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Udo Pollmer, Institut E.U.L.E
Unter Heuchlern

Essen ist nicht mehr eine Frage des Sattwerdens, des Preises oder der Vielfalt. Es ist neuerdings eine Frage der Ethik – zumindest im Falle rein pflanzlicher Kost. Man wird nicht einfach Vegetarier, weil einem der Duft des Bratens missfällt, heute ist man "ethischer" Veganer und verzichtet wie ein Priester, der den Zölibat beschwört, mit großer Geste auf die Verlockungen der Fleischeslust. Ve-getarismus und Veganismus sind keine Ernährungsformen – es sind Religionen. Wäre es anders, dann wäre das Thema genauso ätzend wie eine neue Brigitte-Diät.

Die Heilsversprechen unterscheiden sich nicht von denen billiger Sekten: Durch Verzicht auf Wurst wird die Welt vor dem Klimakollaps bewahrt, die Menschheit satt und wie durch Zauberhand wieder schlank und rank. Endlich können sich die süßen Lämmchen in die Mähne von graslutschenden Löwen kuscheln. Die Welt ist erfüllt von lauter happy shiny People, die in ihrem Paradies in ewigem Frieden lustwandeln. Doch bis dahin ist noch eine letzte Schlacht zu schlagen. Die Schlacht gegen die Schlachthöfe und ihre Kunden.

Die Glaubensbekenntnisse der Szene sind schnell erzählt: "Wir wollen nicht, dass Tiere wegen uns leiden müssen." "Wir essen nichts, was Augen hat und was man streicheln kann." Und: "Wenn je-der die Tiere selbst töten müsste, die er essen will, wären alle Vegetarier". Doch wer statt einer Rindsroulade ein Früchtemüsli speist, verdient deshalb noch keine Bewunderung.

Um das Obst ernten zu können, müssen in den Obstgärten regelmäßig die Wühlmäuse dran glau-ben. Die Wurzeln junger Obstbäume sind eine Leibspeise der lichtscheuen Nager. Doch damit hat das Töten von possierlichen Wirbeltieren noch kein Ende. Denn in den Silos, in den das Getreide darauf wartet, zu Flocken verarbeitet zu werden, tummelt sich die pelzige Verwandtschaft der sub-terranen Wühlfraktion. Wer nicht bereit ist, sie abzumurksen, der würde statt Flocken reichlich Mäusedreck und Rattenköttel auf seinem Teller vorfinden. Deshalb trachtet man auch diesen Na-gern mit Fallen und Gift nach dem Leben. Ihr Tod ist alles andere als "schön". Er ist ziemlich grausam - fast so, wie der natürliche Tod in freier Wildbahn.

Da ergeht es dem Vieh weit besser: Es muss nicht Tag für Tag um sein Leben fürchten und den Vellockungen der Köder in den Fallen widerstehen. Wenn Hühner oder Schweine nach einer Betäu-bung mit Kohlendioxid schließlich vom Dies- ins Jenseits befördert werden, bekommen sie davon nichts mehr mit. Die Wirkung des Kohlendioxids ist durch tragische Unfälle beim Menschen wohl-bekannt: Das Tückische an diesem Gas ist, dass es zu tiefer Bewusstlosigkeit führt, ohne dass die Betroffenen davon überhaupt etwas merken. Für die Fleischwirtschaft erwies sich diese Eigen-schaft als Glücksfall.

Die Schlachtung ist nicht umsonst Sache von Fachleuten. Müssten die "ethischen" Vegetarier die vielen Säugetiere selbst töten, damit sie ihr Müsli kriegen, dann würden sie sich wohl ganz ent-spannt ein Leberwurstbrot gönnen und den Metzger ob seiner praktischen Ethik preisen. Der Un-terschied zum normalen Esser liegt nur darin, dass die ethischen Vegetarier für die Erzeugung ihrer Nahrung kaltherzig töten lassen, dies aber mit gespielter Empörung leugnen.

Es heißt, die Menschheit könne satt werden, wenn wir alle Vegetarier würden. Dort wo Tierfutter gedeiht, ließen sich doch auch Brotweizen oder Zuckererbsen anbauen? Doch das ist Unsinn: Über die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche auf diesem Globus eignet sich aus klimatischen Gründen nur zur Tierhaltung – dort wächst nichts anderes als Gras. Und selbst dort, wo Brotgetreide wächst, ist es im Rahmen der Fruchtfolge notwendig, Zwischenfrüchte auszusäen. Futtergerste ist dabei aufgrund ihrer positiven Wirkung auf den Ertrag des Weizens vorteilhaft.

Bei der Verarbeitung von Lebensmitteln fallen riesige Mengen an Reststoffen an, wie Erdnussscha-len, Rückstände der Fruchtsaftindustrie oder Kleie und Abputz in den Mühlen – allesamt gute Fut-termittel. Allein bei der Produktion von Biodiesel bleiben in Deutschland Jahr für Jahr Millionen Tonnen von Rapsexpeller und Glycerin übrig. Die optimale Nutzung ist die Verfütterung. Käse, Eier oder Schinken sind für den Menschen nun mal nahrhafter als die genannten Rohstoffe.

Unsere Vegetarier verschmähen Ölkuchen und Glycerin gleichermaßen, sie essen lieber Spargel. Er enthält wenig Kalorien, kaum Eiweiß und kein Fett. Frischer Spargel ist so nahrhaft wie eine Klorolle in einer Pfütze. Das Gemüse wird als reine Monokultur angebaut, die trotz einer Fußbodenheizung erst nach zwei Jahren die erste Ernte erlaubt. Die Erträge bleiben im Vergleich zu Getreide oder Kartoffeln verschwindend gering. Würde der Landwirt statt Spargel Futterkartoffeln für seine Schweine pflanzen, dann erhielte er über das Fleisch einen vielfach höheren Nährwert pro Hektar. Zum Glück lässt sich die Ökobilanz des Spargels verbessern, indem man reichlich Schinken und Sauce Hollandaise dazugibt. Nicht das Vieh frisst den Menschen das Essen weg – unsere Wohlstands-Vegetarier essen den Tieren das Futter weg. Und das mindert die Verfügbarkeit von Nahrung.

Egal welchen "ethischen" Vorwand der Vegetarier oder Veganer man bemüht, sie entpuppen sich durchweg als Schnapsideen. Nehmen wir die Forderung "wasserbewusst" zu genießen. Längst ei-len die Deutschen von einem Wassersparrekord zum nächsten. Im Sommer kann man den Spar-fimmel in einigen Großstädten förmlich riechen. Wenn die Gäste vor dem Cafe in der Sonne sitzen und ihren Coppa Amarena genießen wollen, umschmeichelt ihre Näschen dennoch die Ge-schmacksrichtung "Kloake". Dank Pinkelspartasten werden die Kanäle nicht mehr durchgespült, es steigt der Mief aus den Kanaldeckeln. Dann pumpen die Stadtwerke Trinkwasser hinein. Allein in Berlin fließen an manchen Tagen bis zu einer halben Million Kubikmeter Frischwasser durch die Kanalisation.

Unbeirrt verbreiten Propagandisten, die Wasservorräte der Erde würden schrumpfen, weil wir im Bad Wasser verschwenden und bei der Erzeugung von Lebensmitteln kostbares Nass vergeudet würden. Jedes Kilo Rindfleisch, so heißt es, verbrauche 15.000 Liter - und in Afrika verdursten die Pinguine. Bedenkt man, dass ein Rind 500 Kilo auf die Waage bringt, dann hätten die Ochsen auf den Weiden den gleichen Wasserbedarf wie ein Nilpferd im Sambesi. Unser Süßwasser verschwin-det nicht, wenn ein Kamel trinkt und auch nicht, wenn der Sambesi ins Meer fließt.

Die Zahl 15.000 Liter Wasser für ein Kilo Fleisch ist so monströs, dass dahinter nur grober Unfug stecken kann. Und der ist schnell gefunden: Damit auf der Weide das Gras wächst, muss es natürlich erst mal regnen. Wenn es regnet, wird in der Sprache der Ethik-Propagandisten das Wasser "verbraucht". Schon fließen ganze Sturzbäche in die Statistik ein. Über 14.000 Liter kommen rein rechnerisch vom Regen. Die Ethikszene hat für diesen Etikettenschwindel den Begriff des "virtuellen Wassers" erfunden. Virtuelles Wasser gibt es ebenso wenig wie ein virtuelles Mittagessen.

Doch damit versuchen die "Ethiker" dem Bürger weiszumachen, wir würden aus anderen Ländern riesige Wassermengen importieren. Doch nicht etwa der reale Import von grünen Bohnen aus Zim-babwe erhitzt die Gemüter, sondern kurioserweise der virtuelle Import von Wasser für den Anbau von Kaffee. Vermutlich, weil er ein Genussmittel ist, damit fällt er in die gleiche "ethische" Kategorie wie Fleisch, Sex, Zucker oder Alkohol.

Natürlich gibt es Regionen, die unter Wasserknappheit leiden, - und in denen trotzdem Gemüse für unsere Vegetarier erzeugt wird. Die Spanier verschwenden trotz Dürre enorme Mengen an Was-ser, um Tomaten anzubauen. Wie wär's mit einem Boykott spanischer Tomaten, Gurken oder Sherry? Ginge es der Umwelt oder der Menschheit besser, wenn die Spanier ihren Sherry zum Frühstück selber trinken müssten – statt Kaffee aus Kenia? Übrigens: Wer spanische Gurken importiert, importiert tatsächlich Wasser. Sie bestehen zu 97 Prozent aus echtem und nicht "virtuellem" Wasser! Ein spanischer Gurkenlaster karrt mehr Wasser durch die Lande als ein Lkw mit Wasserflaschen. Auch die "Wasserbilanz" spricht klar gegen den Vegetarismus.

Es ist nicht schwer zu erahnen, warum bei den Vegetariern und Veganern die "Ethik" so hoch gehalten wird. Sie ersetzt das Wissen, sie erspart das Denken und verschafft dem Inhaber das sichere Gefühl im Besitze einer göttlichen Wahrheit zu sein. Sie immunisiert gleichzeitig gegenüber der Realität. Denn jeder andere ist ein Ungläubiger, ein Heide, dessen Argumente kein Glauben zu schenken ist. Je höher die eigenen Götter oder Ethik hängen, desto größere Rechte darf man be-anspruchen. Wer die Welt rettet, braucht auf die Menschen keine Rücksicht mehr zu nehmen. Er dient nur noch seinem Ego. Er wird seine Phantasien mit List und Tücke und wenn es sein muss, auch mit Gewalt durchsetzen.

Udo Pollmer ist Lebensmittelchemiker und gilt als einer der profundesten
Experten im deutschsprachigen Raum zu Ernährungsfragen.
In seinen Büchern und Veröffentlichungen korrigiert er viele
vermeintliche "Wahrheiten" zum Thema "gesundes Leben".

Eine Auswahl seiner Bücher mit Link zu amazon:
Eßt endlich normal
Lexikon der populären Ernährungsirrtümer
Wer hat das Rind zur Sau gemacht?
Wer gesund lebt, ist selber schuld.