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Alfred Schmidt, hessischer Wirtschaftsminister a.D.
GLÜCKSKEKSE (1)

»Drei Chinesen mit dem Kontrabass / saßen auf der Straße und erzählten sich was« – den genauen Wortlaut dieser zweifellos angeregten Unterhaltung gibt das rund 100 Jahre alte und nach wie vor populäre deutsche Kinderlied leider nicht wieder. Was sich die drei heute zu sagen hätten, kann ich mir allerdings sehr gut vorstellen: Vermutlich würde sich das Trio – Jazzmusiker natürlich, von denen es auch in China zahlreiche Virtuosen gibt wie ebenso einen ganz eigenen Jazzstil – angeregten Betrachtungen hingeben, über die Vorzüge und Nachteile entsprechender Etablissements in New York und Paris im Verhältnis zu denen in Shanghai und Peking. Wobei der Punktsieg hinsichtlich weiterer Inspirationsquellen wohl schnell an die chinesische Hauptstadt ginge, denn dort gibt es auch von mir gern besuchte CD-Läden, in denen man spielend einen ganzen Tag verbringen kann – allein mit der Sichtung aller Regale.

Wird dabei fachlicher Rat benötigt, wende ich mich stets vertrauensvoll an das zumeist kundige Personal, unter dem sich mit etwas Glück schnell ein Mitarbeiter findet, der nicht nur Englisch sondern ebenso gut Deutsch spricht. Denn gerade unter jungen Leuten gibt es mittlerweile viele, sogar sehr viele, die mit Begeisterung die deutsche Sprache lernen und diese oft nahezu perfekt beherrschen. Das erleichtert die Kommunikation im allgemeinen Umgang ungemein und fördert das wechselseitige Kennenlernen und Verstehen, zu dem nicht zuletzt das besondere Selbstverständnis der Chinesen hinsichtlich ihrer Visitenkarte gehört. Von ganz anderer Bedeutung als bei uns, gibt man in China mit dem Überreichen dieser Karte nämlich gleichzeitig ein Stück seiner eigenen Person ab, deshalb wird sie auch mit beiden Händen übergeben, begleitet von einem angedeuteten Diener. Jenseits der CD-Läden, etwa bei offiziellen Anlässen, werden Visitenkarten daher nach ihrem Empfang erst einmal auf dem Tisch ausgelegt, vorzugsweise in der Reihenfolge der Bedeutung der jeweiligen Gesprächspartner – was sich mir im Dialog schon als durchaus hilfreich erwiesen hat.

Als bedeutend weniger hilfreich könnte sich hingegen das blinde Vertrauen in des Deutschen mächtige chinesische Übersetzer erweisen, wenn es um konkrete geschäftliche Angelegenheiten geht. Denn die chinesische Sprache ist, weit mehr als jeder Dialekt es vermag, in hohem Maße interpretierbar und ihre Zeichen lassen sich höchst unterschiedlich auslegen. Je nach Aussprache gewinnen sie schnell eine ganz andere Bedeutung und daher ist ein von einer Chinesin glatt übersetztes Thema keineswegs auch immer optimal übersetzt. Wenn sich stattdessen ein mit der Materie vertrauter Deutscher, der Chinesisch spricht, dieser Aufgabe annimmt, setzt er aller Wahrscheinlichkeit nach Prioritäten, die den eigenen Geschäftsinteressen bedeutend näher liegen. Insofern – dies mein nachdrücklicher Rat – ist dafür in einen deutschen Sinologen investiertes Kapital mehr als gut angelegt, auf der Vertragsebene selbstverständlich ergänzt durch einen chinesischen Rechtsanwalt.

ALfred Schmidt war hessischer Wirtschaftsminister 1987-1991,
seit 1995 Sonderbeauftragter der Stadt Kassel für Wirtschaftsförderung und Präsident des 2003 gegründeten Netzwerks Hessen-China (www.hessen-china.de). Alfred Schmidt ist Mitglied im Bundeswirtschaftssenat des
Deutscher Arbeitgeber Verband