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Dr. Oliver Everling
Marktwirtschaft nicht ohne Ratings

Wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär': Wenn es beim Wirtschaften keine Risiken gäbe, dürfte es heute kaum noch Kreditinstitute geben. Deren wichtigsten Aufgaben ließen sich in einer modernen Volkswirtschaft angesichts der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auch anders lösen. Die Volkswirtschaftslehre misst den Banken Transformationsfunktionen zu: Die Transformation von "Losgrößen", "Fristen" und "Risiken".

Computer könnten schon heute für ganze Volkswirtschaften das "Umrechnen" von Anlage- und Kreditbeträgen übernehmen und damit die Kreditinstitute substituieren. Aus vielen kleinen Spareinlagen würden größere Kreditbeträge errechnet, aus Kurz- und langfristig zur Verfügung gestellten Geldern kurz- und langfristige Kredite ermittelt. So weit die Theorie - wenn es eben nur keine Ungewissheiten und Risiken gäbe!

Ungewissheiten bestehen vor allem im Verhalten von Bankkunden. Denn wer weiß im Einzelfall, wann sie ihren Wunsch nach dem Kauf eines Autos oder Hauses verwirklichen wollen und daher nicht nur ihre Spareinlagen abziehen, sondern auch noch einen Kredit aufnehmen wollen? Ebenso würde es jeden Unternehmer nur schmunzeln lassen, wenn von ihm verlangt würde, schon heute vollständig und exakt auf den Cent genau festzulegen, welche Investitionen er in fünf oder zehn Jahren vornehmen will. Alle diese Entscheidungen sind mit Unsicherheiten behaftet und sogar für die betroffenen Entscheidungsträger selbst schwer vorhersehbar.

Diese Risikoeinschätzung und dieser Umgang mit Ungewissheiten gibt der Kreditwirtschaft unter anderem ihre Existenzberechtigung. In früheren Zeiten konnten Banken diese Funktion einfacher ausüben: Sie hatten es vornehmlich mit Unternehmen zu tun, die mehr oder weniger regional verankert waren. Heute aber stehen sie vor der Herausforderung einer sich immer stärker internationalisierenden und globalisierenden Welt.

Unternehmen finden im Ausland nicht nur ihre Absatz- und Beschaffungsmärkte, sondern sind vielfach auch mit Beteiligungen oder Tochtergesellschaften engagiert. Dies macht jede Risikoeinschätzung für Kreditgeber um ein Vielfaches komplexer und übersteigt – bei realistischer Betrachtung – häufig die eigenen Möglichkeiten der Kreditinstitute.

Daher ist es kaum erstaunlich, dass die Finanzkrise am besten von denjenigen Banken in Deutschland überwunden wurde, die sich lokal vor Ort am stärksten mit der traditionellen Finanzierung von wirtschaftlich Selbstständigen, von Handwerkern und Gewerbetreibenden befassen, nämlich den Banken des Genossenschaftssektors, den Volksbanken und Raiffeisenbanken, gefolgt von den Sparkassen.

Am härtesten traf es dagegen diejenigen Institute, die deutsche Unternehmen weltweit begleiteten oder sich sogar unabhängig von diesen in zum Teil zu komplexe Finanztransaktionen fern der Heimat verstrickten. Es muss konstatiert werden, dass in diesen Instituten eigene Kompetenz zur Risikobeurteilung in vielen Fällen nicht vorhanden war. Die Fähigkeit, Risiken angemessen zu beurteilen, war und ist vielfach immer noch nicht vorhanden. Stattdessen vertrauen diese Kreditinstitute den US-amerikanischen Agenturen, was sich zum Teil auch als verheerend erwiesen hat.

Welche Bedeutung diese "ausgelagerte" Risikoeinschätzung hat, wurde durch die fatale Rolle der US-amerikanischen Ratingagenturen erst richtig deutlich: Ohne ihre Ratings konnten Verbriefungen von Forderungsportefeuilles, strukturierte Finanzierungen mit Subprime-Krediten usw. kaum stattfinden, denn die notwendige Transparenz war für Externe nicht gegeben. Anleger mussten also auf Spezialisten wie denen von Ratingagenturen vertrauen, um solche Transaktionen zu durchleuchten. Ein Vertrauen, was leider nicht in allen Fällen gerechtfertigt war.

Was aber wäre die Alternative? Das Rad der Geschichte zurückzudrehen und nur lokales Geschäft zu betreiben oder gar zum Agrarstaat zurückzukehren, kann nicht die Antwort auf die Herausforderungen sein. Auf Absatzmärkte wie China zu verzichten, wäre für die insbesondere von der Automobilindustrie abhängige deutsche Wirtschaft nicht verkraftbar. Auch der deutsche Mittelstand feiert große Erfolge in Asien und anderen Kontinenten. Es Genossenschaftsbanken und Sparkassen nachzumachen und mit jeder Investition und Finanzierung in der eigenen Region zu bleiben, kann keine zukunftsweisende Antwort auf die Frage nach der künftigen Struktur des Finanzsektors sein.

Es bleibt vor allem, das zentrale Problem jeder Investitions- und Finanzierungsentscheidung da zu lösen, wo es entsteht, nämlich in der Risikobeurteilung. Je treffgenauer Risiken eingeschätzt werden, desto eher lassen sich für jedes Risiko auch geeignete risikopolitische Gestaltungen finden: Risiken vermeiden, reduzieren, diversifizieren, teilen, zerfällen, übertragen oder versichern. Dieses ist eine Kernaufgabe von Ratingagenturen.

Auf der Ebene der Europäischen Union wurde in diesem Kontext die Rolle der Ratingagenturen erkannt und auf die Finanzkrise auch mit einer inzwischen schon mehrfach weiterentwickelten EU-Verordnung über Ratingagenturen reagiert, mit der nicht nur das Vertrauen in die Arbeit der Ratingagenturen wiederhergestellt, sondern auch in Europa ansässigen Agenturen eine Chance gegeben werden soll, durch ihre Ratings für Transparenz und bessere Information zu sorgen. So galt es auch, die Dominanz der US-amerikanischen Ratingagenturen zu brechen und mit einem europäischen Ratingansatz eine Lösung für europäische Unternehmen zu finden.

Der Elan der Politik, durch öffentliche Ratings jedermann den Vergleich von Bonitätsrisiken zu erleichtern, erlahmte allerdings im Zuge der Verschuldungskrise der Staaten. Hier wurde deutlich, dass Ratingagenturen mit ihren Ratings auch peinliche Fragen nach der ausufernden Staatsverschuldung medienwirksam aufwerfen können.

Neben den Großkonzernen und Banken, die sich nach wie vor fast ausschließlich von US-amerikanischen Agenturen beurteilen lassen, treten inzwischen vermehrt auch mittelständische Unternehmen mit ihren Emissionen von Mittelstandsanleihen an anerkannte Ratingagenturen heran, um ihren Anlegern mit unabhängigen Ratings eine erste Orientierung über die Qualitäten ihrer Obligationen zu geben.

Für institutionelle Anleger wie Fondsmanager sind Ratings oft Voraussetzung dafür, sich überhaupt mit einer Emission befassen zu wollen. Wer sich schon der von Ratingagenturen verlangten Offenlegung (Vermögens-, Ertrags- und Finanzlage usw.) verschließt, darf kaum erwarten, dass er von professionell agierenden Anlegern willkommen geheißen wird.

Die überbordende Kritik an den US-Ratingagenturen verstellte vielfach den Blick für die vor uns liegenden Aufgaben: Nicht der Gedanke des Ratings ist falsch, sondern allenfalls die in bestimmten Fällen angelegten Kriterien und Methoden ihrer Ermittlung. So zielt die EU-Verordnung über Ratingagenturen von 2009 nicht auf eine Einengung oder gar Beseitigung von Ratings oder von Ratingagenturen, sondern umgekehrt auf die Wiederherstellung des Vertrauens der Marktteilnehmer. Rating löst das Schwarz-Weiß-Denken von früher, das nur zwischen "kreditwürdig" oder "nicht kreditwürdig" zu unterscheiden wusste, durch ein differenziertes Notensystem feiner Bonitätseinstufung ab. Wenn in den USA Ratings auf Basis falscher Annahmen einmal zu Fehlallokationen führten, darf dies in Europa nicht entmutigen, eigene Wege zu gehen.

Dr. Oliver Everling
ist seit langen Jahren tätig als Experte für Ratingfragen