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Annette Heinisch, RechtsanwÄLTIN

Fit für die Zukunft – Teil 5

In meinem ersten Beitrag zu diesem Themenkomplex machte ich neben der Entwicklung eines breit gefächerten, für jeden bezahlbaren Angebots an Privatschulen u. a. den Vorschlag, das Bildungssystem durch Standardisierung/Individualisierung grundlegend zu modernisieren.

Derzeit ist es so gestaltet, dass Lehrkräfte ein weitgehendes pädagogisches Ermessen haben. Der inhaltliche Rahmen ist nur grob abgesteckt, die Lehrmethode wird gar nicht vorgegeben. Demgegenüber werden die Leistung der Schüler (nach welchem Maßstab auch immer) bewertet. Diese müssen Leistungen erbringen, es ist eine Bringschuld ihrerseits. Ob und wie sie diese erbringen, wird stets zugleich auf der charakterlichen Ebene begutachtet. Streb – und Folgsamkeit werden mit guten Zensuren und besseren Lebenschancen belohnt, Querdenker werden aussortiert.

Aufgabe des Bildungssystems ist die Förderung der intellektuellen Fähigkeiten der Schüler, in der Medizin ist die vergleichbare Aufgabe die Förderung der physischen und psychischen Gesundheit. Anders als die Pädagogik hat die Medizin aber riesige Fortschritte erzielt, indem man eine Vorgehensweise wählte, die diametral entgegengesetzt zu der im Bildungsbereich steht. So wurden medizinische Behandlungsstandards eingeführt, Hygienestandards und festgelegte Prozeduren bei Diagnostik und Behandlung. Durch eine regelmäßige Evaluation und eine offene Fehlerkultur wird versucht, die Behandlungsergebnisse stetig zu verbessern. Das Schadenersatzrecht und die Haftpflichtversicherungen torpedieren zwar diesen Ansatz, aber dass die Fehlerkultur von Ärzten und Krankenhäusern entscheidend für die Qualität der Behandlungsergebnisse ist, steht ebenso wenig außer Frage wie die Standardisierung der Verfahren zum Zwecke der Qualitätskontrolle.

In der Medizin käme keiner auf den Gedanken dem Patienten zu erklären, er müsse die Leistung des Gesundens erbringen, obgleich er mit seiner Lebensweise oft (nicht immer) einen Anteil sowohl an der Entstehung der Krankheit wie auch an dem Heilungsverlauf hat. Beide Seiten müssen zusammen arbeiten, aber Standards gelten für Ärzte und Krankenhäuser, nicht für Patienten.

Nur dieses Verfahren hat eine nachprüfbare Qualitätskontrolle und daraus resultierende Fortschritte in der Medizin und Behandlung überhaupt ermöglicht. Grundsätzlich gilt in der Wissenschaft, dass man nur bei einem gleichen Versuchsaufbau Erkenntnisse aus abweichenden Ergebnissen gewinnen kann. Nur aufgrund gleicher Verfahrens – und Behandlungsweisen konnte man z. B. feststellen, dass Frauen, Männer und Kinder unterschiedlich auf Medikamente ansprechen. Mittlerweile wird sowohl die Diagnostik wie auch die Behandlungsmethode immer weiter verfeinert und individuell – konkret auf den Einzelfall abgestellt, so dass Krankheiten ganz gezielt mit möglichst geringen Nebenwirkungen behandelt werden. So gewinnt, vertieft und verfeinert man Wissen zum Nutzen aller.

Im Bildungsbereich kann jeder Lehrer vorgehen, wie er will, das nennt sich "pädagogische Freiheit". Führt seine Methode nicht zum Erfolg, sind die Schüler schuld. Oft wird darauf hingewiesen, dass es zwei oder drei Schüler schließlich verstanden hätten. Dass das die Schüler sind, die im Zweifel auch ohne diesen Lehrer den Stoff verstanden hätten, bleibt dabei unerwähnt. So aber kann man die Lehre nicht weiter entwickeln, es fehlt an gleichen und damit vergleichbaren Standards, die eine Qualitätskontrolle erst ermöglichen.

Das heißt, wir müssen Standards erfolgreichen Lernens entwickeln, d. h. Standards für Schulen und Lehrer. In Hamburg haben vergleichende Untersuchungen beispielsweise ergeben, dass Schulen in sozialen Brennpunkten unterschiedlich erfolgreich waren. Der Lehrerfolg liegt also mitnichten allein an schlechten Umfeldbedingungen. Es kann und darf aber nicht das Pech des Kindes sein, wenn es eine schlechte Schule besuchen muss!

In England hat man mit derartigen Standardisierungsmaßnahmen erreicht, dass mittlerweile auch Gesamtschulen ein gutes Niveau erreichen. Allerdings werden schlechte Schulen auch konsequent geschlossen.

Daher muss das Bildungssystem vom Kopf auf die Beine gestellt werden. Standards müssen vor allem für Schulen und Lehrer gelten, wie es eigentlich auch Wilhelm von Humboldt vorsah. Ebenso wie in der Medizin müssen wir in einem weiteren Schritt die besonderen Interessen und Fähigkeiten  der Kinder individuell fördern. In dem Artikel von Uwe Wagner "Erfolgreichem Handeln muss ein klares Lern – und Festigungskonzept vorangestellt" werden (https://www.godmode-trader.de/artikel/erfolgreichem-handel-muss-ein-klares-lern-und-festigungskonzept-vorangestellt-werden,5591597) fasst dieser den aktuellen Kenntnisstand der Lernforschung sehr treffend zusammen:

(1) Definieren eines konkreten und klaren Zieles. Hierbei geht es durch die Aneinanderreihung vieler kleiner Teilziele ein im Vorfeld definiertes Gesamtziel zu erreichen. Dazu muss im Vorfeld klar definiert sein, welche Teilabschnitte zu absolvieren sind, wie diese aufeinander aufbauen und welche Ziele zu erreichen und zu halten sind, bevor es zur nächsten Zielerreichung geht.

(2) Fokussiertes Üben: hier wurden bereits eine Vielzahl von Untersuchungen durchgeführt die alle zu einem Ergebnis kamen: man muss der zu lernenden Aufgabe seine volle Aufmerksamkeit zuwenden. Es klingt flach und abgedroschen, wenn man sagt: "Du musst alles andere zurückstellen und dem Erreichen des Zieles unterordnen", aber die von diversen Psychologen dazu durchgeführte Auswertungen zeigen genau das. Nebenbei lernen oder sich nebenbei auf eine Herausforderung zu konzentrieren wird über Mittelmaß nicht hinausführen.

(3) Feedback: ein drittes und als sehr wichtig eingestuftes Merkmal des gezielten Übens wird das Erhalten von Feedback gewertet. "Man muss erfahren ob man es richtig macht, und wenn nicht, was man falsch macht", heißt es in einer Studie zum gezielten Üben, welche durch den Psychologen K. Anderson Ericsson, Professor der Psychologie an der Florida State University erstellt wurde.

(4) Das vierte Merkmal ist die Notwendigkeit, die persönliche Komfortzone zu verlassen. Dieses Merkmal wird als das wichtigste Merkmal angesehen und ist der Aspekt, dem in den bisherigen Lern-Methodiken eine zu geringe Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das definieren eines klaren Ziels, das fokussierte Lernen und Üben sowie die Notwendigkeit von Feedback sind für sich genommen bekannte Schwerpunkte, doch das bewusste Überschreiten der Wohlfühlschwelle, dass sich bewusst "Schmerz" zuführen, ist bisher nicht im Fokus des erfolgreichen Lernens gewesen. Mittlerweile weiß man: Lern- und Übungsversuche ohne jegliche Bemühung, stets mehr zu tun als das, was man bereits beherrscht, führt definitiv nicht zu einem Erfolg. In der Studie von Professor Ericsson heißt es dazu: "Wer die eigene Komfortzone nicht verlässt, wird keine echten Leistungssteigerungen erziele. Der Hobbypianist, der als Teenager ein halbes Dutzend Unterrichtsstunden genommen hat und in den letzten 30 Jahren dieselben Lieder wieder und wieder auf genau dieselbe Weise gespielt hat, hat zwar in dieser Zeit Tausende von Stunden "geübt", ist aber kein besserer Klavierspieler als vor 30 Jahren geworden. Wahrscheinlich ist er sogar schlechter geworden."

Gut ist nur, wer sich auf etwas fokussiert und dafür mehr leistet, als andere. Dabei sollen Zensuren nicht der Bestrafung für Faulheit oder Belohnung für Fleiß dienen, sondern als feed back einen objektiven Rückschluss auf den Stand der Zielerreichung erlauben.

Die Kraft und das Durchhaltevermögen für eine Fokussierung und Überschreiten der Schmerzgrenze kann stets nur aus einer intrinsischen Motivation unterstützt durch einen motivierenden und aufbauenden  Lehrer kommen. Schüler müssen also heraus finden, wofür sie sich begeistern können, was "ihr Ding" ist und sich darauf fokussieren. Die allgemein bildende Schule verlangt jedoch von Schülern, jedes Fach gleichermaßen ernst zu nehmen, jeder Lehrer hält dabei sein eigenes Fach für das wichtigste. Dabei bildet sie eher weniger allgemein in dem Sinne, dass man die Kenntnisse später immer und überall benötigt als vielmehr in dem Sinne, dass man sehr vieles davon niemals wieder braucht. Wie heißt es so schön: "Bildung ist das, was übrig bleibt, nachdem man alles vergessen hat, was man in der Schule lernte."

Standardisierung und Individualisierung schließen sich also nicht aus, sondern ergänzen sich sinnvoll. Fähige und lebenstüchtige Bürger werden wir nämlich mit Sicherheit nicht haben, wenn sie weder wissen, wie man konkrete Ziele erreicht und diese Zielerreichung feststellt noch ihr eigenes Fähigkeitsspektrum für das weitere Leben einschätzen können.

4. Dezember 2017


Annette Heinisch

Annette Heinisch. Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Schwerpunkt: Internationales Bank - und Währungsrecht und Finanzverfassungsrecht. Seit 1991 als Rechtsanwältin sowie als Beraterin von Entscheidungsträgern vornehmlich im Bereich der KMU tätig.

 
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