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Sabine Leopold
Bauernopfer

Wer profitiert von den Kampagnen gegen moderne Agrarwirtschaft?

ARD-Morgenmagazin, kurz nach acht. Grünen-Politiker Friedrich Ostendorff erklärt, warum "industrialisierte" Landwirtschaft schlecht ist. Auf den letzten Metern des Europawahlkampfes hat seine Partei nämlich gerade die sprichwörtliche Sau rausgelassen und treibt sie nun durchs mediale Dorf: Bei einer von den Bündnis-Grünen angeleierten Laboruntersuchung wiesen Rohwurst und Hackfleisch aus deutschen Supermärkten und Imbissläden multiresistente Keime auf. 10 von 63 Wurst- und Schinkenproben seien belastet gewesen, und 8 von 36 Mettbrötchen. Das, erklärt der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, liege an der "Massentierhaltung". Denn in konventionellen Puten- und Hähnchenmastbetrieben würden durch flächendeckenden Antibiotikaeinsatz Erreger gezüchtet, die uns dank extremer Widerstandsfähigkeit demnächst wohl alle um die Ecke bringen werden.

Schweinemett und Schweinegrippe
Landwirte dürften den morgendlichen Politikerauftritt größtenteils verpasst haben. Sie waren um diese Zeit schon auf ihren Feldern oder im Stall. Alle anderen aber haben wieder was gelernt: Lebensmittel aus der konventionellen Agrarproduktion sind per se gefährlich. Und schuld daran sind profitgierige Bauern.
Nur die wenigsten Zuschauer werden sich zwischen Marmeladenstulle und Milchkaffee gefragt haben, was für ein alberner Stichprobenumfang das eigentlich war, ob diese Produkte wirklich alle aus der konventionellen Intensivtierhaltung kamen (und falls ja,warum man dann Bio-Produkte nicht geprüft hat), wie hoch der Keimbesatz tatsächlich war, wieso belastete Mettbrötchen vom Bäckerimbiss auf schlechte Tierhaltung und nicht auf ungewaschene Verkäuferhände schließen lassen und was Zwiebelmett überhaupt mit Puten und Hähnchen zu tun hat ...
Da fällt kaum noch ins Gewicht, dass der Moderator der morgendlichen Sendung das Ostendorff-Interview sinngemäß angekündigt hat mit: "Schweinegrippe, Rinderwahn und EHEC – die Lebensmittelskandale aus der Massentierhaltung reißen nicht ab!" Wen schert's schließlich, dass die Schweinegrippe nur medienwirksam so getauft wurde, weil der zuständige Influenza-Erreger einem Stamm ähnelt, der (auch) Schweine krank macht. Bei einem seiner letzten wirklich verheerenden Seuchenzüge im Jahr 1918 hieß die Krankheit noch Spanische Grippe. Mit Lebensmitteln oder landwirtschaftlicher Tierhaltung hatten beide Ausbrüche nichts zu tun.
Und EHEC – auch das ist inzwischen offenbar in Vergessenheit geraten – ist ein hochvirulentes Coli-Bakterium aus dem menschlichen Darmtrakt, das vor drei Jahren auf hygienisch bedenklichen, aber auf jeden Fall höchst veganen Bio-Bockshornklee-Sprossen lauerte.
Immerhin: BSE (oder Rinderwahn, wenn's dramatischer klingen soll) ist tatsächlich eine Nutztierkrankheit, die vereinzelt auch Menschen infiziert haben soll – ganz einig ist sich die Fachwelt da bis heute nicht. Die erste kranke Kuh in Deutschland stammte übrigens von einem Ökolandbaubetrieb.

Angst verkauft sich gut
Im Grunde ist es wie immer, denn nahezu alle von Medien, Politik und NGOs heraufbeschworenen "Lebensmittelskandale" der vergangenen Jahre sind bei genauerer Betrachtung hanebüchen aufgeblähte Schwellenwert-Skandälchen, die unser Gesundheitsrisiko ungefähr so stark erhöht haben wie eine Stunde Gartenarbeit. Eins aber haben sie fast alle gemeinsam: Sie wurden über kurz oder lang zum Beweis für die Fehlentwicklung in der hiesigen Landwirtschaft erklärt, selbst wenn der Verursacher nachgewiesenermaßen mit dem Agrarsektor nichts zu tun hatte oder sich die heraufbeschworene Katastrophe am Ende als Ente erwies. Schaden genommen haben eigentlich meistens nur die Landwirte.
Aber was macht die Landwirtschaft eigentlich zu einem derart beliebten Angriffsziel?
Zunächst einmal ist Nahrungsgütererzeugung ein Thema, das buchstäblich jeden von uns betrifft. Essen müssen wir alle, und die wenigsten hierzulande sind in der Lage, sich autark zu versorgen. Diese "Abhängigkeit" gibt vielen Verbrauchern das Gefühl, dem Nahrungsmittelproduzenten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Was, wenn der Bauer nicht weiß, was er tut? Oder schlimmer: Was, wenn er es weiß, aber ein skrupelloser Ganove ist?
Angeheizt wird dieser Argwohn durch Medienkampagnen, die vor allem darauf bauen, dass die meisten Deutschen im städtischen Umfeld leben und landwirtschaftliche Produktion nur aus der Ferne und gefiltert durch die einschlägigen Meinungsmacher kennen. Bei diesem Publikum lassen sich leicht Ängste schüren, und die wiederum eignen sich wunderbar, um Abos zu verkaufen, Einschaltquoten zu erhöhen, Wählerstimmen zu ergattern oder Spendengelder zu kassieren – eben je nach eigenem Interesse. Dass solche Kampagnen zugleich einem der erfolgreichsten deutschen Wirtschaftszweige immensen Schaden zufügen (und eine ganze Berufsgruppe ins gesellschaftliche Abseits drängen), nehmen die Initiatoren und Nutznießer billigend in Kauf.

Alles so schön einfach hier
Und es gibt noch einen weiteren Fakt, der Bauern zu Zielscheiben macht. Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen 150 Jahren von einem noch weitgehend agrarisch geprägten Land zu einer der stärksten Industrienationen der Welt entwickelt. Wir alle profitieren davon, doch mit Wohlstand und Urbanisierung wuchs auch die Entfremdung von der Natur und damit eine gewisse Sehnsucht nach der "guten alten Zeit".  Dass letztere voller Glückseligkeit war, gaukeln uns Großvaters Erzählungen und unsere eigenen Kindheitserinnerungen – unterstützt von Werbung, Heimatfilmen und Livestyle-Magazinen – zwar nur vor. Doch an den nostalgischen Gefühlen ändert das nichts.
Folgerichtig projiziert der Großstadtmensch die schmerzlich vermisste Romantik auf das, was er für die letzte Bastion "echter" Naturverbundenheit hält: Bauernhöfe im Landhausstil mit Scheunen voller Korn, Kühen und Schweinen auf der Weide und einem bunten Hahn auf dem Mist. In diese Vorstellung passen wachsende Agrarbetriebe mit studierten Betriebsleitern, computergesteuerter Ackertechnik und automatischen Stallsystemen natürlich nicht hinein.
Dabei machen diese Technologien nichts anderes, als die körperliche Arbeit zu erleichtern und die Kontrollmöglichkeiten zu verbessern – wie in allen anderen Wirtschaftszweigen auch. Sie garantieren Prozesssicherheit, Tierwohl und Produktqualität in einem Ausmaß, wie es noch vor wenigen Jahren nicht einmal messbar, geschweige denn zu gewährleisten war. Doch was sind schon Düngerstreuer, die den Nährstoffbedarf einer Ackerkultur quadratmetergenau messen und versorgen, und Melkroboter, die eine Kuh euterschonend nach deren individuellem Biorhythmus melken, gegen den goldgerahmten Ölschinken vom glücklichen Bauern mit einer Hacke in der Hand oder einem Melkschemel unterm Hintern?
Moderne Spitzentechnik wird in fast jedem Lebensbereich als Gewinn betrachtet. Doch im Zusammenhang mit Ackerbau und Viehzucht gilt sie als "unmenschlich" und "industriell". Letzteres hat als Beschreibung für die landwirtschaftliche Produktion übrigens einen ähnlich vorwurfsvollen Unterton wie "Wirtschaftlichkeit", "Effektivität" oder "Gewinn". Landwirte (egal, ob im ökologischen oder im konventionellen Landbau) als zukunftsorientierte Unternehmer zu betrachten, die hochqualitative Erzeugnisse liefern, Arbeitsplätze sichern und durch Investitionen in ihre Betriebe die Wirtschaft ankurbeln, widerstrebt dem landfernen Dorfromantiker. Als Leitbilder für den idealen Bauern dienen stattdessen simple Gemüter, die in quotenträchtigen Fernsehshows die Frau fürs Leben suchen. Und gesellschaftlich rundum akzeptierte Landwirtschaftsbetriebe sind in Wirklichkeit nicht selten spendengetragene Tiergnadenhöfe oder Nebenerwerbsmodelle für den großstadtmüden (aber finanziell anderweitig abgesicherten) Aussteiger, die mit Mühe die Betriebskosten wieder einspielen. Und solchen Hobbylandwirten trauen tatsächlich viele nicht nur eine bessere und gesündere Nahrungsmittelversorgung, sondern auch mehr Fachwissen, Verantwortungsgefühl und Nachhaltigkeit zu.
Dass das Unfug ist, sollte einem der gesunde Menschenverstand sagen. An Ressourcenschutz und nachhaltiger Bodenfruchtbarkeit, dem Erhalt der Kulturlandschaft, dem Wohlbefinden von Nutztieren und Sicherheit unserer Nahrungsmittel hat niemand mehr Interesse als der, der damit – auch in Zukunft – sein Geld verdienen will. Die Interessen derer, die das infrage stellen, sind da schon dubioser.

Sabine Leopold hat Landwirtschaft studiert,
ist seit 20 Jahren Agrarjournalistin
und arbeitet als Redakteurin beim
Wirtschaftsmagazin agrarmanager.

Mehr Bissiges und Unterhaltsames zum Thema Landwirtschaft
aus der Feder der Autorin finden Sie unter anderem unter: http://agrarmanager.agrarheute.com/aufs-korn-feindbild http://agrarmanager.agrarheute.com/aufs-korn-da-draussen-545988 http://agrarmanager.agrarheute.com/aufs-korn-und-jetzt-zur-werbung-546149 http://agrarmanager.agrarheute.com/aufs-korn-augen http://agrarmanager.agrarheute.com/aufs-korn-genommen-zeiten-aendern