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Interview mit Reinhold Messner
"Der Ausstieg aus der Atomkraft
in Deutschland war völlig unvorbereitet"

Peter Schmidt: Wenn ich durch meine Heimat in Rheinland-Pfalz fahre, kommen mir die heißen Tränen. Das Land wurde in einem ungeheuerlichen Ausmaß verspargelt. Gibt es auch für Sie den Tatbestand der "visuellen Umweltverschmutzung"?

Reinhold Messner: Für jeden, der die Natur sieht, ist die Verspargelung etwas Unangenehmes, eine Einschränkung von Landschaftsgenuß. Es ist aber so, dass der Bürger die Atomkraft nicht will, sich aber mit den Folgen der Energiewende ebenfalls schwer tut.

Peter Schmidt: Nun gibt es mindestens so viele Gründe, die gegen die Windkraft sprechen wie Gründe, die Windkraftbefürworter als "Pro" ins Feld führen. Haben Sie eine Erklärung für den Fanatismus, der die Gegenargumente nicht einmal als Basis einer sachlichen Argumentation zulässt?

Reinhold Messner: Sie haben recht, es sind schlimme Fundamentalismen entstanden, die dieser Diskussion nicht gut tun. Aus meiner Sicht war der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland völlig unvorbereitet, man hätte einige Jahre abwarten müssen um dann mit Plan und abgestimmt mit Fachleuten einen neuen Weg beschreiten zu können. Inzwischen wissen wir, dass die alternativen Technologien noch nicht ausgereift sind. Auch wenn es viele nicht gerne hören und ich selbst auch meine Probleme damit habe: Deutschland ist eine Industrienation und angewiesen auf preiswerte und uneingeschränkt verfügbare Energie.

Peter Schmidt: Wie erklären Sie sich die Bigotterie der Pro-Windkraft-Bewegung? Einerseits tritt man als unbeugsamer Beschützer der Natur auf, andererseits kennt man kein Pardon, wenn es  um hunderttausende Tiere geht, die geschreddert werden oder unter dem enormen Druck aufplatzen?

Reinhold Messner: Die Bigotterie in linken und ökologischen Kreisen ist in der Tat oft zum Kopfschütteln. Nicht nur beim Thema Windkraft und Energiewende.

Peter Schmidt: Das betrifft ja nicht nur die toten Tiere, es betrifft ja auch die Kosten.

Reinhold Messner: Das Ganze ist wirtschaftlich ungerecht, denn der normale Bürger zahlt die Zeche und eine große Zahl von Anlegern und Subventionsgewinnlern machen zum Teil unvorstellbare Gewinne.

Peter Schmidt: Für viele Themen des Naturschutzes haben sich analog zu Projekten wie "Live-Aid" Prominente zusammengeschlossen, um gegen Versündigungen des Menschen an der Schöpfung die Stimme zu erheben. Das Ausmaß der Landschafts- und Umweltzerstörung im Zusammenhang mit Windkraft hat ein Maß angenommen, dass eine solche Aktion von Prominenten wünschenswert machen würde. Da eine solche Hilfsaktion nicht in Sicht ist: haben Prominente zu wenig Rückgrat, um sich auch gegen einen vermeintlichen Mainstream zu stellen? Sind Promis immer dann zur Stelle, wenn Volkes Stimme nach dem Mund geredet wird?

Reinhold Messner: Unpopuläre Meinungen zu äußern ist in der Tat nicht jedermanns Sache. Zivilcourage ist im Schwinden. Es wäre aber schade wenn Sie damit recht hätten, dass sich auch Prominente den Versuchungen des Fundamentalismus nicht entziehen.

Peter Schmidt: Ich habe gehört, dass Sie sich zum bevorstehenden 70. Geburtstag selbst ein Geschenk gemacht haben?

Reinhold Messner: Zu meinem 70. wird ein neues Buch erscheinen: "Über Leben".  Ich gehe dort auch auf viele der Themen ein, weit ausführlicher als wir sie hier anreißen konnten.

Peter Schmidt: Es war eine große Freude mit einem Menschen zu sprechen, der nicht in schwarz und weiss denkt und sich die Nuancen erhalten hat. Vielen Dank und einen herrlichen Sommer in Tirol.