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Die Energiefrage

 
 
 
 
 
 

Dr. Björn Peters, Ressortleiter Energiepolitik beim DAV

Die Energiefrage - #19
Unerledigte Aufgaben der Energiepolitik – Endlagersuche

Eine sehr wichtige Frage der deutschen Energiepolitik wurde nach zwei verlorenen Jahrzehnten endlich mit einer ersten Antwort versehen: Für die Suche nach einem atomaren Endlager wurde im März vom Bundestag ein entsprechendes Gesetz beschlossen. Warum dies so lange gedauert hat und warum ein Erfolg nicht garantiert ist, untersuchen wir in unserer heutigen Kolumne.

Das Jahr 1998 war für die ‚Grünen' ein besonderes Jahr.  Zum ersten Mal kam sie in eine Bundesregierung, Jürgen Trittin wurde Umweltminister.  Damit war zum ersten Mal eine politische Kraft an den Schalthebeln der Macht, die sich vor allem als "Anti-Atom"-Partei verstand.  Völlig nachvollziehbar setzten sie sich in der Regierung dafür ein, aus der Nutzung der Kernenergie auszusteigen, solange das Atommüllproblem nicht gelöst sei.  Doch dann taten sie in ihrem Eifer, etwas, was eigentlich hochgradig verantwortungslos war: Statt sich um eine Lösung des Problems mit dem Atommüll zu kümmern, beraubten die ‚Grünen' die Bundesrepublik der beiden einzigen Mittel, die Abhilfe versprachen.  Dass in den Jahrzehnten zuvor die Menge an radioaktivem Atommüll stark zugenommen hatte, konnte und kann man beim besten Willen den ‚Grünen' nicht anlasten.  Sie beendeten aber zum einen die Transmutationsforschung, also die Forschung an der Umwandlung von sehr langlebigen Strahlern in kurzlebige, die dafür gesorgt hätte, dass das Endlagerproblem in wenigen Generationen gelöst werden könnte, statt über hunderttausende Jahre radioaktiven Abfall einlagern zu müssen.  Zum anderen zollten sie den Bürgerinitiativen im Wendland Tribut und stoppten die weitere Erkundung des Endlagers Gorleben, die damals kurz vor einem positiven Abschluss stand. 

Als Physiker ist man geneigt zu glauben, dass Castor-Behälter, in denen hochradioaktive Abfälle in meterdickem Glas eingeschlossen sind, in einem über 200 Millionen Jahre alten Salzstock gut aufgehoben sind.  Der Salzstock wäre über die Äonen nach und nach weggeschwemmt worden, wenn in nennenswertem Umfang Wasser in ihn eingetreten wäre, also scheint er wohl hinreichend stabil für eine weitere Million an Jahren.  Salz ist, physikalisch gesehen, zudem eine sehr langsam fließende Flüssigkeit und könnte die Castorbehälter nach und nach völlig einschließen.  Kleine Störungen im Salz gleichen sich also in wenigen Jahrzehnten wieder aus.  Salz verändert auch bei hohen Temperaturen von über 100°C, die Castorbehälter mit hochradioaktiven Abfällen an der Außenfläche haben, die Materialeigenschaften so gut wie nicht.  Und da die meisten Zerfallsprodukte bei Uran und Plutonium sog. Alphastrahler sind, die also bei Zerfall einen kleinen Heliumkern emittieren, der bereits von einem Blatt Papier aufgehalten wird, sollten Castorbehälter auch lange genug die radioaktive Strahlung abschirmen.  Da der Autor aber kein Experte für Atommüll-Endlagerung ist, laufen Anfragen bei potentiellen Gastautoren, uns darüber sachkundig aufzuklären, wie sich die Experten eine Endlagerung im Salz vorstellten, welche Risiken es dabei gibt und wie mit ihnen umgegangen werden sollte.  Analog hoffen wir auf einen baldigen Artikel zum Stand der Transmutationsforschung. 

Hier sei auf etwas Anderes abgehoben.  Für die Endlagersuche wurde ja in diesem März ein Gesetz verabschiedet, das eine Infrastruktur für die Definition eines Endlagers und einer Standortsuche umfasst (das "Standortauswahlgesetz", StandAG).  Ziel des Gesetzes ist, bis 2031 zu wissen, wie ein Endlager aussehen kann und wo es stehen könnte.  Allerdings fehlt an vielen Stellen die hierfür notwendige Expertise: Durch den von der Regierung Schröder verhängten Forschungsstopp vor zwei Jahrzehnten wanderten zahllose Wissenschaftler von der Kerntechnik in andere Fachgebiete ab oder sind heute verrentet.  Sie fehlen heute, um das Problem effizient und effektiv zu lösen. 

Warum hat es aber so lange gedauert, um das StandAG auf den Weg zu bringen?  Dass die ‚Grünen' kein gesteigertes Interesse an einer Lösung des Atommüllproblems haben, ist klar: Solange sie den Finger in diese offene Wunde der Kernenergienutzung legen können, ist ihre Existenz gesichert.  Sie sind aber seit 2005 nicht mehr in der Regierung.  War es ‚grüner' Zeitgeist, dass die Debatte um das StandAG erst in dieser Legislaturperiode aufgenommen werden konnte?

Es ist zu begrüßen, dass mit dem StandAG die Bundesländer eingebunden sind, und dass das Gesetz von einer sehr breiten Mehrheit getragen wird.  Auch die ‚Grünen' waren in die Abfassung des Gesetzes eingebunden, am Ende stimmten im Bundestag nur die ‚Linken' dagegen.  Ob das Gesetz am Ende so funktioniert, wie es sich die Autoren gedacht haben, ist dennoch nicht sicher.  Der Zeitraum von 14 Jahren ist lang und wird einen Generationswechsel bei den beteiligten Politikern mit sich bringen.  Auch haben in der jüngeren Vergangenheit wenige staatliche oder von staatlichen Stellen organisierte Großprojekte ihre Ziele im gesteckten Zeit- und Kostenrahmen erreicht.  Zu oft haben Inkompetenz, Ideologie und Aufwiegelung breiter Bevölkerungsschichten eine technisch und fiskalisch optimale Lösung verhindert.  Zuletzt wird eine wichtige Option gar nicht untersucht: Mit der Festlegung, dass das künftige Endlager zwingend in den Grenzen unseres dicht besiedelten Landes zu suchen ist, sind Lösungen im Rahmen von internationaler Kooperation mit anderen Atommächten von vornherein ausgeschlossen.

Die Endlagerfrage ist also immerhin gestellt.  Ob sie aber mit den Mitteln des StandAG gelöst werden kann, wird – auch von dieser Stelle – zu begleiten sein.

08. Mai 2017

Dr. Björn Peters

Peters beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Energiesektor in Zeiten der Energiewende unter wissenschaftlichen, volks- und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Er ist Inhaber der Unternehmens- und Politikberatung Peters Coll.