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Brigadier Gustav E. Gustenau
Strategiefindung in unsicheren Zeiten

Abseits der Lehren der großen militärischen Denker, die ihre Strategiebegriffe im Kontext der jeweiligen historischen Rahmenbedingungen formulieren konnten und dabei auch zu durchaus unterschiedlichen Konzeptionen fanden, kommt man bei einer Reflexion aktueller Strategieschulen an den grundlegenden Aussagen von Henry Mintzberg nicht vorbei. Er unterscheidet zehn Denkschulen des strategischen Managements, die sich während der letzten 50 Jahre zu unterschiedlichen Zeitpunkten herausgebildet haben. Jeder dieser Ansätze hat seine Berechtigung unter bestimmten Voraussetzungen. Doch bei aller Verschiedenheit und unterschiedlicher Begrifflichkeit gibt es generelle Übereinstimmungen über das Wesen von Strategie:

  • Strategie betrifft sowohl die Organisation als auch das Umfeld

  • Die Substanz von Strategie ist komplex

  • Strategie wirkt sich auf das gesamte Wohlergehen einer Organisation aus

  • Strategie umfasst sowohl inhaltliche als auch prozessuale Aufgaben

  • Strategien existieren auf verschiedenen Ebenen

  • Strategien umfassen verschiedene analytische wie konzeptuelle Denkprozesse.

Die Sache wird zudem nicht einfacher wenn gefordert wird, dass jeder Strategieprozess die unterschiedlichen Aspekte der verschiedenen Denkschulen miteinander kombinieren muss. Das erfordert sowohl vom "Strategen" als auch vom Entscheidungsträger einiges.

Denn eine der zentralen Herausforderung vor allem auf politischer Ebene folgt aus dem Umstand, dass Entscheidungsträger die wesentlichen Charakteristika des allgemeinen politischen und natürlich auch sicherheitspolitischen Umfeldes nach wie vor weitestgehend ignorieren: Komplexität, Volatilität und Unsicherheit.

Die Komplexität des Umfeldes entstand in den letzten zwanzig Jahren u.a. aufgrund der Vernetzung von innerer und äußerer Sicherheit, des Auftretens nichtstaatlicher Konfliktakteure, der Erweiterung des Konfliktraumes auf Umwelt, wirtschaft, Information und Infrastruktur sowie der politisch-ökonomischen Interdependenz zwischen den Weltregionen. Entwicklungen bzw. erkennbare Trends sind vielfach hoch volatil und erzeugen so ein "Lagebild" das von Unsicherheit gekennzeichnet ist.

Demgegenüber stehen alte Denkmuster und Narrative, die nicht selten zu Fehleinschätzungen führen müssen. Denn aus herkömmlichen Denkmustern werden oftmals politische Visionen – also gewünschte Zukünfte – abgeleitet, die in einer hochkomplexen und von hochgradiger Unsicherheit geprägten Realität keinen Bestand haben können. Der Umgang des Westens, vor allem Europas, mit Russland in der Ukrainekrise ist ein illustres Beispiel dafür, was passiert, wenn man "die Lage" falsch einschätzt (völliges Ignorieren vitaler russischer Sicherheitsinteressen in der Ukraine)- , noch dazu in den entscheidenden Phasen Akzente setzt (Unterstützung antirussischer Akteure im Februar des Jahres in Kiew), die genau jene Dynamik erzeugt, die man eigentlich vermeiden wollte (Bürgerkrieg in der Ukraine) und schließlich durch die Sanktionen einen Pfad betritt, von dem man keinesfalls weis, wohin er führen wird (neuer Kalter Krieg zwischen dem Westen und Russland mit einer Ukraine als Failed State? Oder ein Zusammenbruch des russischen politischen und ökonomischen Systems?). Um all das zu vermeiden hätte es einer kohärenten Strategie der EU gegenüber Russland bedurft, die es aber nicht gibt. An dieser Stelle geht es nicht um einen pro- oder kontrarussischen Standpunkt sondern um zu zeigen was passiert, wenn die politisch-strategischen Instrumente versagen. Im Unterschied zur Politik, bei der es natürlich auch um normative Ordnungsvorstellungen und wie erwähnt um Visionen geht, sollte das Geschäft der Strategie ein anderes sein: Messerscharfe Analyse und beinharte Entschlussfassung. Das passt mit politischen Wunschvorstellungen allerdings nicht immer zusammen.

Immerhin wurde das Fehlen strategischer Entscheidungsfähigkeiten in den letzten Jahren erkannt und man beginnt auf Ebene der EU wie auch einzelner Staaten entsprechende Instrumente aufzubauen. Unter dem Titel strategischer Vorausschau werden diverse Einrichtungen geschaffen, die mit "Risk Assessement und Horizon Scanning" beauftragt werden und valide Grundlagen für die strategische Entscheidungsfindung zu schaffen haben. Die ersten Software basierten Lösungen finden sich im täglichen Gebrauch und erfordern ein exzellent geschultes Personal.

Stellt sich die Frage, wo bleibt da die Wirtschaft? In einer interdependenten Welt sehen sich Unternehmen gerade in einer exportorientierten Wirtschaft nicht selten mit einem ähnlichen oder gar demselben Umfeld konfrontiert wie staatliche Akteure. Große Unternehmen haben parallel zu staatlichen Institutionen begonnen ihre "Konzernlagebilder" mit ähnlichen Fähigkeiten auszustatten. Strategieabteilungen und eigene Foresightprozesse sind hier keine Seltenheit mehr. Viel problematischer sieht es auf Ebene der KMU´s aus, da hier die Möglichkeiten für einen modernen früherkennungsinduzierten strategischen Planungsprozess meistens nicht vorhanden sind.

Dabei sind auch hier dieselben Grundprinzipien zu beherzigen wie bei großen Unternehmen. Vernetztes Denken und Handeln erfordert die Fähigkeit zur Analyse komplexer Umfeldsysteme deren Handhabbarmachung für das Unternehmen; Zukunftsoffenes Denken und Handeln bedeutet Unsicherheiten erkennen und in Entscheidungsprozessen berücksichtigen; Strategisches Denken und Handeln bedeutet Erfolgspotentiale der Zukunft erkennen und visionäre Strategien entwickeln und umsetzten.

In Kenntnis beider Welten, der staatlichen und der wirtschaftlichen, scheint sich der Eindruck durchzusetzen, dass sich die Kompetenzen bei den angesprochenen zukunftsweisenden Managementprozessen wieder zu verlagern beginnen. Waren bis nach dem zweiten Weltkrieg die Streitkräfte der Kompetenzträger von Strategie in Theorie und Praxis, verlagerte sich bald nach dem Krieg die Dynamik in den Bereich der Wirtschaft mit ihren zahlreichen Strategieschulen. Nunmehr sind die Anforderungen an strategische Prozesse in einem Ausmaß gestiegen, dass neben großen Unternehmen vor allem staatliche oder mehr noch internationale Institutionen in der Lage sind, sowohl umfassende als auch dauerhafte Strategieprozesse eigenständig zu betreiben.

Gesamtstaatliche Lagezentren, die unter Einbindung von nachrichtendienstlichen Informationen, nahezu in Permanenz zur strategischen Entscheidungsunterstützung aufgefordert sind, müssen sich angesichts von Komplexität, Volatilität und Unsicherheit, mit der Entwicklung von Analysetools und der Konzeption von Lagebildern beschäftigen, die Führung in unsicheren Zeiten ermöglicht.

Diese Aufgabenstellung gilt es staatlicherseits massiv zu unterstützen und die Wirtschaft wäre gut beraten, mit den staatlichen Methoden und Prozessen Schritt zu halten. Denn die überlappenden Handlungsfelder von Politik, Sicherheit und Wirtschaft werden auf absehbare Zeit eher größer als kleiner. Eine kohärente und zukunftsweisende Führungskultur ist schließlich eine der essentiellen Voraussetzungen auf denen die Resilienz eines modernen Staates beruht – hier gibt es noch viel zu tun.

Gustav Gustenau ist Verbindungsoffizier des Verteidigungsministeriums
zum Sekretariat des Nationalen Sicherheitsrates in Österreich

22. Oktober 2014