Start | Kontakt | Impressum | Datenschutz
 
 
 

Aktuelles

 
 

RSS-Feed
abonnieren

 
 
 

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski
Die Bringschuld der Zukunftsforschung -
und die Annahmepflicht der Gesellschaft

Spätestens seit dem Atomunglück in Fukushima im Jahr 2011 ist uns allen klar geworden, dass auch ein Restrisiko Realität werden kann: Über Sicherheitsannahmen, Sicherheitsvorkehrungen und Sicherheitsanforderungen muss neu nachgedacht und entschieden werden. Nicht jede Katastrophe ist "vorhersehbar", wohl aber vorstellbar: Zukunftsforschung als Risikoforschung heißt: Das Undenkbare denken, mit dem Unberechenbaren rechnen und das Unwahrscheinliche für wahrscheinlich halten.

Zukunftsforscher dürfen mit Daten und Prognosen nicht fahrlässig umgehen. Das Erdbeben im italienischen L'Aquila ist beispielsweise eine Warnung dafür: Im Herbst 2012 wurden sechs Seismologen wegen "fahrlässiger Tötung" zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie die Bürger der Stadt "ungenau, unvollständig und widersprüchlich" informiert und nicht vor der vorhersehbaren Naturkatastrophe gewarnt hatten. Daraus folgt: Zukunftsforscher haben in ihrer Rolle als Frühwarnsystem eine Bringschuld – vor allem gegenüber der Politik. Die Politik hat aber auch eine Annahmepflicht, sonst macht sie sich wegen unterlassener Hilfeleistung mitschuldig – oder haftet gar dafür.

Um es deutlich zu sagen: Wer Schulden macht, macht sich schuldig. Politiker und Regierungsmitglieder in Deutschland sind davon nicht ausgenommen. Unlängst wurde der ehemalige Finanzminister von Rheinland- Pfalz, Ingolf Deubel, zu dreieinhalb Jahren Gefängnis wegen Untreue verurteilt. Er hatte dem Land einen Schuldenberg von 330 Millionen Euro beschert und musste sich für den Fehlschlag des Freizeitparks Nürburgring verantworten. Die Begründung dafür lautete: Er habe die ihm vom Wähler und der Verfassung zugewiesene Entscheidungsbefugnis überschritten und damit seine Treuepflicht gegenüber dem Landesvermögen verletzt. Haushaltsuntreue und Verschwendung von Steuergeldern sind ein Straftatbestand, wenn der rechtliche Rahmen nicht eingehalten wird. Politiker können strafrechtlich belangt werden – vor allem dann, wenn sie teure Wahlgeschenke verteilen oder Prestigeobjekte fördern, die haushaltsrechtlich nicht gedeckt sind.

(Zukunfts-)Wissenschaft schafft Wissen. Politiker sollten wissen, was die Bürger bewegt. Das Problem ist nur: Sie wollen sich von Wissenschaftlern nicht beraten lassen. Das Wissen von Wissenschaftlern wird von Politikern lediglich "als Argumentationshilfe gebraucht – aber nie umgesetzt, schon gar nicht eins zu eins" – so Bundesminister Wolfgang Schäuble in einem Spiegel-Interview am 21. September 2013. Die Informationen werden als Einzelteile zu einem Brei "verhäckselt" – als Mittel zum Zweck und nicht als Navigationssystem. Politiker neigen dazu, gegenüber der Zukunftswissenschaft beratungsresistent zu sein, was die Gesellschaft teuer zu stehen kommen kann.

Ein Beispiel: Als Kuratoriums- und Jurymitglied der EXPO 2000 hatte der Autor beispielsweise auf der Basis eigener repräsentativer Erhebungen die Verantwortlichen in Stadt, Land und Bund darauf aufmerksam gemacht, dass sie mit maximal 10 Millionen Besuchern ab 14 Jahren (Kinder und Ausländer noch nicht einbezogen) rechnen könnten, was real etwa 16 bis 19 Millionen Besuchern entsprechen würde. Die Politiker ließen sich nicht beirren und "rechneten" weiterhin mit 40 Millionen Besuchern – also mehr als doppelt so vielen. Tatsächlich sind nur 18 Millionen gekommen. Die betriebswirtschaftlichen Folgen waren fatal: Die Expo hinterließ dem Steuerzahler einen Schuldenberg von mehr als einer Milliarde Euro.

Im Rahmen meiner Zukunftsforschungen der letzten Jahre und Jahrzehnte spielten Vorhersagen eine Rolle, die teilweise so "wild" waren, dass man sie sich seinerzeit gar nicht ausmalen konnte. Meine erste Prognose als Zukunftsforscher liegt fast vier Jahrzehnte zurück. Sie lautete im Jahr 1976: "In den kommenden Jahren wird die Bundesrepublik drei Krisen zu bewältigen haben:

  1. die Umweltkrise,
  2. die Energiekrise und
  3. die Beschäftigungskrise".

Das war im Jahr 10 vor Tschernobyl und im Jahr 35 vor Fukushima. Es war eine Zeit der Vollbeschäftigung, in der sich die Arbeitslosenzahlen gerade einmal bei 900.000 bewegten. 1999 sagte ich in dem Buch "Generation @" eine Mischung aus George Orwell und Edward Snowden voraus: Das Internet wird zum "elektronischen Schlachtfeld", einem Einbruch in die Privatsphäre stehen wir hilflos gegenüber und eine staatliche Kontrolle ist dann kaum mehr möglich. Es folgte 2002 meine Prognose über die drohende "Zahlungsunfähigkeit einzelner Länder", 2004 über den möglichen "Zusammenbruch der Finanzmärkte" und 2006 über "neue Bürgerbewegungen" in aller Welt. Und wie sehen meine heutigen Prognosen für morgen aus? Sie schwanken realistischerweise zwischen Hoffnungen und Sorgen.

Beim Gedanken an die Entwicklung Deutschlands bis zum Jahr 2030 macht sich die Bevölkerung derzeit große Sorgen, die von Verschuldungsrisiken über Epidemien-Ausbreitung bis zur Entstehung einer Zweiklassengesellschaft reichen. Wenn die Deutschen an die nächsten zwanzig Jahre denken, dann nennen sie Preissteigerungen an erster Stelle – dicht gefolgt von Armut, Arbeitslosigkeit und Mindestrente. Die meisten Zukunftssorgen der Bevölkerung konzentrieren sich auf ökonomische und soziale Probleme, während ihr Umweltbelastungen weniger Sorgen bereiten. Infolgedessen findet sie auch die Ausbreitung von Kriminalität bedrohlicher als die Folgen des Klimawandels.

Wachsende soziale Spannungen können durchaus zum Zündstoff für die Zukunft werden. Jeder zweite Bundesbürger erwartet in naher Zukunft "sehr starke Konflikte" zwischen Arm und Reich, wenn der Wohlstandsgraben weiter wächst. Dies wird noch verstärkt durch Integrationsprobleme: Fast die Hälfte der Bevölkerung befürchtet große Probleme zwischen Christen und Muslimen. Was also passiert, wenn nichts passiert? Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung können die Exklusion zur Explosion werden lassen.

Die Bundesbürger setzen aber zugleich große Hoffnungen auf die Zukunft: Geradezu krisenresistent sind ihre Erwartungen auf Fortschritt gerichtet – gefolgt von Arbeit, Leistung und Technik. Zukunft ist für die Bevölkerung ein anderes Wort für "Hoffnung". Leben im Land der Hoffnung und des Fortschritts: Das entspricht vor allem den Erwartungen der jungen Generation: Der Hoffnungsträger Jugend will in einem Fortschrittsland leben.

Der vielfach prognostizierte Generationenkrieg findet nicht statt. Jung und Alt kooperieren mehr, als dass sie sich bekämpfen. Beide brauchen einander. Und beide profitieren auch voneinander. Die Familie wandelt sich dabei zur Generationenfamilie, in der es nicht mehr nur um Eltern und Kinder geht. Für die Bundesbürger wird der Generationenzusammenhalt von Enkeln, Kindern, Eltern und Großeltern immer wichtiger und hilft bei vielen Krisen. Die Generationenfamilie wird zur größten Zukunftshoffnung der Deutschen.

In dauerhaften Krisenzeiten sorgen die Menschen in doppelter Weise selbst für ihre Zukunft: Sie suchen einerseits materielle Sicherheit, aber zugleich soziale Geborgenheit, auch wenn sie dabei Einbußen an persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit hinnehmen müssen. Die Sicherheit ist mittlerweile wichtiger als die Freiheit. Mit Sicherheit – mehr Freiheit! Das ist die neue realistische Leitlinie des Lebens für die nahe Zukunft.

Nach dem Nationalen WohlstandsIndex für Deutschland, NAWI-D, den ich gerade auf repräsentativer Ebene in Zusammenarbeit mit dem Ipsos-Institut abgeschlossen und dabei 16.000 Personen ab 14 Jahren in Deutschland befragt habe, zeichnet sich ein grundlegender Paradigmenwechsel vom "Wohlstand für alle" zum "Wohlergehen für alle" ab. Neben den "2 G" Geld und Gesundheit bestimmen "4F"  das Wohlstandsdenken der Deutschen: Freiheit, Frieden, Freunde und Familie in Verbindung mit Sicherheitsgarantien – auf einem festen Fundament vom sicheren Arbeitsplatz über das sichere Einkommen bis zur sicheren Rente. Die Deutschen müssen und wollen auf Nummer Sicher gehen:

  • Jobgarantien werden wichtiger als Einkommenserhöhungen.
  • Und eine lebensstandardsichernde "Rente mit 67" oder gar "70" zählt mehr als ein Vorruhestandsleben mit "58" oder "60" an der Armutsgrenze.

Daraus folgt: Arbeitgeber und Gewerkschaften werden in ihren künftigen Tarifverhandlungen qualitativ umdenken und "Sicher leben statt mehr haben" im Blick haben müssen.

In der Zukunftsforschung wird die Grundrichtung einer langfristigen Entwicklung "Zukunftstrend" genannt: Ein Zukunftstrend muss mindestens fünfzehn Jahre lang richtungweisend sein und unterscheidet sich dadurch wesentlich von kurzlebigen Moden und Zeitgeistströmungen, wie sie Trend- und Werbeagenturen – heute so und morgen so – verkünden. Sie sagen uns nur immer, was gerade "im Trend", also "trendy" ist. Zukunftstrends hingegen basieren auf statistischen Zeitreihen, also Repräsentativerhebungen im Zeitvergleich der letzten zehn bis zwanzig Jahre. Für den Zukunftsforscher gilt: Ich prophezeie überhaupt nichts. Ich beobachte nur, was war und was geschieht und wäge mögliche Folgen für die Zukunft ab. Ich will nicht Wahrsager, sondern Wegweiser und Weichensteller sein.

Die bisher von mir veröffentlichten Prognosen auf der Basis repräsentativer Bevölkerungsbefragungen haben in den vergangenen Jahren eine relativ große Treffsicherheit erzielt, weil es mir dabei immer nur um eine Frage ging und geht: Was will der Mensch? Oder: Was will der Verbraucher? Nur am Rande interessiert mich die Frage, was technologisch "alles möglich wäre". Das Problem vieler Voraussagen: Technologiemöglichkeiten werden zu oft als Zukunftswirklichkeiten beschrieben bzw. einfach in die Zukunft projiziert und hochgerechnet. Ganz selbstverständlich gehen Technologiegläubige von dem Immer-schneller-Prinzip aus. Fast alles, was vorstellbar ist, soll auch machbar sein.

Bei den technologischen Voraussagen besteht die Gefahr, dass Datensammlungen mit Vorhersagen verwechselt werden. Die Szenarien stimmen allzu euphorisch. Der Eindruck entsteht: Der Mensch der Zukunft wird von der Wiege bis zur Bahre überwacht, versorgt und geheilt – vielleicht "wird" er eines Tages auch noch "gestorben", wenn die Technik und die Techniker es wollen. Bei diesen Visionen drohen sich die Zukunftstechnologien zu verselbstständigen: Der Mensch steht nicht mehr im Mittelpunkt.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung stellte unlängst resignierend fest: "Wir prognostizieren das Verhalten von Menschen – und das kann man nun mal nicht genau vorhersagen." Doch! Wissenschaftliche Zukunftsforschung ist wesentlich Verhaltensforschung. Im Unterschied zur bloßen Konjunktur- und Wirtschaftsforschung sind ihre Analysen und Prognosen mehr mikrofundiert, liefern Daten zur Verhaltenspsychologie und Verhaltensökonomie. Zukunftsforschung kann Erdbeben oder Vulkanausbrüche nicht vorhersagen, aber Erkenntnisse liefern, wie Menschen auf kritische Ereignisse reagieren (z.B. als Folge von Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder terroristischen Anschlägen).

Um es deutlich zu sagen: Trendforscher arbeiten journalistisch, Zukunftsforscher wissenschaftlich. Trendforscher lesen und werten Zeitungen aus, Zukunftsforscher arbeiten auf der wissenschaftlichen Basis von "Zeitreihen", also Repräsentativumfragen im Zeitvergleich. Für Trendforscher fängt der Mensch erst beim Konsumenten an. Zukunftsforschung hingegen denkt vorbeugend nach – auch in kritischer Distanz zu sogenannten Delphi-Orakeln, die immer nur verkünden, was in Zukunft alles möglich ist, statt sich in die gesellschaftliche Pflicht zu nehmen und Voraus-Schau mit Vor-Sorge zu verbinden, also empfehlend und beratend die Weichen für die Zukunft neu zu stellen.

Prof. Dr. Opaschowski hat sich international einen Namen als "Futurist" (XINHUA/China) und "Mr. Zukunft" (dpa) gemacht.
Er gründete 2007 die "Stiftung für Zukunftsfragen", leitet seit 2011 das "Institut für Zukunftsforschung" in Hamburg und berät Wirtschaft und Politik.
2013 veröffentlichte er die Zukunftsstudie "Deutschland 2030" und entwickelte 2014 gemeinsam mit dem weltweit tätigen IPSOS-Institut den Nationalen WohlstandsIndex für Deutschland (NAWI-D).