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Christian Gattiker-Ericsson
Europäische Streifzüge:

Wenn sich Hollande in Frankreich wie Deutschland aufführt – und Deutschland alle Errungenschaften des letzten Jahrzehnts verspielt

Verkehrte Welt: Januar 2014 – der französische Staatspräsident François Hollande verkündet Einsparungen im Staatshaushalt, während die Grosse Koalition faktisch das Rentenalter in Deutschland senkt. Der Prügelknabe in Paris gelobt Besserung, die Musterschülerin in Berlin schlägt dagegen über die Budgetstränge. Für viele ist noch nicht klar geworden, wo die Reise hingeht. Mit unseren Kundinnen und Kunden sprechen wir schon seit längerem darüber: in Europa vollzieht sich – getrieben von den beiden Schwergewichten in der EU – eine grosse Wende. Ich fürchte, Sie werden nicht alles – oder einige von Ihnen sogar gar nichts – daran mögen, insbesondere wenn Sie vor einem Bildschirm in Deutschland meinen Ausführungen folgen. Doch die wenigsten deutschen Steuerzahlerinnen und –zahler werden sich entziehen können; Zyniker würden einwerfen, dass es wenigstens immer weniger davon gibt. Inzwischen sind es nach konservativen Schätzungen noch ein Drittel aller Haushalte, die netto Steuern zahlen. Tendenz: sinkend.

War Deutschland noch zu retten? Offensichtlich schon.

Blenden wir zurück: Vor gut zehn Jahren noch befand der deutsche Top-Ökonom Hans-Werner Sinn, dass Deutschland, der "kranke Mann Europas", bestenfalls ein "Alter in Ehren" vor sich habe. Zu gross sei der strukturelle Gegenwind für die größte Wirtschaft Europas. Die Wochenzeitung "The Economist" stieß vollbackig in dasselbe Horn – wie üblich mit scharfer britischer Häme gegenüber Kontinentaleuropa – und verkündete Ende 2003, dass die deutschen Reformpläne wohl kaum Wachstumsimpulse geben würden. Der Rest ist Geschichte: Die Regierung Schröder boxte die Agenda 2010 durch, und der Supertanker Germania nahm Fahrt auf. Deutschland hat alle anderen Volkswirtschaften in Europa weit hinter sich gelassen – das Volkseinkommen erreichte schon 2011 ein Allzeithoch, während das übrige Europa noch immer auf ein Wiedererreichen der Höchststände von 2007 wartet. Auch die Finanzmärkte spiegeln den Erfolg der deutschen Volkswirtschaft wider: Seit 2003 haben Anleger im deutschen Aktienmarkt gegenüber dem französischen eine Mehrrendite von 35% erzielt – immerhin 3% pro Jahr. Das Erfolgsrezept: Arbeitsmarktreformen und Budgetdisziplin. Nicht dass Deutschland im globalen Vergleich einen freien Arbeitsmarkt oder besondere Zurückhaltung bei den Staatsausgaben geübt hätte (man steht hier auch in der Größenordnung von 85% des Volkseinkommens in der Kreide). Nein, man hat sich in der letzten Dekade weniger schlecht als die anderen gemausert. Die Belohnung: Deutschland hatte im Vergleich zum Ausland wieder wettbewerbsfähige Arbeitsplätze (dank hoher Produktivitätsgewinne), die tiefsten Schuldzinsen (dank der Krise) und eine Währung die rund 10% (in Krisenzeiten sogar 20% und mehr) zu "billig" war, um der Industrie zu schaden.

Ein Steilpass für die Politiker

Wird es ewig so weiter gehen? Natürlich nicht. Die neu inthronisierte große Koalition ist bereits auf bestem Wege, die Dividenden der letzten zehn Jahre zu verfrühstücken. Schon seit den Wahlen Ende September 2013 scheint in Berlin eins klar zu sein: "Jetzt lassen wir es uns so richtig gut gehen". Schulden zurückzahlen? Nicht einmal Schäuble, der ehemalige Gralshüter der fiskalischen Disziplin, hält mehr daran fest. Mindestlohn: "Ja sicher, alles andere ist ungerecht." Senkung des Rentenalters? "Ja, klar. Ab 63 Jahren darf wieder jede und jeder kürzungsfrei den Ruhestand genießen." Jede Meldung aus Berlin klingt derzeit nach weniger Haushaltsdisziplin, Mehrausgaben, höheren Abgaben und/oder höheren Löhnen. Die Abwahl des unbeliebten Ein-Thema-Koalitionspartners FDP ("Steuersenkungen") hat der Spendierfreudigkeit Tür und Tor geöffnet. Und es scheint erst so richtig los zu gehen. Auch ausserhalb Berlins: Die Tarifabschlüsse in der deutschen Wirtschaft lagen 2013 im Durchschnitt bei +3% - und das während einer europäischen Rezession. Kaum abzusehen, was in einem Jahr des Aufschwungs passieren wird. Plus 5 bis 7% vielleicht?

Wie gewonnen, so zerronnen?

Dabei den linken Bündnispartner allein für die größeren Spendierhosen verantwortlich zu machen, greift also zu kurz. In den USA gibt es übrigens eine schöne Parallele – republikanische Administrationen, die sich ähnlich wie die deutsche CDU im Wahlkampf dem Sparen verschreiben, erhöhten die Ausgaben im Durchschnitt deutlich stärker als die "undisziplinierten" Demokraten. Nicht nur die Budgetdisziplin hat sich in Deutschland also jüngst verflüchtigt. Auch die anderen Faktoren für das deutsche Jobwunder sind dabei, von Rücken- auf Gegenwind zu drehen. Die Arbeitskosten steigen – wie oben ausgeführt und ganz gegen den europäischen Trend – in fast allen Bereichen der Wirtschaft. Deutschland verliert also laufend an Terrain, sprich Produktivität. Die bisher rekordtiefen Zinsen scheinen ebenfalls zu steigen. Lag die Zinsspanne der italienischen und spanischen Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen im Höhepunkt der Eurokrise 2010noch bei weit über 4 Prozentpunkte , hat sie sich inzwischen auf weniger als 2 Prozentpunkte reduziert. Mit der Normalisierung in Europa dürften die Refinanzierungskosten für den deutschen Staat und die deutschen Unternehmen steigen, während die bisherigen Krisenländer in Europa noch Aussicht auf fallende Zinskosten haben. Steigende Zinskosten (angesichts der Umverteilungspläne auch mittelfristig steigende Steuerbelastung), höhere Arbeitskosten: als ob das nicht genug wäre, verteuert sich auch der dritte Inputfaktor der deutschen Industrie zusehends. Die Energiepreise haben sich seit Fukushima deutlich zu Ungunsten des Produktionsstandorts Deutschland bewegt. Inzwischen wird in Deutschland im Durchschnitt über 11 Cents pro Kilowattstunde gezahlt, während in den USA nur rund 6 Cents (beides in Euro gemessen) anfällt. In Skandinavien sogar noch weniger mit nur etwas über 5 Cents. Wo würden Sie Ihre neuen Industrieprojekte ansiedeln?

Ein versöhnlicher Schluss?

Bleibt der Euro: das Scharnier im europäischen Gefüge. Dieser Vorteil ist der deutschen Industrie geblieben, denn trotz aller Währungskrisen in den Schwellenländern hat sich die Gemeinschaftswährung in den letzten zwölf Monaten kaum verteuert. Handelsgewichtet weniger als 3%. Und damit ist sie der deutschen Industrie wohlgesonnen. Mit zunehmender Verteuerung der deutschen Inputfaktoren und den Rosskuren in der europäischen Peripherie kommt plötzlich zusammen, was vor drei Jahren noch unweigerlich auseinanderzudriften schien – das Nord-/Südgefälle ist im Abnehmen begriffen. Ob der Musterschüler aus Deutschland bewusst einen europafreundlichen Kurs mit seiner Arbeitsmarkt-, Ausgaben- und Energiepolitik geht? Eine gezielte "innere Aufwertung" Deutschlands zu den Abwertungen der Lohn- und Standortkosten in Griechenland und Co? Ich bezweifle es. Doch das Resultat ist tatsächlich Euro-freundlich, weil ausgleichend. Damit wären die ewigen Ausstiegsszenarien vom Tisch, und Deutschland könnte sich wieder auf seine angestammte Rolle in Europa zurückziehen: "Zahlen und glücklich sein".

Christian Gattiker-Ericsson, CFA, CAIA,
ist Chefstratege und Leiter Research
bei der Bank Julius Bär & Co. AG in Zürich.