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Heiko Borchert, Strategieberater

Reihe Ländercheck: Südkorea

Ambitioniert, anspruchsvoll und schwierig

Südkoreas Ambitionen zwischen
staatlicher Lenkung und US-Dominanz

Die Sicherheitswirtschaft in Deutschland ist sehr heterogen zusammengesetzt. Sie umfasst Unternehmen die sowohl Know-how- und kapitalintensive als auch arbeitsintensive Produkte und Dienstleistungen in den zusammenrückenden zivilen und militärischen Märkten – Safety, Security, Defence – anbieten, u.a. zum Schutz von kritischen Infrastrukturen, zum Schutz vor Kriminalität, Wirtschaftsspionage und Terrorismus, aber auch zur Bewältigung von Krisen und Naturkatastrophen.

Die Sicherheitswirtschaft wächst überdurchschnittlich. Im Jahr 2011 verzeichnete sie einen Gesamtumsatz von € 35 Mrd. und 450.000 Beschäftigten in Deutschland. Dies ist Ergebnis einer Erhebung des Brandenburgischen Instituts für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS) gGmbH - "Die Sicherheitswirtschaft in Deutschland – Marktstrukturerhebung von Unternehmen in einem Wachstumsmarkt". Im Durchschnitt erwirtschaften die befragten Unternehmen zu ca.
24 % ihren Umsatz mit der öffentlichen Hand, ca. 60 % mit der gewerblichen Wirtschaft und ca. 16 % mit privaten Haushalten. Insgesamt 16 % der Unternehmen produzieren ihre Sicherheitsgüter und -dienstleistungen für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) und sonstige öffentliche Institutionen. Ein großes Kundensegment sind zudem mit 20 % das produzierende Gewerbe und das Baugewerbe. Darüber hinaus sind auch Kunden aus dem Dienstleistungsbereich mit 16 % Anteil ein wichtiger Abnehmer von Sicherheitsprodukten bzw. -dienstleistungen.

Bisher sind 79 % der befragten Unternehmen ausschließlich auf dem nationalen Absatzmarkt aktiv. Nur ca. 21 % der Sicherheitsunternehmen vermarkten ihre Sicherheitsgüter auch inter-national. Dies wird sich absehbar ändern. Im Zuge der dynamischen Globalisierung der Märkte rücken Exportmärkte zunehmend in den Fokus. Dabei registrieren viele Sicherheitsunternehmen, dass technologische Themen wie IT- Sicherheit, elektronische Sicherheitssysteme und Sicherheitslösungen aufgrund der zunehmenden Technologisierung in allen Lebensbereichen die zukünftigen zivilen wie militärischen Märkte prägen werden.

Auf den ersten Blick präsentiert sich Südkorea als Wirtschaftswunder par excellence. Beinahe aus dem Nichts erarbeitete das Land nach dem Koreakrieg die Grundlagen seines rasanten Wirtschaftsaufstiegs. 2013 stand Südkorea gemessen am Bruttoinlandsprodukt in US-Dollar weltweit auf Platz 14 (Deutschland 4) und gehörte damit in der asiatisch-pazifischen Region nach China und Japan zu den führenden Wirtschaftsnationen. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass dieser Erfolg auf einer fragilen Grundlage steht.

Ambitioniert, aber verwundbar

Der Konflikt mit Nordkorea, die sicherheitsstrategische Partnerschaft mit den USA und die überragende Bedeutung der Wirtschaftsbeziehungen zu China prägen Südkoreas Ausgangslage. In diesem Dreieck tut sich Seoul schwer, einen eigenständigen außen- und sicherheitspolitischen Weg zu definieren und neigt beim Streben nach einem sichtbaren internationalen Profil dazu, seine Möglichkeiten zu überschätzen. So stößt z.B. die in Anspruch genommene Rolle als Vermittlerin auf den Widerstand der Nachbarn in der Region. Zudem machen die dramatisch hohe Abhängigkeit von Energie- und Nahrungsmittelimporten, der hohe Verschuldungsgrad der Privathaushalte und eine schnell alternde Gesellschaft das Land strategisch verwundbar.

Die USA sind Südkoreas wichtigster Sicherheitspartner. Diese Beziehung prägt Südkoreas Sicherheitspolitik und führt zur Frage, wann Seoul bereit ist, die Verantwortung für die militärische Führung in Friedens- und Kriegszeiten von den USA zu übernehmen. Solange die strategische Abhängigkeit von den USA besteht, bleibt die Dominanz der US-amerikanischen Rüstungsindustrie ungebrochen. Dem steht die wirtschaftspolitische Bedeutung Chinas gegenüber. 2013 lag der Anteil Chinas am gesamten Außenhandel Südkoreas in Höhe von gut 1,000 Mrd. US$ bei 21 %, jener der USA bei 10 %. Ebenso ist der Bestand südkoreanischer Direktinvestitionen in China grösser als in den USA. Langfristig ist daher völlig offen, ob es Seoul gelingt, zwischen wirtschafts- und sicherheitspolitischer Loyalität die Balance zu halten, oder ob Peking Washington als strategischen Partner ablöst.

Rüstungsindustrie im Zeichen des Staates

Südkorea ist trotz technischer Fortschritte auf die Einfuhr von Rüstungsgütern angewiesen. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI importierte Südkorea zwischen 2000 bis 2013 Rüstungsgüter im Wert von knapp 15 Mrd. US$. Davon entfielen ungefähr 75 % auf die USA. Die Marktmacht der US-Anbieter spiegelt sich neben dem Marktvolumen auch in den gelieferten Systemen (z.B. Aufklärungsflugzeuge, Kampfjets, unbemannte fliegende Systeme, Zulieferungen für Kampfpanzer, Lenkflugkörper, Radar- und Sonarsysteme, Motoren und Triebwerke) und in den Dienstleistungen zur Modernisierung. Deutschland ist wertmäßig der zweitwichtigste Rüstungspartner Südkoreas u.a. mit Lieferungen von U-Booten, Sonarsystemen, Torpedos, leichten Hubschraubern, Lenkflugkörpern und Motoren.

Südkoreas Streben nach Sicherheit vor Nordkorea erklärt die hohen Rüstungsimporte und den Wunsch nach einer eigenständigen Rüstungsindustrie. Der Entschluss, die nationale Selbstversorgung mit Rüstungsgütern zu stärken, fiel in den 1960er Jahren. Als Basis hierfür dienten die Chaebols, die familiengeführten Großkonzerne, auf die heute knapp 70 % der Wirtschaftsleistung des Landes entfallen. Weil die Chaebols in klar abgegrenzten Märkten agieren, entstand in Südkorea eine rüstungsindustrielle Struktur mit geringen Überlappungen. Über- und Unterwasser dominieren Daewoo Shipbuilding and Marine Engineering (DSME) sowie Hyundai Heavy Industries, im Luftfahrtbereich ist Korea Aerospace Industries (KAI) führend. Hyundai Rotem und Samsung Techwin stellen landgestützte Plattformen her, bei leichten geschützten Fahrzeugen spielt auch Doosan DST eine Rolle. Dieses Unternehmen produziert wie LIG Nex 1 und Hanwha die wichtigsten Waffen. LIG Nex1 und Samsung Thales Corporation sind die führenden Anbieter für Verteidigungselektronik sowie für Informations- und Kommunikationstechnologie im Verteidigungsbereich. STX Engine ist der zentrale Motoren- und Triebwerksbauer. Trotz seiner strategischen Bedeutung ist die volkswirtschaftliche Relevanz des südkoreanischen Rüstungssektors gering. Nach Schätzungen arbeiten dort nur gut 0,1 % der 25 Millionen südkoreanischen Beschäftigten. Der Umsatz im Verteidigungsbereich der drei führenden Rüstungsunternehmen Samsung Techwin, LIG Nex1 und KAI lag 2013 bei knapp 3,4 Milliarden US$.

Dies macht deutlich, dass der Staat der eigentliche Kernakteur des südkoreanischen Rüstungssektors ist. Dieser ist an KAI bzw. DSME beteiligt und übt seinen Einfluss vor allem über die Technologie- und Produktentwicklung aus, insbesondere indem der Staat die relevan-ten geistigen Eigentumsrechte hält. Die Agency for Defense Development (ADD) und die Defense Acquisition Program Administration (DAPA) sind die Schlüsselbehörden. Die DAPA legt die strategische Richtung für die Entwicklung neuer Waffensysteme fest und entscheidet über die Projektbeteiligten. Dabei spielt die ADD eine prominente Rolle. Das weckt den Unmut der Industrie, weil die ADD versucht, das Produktdesign zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Zudem führt die ADD als Systemintegrator die Komponenten zusammen, die von der Industrie (mit)entwickelt werden und wirkt dadurch als Korrektiv zwischen den Chaebols.

Die nationalen Anforderungen an die Streitkräfte resultieren primär aus der regionalen Bedrohungslage und bestimmen das Produktportfolio der Rüstungsindustrie. Daher gilt: Je relevanter ein Waffensystem für den Einsatz des Heeres zum Schutz vor Nordkorea ist, desto ausgeprägter sind die nationalen Industriekompetenzen und desto geringer ist die Abhängigkeit von ausländischen Komponenten. Der Umkehrschluss trifft vor allem für die luft- und seegestützten Systeme zu, auch wenn die südkoreanischen Anbieter gerade hier aufgrund der staatlichen Unterstützung Exporterfolge verzeichnen.

Ambitionierte Rüstungsexportpolitik

Südkorea sieht Rüstungsexporte als Instrument der politischen Einflussnahme. Erfolge im Rüstungsexport unterstreichen die Leistungsfähigkeit des Landes und damit Anspruch, zu den weltweit führenden Technologieländern zu gehören. Die ausgeprägten Ambitionen spiegeln sich in der Entwicklung des Rüstungsexportvolumens. Dieses lag nach offiziellen Angaben 2005 noch unter 300 Mio. US$, erreichte 2012 einen Wert von knapp 2,3 Mrd. US$ und soll bis 2020 auf 4 Mrd. US$ steigen. Die Regierung fördert den Rüstungsexport sehr aktiv u.a. durch regionale Exportstrategien, Finanzhilfen, Preisstützung sowie Government-to-Government-Flankierung (G2G).

Bislang entwickelt Südkorea keine besonderen Exportkonfigurationen seiner Produkte, sondern versucht, nationale Lösungen wie das Trainingsflugzeug T-50, die Panzerhaubitze K-9, Schiffe und U-Boote im Ausland zu verkaufen. Südkoreas Erfolge im Rüstungsexport sind daher entweder das Ergebnis gemeinsamer Produktentwicklung mit internationalen Partnern (z.B. KAI und Lockheed Martin für T-50) bzw. der "Koreanisierung" fremder Produkte und Technologien (z.B. U-Boote aus Deutschland). Zu den drei führenden Absatzregionen zählen Asien (z.B. Indonesien, Philippinen) vor Nordamerika und dem Mittleren Osten (z.B. Irak). In Europa liefert Südkorea Einsatzgruppenversorger nach Großbritannien, verhandelt im Mari-nebereich mit Norwegen und ist am polnischen Markt interessiert.

Die internationale Zusammenarbeit bei rüstungsspezifischer Forschung und Technologie (F&T) verschafft Zugang zu ausländischer Technologie, schließt nationale Kompetenzlücken und legt die Basis für künftige Rüstungsexporte. Das zeigt sich deutlich an den aktuellen, von der DAPA definierten Schwerpunkten. Die vier Themenfelder Aufklärung und Überwachung; präzisionsgesteuerte Munition, Lenkflugkörper und Torpedos; unbemannte Systeme sowie Schutz und Luftverteidigung spiegeln die Gefährdungslage auf der südkoreanischen Halbinsel und nehmen Bedrohungselemente auf, die auch in anderen Regionen relevant sind. Deshalb ist anzunehmen, dass Südkorea mit diesen Schwerpunkten die nächste Exportwelle eigener Rüstungsprodukte vorbereitet.

Sehr anspruchsvolle Markteintrittsbedingungen

Südkorea zählt als ambitioniertes und technologieaffines Land zu den attraktiven Rüstungsmärkten. Schätzungen gehen davon aus, dass Südkorea zwischen 2013 bis 2017 knapp 37 Mrd. US$ für seine militärischen Beschaffungsprogramme ausgeben könnte. Dem stehen neben dem wirtschaftlich schwierigen Marktumfeld die sehr anspruchsvollen Markteintrittsbedingungen gegenüber.

Wer Rüstungsgüter verkaufen will, muss südkoreanische Unternehmen durch Kompensationsgeschäfte (Offset) beteiligen. Die DAPA bestimmt Südkoreas Offsetansatz. Offsetverpflichtungen in Höhe von mehr als 50 % des Projektvolumens greifen in der Regel bereits ab einem Projektwert von 10 Mio. US$. Offsetverpflichtungen können z.B. durch den Transfer von Hochtechnologie, Exportmöglichkeiten für südkoreanische Anbieter, die Beteiligung südkoreanischer Akteure an gemeinsamen F&T-Projekten oder die technische Ausbildung südkoreanischer Ingenieure erfüllt werden. Direktinvestitionen sind ebenfalls denkbar. Lokale Beobachter berichten allerdings, dass die DAPA der Stärkung lokaler Produktionskapazitäten den Vorzug gibt, um die nationale Entwicklungsfähigkeit sicherzustellen. Stellvertretend für den Staat hält die DAPA auch die geistigen Eigentumsrechte, die durch Offsetverpflichtungen an Südkorea übertragen werden. Damit verstärkt sie ihre zentrale Rolle bei der Technologie- und Produktentwicklung.

Fazit:
Strategisch aufstellen – Technologietransfer vermeiden
Südkorea ist ein anspruchsvoller, weil ambitionierter Rüstungspartner. Aufgrund der spezifischen Marktbedingungen, der dominanten Rolle des Staates und des großen Einflusses der USA sollten sich deutsche Rüstungsanbieter dem südkoreanischen Markt mit Vorsicht nähern. Generelle Voraussetzungen für jeden, der sich in Südkorea engagieren will, sind eine klare Strategie mit besonderem Blick für die schwierigen lokalen und regionalen Rahmenbedingungen, ausreichendes finanzielles Stehvermögen und die Bereitschaft, mit großen kulturellen Unterschieden umzugehen, die die Zusammenarbeit im Alltag nachhaltig beeinflussen. Bei den umfassenden Forderungen nach Technologietransfer ist Zurückhaltung angezeigt, so dass reine Produktlieferungen und Dienstleistungen z.B. im Bereich der Modernisierung zu bevorzugen sind. Diese unternehmerischen Überlegungen sollten in einen strategischen Dialog mit der Amtsseite über die langfristigen außen-, sicherheits- und rüstungspolitischen Ziele Deutschlands in Nord-Ost-Asien eingebettet werden, den es aufzubauen gilt.

Dr. Heiko Borchert ist Inhaber und Geschäftsführer der
auf strategische Sicherheitsthemen spezialisierten Sandfire AG.

(24.9.2014)