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Arbeitspolitik
Anti-Stress-Verordnung der IG Metall ist überflüssig

Das Vorstandsmitglied der IG Metall, Hans-Jürgen Urban, kündigt in einem Namensbeitrag ("Bremse für das Hamsterrad") im Handelsblatt vom 23. April 2013 eine Vorlage einer Anti-Stress-Verordnung an.

Inzwischen gehen rund 40% der  Frühverrentungen auf psychische Erkrankungen zurück. Psychische Leiden belegen laut Barmer GEK bereits Platz 2 der Krankheiten, die für Fehltage sorgen. Der Arbeitsausfall beträgt vergleichsweise lange 42,9 Tage.
Ist das Vorhaben der IG Metall angesichts dieser Zahlen, viele weitere ließen sich aufführen, eine verständliche und sinnvolle Forderung?

Aus der Perspektive eines Gewerkschaftsmitglieds kann man Verständnis für diese Forderung haben. Es passt auch in die klassenkämpferische Denkweise der IG Metall, durch Gesetze und Verordnungen die "Renditezwänge im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts" zu bändigen.

Damit ist aber noch nicht gesagt, dass die Anti-Stress-Verordnung auch sinnvoll ist und wirken wird. Natürlich passt sie auch in den allgemein vorherrschenden Trend, nahezu alle Lebensbereiche der Bürger mit Gesetzen und Verordnungen zu regulieren. Führt das aber zu wirklich anhaltenden Veränderungen und den gewünschten Effekten?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Belastungen in der Arbeitswelt können Menschen krank machen – körperlich und auch psychisch. Ich vertrete die Auffassung, dass das Problembewusstsein für psychische Belastungen und den daraus folgenden Erkrankungen dringend steigen muss. Ich habe nur meine Zweifel, ob der Weg über eine Verordnung der richtige ist.

Denn, wo es Richtlinien gibt, muss es Institutionen geben, die die Einhaltung dieser überwachen. Damit werden die Unternehmen mit einer weiteren Welle an regulativen Anforderungen konfrontiert. Das führt zu steigenden Kosten und fehlender Wettbewerbsfähigkeit und dieses möglicherweise implizit wieder zu einer Verschärfung der Spirale, an deren Ende wieder mehr Menschen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen stoßen.

Zudem, welchen Regulierungsbereich soll die Verordnung haben? Nur die abhängig beschäftigen Menschen – dem Kernklientel der Gewerkschaften? Wie steht es mit den freiberuflich tätigen Berufsgruppen? Was ist gar mit Schülern? Zwischen 2000 und 2010 ist die Zahl der psychisch kranken Schüler um 20% gestiegen. Nicht von der Hand zu weisen ist auch die deutliche Zunahme von Seelenkrankheiten bei Menschen, die nicht mehr im Berufsleben stehen. Alles Risikogruppen, die von einer solchen Verordnung nicht umfasst werden. Geht es um eine Reduktion der psychischen Erkrankungen und einer deutlichen Minderung der damit verbundenen impliziten und expliziten Gesundheitskosten, müssen andere Wege beschritten werden.

Wie könnte ein Weg stattdessen aussehen? Im Bereich der Arbeitnehmer haben wir mit dem Arbeitsschutzgesetz und der seit 1996 bestehenden Gefährdungsbeurteilung bereits ausreichende rechtliche Rahmenbedingungen. Neue Regelungen machen es nicht besser. Stattdessen sollten die existierenden Vorschriften Anwendung finden und dort bei einem umfassenderen Gesundheitsbegriff ansetzen, der körperliche und seelische Krankheiten umfasst. Es geht um einen ganzheitlichen Gesundheitsbegriff, um ein Verständnis von psychosozialer Gesundheit. Es geht um ein solches Verständnis bei sowohl Arbeitgebern als auch bei Arbeitnehmern.  Einsicht und Verständnis für Zusammenhänge und deren Akzeptanz bewirken in einer freiheitlichen Gesellschaft Veränderungen.

Über den reinen Schutz der Arbeitnehmer hinaus, diese aber auch betreffend, müssen wir leider festhalten, dass wir in der Breite der Gesellschaft eine unzureichende Gesundheitskompetenz haben. Ein oftmals ungesunder Lebensstil mit deutlich zu hohem Alkohol- und Nikotinkonsum gepaart mit Bewegungsmangel und Informationsdefiziten führen zu grundsätzlichen strukturbedingten Krankheitsursachen. Verschärfung finden diese durch Umweltgifte, denaturierte und vitaminarme Nahrung. 

Bei diesem Phänomen darf es nicht wundern, dass sich Menschen auf bloße Bio-Maschinen reduzieren (lassen). Insofern geht es um weit mehr als nur um psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz. Der Kern ist die Bedeutung der Gesundheit als volkswirtschaftliche Größenordnung.

Verbunden mit der grundsätzlichen Fragestellung, was wir selber mit unserem Körper und unserer Seele anstellen. Wie wichtig ist uns Gesundheit und welchen Eigenbeitrag möchten wir dazu leisten? In einem freiheitlichen Gesellschaftssystem ist Gesundheitsvorsorge eben keine Kernaufgabe des Staates, sondern eine höchst individuelle Sache eines jeden Bürgers. Ich bin für meine physische und psychische Gesundheit selber verantwortlich. Gehe ich dieser verantwortungsvoll nach, profitiere ich davon. Vernachlässige ich sie, trage ich die Risiken.

Diese Sichtweise führt perspektivisch zu einer Gesellschaft mit steigendem Gesundheitsbewusstsein und wachsender Kompetenz körperliche und seelische Aspekte betreffend – auf der einen Seite bei den Arbeitnehmern und auf der anderen Seite aber auch bei den Arbeitgebern. Denn wirtschaftlich betrachtet, stellt Gesundheit die weitaus größte Produktivitäts- und Wachstumsreserve dar. 10% weniger Krankheiten würden z.B. die Produktivität unserer Volkswirtschaft deutlich mehr erhöhen als viele andere Maßnahmen, die ihre Herkunft vielleicht eher im Controlling der Unternehmen haben. Dabei umfasst mein Krankheitsbegriff sowohl die körperlichen als auch die psychischen Erkrankungen.

Insofern braucht es keine Verordnung à la IG Metall, es braucht ein deutlich steigendes Gesundheitsbewusstsein bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Es braucht ein anderes wirtschaftliches Verständnis, nach dem Ausgaben für die Gesundheit eben nicht nur Kosten sind, sondern immer auch einen Investitionscharakter haben.

Frank Weber