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Die Energiefrage

 
 
 
 
 
 

Dr. Björn Peters, Ressortleiter Energiepolitik beim DAV

Die Energiefrage - #16
Mythen in der Energiepolitik

Ein Mythos ist bekanntlich eine Sage, die immer wieder nacherzählt wird, ohne überprüft zu werden, und dabei eine eigene Wahrheit und ein Eigenleben gewinnt. Auch in der Energiepolitik gab und gibt es solche Mythen: Glaubenssätze, die auf Basis von nicht hinterfragten Annahmen von Forschern nach strengsten wissenschaftlichen Kriterien ausgearbeitet, dann von Politikermund zu Journalistenohr vor und zurück getragen und von einer andächtig lauschenden Öffentlichkeit willig aufgesogen werden.

Im Anfang der Elektrifizierung herrschte noch Pragmatismus vor. Wie ein befreundeter Familienunternehmer erzählte, baute dessen Urgroßvater in seinem Heimatstädtchen ein mittelgroßes Wasserkraftwerk. In den ersten Jahren der Elektrifizierung war der Nutzen von elektrischem Strom noch unbekannt, und so legte er gleich eine Leitung zum Dorfwirt und versprach ihm kostenlose Beleuchtung bei Nacht gegen Werbung für Elektrizität. Auch die umliegenden Straßen bekamen eine Beleuchtung, damit die angetrunkenen Gäste spätabends heil nach Hause fanden. Aus diesen Anfängen entwickelte sich ein veritabler Stromversorger, der in den Folgejahren wuchs und gedieh.

Bis zur Jahrhundertmitte schlossen sich die lokalen Stromerzeuger zu größeren Netzen zusammen, und viele neue Anwendungen wurden der Elektrizität erschlossen. Strom wurde nicht mehr nur zur Beleuchtung, sondern auch für Elektromobile (!), Haushaltsgeräte und Maschinen verwendet. Elektrische Energie wurde zum Motor eines Wirtschaftswunders, Symbol für Fortschritt, Wohlstand und gesunde Lebensumstände.

Noch heute ist eine preisgünstige und zuverlässige Stromversorgung der Garant für wirtschaftliches Vorankommen. Dass dies kein hohles Gerede ist, verdeutlicht die jüngere Geschichte: Nicht die Ursache, wohl aber der Auslöser für die größte Wirtschaftskrise seit 1932 waren die stark gestiegenen Energiekosten der Jahre 2007 und 2008. Im Zuge der hohen Ölpreise kletterten auch die Preise für Kohle, Gas und Strom auf bis dahin nicht gekannte Werte und belasteten die Volkswirtschaften mit erdrückenden Kosten. Dies mag uns heute eine Warnung sein, auch in Zukunft darauf zu achten, dass die Energiemärkte nicht durch zu kostenträchtige politische Maßnahmen belastet werden.

Diese Zusammenhänge waren der Gesellschaft in der letzten Jahrhundertmitte noch gut vertraut. Mit günstiger und frei verfügbarer Energie entwickelte sich eine Utopie, die hoffte, dass sich die Menschheit bessern werde, wenn der Kampf um Energieressourcen überwunden werden könnte. Und mit der Entwicklung der Kernenergie bildete sich der erste Mythos der Energiegeschichte, der vom "billigen Atomstrom". Zahlreiche Kernkraftwerke wurden in den 1960er- und 70er-Jahren projektiert. Dass die Kernenergie mit exorbitanten staatlichen Subventionen entwickelt wurde; dass die mangelnde Versicherbarkeit gegen Havarien durch staatliche Garantien ersetzt wurden; dass die Ewigkeitskosten für die Einlagerung des Atommülls unberücksichtigt blieben; dass die kerntechnische Sicherheit einen umfassenden Überwachungsstaat einfordert; all dies wurde in der ersten Euphorie zunächst ausgeblendet, geleugnet, übersehen. "Der Zusammenschluss planetarer Einzelkulturen zu immer größeren, miteinander kommunizierenden Verbänden wäre nichts anderes als die logische, die geradezu zwingende Fortsetzung alles dessen, was in den hinter uns liegenden 13 Milliarden Jahren geschehen ist.", schreibt im Jahr 1981 der damals sehr in den Medien präsente Physiker "Hoimar von Ditfurth"(1) , und spricht damit einer auf immer freierer Verfügbarkeit von kostengünstiger Energie beruhenden Zukunftsvision das Wort . – Wir werden darauf noch zurückkommen.

In der Zwischenzeit gründete seine Tochter Jutta Ditfurth (nun ohne das "von") die ‚Grünen', und wie so oft in der Geschichte wurden die Übertreibungen nicht korrigiert, sondern durch gegenteilige ersetzt. Franz Alt spricht 1994 von "Die Sonne schickt uns keine Rechnung", ein neuer Mythos ist geboren(2). Die ‚erneuerbaren' Energien halten Einzug in Forschung, Entwicklung und energiepolitischen Debatten, in völliger Verkennung betriebs- und volkswirtschaftlicher Realitäten. Natürlich gibt es keine Poststation auf unserem Zentralgestirn, aber auch Gäa, unsere Mutter Erde, fakturiert uns nichts, wenn wir ihren Gebeinen Kohle, Öl und Gas entreißen. Die Trittinsche "Kugel Eis im Monat" entspringt dieser Denke, und übersieht, dass Kraftwerke unter Einsatz von Rohstoffen, Energie und Arbeitskraft gebaut, gewartet und zurückgebaut werden müssen, dass sie Fläche verbrauchen und dann Strom produzieren sollten, wenn er auch benötigt wird.

Gemeinsam mit Franz Alt erhebt sich Hermann Scheer zur Ikone derer, die an die Endlichkeit von Ressourcen glauben – übrigens auch ein wirkmächtiger Mythos, den wir in der Kolumne Nr. 8 zu entkräften versucht haben. Mit seinem Dogma von der dezentralen Energieversorgung zeigt er vor allem eines an: mangelnde mathematische Grundausbildung. Seine Idee besagt, dass überall genügend Wind- und Solarenergie geerntet werden könne, und dass daher die Energieversorgung lokal erfolgen solle. Das ist auch nicht ganz falsch – im Jahresdurchschnitt. Doch da elektrischer Strom nicht gespeichert werden kann, nützt uns dies wenig: Mittelwerte sind kein nützlicher Begriff in breiten Häufigkeitsverteilungen. Die Tatsache, dass im Zuge der ‚Energiewende' nach immer neuen Stromtrassen gerufen wird, mag uns als Gegenbeweis dienen. Wozu sollten diese sonst dienen, wenn eine dezentrale Energieversorgung möglich wäre? Umgekehrt wäre die Voraussetzung für die Gültigkeit des Mythos von der dezentralen Energieversorgung, dass möglichst verlustfreie Energiespeicher für extrem große Strommengen zur Verfügung ständen. Die illusorische Hoffnung auf deren Entwicklung, die doch durch keine bekannte Speichertechnologie genährt wird, ist die genaue Entsprechung der Hoffnung der Kernkraftbefürworter der 1960er-Jahre, dass sich das Problem mit dem Atommüll schon irgendwie lösen ließe.

Es sollte an dieser Stelle eingestanden werden, dass es wohlfeil ist, sich über Irrtümer der Altvorderen zu mokieren. Allerdings bilden sich derzeit neue Mythen in der Energiepolitik heraus, die wieder eine gefährliche Tendenz zur Vereinfachung haben, und die doch mit geringen Anstrengungen entkräftet werden können.

Das Dogma, dass mehr Energiedämmung immer besser sei, verkennt erstens, dass aus physikalischen Gründen für eine doppelte Dämmwirkung eine vierfach dickere Dämmschicht aufgetragen werden muss. Da die Produktion der Dämmschicht Energie kostet, ist es unklar, ob die dickeren Dämmschichten während ihrer technischen Lebenszeit von 20 – 25 Jahren je mehr Heizenergie einsparen können, als zu ihrer Produktion verwendet wurde. Studien zu diesem Thema sind zumindest nicht bekannt. (Gerne lassen wir uns hier eines Besseren belehren.) Zweitens wünschen wir uns immer größere Fensterflächen, die mehr Wärme hindurchlassen als die Wände, deren Dämmwirkung dadurch unerheblich wird. Drittens hat sich die subjektive Wohlfühltemperatur auch durch die bessere Wärmedämmung von ca. 18°C auf heute ca. 24°C erhöht. Dadurch steigt wiederum der Heizwärmebedarf. Die Wahrnehmung, dass Elektromobilität irgendwie "sauber" sei, verdanken die Elektrofahrzeuge den wenigen Stunden auf der Straße. Emissionsfrei und leise durch die Stadt zu fahren ist eine wohltuende Tätigkeit. Dass aber 85% des Feinstaubs, der im Straßenverkehr erzeugt wird, nicht aus dem Auspuff kommt, sondern vom Reifen-, Bremsen- und Straßenabrieb, den auch Elektrofahrzeuge erzeugen, ist mit unseren Sinnen nicht erkennbar. Zudem findet die Produktion der Metalle, die für Magneten und Batterien benötigt werden, dankenswerterweise in Ländern statt, die wir Normalbürger üblicherweise nicht bereisen. Ansonsten könnten unliebsame Nachrichten von gravierenden Natureingriffen unser gutes Gewissen trüben, und wer will das schon.

Besonders problematisch ist die Idee, dass wir die Energiewende retten könnten, indem wir künftigen Generationen vorschreiben, dass sie nur noch die Hälfte der Energie verbrauchen dürfen, die wir für uns in Anspruch nehmen. Dieses Konzept speist sich aus der zutreffenden Erkenntnis, dass die Energiewende mit Solar- und Windenergie nicht zu bewerkstelligen ist. Nun wird nach neuen Ideen gesucht. Doch erstens widerspricht ein Rückgang des Energieverbrauchs aller Erfahrung. Die Einsparziele der Bundesregierung wurden regelmäßig durch neue technische Anwendungen für Energie zunichtegemacht. Die Forderung nach einer drastischen Einschränkung des Energieverbrauchs würde also bedeuten, dass spätere Generationen von Chancen aus künftigen technologischen Entwicklungen abgeschnitten würden. Woher nehmen wir aber das Recht, unseren Enkeln solche Einschränkungen ihrer Art zu leben aufzubürden? Hoimar von Ditfurths Glaube, dass sich die Menschheit zu anderen Sternen aufmachen wird, wird sich ohne die Erschließung neuer Energiequellen nicht umsetzen lassen. Machen wir uns auf die Suche.

Ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Am Ostermontag pausieren wir kurz.
Den nächsten, siebzehnten Beitrag lesen Sie am 24. April.

(1)Hoimar von Ditfurth, Im Anfang war der Wasserstoff, dtv 1981, S. 327

(2) Franz Alt, Die Sonne schickt uns keine Rechnung, Piper 1994

10. April 2017

Dr. Björn Peters

Dr. Björn Peters ist Gründer der
Unternehmens- und Politikberatung
"peters – Continental Commodity Consulting"

Dr. Björn Peters ist Analyst und beschäftigt sich
seit vielen Jahren mit dem Thema "Energiewende"
unter wissenschaftlichen als auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten