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Annette Heinisch, RechtsanwÄLTIN

Fit für die Zukunft – Teil 4

Nach dem Pisa – Schock 2001 jubilierten zunächst die Verfechter der Einheitsschule, weil Finnland mit diesem System laut PISA erfolgreich war. Dass es dort zusätzlich eine höchst intensive Betreuung der Schüler durch eine Team aus verschiedenen Fachleuten gibt, wurde geflissentlich übersehen. Sämtliche Streitigkeiten um das "richtige" Schulsystem erwiesen sich jedoch als abwegig, nachdem sich herausstellte, dass auch das differenzierte Schulsystem in Singapur erfolgreich war. Beide Systeme zeichnen sich durch eine Gemeinsamkeit aus: Die Qualität und Qualifikation der Lehrer muss umso höher sein, je kleiner die Kinder sind und die Lehrer sehen als eine eigene Verpflichtung an, die Kinder erfolgreich zu machen.

Mittlerweile kritisieren Erziehungswissenschaftler in Deutschland, dass Kinder in Grundschulen von Seiteneinsteigern unterrichtet würden. Sie weisen auf die Bedeutung professioneller Ausbildung und die negativen Konsequenzen des Fehlens hin. Dies ist korrekt, es muss jedoch angemerkt werden, dass bei uns die Ausbildung der Grundschullehrkräfte nicht hohen oder gar  höchsten Anforderungen genügen. Dieses spiegelt die Bezahlung wider, was einer der Gründe ist, weswegen Männer diesen Beruf selten ergreifen. Dieses gilt in noch höherem Maße für Kindergärten.

Im Jahre 2007 veröffentlichte McKinsey & Company eine eigene Untersuchung, danach sind folgende Faktoren entscheidende für ein gelingendes Schulsystem:

"All the different school systems that have improved significantly have done so primarily because they have produced a system that is more effective in doing three things: getting more talented people to become teacher, developing these teachers into better instructors and in ensuring that these instructors deliver consistently for every child in the system".

Denn:

"1) the quality of an education system cannot exceed the quality of its teachers,

2) the only way to improve outcomes is to improve instructions and,

3) achieving universally high outcomes is only possible by putting in place mechanisms to ensure that schools deliver high - quality instruction to every child.".

 ("How the world's best – performing school systems come out on top", September 2007, Autoren: Michael Barber, Mona Mourshed)

 

Wer Menschen kennt, weiß, dass nur Menschen andere führen und leiten, die Beziehungsebene ist entscheidend. Der menschliche Faktor wurde aber vor lauter Übereifer, das perfekte System zu schaffen, übersehen.

Das derzeit vorhandene System in Deutschland zieht jedoch nicht primär Menschen an, die gerne Kinder unterrichten wollen, häufig sind ganz andere Aspekte entscheidend. Wie kann man also  Rahmenbedingungen schaffen, die gute und motivierende Lehrkräfte anzieht und sicherstellen, dass "schools deliver high – quality instruction to every child"?

Derzeit wird häufig gefordert, dass der Bund mehr Zuständigkeiten bei der Bildung übernimmt. Diese soll zugleich das Problem lösen, dass eine Familie mit schulpflichtigen Kindern nur unter Inkaufnahme erheblicher Nachteile für die Kinder in ein anderes Bundesland umziehen kann.  Abgesehen davon, dass dafür eine Grundgesetzänderung nötig wäre und ich es für unwahrscheinlich halte, dass die Länder eine ihrer ohnehin wenigen Kompetenzen abgeben werden, dürfte dies m. E. keine Lösung sein: Eine Vereinheitlichung muss nicht zwingend eine Verbesserung sein, es kann sogar das Gegenteil bewirken. 

Dass Konkurrenz ein Lösungsansatz zur Qualitätsverbesserung sein könnte, wurde auch schon erkannt. Daher wurde in den vergangenen Jahren eine spezielle Profilbildung in Schulen versucht. Übersehen wurde damit das Problem der Schulbezirke: Kinder können nicht einfach eine Schule ihrer Wahl besuchen, sondern müssen in die Schule, in deren Bezirk sie wohnen. Damit lief dieser Ansatz ins Leere, denn wenn man zwangsweise "Kunden" geliefert bekommt, hilft Konkurrenz nichts. Wichtig ist der Schulbezirk übrigens auch für die Organisation der Schülerbeförderung, ein Aspekt, der den meisten Bildungstheoretikern fremd ist. Ohne einen Vorteil zu haben, hatte das Projekt aber einen großen Nachteil: Ein Umzug wurde damit sogar innerhalb des Bundeslandes oder des Ortes schwierig. Dieses Projekt wurde schnell wieder begraben.

Was also dann? Wenn man Fehlentwicklungen aufspüren will, ist es zu kurz gedacht, sich den Ist – Zustand anzuschauen um daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Wichtig ist die Berücksichtigung des prozeduralen Ablaufs: Welcher Weg führte zu dem negativen Ergebnis, wo liegt der Fehler? Daher habe ich einen verkürzten Abriss der Bildungsentwicklung aufgezeigt.

Sieht man sich diese mit etwas Distanz an, so erkennt man:

1. Zu keinem Zeitpunkt wurde das Humboldtsche Bildungsideal verwirklicht. Vielmehr hat der Staat die Bildung und damit die Lebenschancen seiner Bürger stets unter seiner Kontrolle behalten und zwar nicht nur positiv auf die Sorge beschränkt, dass jedes Kind die bestmögliche Bildung erhält, sondern indem er die Verteilung selbst in die Hand nahm, d. h. Inhalt, Ausmaß und Zuteilung der Bildung durch staatlichen Zwang bestimmte.

2. Diese Entwicklung hat in den letzten Jahren noch einen erheblichen Schub erhalten, indem andere Einflüsse sowohl durch Elternhäuser sowohl guter wie schlechter - wie auch durch die Wirtschaft zurück gedrängt wurden. Die berufliche Ausbildung findet zunehmend auf Universitäten und Fachhochschulen statt, die ihrerseits mittlerweile weitgehend verschult sind.

Dieses hat gravierende, negative Folgen. Zum Einen ist die Auswahl des Lehrstoffs unter staatlicher Kontrolle, womit eine schnelle, bedarfsgerechte Anpassung an wechselnden Erfordernisse nicht erfolgt. Dies hat wiederum negative Konsequenzen für die Wirtschaft, die auf die zeitnahe "Zulieferung" adäquat qualifizierter Arbeitnehmer angewiesen ist, aber weder den "Zulieferer" wechseln noch  ihn direkt beeinflussen kann..

Das Problem wird verschärft durch die Zuwanderung großer Mengen weitestgehend unqualifizierter Zuwanderer, weil die Ressourcen der Schulen auf viele Jahre mit der Aufgabe gebunden sein werden, zumindest Basisfähigkeiten an deren Kinder bei schwierigen Rahmenbedingungen zu vermitteln.

Zum Anderen gibt es noch ein weiteres Problem, welches Wilhelm von Humboldt treffend erkannte:

"Gleichförmige Ursachen haben gleichförmige Wirkungen. Je mehr also der Staat mitwirkt, desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern auch alles Gewirkte. Auch ist dies gerade die Absicht der Staaten."

(W. v. Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, Reclam Universal Bibliothek Nr. 1991, S. 30).

 

Viele beklagen heute, dass die "Eliten", d. h. Vertreter aus Politik, Medien und Wirtschaft, "gleich geschaltet" wirken. Der "mainstream" herrsche überall, manche wittern sogar eine Verschwörung. Die viel einfachere Erklärung folgt aus den Einsichten von Humboldts. Gleichförmige Ursachen haben nun einmal gleichförmige Wirkungen und auch wenn es einzelne Menschen gibt, die trotz allem nonkonformistisch sind, so sind sie doch in der Minderzahl. Das betrifft nicht nur den Aspekt, dass man nur das lernen kann, was nach der höheren Weisheit der jeweiligen Kultusbehörde als des Lernens wert angesehen wird, es betrifft vor allem den Faktor des Konformitätsdrucks durch Gruppenzwang.

Konformität und Duckmäusertum sind natürliche Folge eines Systems, in welchem die Lebenschancen ausschließlich vom staatlichen Wohlwollen abhängen. Adenauer fragte in seiner grundlegenden Rede am 24.03.1946 vor der Universität Köln (https://www.konrad-adenauer.de/dokumente/reden/1946-03-24-uni-koeln):

            "Wie war dieser Absturz des deutschen Volkes bis ins Bodenlose möglich?…Wir wollen           doch wieder heraus aus diesem Elend, aus dieser Tiefe; aber wie können wir den rechten         Weg finden zum Aufstieg, wenn wir nicht erkennen, was uns in die Tiefe geführt hat?…"

Mit Rückblick auf den Weg, den das deutsche Volk genommen hatte, führte er aus:

"Was sind die tiefsten Gründe dafür, dass wir schließlich in einen solchen Abgrund gestürzt sind? Auf die Einzelheiten kommt es bei einer solchen Untersuchung nicht an; sie sind auch vielfach noch nicht klar gestellt, aber die tieferen, die wirkenden Ursachen dieser Katastrophe liegen klar zutage. Sie reichen weit zurück vor das Jahr 1933. Der Nationalsozialismus hat uns unmittelbar in die Katastrophe hineingeführt. Das ist richtig. Aber der Nationalsozialismus hätte in Deutschland nicht zur Macht kommen können, wenn er nicht in breiten Schichten der Bevölkerung vorbereitetes Land für seine Giftsaat gefunden hätte. Ich betone, in breiten Schichten der Bevölkerung…..

Das deutsche Volk krankt seit vielen Jahrzehnten in allen seinen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat, von der Macht, von der Stellung der Einzelperson. Es hat den Staat zum Götzen gemacht und auf den Altar erhoben. Die Einzelperson, ihre Würde und ihren Wert hat es diesem Götzen geopfert. Die Überzeugung von der Staatsomnipotenz, von dem Vorrang des Staates und der im Staat gesammelten Macht vor allen anderen, den dauernden, den ewigen Gütern der Menschheit, ist in zwei Schüben in Deutschland zur Herrschaft gelangt….

Nach der Gründung des Kaiserreichs unter preußischer Vorherrschaft wandelte sich der Staat   aus seinem ursprünglich lebendig gefügten Wesen mehr und mehr in eine souveräne Maschine. Die großen äußeren Erfolge, die, wenn auch historisch gesehen nur für kurze Zeit dem Bismarckschen Reich, seiner Auffassung vom Staat und der Macht beschieden waren, die schnell zunehmende Industrialisierung, die Zusammenballung großer Menschenmassen in den Städten und die damit verbundene Entwurzelung der Menschen machten den Weg frei für das verheerende Umsichgreifen der materialistischen Weltanschauung im deutschen Volk. Die materialistische Weltanschauung hat zwangsläufig zu einer weiteren Überhöhung des Staats- und Machtbegriffs, zur Minderbewertung der ethischen Werte und der Würde des einzelnen Menschen geführt."

Diese Ausführungen könnten eine Beschreibung der aktuellen Situation sein. Es ist umso alarmierender, dass sie den Weg beschreiben, den die Deutschen bis 1933 nahmen!

Adenauer beschreibt darin, dass das Spiegelbild eines mächtigen, starken Staats ohnmächtige und schwache Bürger sind. Die Überhöhung des Staates führt zur mangelnden Achtung des Individuums, was wiederum dazu führt, dass der Staat meint, dieses nicht nur erziehen zu dürfen – und zu können! - sondern im Endeffekt zu einer solchen Marginalisierung der Bedeutung des Einzelnen, dass selbst das Auslöschen von Menschenleben als Mittel zu einem angeblich höheren gemeinsamen Zweck als legitim erscheint. Nicht umsonst haben sämtliche Staaten, die auf einer rein materialistischen, staatszentrierten Grundauffassung beruhten, Millionen Menschen getötet, gleichgültig ob Nationalsozialisten oder Kommunisten/Sozialisten. Es ist das, was in der Ethik als "Argument der schiefen Ebene bekannt ist", das "slippery slope".  Adenauer hat aus diesen Überlegungen sowie aus der Tatsache, dass insbesondere stark christlich geprägte Gebiete den Nationalsozialisten Widerstand entgegen brachten, die Bedeutung der christlichen Ethik als Gegengewicht zu materialistisch - kommunistischen Grundauffassungen abgeleitet. Mittlerweile sind die christlichen Kirchen selber im Kern materialistisch geworden, ihre Aufgabe als Gegengewicht ist weitgehend entfallen.

Das Fortschreiten des rein materialistisch ausgerichteten Staates ist in der gesamten westlichen Welt anzutreffen. Sicherung und Vermehrung des Wohlstands im hier und jetzt ist die Maxime des Handelns. Der einzelne Mensch wird nur als unsichtbarer Bestandteil einer Gruppe betrachtet, die staatlicher Verfügung unterliegt. Damit wird das Individuum seiner Persönlichkeit und Einzigartigkeit beraubt.

Diese Grundeinstellung stellt Weichen. Aus ihr folgt alles andere.

Derartige Systeme haben immanente Leistungsgrenzen (wie alle kommunistisch – sozialistischen Länder zeigten) und führen zwingend zu leistungsschwachen Bürgern (s. o.). Dass dem tatsächlich so ist, zeigt sich im realen Leben. Beispielhaft sei erinnert an die Ausführungen des Kinderpsychiaters Winterhoff, dass immer weniger Schulabgänger im eigentliche Sinne arbeitsfähig sind-

"Es gibt nun eben Eltern, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr das leisten können, was früher möglich war. Das hängt auch mit unserem veränderten Familienbild zusammen. Die Wirtschaft hat es sehr gefördert, dass Mütter früh wieder arbeiten gehen." (https://www.welt.de/politik/deutschland/article169627332/Massenhaft-Schueler-ohne-Frustrationstoleranz.html)

Da Mütter weniger erziehen, verlernen sie es. Wissen und Erfahrung verschwinden, können schließlich nicht mehr an folgende Generationen weiter gegeben werden. Daher sind alle Maßnahmen, die auf diesem falschen Wege weiter machen oder gar vertiefen, kontraproduktiv. Wer kreative, findige und verantwortungsbewusste Bürger und Arbeitnehmer dringend benötigt, wer möchte, dass Menschen klüger sind als Computer, muss genau in die Gegenrichtung gehen. Dieses gilt sowohl in der Bildung wie auch in der Erziehung. Dieses wird aber nur gelingen, wenn und so lange es noch ausreichend Menschen gibt, die in der Lage sind, Kinder zu erziehen. Eltern, die auch die innere Stärke haben, ihren Kindern notwendige Grenzen zu setzen selbst auf die Gefahr hin, sich einem Konflikt auszusetzen. In Zeiten, in denen jeder Konflikt gemieden wird, weil sich offenbar niemand mehr zutraut, einen Dissens gelingend zu gestalten, ist das Herausforderungen. Es gibt einen point of no return in einer gesellschaftlichen Entwicklung; nicht wenige meinen, dieser sei überschritten. Ob das stimmt, mag dahinstehen, aber auf jeden Fall drängt die Zeit.

Robert Frost hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel "The road not taken". Dieser Weg, den wir nie gegangen sind, müssen wir nun gehen. Wir benötigen "Mehr von Humboldt", d. h. ein vielfältiges Privatschulangebot. Man kann es weder von heute auf morgen installieren noch sollte man es auch denen diktatorisch aufzwingen, die es ablehnen. Daher sollte es neben das bisherige staatliche System treten. Damit jeder die Wahl hat, müssen die Eltern Bildungsgutscheine (wie in Schweden) erhalten, die sie entweder an einer staatlichen oder einer privaten Schule ihrer Wahl einlösen können. Unabdingbar ist, dass die Privatschulen "von der Leine" gelassen werden und andere Fächer und/oder Methoden ausprobieren können, den starren bisherigen Rahmen verlassen können.

Diese Schulen böten deutlich bessere Rahmenbedingungen für die Rekrutierung guter Lehrkräfte und die verfahrensmäßige Sicherstellung hochwertiger Bildung für jedes Kind. Anbieten würde es sich, dass sich Unternehmen – letztlich aus Eigeninteresse - zusammen schlössen, um derartige Privatschulen nicht nur von der Politik zu fordern, sondern für die Umsetzung (auch mit Anschubfinanzierung) zu sorgen.

27. November 2017


Annette Heinisch

Annette Heinisch. Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Schwerpunkt: Internationales Bank - und Währungsrecht und Finanzverfassungsrecht. Seit 1991 als Rechtsanwältin sowie als Beraterin von Entscheidungsträgern vornehmlich im Bereich der KMU tätig.

 
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