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Prof. Dr. Philipp Schade
Betriebliche Altersversorgung:
Jahrzehntelange Fehlberatung

Frühjahr 2014: Die Politik will wieder einmal retten. Diesmal: die Versicherungsunternehmen.  Ergebnis: mit dem Wegfall der Bewertungsreserven werden die über Jahrzehnte mühsam angesparten Gelder der Versicherten geschröpft. Und: im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung damit auch das Vermögen der Arbeitgeber. Die das bisher noch nicht angemessen registriert haben.

Stattdessen plant Frau Nahles die betriebliche Altersversorgung (bAV) zu einer Pflichtveranstaltung zu machen. Die Arbeitgeber müssen also wieder einmal die Altersvorsorge in Deutschland retten.

Ist das gut oder schlecht für den Arbeitgeber? Ist überhaupt die heute übliche Gestaltung der bAV - vorrangig über Direktversicherungen, Pensionskassenverträge und rückgedeckte Unterstützungskassen - empfehlenswert und risikolos, wie es deren Verkäufer immer noch unermüdlich behaupten? Oder sitzt der Arbeitgeber hier gängigen Glaubensirrtümern auf?

Es ist Zeit für eine kritische Revision dieser Fragen und die dringende Empfehlung an alle Arbeitgeber, sich intensiv mit dem Thema der betrieblichen Altersversorgung zu beschäftigen! Vorweg muss eine Empfehlung direkt gegeben werden: der Versicherungsberater ist zur Klärung dieser Fragen der falsche Ansprechpartner.

Ganz grundsätzlich: Was heißt eigentlich Altersvorsorge?

Teilt man das Leben grob in zwei Phasen auf – die Phase bis zur Pensionierung und die Phase nach deren Eintritt – so meint Altersvorsorge den Aufbau eines ausreichenden Vermögens, um im zweiten Lebensabschnitt angemessen finanziert und entspannt davon zehren zu können. Getreu der Weisheit "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not". So zumindest der Plan.

Warum aber benutzen die Deutschen für diesen Ansparvorgang ausgerechnet Versicherungen? Zumeist kapitalbildende Lebensversicherungen. Versicherungen sind geschaffen und geeignet für die Absicherung eines versicherungstechnischen Risikos. Aber welches Risiko besteht beim Sparen? Sie werden sagen: der Tod. Der Tod ist allerdings im Kontext des Sparvorgangs kein "Risiko". Denn sobald der Sparende tot ist, entfallen alle Ansparrisiken. Das bedeutet:  Es gibt keinen zwingenden Grund, das "Ansparen fürs Alter" einer Versicherung anzuvertrauen. Im eigentlichen müssten also die Banken der korrekte Partner sein. Die aber versagen in dieser Frage auf der ganzen Linie, da sie sich seit Jahrzehnten fast ausschließlich auf den Versicherungsvertrieb ausgerichtet haben. Halten wir also fest: Alterssparen und Risikoabsicherung gehören getrennt!

Gravierendes Fehlwissen zur
betrieblichen Altersversorgung hat Folgen

Für die betriebliche Altersversorgung gilt das Vorgesagte: Über den "Betrieb", also das Unternehmen,  soll für die Mitarbeiter eine eigene, eine zusätzliche, Altersvorsorge aufgebaut werden. Simpel gesagt: ein Altersvorsorgevermögen angespart werden. Und auch hier die Frage: Was soll das mit "Versicherung" zu tun haben? Welches versicherungstechnische Risiko besteht?

Noch wichtiger in diesem Zusammenhang: warum nutzt der Arbeitgeber als "Mittel der Wahl" immer eine Versicherungslösung? Obwohl damit eklatante Risiken für ihn verbunden sind. Wurden ihm diese Risiken nie aufgezeigt? Zur Beantwortung der ersten Frage tauchen wir kurz in das Gesetz ab und schauen, was der Gesetzgeber vorgibt.

Das Arbeitsrecht – die zumeist
unbekannte Baustelle für Arbeitgeber

Das Betriebsrentengesetz (BetrAVG) regelt diese Fragen. Altersversorgung ist demnach (siehe § 1 Abs. 1 Satz 1 BetrAVG) ein Versprechen des Arbeitgebers auf Leistungen an seine Mitarbeiter. Diese Leistungen dürfen Altersleistungen sein, Invaliditätsleistungen oder Todesfallleistungen. Es muss sich dabei nicht zwingend um Geldleistungen handeln. Von einer "lebenslangen Rente" steht in diesem Gesetz übrigens nichts. Der Arbeitgeber kann also im Rahmen einer arbeitsrechtlichen Vereinbarung  (als Vertrag zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber) auswählen, welche Leistungen er dem Arbeitnehmer versprechen möchte. Wir halten fest: von Versicherungen ist bis hierhin keine Rede!

In einer zweiten Entscheidung legt der Arbeitgeber nun fest, wie er dieses Versprechen auf Leistungen "durchführen" möchte. Wie er sich in also die Lage versetzen kann, das gegebene Versprechen auch zu erfüllen. Bei Geldleistungen könnte man den Gesetzesbegriff "Durchführung" einfach mit Finanzierung übersetzen. Diese Finanzierung kann er laut Gesetz entweder selbst in die Hand nehmen (unmittelbare Durchführung/Pensionszusage) oder er sucht sich einen Dienstleister, der dies an seiner Stelle übernimmt. Die Dienstleister sind im Gesetz als die mittelbaren Durchführungswege fest vorgegeben: es darf

  • eine Direktversicherung,
  • eine Pensionskasse
  • ein Pensionsfonds oder
  • eine Unterstützungskasse

zum Aufbau der versprochenen Leistungen genutzt werden. Der Arbeitgeber schließt also einen Vertrag mit dem Dienstleister. Ist dies eine Versicherung, wird es also sein (!) Versicherungsvertrag. Nicht der des Mitarbeiters!

In der Praxis finden sich im Unternehmen häufig lediglich die Versicherungsverträge vor, nichts aber dazu, was der Arbeitgeber an (arbeitsrechtlicher) Leistung versprochen hat. Daraus folgt eine einfache Frage: Hat er eigentlich die prognostizierte Versicherungsleistung oder doch nur die garantierte Versicherungsleistung versprochen? Und was passiert, wenn die Versicherung – wie jetzt zum Wegfall der Bewertungsreserven – die Leistungen kürzt? Oder was passiert, wenn eine Versicherungsgesellschaft, zum Beispiel wegen der anhaltenden Niedrigzinsphase, insolvent wird? Wenn also Versicherungsleistungen ganz oder teilweise ausfallen? Welchen Zusammenhang gibt es zur arbeitsrechtlich versprochenen Leistung?

Die erschreckende Antwort: Der Arbeitgeber muss auffüllen.

Diese Antwort ist eindeutig und steht gleich zu Beginn im Gesetz (siehe § 1 Abs. 1 Satz 3 BetrAVG) – achten wir auf den Wortlaut: "Der Arbeitgeber steht für die Erfüllung der von ihm zugesagten Leistungen auch dann ein, wenn die Durchführung nicht unmittelbar über ihn erfolgt." Der Arbeitgeber steht damit also immer für seine versprochene Leistung gerade und muss sie nachfinanzieren oder neu finanzieren, sofern der Finanzierungsdienstleister (hier die Versicherung oder Unterstützungskasse) ausfällt. Er haftet daher in vollem Maße. Das wissen leider die wenigsten Arbeitgeber in dieser Deutlichkeit! Die Folge: Eine Fülle von nachgeordneten Problemen.

Die Botschaft kann nur lauten: jeder Arbeitgeber muss sich aktiv mit der Gestaltung der betrieblichen Altersversorgung auseinandersetzen. Richtig gestaltet ist sie ein Segen - und ein strategischer Erfolgsfaktor - für das Unternehmen. Sogar bei bei Verkauf oder Unternehmensübergang. Allerdings müssen hierzu gängige Glaubensirrtümer vom Tisch. Ganz vorne der Unfug: "bAV darf keine Bilanzberührung haben". Und der Versicherungsberater gehört mit seinen, oftmals ungeeigneten, Produkten zunächst einmal ganz hinten angestellt. Die bestehende Altersversorgung muss auf den Prüfstand, das Arbeitsrecht mit seinen Regeln priorisiert werden und die vielfältigen Gestaltungsformen für die gewünschten Rahmenbedingungen unter einer kaufmännischen bzw. betriebswirtschaftlichen Motivation vorgestellt werden.

Viele der damit verbundenen Fragen werden wir Ihnen in den nächsten Wochen im Rahmen einer Themenübersicht "Betriebliche Altersvorsorge" im Praxisteil des Verbandes vorstellen.

  • Warum der Arbeitgeber keine Versicherungen bei Ausscheiden mitgeben darf oder darin eintreten soll
  • warum der Arbeitgeber für bestehende Versicherungen wohl regelmäßig einen Fehlbetrag in der Bilanz ausweisen muss (bisher aber nicht tat)
  • warum die heutigen Versicherungsprodukte nicht empfehlenswert sind
  • was Arbeitgeber bei Rürup- und Riester wissen sollten bzw. warum beide keine Empfehlung wären
  • warum Pensionsrückstellungen (richtig umgesetzt) zum Thema "strategische Unternehmensplanung" gehören?
  • was an seiner Pensionszusage dringend verbessert werden sollte wie sie zu finanzieren ist
  • was eine pauschaldotierte Unterstützungskasse ist
  • wie bestehende versicherungsförmige Lösungen zum Vorteil umgestaltet werden können
  • wie aus Altersversorgung ein Mitarbeiterbeteiligungs-, Mitarbeitermotivations- und Bindungsinstrument wird und wie mit diesem Instrument Liquidität im Unternehmen behalten und Eigenkapital geschaffen werden kann

In diesem Sinne: Zeit für Veränderungen!
Altersvorsorge ohne Verlierer.

Prof. Dr. Philipp Schade, Aktuar (DAV) ist Wirtschaftsmathematiker und
Professor für Mathematik, Statistik und Wirtschaftsinformatik
an der EBZ Business School, Bochum sowie Lehrbeauftragter für Pensionsversicherungsmathematik in einem aktuarwissenschaftlichen
Master-Studiengang an der Technischen Universtät Dortmund