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Beda M. Stadler, Grundlagenforscher, Uni Bern
Nie mehr Ja oder Nein

Über Volksentscheide, Glaubensfragen und Gentechnik

Wir werden oft gezwungen ja oder nein zu sagen. Ein derartiger Zwang führt aber meist zu einem No-Go. Schreit der brünstige Liebhaber während dem Koitus: "Willst du mich heiraten?" wird die sensible Partnerin hoffentlich zurückschreien: "NEIN!". Ja-Nein-Entscheidungen werden oft revidiert, weshalb nicht erstaunt, dass trotz dem Ja vor dem Altar die Scheidungsrate in Deutschland beinahe 50% beträgt. Wir Menschen sind differenziert und selbst auf die Frage nach dem Geschlecht könnten nur Machos oder Superweiber auf einem Formular dies als Ja oder Nein ankreuzen.

Befragen Politiker das Volk, bleibt diesem nur, wie bei den alten Eidgenossen, Säbel rauf oder Säbel runter. Wir Schweizer werden öfter befragt als andere, und die Resultate sind jeweils nicht erstaunlich. Wir Eidgenossen wurden etwa befragt, ob wir die Komplementärmedizin in der Verfassung wollen. Zugleich wurde überzeugend argumentiert, dass es, im Gegensatz zu einer Alternativphysik oder Alternativchemie, eine Alternativmedizin gäbe und diese billiger und gänzlich ohne Nebenwirkungen sei. Da wäre man blöd, nein zu stimmen. Als Folge haben wir seit 2012 als einziges Land auf diesem Planeten Wasser und Zucker als Medikamente in der Verfassung verankert. Gibt man dem Volk eine Glaubensfrage, wird es mit Glauben antworten.

2009 hatten wir über die Minarett-Initiative, auch wieder eine Glaubensfrage, abzustimmen. Damals haben rationale Menschen sehr rationale Gründe gehabt, etwa Feministinnen, für das Minarett Verbot zu stimmen. Menschen wie ich, die jeglichen religiösen Turmbau verhindern möchten, egal ob von Scientology, den Katholiken, den Protestanten, den Moslems oder anderer Sekten stimmten auch ja.

Noch immer gibt die Initiative zur Masseneinwanderung, die mit 50,3% angenommen wurde, zu reden. Die erste Reaktion war eindeutig: die Schweizer spinnen oder sind zur Hälfte Rassisten. Langsam realisiert man, dass viele der Ja-Stimmenden einfach genug hatten von der europäischen Machtdemonstration. Viele Eidgenossen glauben eben noch, dass sie etwas freier und etwas demokratischer sind. Das ist zwar keine Religion, aber auch Glauben. Wir sind uns gewohnt, dass man Verträge neu verhandeln darf, weshalb bei uns die Scheidungsrate in etwa gleich gross ist wie die in Deutschland. Tatsache ist, dass wir Schweizer ein genauso unabhängiger Staat sind wie etwa Amerika, aber bislang kam es den EU-Funktionären nicht in den Sinn, den Amerikanern gleich martialisch wie uns entgegenzutreten. Verhandelt wird nicht, wir sollen kuschen! Uns droht man schon ab und zu mit der Kavallerie, oder so wie derzeit mit dem Armenhaus.

Ganz so ungeschoren kommen die Amerikaner aber auch nicht weg. Will eine Firma gentechnisch verbesserten Mais in der EU anpflanzen, wird der Mais flugs zu einem US-Mais und die EU-Funktionäre stürzen in eine Glaubenskrise. Rein rational spricht nichts gegen derart verbesserte Pflanzen und bislang war die Zulassung von solchen Pflanzen eine rein rationale Angelegenheit. Trotzdem. 80% der Deutschen lehnen gentechnisch veränderte Lebensmittel ab, was aber kein rationales Problem, sondern eine Glaubensfrage ist. Es würde mich also nicht wundern, wenn in Zukunft die EU Bürger vermehrt abstimmen dürften, dann aber wahrscheinlich zu Glaubensfragen, deren Ausgang absehbar ist.

Da sich Darwin überhaupt nicht mit Religion verträgt, müsste man allerdings in den Schulen verhindern, dass die Evolution von Lehrern und Schülern verstanden wird. Die schwäbische Landesregierung hat bereits vorsorglich reagiert und will die Biologie als Schulfach abschaffen. In der geplanten Bildungsreform steht wortwörtlich, dass "Themen wie Klonen und Pränatal-Diagnostik aus dem Lehrplan verschwinden". Das Fach soll künftig auch fachfremd unterrichtet werden, was gläubigen Lehrern die Möglichkeit gibt, die Evolution durch den Kreationismus zu ersetzen. Auf so eine Bildungsreform können nur religiöse Menschen kommen. Menschen, die glauben, dass unser Universum einen schöpferischen Anfang hat und es folglich eine göttliches Recht gegen die Gentechnik gibt. Solange man den Schöpfungsglauben in der Bevölkerung aufrecht halten kann, wird die Gentechnik keine Chance haben. Es wird weiterhin um Genglaube und nicht um Gentechnik gehen.

In einer Demokratie hat das Volk immer recht. Wenn man das Volk allerdings fragt, ob es viele, viele bunte Smarties will, muss man sich nicht über die Antwort wundern. Ich kenne niemanden, der von sich sagt, er sei ein Einfaltspinsel und sein Handeln und Denken bestehe nur aus Ja oder Nein. Praktisch alle Menschen im abstimmungsfähigen Alter können mit einer Tastatur oder einem Display umgehen. Es wäre so einfach vom Volk eine Antwort zu erhalten, stellt man ihm ein vernünftiges Set von Fragen. Jeder Bürger kann ein Liste mit seiner eigenen Gewichtung versehen. Eine solche Technologie wäre in Windeseile installiert. Die Demokratie würde wieder leben. Da in der EU 36% der Bürger glauben, die Sonne kreise um die Erde, hoffe ich allerdings man fordert uns nicht auf, mit Ja oder Nein abzustimmen, ob wir lieber über Glaubensfragen oder Fakten abstimmen wollen. Schliesslich hat bereits Cäsar gesagt: "Die Leute glauben, was sie glauben wollen."

Prof. Beda M. Stadler ist Immunologe und
Grundlagenforscher an der Universität Bern