jahren eingeladen, um (zumeist) über Kraftwerks- oder Speicherfinanzierung im Zeitalter von starken Anteilen an Wind- und Solarenergie zu sprechen, um als Diskutant oder Gastgeber zu wirken.  Dabei fiel mir auf, dass es immer noch einige Themen gibt, die niemand klar ausspricht, oder Aussagen, über die die Industrievertreter leise den Kopf schütteln aber nicht lautstark zu protestieren wagen.  Im Englischen nennt man so etwas "the elephant in the room".  Dabei gäbe es angesichts der existenziellen Krise der Stromwirtschaft genügend Themen, mit denen die Unternehmensvorstände leidenschaftlich an die Öffentlichkeit gehen sollten, um auf die katastrophale Lage der Energiewirtschaft hinzuweisen.  Immerhin mussten dort dutzende von Milliarden Euro an Investitionen abgeschrieben werden.  Die Börsenstrompreise sind so niedrig, dass die Einnahmen aus Stromverkauf für eine ausreichende Wartung der Kraftwerke nicht ausreichen – sie werden auf Verschleiß gefahren und werden viel früher als nötig verschrottet werden müssen.  Die Versorgungssicherheit, die Wind- und Solarkraftwerke nicht bieten können, ist gefährdet, denn immer wieder gibt es Situationen am Strommarkt, in denen jedes verfügbare Kraftwerk benötigt wird.  Investitionen in neue regelbare Kraftwerke werden kaum noch getätigt, da sie wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen wären.  Ein Ausweg aus der Krise ist für die Stromwirtschaft nicht in Sicht.  Da hilft es nicht weiter, wenn der Kopf im faktenresistenten Sand feststeckt und die Problematiken, mit denen die Energiewirtschaft zu kämpfen hat, ignoriert werden.

Elefant 1: Die natürliche Schwankungsbreite von Wetter

Auch auf die Gefahr, uns zu wiederholen: Wer fordert, wir sollten unsere Energieversorgung maßgeblich vom Wetter abhängig machen, indem wir stark auf Wind- und Solarenergie setzen, sollte wissen, wie zuverlässig eine Stromversorgung auf Basis von Sonne und Wind ist.  In den vergangenen Monaten hatten wir auf das Thema mehrfach hingewiesen, dass lange Versorgungslücken gerade in Inversionswetterlagen jedes Jahr mehrfach vorkommen, zuletzt hatten wir im September eine sog. "Dunkelflaute".  Daher müssen wir dringend beginnen, endlich unsere Hausaufgaben zu machen.  Was fehlt, ist die Gründung eines Instituts für Statistische Energiemeteorologie, das uns darüber aufklären sollte, wie groß die natürliche Schwankungsbreite von Witterung ist.  Unsere ureigene Wahrnehmung spielt uns hier nämlich einen Streich.  Wir erinnern uns bestenfalls an das Wetter von wenigen Jahren.  Dass das Wetter aber routinemäßig enorme Kapriolen schlägt, wird dabei gerne übersehen. 

Schon im ersten, mosaischen, Buch des Alten Testaments wird von sieben fetten Jahren, gefolgt von sieben dürren Jahren berichtet.  Wer weiß denn, wie sich Bewölkung und Windgeschwindigkeiten über Zeit entwickeln?  Nur eine rhetorische Frage, natürlich, aber die Antwort ist "Niemand".  In jedem anderen Wirtschaftszweig oder Politikbereich würde es als extrem fahrlässig bewertet, wenn die Verantwortlichen so sorglos mit dem Fehlen von entscheidungsrelevanten Informationen umgingen.  Nur in der Energiewirtschaft wird klaglos akzeptiert, dass die Datengrundlage für wirtschaftliche und politische Entscheidungen schlicht fehlen.  Überall sonst würde das als "Blindflug" zu Recht gebrandmarkt.  Und so gerieten zahllose Windkraftinvestments in wirtschaftliche Schieflage, weil manchmal mehrere Jahre hintereinander die Jahreserträge um bis zu 40 Prozent unter den Prognosen lagen.  Sorglosigkeit in Datenfragen rächt sich also auch finanziell, und oft sind Stadtwerke in öffentlicher Trägerschaft die Leidtragenden.  Eine Kultur der Verantwortung wäre hier besser angebracht als Nicht-wissen-Wollen.

Elefant 2: Der Klimawandel als die Ursache allen Übels in der Welt

Fast genauso wenig wie über die natürliche Bandbreite der Witterung in den vergangenen Jahrzehnten wissen wir über die natürliche Bandbreite des Klimas. Beispielhaft sei aus einem sehr empfehlenswerten Büchlein zitiert, das Bemerkenswertes aus mittelalterlichen Stadtchroniken zusammengetragen hat.  Für Magdeburg ist im Jahr 1427 folgender Eintrag vermerkt:

"Zwischen St. Nikolaus und St. Lucia [6.-13. Dezember] blühten hier und da die Kornblumen auf den Feldern. In einigen Gärten waren Erbsen und Bohnen gewachsen und blühten. Sogar einen Teil der Mandel- und Pfirsichbäume sah man blühen."

Als neuzeitlicher Leser wundert sich man darüber, dass es im kalten Magdeburg vor 600 Jahren frostempfindliche Mandelbäume gab.  Es scheint damals also beträchtlich wärmer gewesen zu sein als heute, kurz vor einem der kältesten Jahrzehnte des Milleniums, wie der ‚Spiegel' jüngst berichtete.  Und das führt uns direkt zum Thema.  Im dritten Sachstandsbericht des Weltklimarats von 2001 wurde behauptet, dass das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts das wärmste des gesamten Jahrtausends gewesen sei.  Belegt wurde dies mit zweifelhaften mathematischen Methoden, die in den Folgejahren nach allen Regeln der Kunst innerhalb der wissenschaftlichen Welt widerlegt wurden.  Heute wissen wir sehr viel mehr über die Warmzeiten in den vergangenen Jahrtausenden, nur interessiert das niemand.  Festgesetzt haben sich die falschen Aussagen aus 2001, dass wir nicht nur in der wärmsten Periode der jüngeren Menschheitsgeschichte lebten, sondern auch dass der Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte ungewöhnlich schnell gewesen sei.  Wahrscheinlicher ist, dass sich in den letzten Jahrtausenden die mittleren Temperaturen in einem etwa drei Grad breiten Band bewegt haben, dass wir nach der Kleinen Eiszeit ganz am unteren Rand dieses Bandes waren und dass die Warmzeiten eher die waren, in der die Menschheit sich voranentwickelt hat.

Dennoch wird im öffentlichen Diskurs immer wieder unwidersprochen behauptet, das derzeitige Klima sei unnormal und besonders schädlich für Mensch und Natur.  Manche Politiker sprechen gar davon, dass der Klimawandel schuld an den deutlichen Migrationsbewegungen der letzten Jahre sei.  Und dies, obwohl der Planet derzeit grüner wird und nach einer in Nature veröffentlichten Studie bessere Lebensgrundlagen gerade in Afrika schafft. Übersehen werden dabei nicht nur die aktuelle Studienlage, über die es wert wäre, eine eigene Kolumne zu verfassen, sondern auch ein sehr wichtiger Punkt:  Viel stärker als ein wie auch immer gearteter "anthropogener Klimawandel" durch Emissionen von Treibhausgasen prägt unser Umgang mit der Natur das lokale Klima.  Fast alle katastrophalen Naturveränderungen der Neuzeit, die nicht auf Vulkanismus und Erdbeben beruhten, wurden durch Fehlverhalten des Menschen ausgelöst.  Der unter dem Vorzeichen der "Entwicklungshilfe" betriebene Brunnenbau der 1970er und 1980er Jahre im Sahel ließ größere Viehherden zu, wodurch der karge Pflanzenwuchs überweidet wurde und der Grundwasserspiegel absank.  Ein Drittel des gemessenen Meeresspiegelanstiegs der letzten Jahrzehnte ist auf das massive Abpumpen von Grundwasser zurückzuführen, wodurch mehr Süßwasser über die Flüsse in die Meere abgeleitet wird.  Abholzung von Wäldern verändert lokale Klimata viel stärker als äußere Einflüsse, es wird heißer und trockener.  Diese Änderungen am lokalen Klima sind in der Tat "anthropogen", haben aber viel trivialere Ursachen als unser Verbrauch an Kohlenstoff-haltigen Rohstoffen.  Nur will das niemand wissen, vielleicht weil es bequemer ist, alle "Schuld" an den beobachteten Klimaveränderungen auf die westlichen Industrienationen zu laden.  Die Verantwortung der lokalen Potentaten und Profiteure in anderen Weltregionen bleibt dagegen gerne unberücksichtigt.

Elefant 3: Die nukleare Option

In Diskussionen über die langfristige Energieversorgung wird so getan, als wäre es realistisch, die ca. 85 Prozent des Weltenergieverbrauchs, die wir derzeit mit chemischen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas decken, aus der Umgebungsenergie (Sonne, Wind, Wasserkraft, Biomasse, Geothermie) zu holen.  Dabei ist das zumindest dann überhaupt nicht notwendig, wenn wir in einem Zeithorizont bis zum Ende des Jahrhunderts planen.  Unberücksichtigt bleibt zu oft, dass die Industrienationen eng zusammenarbeiten, um der Kernfusion zum Durchbruch zu verhelfen.  Es wird zwar noch in der Tat ein paar Jahrzehnte andauern, bis sie großtechnisch und günstig zur Verfügung steht, sie wird aber in der zweiten Jahrhunderthälfte kommen.  Unser Optimismus speist sich aus der Tatsache, dass viele der technischen Herausforderungen, die für die Nutzung der Kernfusion bewältigt werden müssen, grundsätzlich der Simulation auf Computern zugänglich sind.  Und da seit vielen Jahrzehnten alle fünf Jahre die Kosten für Rechenoperationen um einen Faktor von zehn absinken, wird Rechenpower immer leichter verfügbar.  Der Fortschritt in der Kernfusionsforschung sollte sich daher in Zukunft beschleunigen, zumal wenn wir bereit sind, die Fusionsforschung nicht am Geld scheitern zu lassen.

Sobald Energie aus Kernfusion kostengünstig verfügbar ist, werden sich synthetische Kraftstoffe ebenso leicht in großen Mengen herstellen lassen, wie sich weitere Energie-Sektoren elektrifizieren lassen.  Insofern darf uns der technische Fortschritt optimistisch stimmen, dass wir unser Kohlenstoffbudget im Sinne des Zwei-Grad-Ziels des Pariser Klimaabkommens auch ohne industriefeindliche Politik und ohne Verspargelung der Landschaften mit Windrädern unterschreiten werden.  Nur sollten die richtigen politischen Akzente gesetzt werden.

Zusammenschau

Nimmt man die drei "Elefanten"-Themen zusammen, ergibt sich größter Optimismus, dass es uns gelingen wird, die künftige Energieversorgung ohne eine Verschandelung der Kulturlandschaften sicherzustellen, chemische Energieträger nur übergangsweise noch für ein paar Jahrzehnte zu nutzen und dann aus wirtschaftlichen (!) Gründen ihren Einsatz zu beenden.  Das mit dem Wort "Energiewende" hauptsächlich verknüpfte Ziel, die Überwindung chemischer Energieträger, wird sich also ohne wesentliche wirtschaftliche Eingriffe umsetzen lassen.  Etwas mehr Geduld mit dem technischen Fortschritt wäre angebracht.  Für Aktionismus besteht weder Notwendigkeit noch Berechtigung.

9. Oktober 2017

Dr. Björn Peters

Peters beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Energiesektor in Zeiten der Energiewende unter wissenschaftlichen, volks- und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Er ist Inhaber der Unternehmens- und Politikberatung Peters Coll.