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Dr. Ing. Wolfgang Prabel
Chlorhühnchen und das Freihandelsabkommen

Eine Salmonellenerkrankung gehört in Deutschland zu den meldepflichtigen Krankheiten. Salmonellenerreger sind sehr hartnäckig, selbst in getrocknetem Kot sind sie länger als 2 Jahre nachweisbar. Auch wenn die Krankheit für den normalgesunden Menschen schnell überwunden ist: laut Wikipedia sterben weltweit jedes Jahr doch mehr als ein halbe Million Menschen. Übrigens sind 90% aller lebensmittelbedingten Erkrankungen durch Salmonellen verursacht. Die Krankheit ist also nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Eine Vorbeugung durch Lebensmittelhersteller also mehr als wünschenswert.

Damit wären wir beim Chlorhühnchen, das zum Symbol einer angstbesetzten Ablehnung des TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership), des Transatlantischen Freihandelsabkommens, herhalten muss.

Was hat das arme Tier getan?

In Amerika werden Hühnchen nach dem Schlachtvorgang in einer Chlordioxidlösung gebadet, um Salmonellen ein für alle mal abzutöten. Übrigens handelt es sich um exakt die gleiche Chlordioxidlösung, mit der wir Menschen auch in Schwimmbädern "gebadet" werden, um Ansteckungen "im Keim" zu ersticken. Chlordioxid wird als Desinfektionsmittel generell bei der Wasseraufbereitung genutzt, auch beim Trinkwasser, um einer bakteriellen Verunreinigung vorzubeugen.

Was hat das alles mit dem Freihandelsabkommen zu tun?

Zunächst einmal wenig, könnte man sagen. Wenn nicht, wie heute üblich, aus wissenschaftlicher Unkenntnis oder mit kriminellem Vorsatz Angst als politisches Durchsetzungsinstrument genommen wird. Die Gegner des Freihandelsabkommens haben sich ein gefälschtes Symbol geschaffen indem Sie "Chlordioxidlösung" – für den Menschen vollkommen unbedenklich - durch "Chlor" ersetzt haben. Und mit dieser perfiden Methode gegen das Abkommen antreten, ohne das eventuelle andere Beweggründe sichtbar werden.

Die Grünen und ihr politisches, kulturelles und redaktionelles Umfeld engagieren sich zwar sehr für den Teil der Natur, den Sie als schützenswert erachten, haben aber von Naturwissenschaft erschreckend wenig Ahnung. Inzwischen ist es Ihnen auch zu dem komplexen Thema "Freihandelsabkommen" gelungen, mit einem dummdreisten Trick den Großteil der deutschen Bevölkerung in einen weiteren "Ich-habe-solche-Angst"- Hypnosezustand zu versetzen. Auch eine orientierungslose Physikerin hat sich wieder mal Wort gemeldet. Frau Dr. Merkel verkündete 2014 auf einer Wahlveranstaltung in Worms: "Es wird keinen Import aus Amerika von Chlorhühnchen geben. Das habe ich schon jahrelang verhindert und das werde ich auch weiter verhindern. Das ist gar keine Frage." Lieber will man weiter wässrige und schmerzhafte Salmonellen-Durchfälle in Deutschland in Kauf nehmen.
Die Vorkehrungen gegen Salmonellen in Deutschland beginnen nämlich erst in der Küche des Verbrauchers: Das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz schreibt: "Fleisch, vor allem Geflügel, im Kühlschrank zugedeckt auftauen und dabei das Abtropfwasser in einem Gefäß auffangen und wegschütten. Wichtig ist, dass andere Lebensmittel damit nicht in Berührung kommen." Vom Kühlschrank zum Spülstein oder zur Toilette findet eine Art Castortransport statt. Dieser Castortransport läuft allerdings reibungslos, ohne Sitzblockade von Frau Roth, denn die Alternative, den Krankheitserreger schon vorher zu eliminieren, macht ihr und ihresgleichen ja so diffuse "Angst". Nach dem Ausschütten der Salmonellenbrühe muß man den Spülstein und den Transportbehälter noch einer Hitzebehandlung unterziehen und die Hände desinfizieren. Und dann können immer noch Salmonellen am Geflügel kleben, und zwar solange, bis es auf 75 Grad erhitzt wird. Ein amerikanisches Chlorhühnchen wäre zu diesem Zeitpunkt schon ohne jede Gefährdung gegessen und die Reste entsorgt.

Müssen wir nun das TTIP-Freihandelsabkommen befürworten, weil eine wissenschaftsfeindliche Mehrheit dagegen mobilisiert wurde? Eher nicht! Geflügel könnte man ja auch ohne Freihandelsabkommen chloren! Dazu müsste Deutschland allerdings erst aus der EU austreten, denn die  europäischen Agrarminister hatten das Chlorhuhnverbot im Dezember 2008 erneuert, um sich die ausländische Konkurrenz vom Halse zu halten. Die vormalige Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat dabei den Vogel abgeschossen mit dem Satz: "Wir werden gegen die Einfuhr von kontaminiertem Geflügel stimmen". Auch hier fragt man sich, ob so etwas aus purer Dummheit gesagt wird oder schon als populistische
Aufwiegelung gegen besseres Wissen anzusehen ist.

Bleibt festzustellen, dass es im Kontext des geplanten Abkommens mit den Vereinigten Staaten durchaus ernste Fragen zu verhandeln gäbe. Zum Beispiel die Frage der Schiedsgerichte im Handel, um nur ein Beispiel aufzurufen. Solche Schiedsgerichte sind beim Außenhandel zwischen Ländern mit entwickelter Rechtskultur eher schädlich. Der öffentliche Diskurs über das Freihandelsabkommen wird auf Druck der Öko-Partei, der per se immer antiamerikanischen Linken, von Lobbyisten und durch die Berichterstattung in den Medien auf einem Feld ausgefochten, das für die deutsche und europäische Bevölkerung gerade nicht der wunde Punkt ist.

Bleibt abschließend die Frage, ob das Chlorhühnchen nur eine Nebelkerze ist. Denn wenn es eine praktische Anwendung gibt, bei der Politikern uneingeschränkter Sachverstand attestiert werden kann, dann ist es der sachgemäße Gebrauch von Rauchgranaten.

Wolfgang Prabel
ist Bürgermeister von Mechelroda

(10. August 2014)