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Prof. Dr. Hans Christoph Binswanger
Money matters!
- Goethes Faust und das Prinzip der Geldschöpfung

Money matters! Auf das Geld, auf die Vermehrung des Geldes, auf die Geldschöpfung kommt es in der modernen Wirtschaft an! Diese Tatsache hat schon anfangs des 19. Jahrhunderts der größte deutsche Dichter, Goethe, erkannt und in seinem "Faust"-Drama deutlich herausgestellt. Seine Botschaft ist aber bis heute bei der Allgemeinheit und auch bei der Mehrzahl der Ökonomen (noch) nicht angekommen. Dabei ist sie immer aktueller geworden. Von ihrer Kenntnisnahme hängt es ab, ob wir die Krisen, in die unsere moderne Wirtschaft geraten ist und immer weiter gerät, überwinden können.

Im "Faust"-Drama wird die Geldschöpfung als dominierender Faktor des wirtschaftlichen Wachstums herausgestellt. Hier erscheint der Kanzler des Kaisers mit einem Zettel in der Hand und verkündet, indem er auf den Zettel hinweist, "zu wissen sei es jedem, ders begehrt, der Zettel hier ist tausend Kronen wert". Der Zettel ist eine Banknote, d.h. ein Papierstück, das in Geld verwandelt wurde. Wie ist diese Verwandlung geschehen? Der Kaiser, der den Staat verkörpert, hat Faust – oder besser gesagt der Faust-Firma – das Privileg gewährt, Banknoten ausgeben zu dürfen, die nicht in Gold einlösbar sind, aber durch die Unterschrift des Kaisers legitimiert werden. Der Kaiser gibt der Faust-Firma dieses Privileg, weil diese dadurch instand gesetzt wird, ihm Kredite zu gewähren, die ein Vielfaches der Kredite sind, die in Gold gegeben werden könnten. Denn die Menge des Goldes ist beschränkt, die Menge des Papiers nicht. Die Gewährung der Kredite an den Kaiser ist die Bedingung für die Gewährung des Privilegs. Durch die Erfüllung dieser Bedingung wird der Kaiser bzw. der Staat von seinen Geldnöten befreit.

Die Legitimation des Papiergeldes durch die Unterschrift des Kaisers genügt allerdings nicht, um dem Papiergeld wirkliche Geltung zu verschaffen, denn die Geldschöpfung und damit die enorme Vermehrung der Geldmenge kann zur Inflation und daher zur Zurückweisung des Papiergelds führen.  Es braucht daher eine zusätzliche Voraussetzung dafür, dass die Banknoten als Geld akzeptiert werden. Diese Voraussetzung wird dadurch geschaffen, dass das Papiergeld investiert wird und mit den Investitionen die Menge der Waren erhöht wird, die auf dem Markt angeboten werden. Auf diese Weise kann das Preisniveau stabil und die Kaufkraft des Papiergeldes erhalten bleiben. Geldmenge und Warenmenge bleiben tendenziell im Gleichgewicht!

Diese Dynamik wird im "Faust"-Drama wie folgt geschildert:
Faust darf mit ausdrücklicher Genehmigung des Kaisers das neugeschöpfte Papiergeld auch für Investitionen auf eigene Rechnung zur privaten Gewinnerzielung verwenden. Es geht einerseits um den Bau von Schiffen, die über die Weltmeere segeln und aus aller Herren Länder Waren herbeitransportieren. Es handelt sich um die Expansion des Handels. Andererseits geht es um Kultivierung des Bodens und die Nutzbarmachung des Bodens für die moderne Landwirtschaft und die Industrialisierung durch den Bau von Dämmen, die gegen das ungezähmte Meer – Symbol der unkontrollierten Natur – errichtet werden und so um die Möglichkeit, auf dem eingedämmten Land weit mehr Waren zu erzeugen als die unkontrollierte Natur liefern könnte. Es handelt sich um die Expansion der Produktion. Die Faust-Firma, die als Bank gestartet ist, wird so zur Handels- und Produktionsunternehmung ausgeweitet. Zu diesem Zweck müssen von überall her Arbeiter zusammengetrommelt werden, die mit dem von der Faust-Firma geschaffenen Geld bezahlt werden. Auf diese Weise kommt es bei fortgesetzter Schöpfung von Papiergeld mit Hilfe der gezähmten Natur zur Schaffung von Gewinnen für die Faust-Firma bei gleichzeitiger Erhöhung der Realeinkommen der Arbeiter.  Die Geldschöpfung wird zur Wertschöpfung.

An diesem Zusammenhang hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert. Er ist nur komplexer geworden. Während Fausts Firma eine Noten- und Geschäftsbank in einem ist und gleichzeitig als Handels- und Produktionsfirma fungiert, sind in der modernen Wirtschaft diese Tätigkeitsbereiche auf verschiedene Branchen aufgeteilt. Wir haben auf der einen Seite das Bankensystem, auf der anderen Seite die Handels- und Produktionsunternehmen. Außerdem ist das Bankensystem doppelstufig. Es umfasst die Notenbank, die zur Zentralbank, d.h. zu einer staatlichen Institution geworden ist und Banknoten als gesetzliches Zahlungsmittel ausgibt, und die privaten Geschäftsbanken, die Kredite vor allem an die Handels- und Produktionsunternehmen erteilen und dabei Bankgeld schaffen, das in Banknoten einlösbar ist. Entsprechend ist der Geldschöpfungsprozess heute zweistufig. Auf der ersten Stufe der Geldschöpfung wird Bankgeld geschaffen, indem der Geldbetrag der Kredite, welche die Geschäftsbanken gewähren, als Sichteinlage auf einem Girokonto (oder einem ähnlichen Konto) des Kreditnehmers auf der Passivseite der Bankbilanz gebucht wird. Die Sichteinlage ist ein Guthaben des Kreditnehmers und eine Schuld der Geschäftsbank. Die Sichteinlagen werden – das ist nun das Entscheidende – zu Geld, zu Bankgeld, weil man mit ihnen durch Überweisungsaufträge oder mit Hilfe von Bankkarten zahlen kann. Heute erfolgen in den Industrieländern ca. 95% aller Zahlungen mit Bankgeld. Diese Sichteinlagen der Kreditnehmer können in Banknoten eingelöst werden. Insofern dies geschieht – es geschieht nur zu einem kleinen Teil, weil man ja, wie gesagt, hauptsächlich mit Bankgeld zahlt - kommt es zur zweiten Stufe der Geldschöpfung, d.h. zur Schaffung von Zentralbankgeld. Dieses beschaffen sich die Geschäftsbanken aufgrund von Krediten, die ihnen die Zentralbank gewährt. Der Betrag der Kredite wird auf einem Konto der Geschäftsbanken auf der Passivseite der Zentralbankbilanz gebucht. Es ist ein Guthaben der Geschäftsbanken und eine Schuld der Zentralbank. Das Guthaben kann jederzeit in Banknoten umgewandelt werden, die ebenfalls eine Schuld der Zentralbank sind. Diese können aber nicht mehr in Gold eingelöst werden, weil die Einlösungspflicht in Gold sukzessive eingeschränkt und schließlich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ganz aufgehoben wurde.

Der springende Punkt ist: wegen der Aufhebung der Einlösungspflicht kann sich die Zentralbank – so könnte man sagen – das Geld bei sich selbst holen oder,  anders ausgedrückt, sich selbst Kredite geben bzw. sich bei sich selbst verschulden. Sie muss daher auch ihre Schulden nie zurückzahlen. Sie können "ewig" bestehen bleiben. Somit beruht unser ganzes Geldsystem schlussendlich auf "ewigen" Schulden, d.h. auf Schulden, die, weil sie nicht zurückgezahlt werden müssen,  ins Unendliche erweitert werden können.

Damit ist gleichzeitig gesagt, dass der Umfang der Investitionen nicht mehr begrenzt ist durch den Umfang der Ersparnisse. Die Geldschöpfung ist an die Stelle des Sparens getreten. Dies bedeutet gleichzeitig, dass die Geschäftsbanken nicht, wie viele heute noch glauben, einfach Händler sind, die Spargelder entgegennehmen und an Unternehmen weitergeben, die sie investieren wollen. Sie sind vielmehr, zusammen mit der Zentralbank, Produzenten – eben Schöpfer – von Geld. Auf diese Weise können Investitionen weit über das Sparvolumen hinaus getätigt und mit den Investitionen der Handel und die Güterproduktion fortlaufend ausgedehnt werden. So kommt mit Hilfe der Geldschöpfung das wirtschaftliche Wachstum zustande, in welchem sich gleichzeitig die monetären Gewinne und Zinsen mit dem realen Einkommen vermehren. Die Menschheit wird dadurch sowohl monetär wie real reicher und immer reicher.

Aber aufgepasst: Der Reichtum hat auch Schattenseiten, die wir nicht außer acht lassen dürfen. Im "Faust"-Drama kommt das geld-angetriebene wirtschaftliche Wachstum, so groß sein Erfolg zunächst ist, schließlich sogar zum Scheitern. Man muss berücksichtigen, dass das Geldschöpfungsprojekt, das Faust inszeniert, nur mit Hilfe des Mephistopheles, d.h.  dem Teufel, zustande gekommen ist. Dieser hat, wie es sich für einen Teufel gehört, einen Pferdefuß. So finden wir auch heute im Geldschöpfungsprojekt einen Abdruck dieses Pferdefußes. Es handelt sich um die Krisentendenz der modernen Wirtschaft, die, wie wir konstatieren müssen, immer mehr zunimmt. Es geht vor allem um drei Krisengefahren, die mit der Geldschöpfung verbunden sind.

Eine erste Krisengefahr ergibt sich daraus, dass die Geldschöpfung statt in reale Wertschöpfung in eine Inflation münden kann. Diese Gefahr ist besonders dann akut, wenn der Staat, der ja die fortgesetzte Geldschöpfung durch die Beförderung der Banknoten zum gesetzlichen Zahlungsmittel erst möglich gemacht hat, sich diese Mithilfe zunutze macht, um sich immer mehr Geld durch Verschuldung bei der Zentralbank direkt oder indirekt über die Geschäftsbanken zu beschaffen. Da der Staat damit im Wesentlichen sog. unproduktive Ausgaben finanziert und so Einkommen schafft, ohne dass zusätzliche Waren produziert werden, erhöht sich die Nachfrage nach den Waren, nicht aber das Angebot. Daraus folgt ein Trend zur Preissteigerung, d.h. zur Inflation. Mit dem Trend zur Inflation, die immer ungeordnet ist, geht die Orientierung für die Ausrichtung auf eine bedürfnisgerechte Produktion verloren. Der Markt wird immer chaotischer.

Eine zweite Krisengefahr ergibt sich daraus, dass die Geschäftsbanken nicht nur Kredite an Unternehmen zur Finanzierung produktiver Investitionen vergeben, sondern auch an Spekulanten – und Spekulanten sind potentiell wir alle! –, mit denen sie Vermögenswerte – Grundstücke, Aktien und andere Wertpapiere – kaufen, in der Erwartung, dass diese Werte gerade wegen der Zunahme der Geldmenge im Preis steigen werden. Solange die Zinsen für die Kredite niedriger sind als die Steigerung der Vermögenswerte, kann man ohne zusätzliche Leistungen reich werden! Gerade weil diese zusätzlichen Leistungen fehlen, müssen aber solche Spekulationswellen früher oder später zusammenbrechen. Es kommt zu Spekulationskrisen, die die Tendenz haben, in Finanz- und Wirtschaftskrisen auszuarten.

Eine dritte Krisengefahr ergibt sich daraus, dass auch die reale Wertschöpfung wegen Verknappung der natürlichen Ressourcen an Grenzen stößt, die aus der beschränkten Menge der vorhandenen Ressourcenvorräte resultieren. Dies kann entweder zu Preissteigerungen im Rohstoff- oder Nahrungsmittelsektor oder wegen der mit dem Verbrauch verbundenen Vermehrung der Abfälle und der Emissionsmengen zu Umweltkrisen führen, die in zunehmendem Masse das wirtschaftliche Wachstum behindern.

Mit diesen Krisen verbunden sind auch Schadenswirkungen im gesellschaftlichen Bereich, die als solche wahrgenommen werden müssen.

Dies führt uns in ein Dilemma. Auf der einen Seite sind wir fasziniert vom Reichtum an Waren, der aufgrund der "unendlichen" Geldschöpfung stets ansteigt, auf der anderen Seite sind wir auch erschreckt von den negativen Folgen, sowohl im wirtschaftlichen wie im gesellschaftlichen Bereich, die  damit verbunden sind. Um einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden, ist es daher notwendig zu wissen, wie Geld- und Wertschöpfung zusammenhängen. Dazu kann uns – ich wiederhole – das "Faust"-Drama wichtige Anhaltspunkte liefern. Die Kenntnisnahme dieses Zusammenhangs sollte uns dazu verhelfen, die Geldschöpfung so zu gestalten, dass sie nicht wie im "Faust"-Drama in einem totalen Scheitern endet, sondern zu einem bescheideneren, aber dauerhaften Wachstum ohne die genannten Krisentendenzen  führt. Nur wenn das Wissen um diesen Zusammenhang gegeben ist, wird dies möglich.

Prof. Dr. Hans Christoph Binswanger
ist der Doktorvater von Josef Ackermann
Universität St. Gallen

Veröffentlichungen des Autors:
Geld und Magie – Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft
Die Wachstumsspirale
Vorwärts zur Mässigung