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Kommentar
Aus dem Wörterbuch des Gutmenschen – Teil 2: „Alternativlos“

Vor beinahe 10 Jahren ging ein „Basta“ durchs Land. Absolut authentisch in jener Zeit für einen Mann mit Brioni-Anzügen und Zigarre. Allerdings wurde diese Art der Politik als arrogant charakterisiert, weil sie in ihrer Wirkung absolut sei und keine Diskussion mehr zulasse – so sagten es vor allem die Gutmenschen. Jener Schlag von Bundesbürgern, die im Abonnement auf der guten Seite des Lebens stehen und immer Recht haben. 

Dabei kann das „Basta“ in einer weiten Auslegung auch als besondere Form der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers verstanden werden. In Art. 65 des Grundgesetzes kodifiziert, stärkt sie die Stellung des Bundeskanzlers im politischen System. Gleiches gilt für jeden Chef und jede Führungskraft. Im Idealfall: Argumente anhören, abwägen und dann entscheiden sowie darüber informieren und die Umsetzung erwarten.

Damit hat der Gutmensch dann ein Problem. Denn er tut nur so, als wollte er kommunizieren und andere einbinden. Er sucht Harmonie und Konsens. Dabei verschleppt er Entscheidungen, blockiert Veränderungsprozesse und verhindert damit Innovationen. Gutmenschen vertreten keine Argumente oder Standpunkte. Sie stehen für nichts, stattdessen heben sie eigene Befindlichkeiten über alles andere und lieben Besprechungen ohne Ergebnis. Viel wurde von jedem gesagt und ein wirklich sachbezogener Dialog, an dessen Ende eine Entscheidung stand, wurde wieder einmal vermieden. Keine Entscheidung und damit kein „Basta“.

Der Zyniker sagt nun: Macht auch nichts, denn es passt in die heutige Zeit. Zwar verschwanden nach der Ära Schröder Zigarre und Basta aus dem Politikstil, doch auch heute haben viele Argumentationen ein z.T. schnelles Ende, welches dann seit 2009 zunehmend mit dem Wort „alternativlos“ markiert wird.

Auch wenn dieses von der  „Gesellschaft für deutsche Sprache“ in 2010 zum Unwort des Jahres gekürt wurde, so verbreitet es sich immer weiter als Beendigungsritual für Diskussionen, die nicht geführt werden wollen, es aber eigentlich sollten. Ob Energiewende, Bankenregulierung oder Verbraucherschutz, die Entscheidungen sind immer ohne Alternative.

War das „Basta“ vielleicht noch ein bisschen ruppig, so ist das „Alternativlos“ eine Beleidigung jedes klar denkenden Menschen, denn „Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.“, so die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache. Der Zyniker sagt wieder: Macht aber auch nichts, solange sich die Gutmenschen dabei wohl fühlen. Schließlich gehört es inzwischen zum guten Ton etlicher sogenannter Intellektueller bei Wahlen auf den Urnengang zu verzichten um anschließend damit auch noch zu kokettieren. So erlangen sie sukzessive den Zustand: „Angenehm taub“ – bereits zu hören bei Pink Floyds „Comfortably Numb“ - basta!

Frank Weber