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Monika Bittl
Der Knecht singt gern sein Freiheitslied ...

Ich verreise ungern – und komme ungern wieder heim. Aber heuer wurde mir der Rückweg aus dem Sommerurlaub in den Alltag ganz erheblich erleichtert, ja, man kann sagen, ich fühlte mich von Deutschland regelrecht mit einem roten Teppich empfangen. Denn stellen Sie sich vor, gleich nach dem Flughafen sah ich es. Es – das war ein Plakat mit einem Grünen, das „Freiheit“ versprach. Stellen Sie sich das einmal vor, sie verreisen mit der festen Meinung im Gepäck, dass die Grünen verbieten, was das Zeug hält. Sie lesen vier Wochen lang keine Zeitung und schauen nicht ins Internet – und dann empfängt Sie ein Grüner mit „Mehr Freiheit wagen. Und du?“

Ich starrte auf das Plakat, meiner Sinne unsicher. Ja, tatsächlich, ein Florian Kraus lächelte mich da an. Brille und er Typ „Fielmann“, fein gepflegter Bart, grünes Hemd, grünes Sakko und aufgesetztes Fotografenlächeln. Wäre unter dem Bild gestanden: „Der Versicherungsvertreter Ihres Vertrauens“ hätte Foto und Text zwar besser zusammen gepasst, aber wer will bei so was Unerhörtem schon kleinlich sein! Und so ein Typ will Freiheit wagen, wow!

Was denn eigentlich, überlege ich im nächsten Moment. Will er vielleicht einmal ganz verwegen ohne Fahrradhelm zum Einewelthaus radeln und die Freiheit des Fahrtwindes genießen? Oder stellt er sich gar gegen das von seiner Partei geforderte Nachtangelverbot und fischt klammheimlich die schlafenden Tiere aus einem See, um sie grausam zu töten, Syrien und das ganze Ausland grausam menschlich ausblendend? Oder greift er gar – meine schmutzige Phantasie geht gerade mit mir durch, sorry – in einer Ecke eines Biergartens zu einer Zigarette und raucht sie wagemutig in aller Öffentlichkeit? Oder gar, um Himmels Willen, trinkt er vielleicht in einem Genussanfall womöglich Alkohol in einer Kneipe und hält es mit Heinrich Heine: „Der Knecht singt gern sein Freiheitslied des Abends in der Schänke“?

Fragen über Fragen, die mich da empfangen! Gibt es nach einer Energiewende jetzt eine Freiheitswende? Natürlich kann man Wahlkampfplakaten nicht trauen und die Aussagen für bare Münze nehmen. Aber dass ausgerechnet ein Grüner mit der „Freiheit“ Wahlkampf betreibt, muss doch auf etwas ganz Außerordentliches hindeuten, das wäre vergleichbar damit, dass die Linke Renten senken will, die FDP mehr Überwachung fordert oder die CSU für mehr Sozialismus wirbt!

„Mehr Freiheit wagen. Und du?“ Was ist hier während ich dösend am Strand lag passiert? Hat dem lieben Flori vielleicht jemand geflüstert, dass manche – so wie ich – die Schnauze gestrichen voll haben von dem weiteren Ausverkauf unserer Freiheitsrechte und den Eingriffen in unsere Körper? Oder ist das gar ein grüner Selbstdenker (lachen Sie nicht, so was soll es wirklich geben!), der sich überlegt hat: Wenn wir den Menschen weiter so viel verbieten und noch mehr vorschreiben werden sie vielleicht wieder so unmündig wie vor der Aufklärung? Wenn wir dem Menschen so gar nicht mehr vertrauen, dass er für sich schon die richtigen Entscheidungen treffen kann, wird Deutschland noch ein einziger, großer Kindergarten und wer soll dann all die Nannys bezahlen? Aber nein, stopp, da liegt ein Denkfehler meinerseits vor, in einem Grünenhirn gibt es doch kein Kassenbuch! So wie der Flori aussieht – ich duze ihn übrigens einfach, weil er das ja auch macht mit „Und du?“ – hat der doch bestimmt eine verbeamtete Lehrerstelle oder einen reichen Papa und würde eher noch in den Puff als zum Aldi gehen. Ich bitte Sie, Geld hat man als Grüner, darüber spricht man nicht, und wer wirklich keins hat, schafft es manchmal über ein paar Pöstchen der segensreichen großen „Familie“, die böse Zungen „Biomafia“ nennen.

Aber nein, meine kurz aufkeimende Hoffnung auf dem Weg von Palmen zu Eichen ernüchterte sehr bald beim Anblick der wertebesoffenen anderen grünen „Und du?“-Wahlplakate. Natürlich, so wurde mir klar, muss ein Grüner auch den Freiheitswert besetzen, wo käme denn ein so ein Grüner hin, wenn er den ausließe, denn schließlich ist Grün für die gesamte Moral im Lande zuständig, während die anderen doch bloß dreckige, kleine Politik machen. Andererseits geht das auch nicht so einfach, denn so wie ein Papst sich nicht persönlich um einen Küchenputz kümmern kann oder gar einen Wischlappen in die Hand nehmen kann, so wenig kann ein Grüner sich um solche Nebensächlichkeiten wie eine Freiheit kümmern, es geht schließlich um die höheren Ziele der Weltenrettung und des ewig gesunden Lebens! Dazu bedarf es einfach Gebote wie: „Rauche nicht!“, „Fliege nicht!“, „Esse kein Fleisch!“ ... etc. Ich höre jetzt auf, mit den Gebotsdetails, sonst sprengt das Volumen der Seite.

Denn der Mensch ist an sich böse in einer an sich guten Natur, eine widerliche Kreatur sozusagen, der Mensch. Wie der Name „Kreatur“ schon sagt ist er eine Mischung aus guter Natur und böser zivilisatorischer Kreativität, die solche Bäh-Sachen wie medizinischen Fortschritt erfand, aber mit deutlicher Gewichtung auf böse, denn dass unser Hirn eine Narkose ersann, fanden auch die Priester seinerzeit fürchterlich bäh, denn Krankheiten sind doch ebenso wie der Untergang unserer Erde durch unseren Lebensstil und unser Dasein überhaupt eine Strafe Gottes, der es vorzubeugen gilt. Verstanden? Nein? Sehen Sie einfach lang genug die Wahlplakate der Grünen an, dann werden Sie schon weise genug und verstehen die absurde „Logik“ des neuen Glaubens!

Mir jedenfalls wurde mir auf dieser Heimreise klar, dass das grüne Knechtlied nicht zufällig jetzt auftaucht. Flori, Katrin und Jürgen müssen ja im Wahlkampf auf ihr Haupthandwerkszeug „Angsterzeugung“ verzichten, wollen sie doch wie alle anderen auf Agenturen hören und auch positive Botschaften zum Wählergewinn übermitteln. Was tun aber, wenn der Kern und Motor alles Tuns gerade ausgebaut in der Werkstatt liegt? Was tun, wenn Angst nicht angesagt ist? Werte „an sich“ besetzen ist eine naheliegende Lösung und ohnehin eine an sich grüne Tugend, um nicht schnöde die Küche putzen zu müssen, sondern die Predigt im Petersdom vorbereiten zu können.

Das führt zu solchen Irrlichtern wie „Freiheit wagen“ vom Flori. Denn das Gegenteil von Freiheit ist nicht wirklich ein Kerker, sondern die Angst.

Monika Bittl
ist eine deutsche Schriftstellerin und Drehbuchautorin