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Annette Heinisch, RechtsanwÄLTIN

Fit für die Zukunft – Teil 3

Wie ich im vorigen Teil darstellte, wurde Wilhelm von Humboldts Bildungsideal nie verwirklicht. Es wurde nicht einmal das Konzept umgesetzt, welches er gezwungener Maßen entwickelte. Das einzige, was von seinem Konzept übrig blieb, waren zwei Aspekte, die heraus gerissen aus dem Zusammenhang keinen Sinn ergeben.

Der eine Aspekt ist das System der allgemeinen Beschulung. Von Humboldt wollte, dass alle Kinder sich frei entfalten können und ihre eigenen Talente entdecken, nicht aber von ihren Eltern über eine zweckbestimmte Beschulung z. B. in Kadettenanstalten u. ä. in eine bestimmte berufliche Laufbahn gedrängt werden. Zudem wollte er die Konformität, die aus einer staatlichen Beschulung herrührt, auf den unschädlichen Bereich beschränken, d. h. auf das Erlernen wissenschaftlichen Denkens.

Der Gedanke der allgemeinen Beschulung blieb bis heute, wenngleich das wissenschaftliche Denken eher wenig Raum einnimmt. Absurd ist, dass Abgangszeugnisse von allgemein bildenden Schulen für den beruflichen Werdegang ausschlaggebend sind. Dafür sind sie weder gedacht noch geeignet.

Der zweite Aspekt ist die Schwerpunktsetzung auf Sprachen nebst geisteswissenschaftlich - kulturellem Bereich. Dieses entspricht den Bildungsvorstellungen des Adels des 18. Jahrhunderts sowie dem damaligen Stand der Wissenschaft. Von Humboldt selbst war Sprachforscher, er sah Sprachen als Schlüssel zum tiefgehenden Verständnis anderer Kulturen an. Übrig blieb jedoch nur, dass ein gebildeter Mensch alte Sprachen können musste, den Zweck vergaß man. Hier zeigt sich, dass von Humboldt über fast schon prognostisch anmutende Fähigkeiten verfügte als er ausführte, dass Menschen dazu neigen,"... mehr und mehr von der Sache hinweg und nur auf die Form hin..." zu denken. Und: "Dadurch aber werden die Geschäfte beinah völlig mechanisch und die Menschen Maschinen;" (W. v. Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, Reclam Universal Bibliothek Nr. 1991, S. 47).

Wie ich bereits ausführte, kamen aber nur wenige in den Genuss einer hochwertigen Bildung.

Die Bildungsreformen waren Bestandteil der umfassenden preußischen Reformen, die eingeleitet wurden, nachdem Preußen nach der vernichtenden Schlacht von Jena und Auerstedt geschlagen und zerstört war. Diese Reformen "von oben" bestanden nicht nur aus der bekannten Bauernbefreiung und Einführung der Gewerbefreiheit zum Zwecke der Beseitigung wirtschaftlicher Hemmnisse, sondern auch aus einer grundlegenden Verwaltungs – und Justizreform, welche die Effizienz des Staates durch klare Gliederung und Zuständigkeiten erheblich verbesserte. Zu diesem Zeitpunkt brauchte Preußen zwar dringend tüchtige Bürger, aber keineswegs solche, die in diversen alten Sprachen über Malerei und Kunst parlieren konnten. Außerdem war das Geld mehr als knapp, also erhielten die meisten Schüler lediglich eine – allerdings sehr solide – Elementarbildung. Zuständig für die Volksschulen waren die Gemeinden, die aber nicht immer genügend finanzielle Mittel dafür hatten. Dieses führte dazu, dass in einigen Teilen Preußens Unternehmer selber Schulen gründeten,sogenannte Werksschulen, die sehr erfolgreich waren. Dieses war kein Wunder, hatten doch die Unternehmen ein großes eigenes Interesse an gut ausgebildeten Arbeitnehmern.


Nach der schulischen Ausbildung durchliefen die meisten Bürger eine Berufsausbildung, die letztlich nichts anderes war (und ist) als die Fortführung der traditionellen mittelalterlichen Ausbildung. Daneben wurden Gewerbeschulen gegründet. Diese waren weiterführende, berufsfachliche Schulen, die sich auf mathematisch – naturwissenschaftliche und technische Fächer konzentrierten. So wurde schon 1821 in Preußen das Gewerbeinstitut zur Industrieförderung gegründet, das 12- bis 16-jährige Schüler in Geometrie, Rechnen, Physik, Chemie, Linear- und Freihandzeichnen, Trigonometrie, Statik, Mechanik und Maschinenlehre unterrichtete. Diese Ausbildung war ebenfalls sehr erfolgreich und wesentlich für die industrielle Entwicklung. Erst sehr viel später gab es auch an Gymnasien sogenannte neusprachlich – naturwissenschaftliche Zweige. Dann kamen noch mehr Fach-, Fachhochschulen und Technische Universitäten hinzu.


Es entwickelte sich ein spezieller deutscher Weg, für den zwei Elemente kennzeichnend waren:

  • Neben der allgemeinen erfolgte eine berufliche Ausbildung, die relativ früh begann und nicht bzw. nur zum Teil in staatlicher Hand lag..
  • Die Schule war als Halbtagsschule konzipiert, so dass die Kinder noch freie Zeit zur individuellen Entfaltung hatten.

Mit der Novemberrevolution 1918/1919 endete die Kaiserzeit. Die SPD sowie die Sozialisten der USDP verlangten entsprechend ihrer links – ideologischen Grundeinstellung die Abschaffung des Religionsunterrichts (was in Hamburg und Bremen tatsächlich erfolgte) sowie schon damals die Einführung der Einheitsschule. Mit letzterem scheiterten sie damals. Letztlich änderte sich an der Schule nicht viel, allenfalls der Erziehungsstil wurde geringfügig demokratischer.

Es war insgesamt ein System gemischter Zuständigkeiten zwischen Elternhaus, Bildungseinrichtung und Berufspraxis. Es gab zudem neben den staatlichen auch konfessionelle Schulen. Die Schulpflicht galt für die Volksschule, die weiterführenden Schulen waren zumeist kostenpflichtig. Es gab in Teilen des Reiches zudem die Möglichkeit, als Externer schulische Prüfungen abzulegen. Berühmtes Beispiel dafür ist Kurt Tucholsky, der privat unterrichtet wurde und als Externer das Abitur ablegte.

Bis zum Ende der Weimarer Republik gehörte Deutschland zu den führenden Ländern im Bereich Wissenschaft und Kultur. Das galt auch für die Naturwissenschaften und Technik, obwohl (oder weil?) diese nicht Schwerpunkt der höheren staatlichen Bildung waren. Namen wie Einstein, Planck, Heisenberg, aber auch Wernher von Braun sind Beispiele dafür.

Mit den Nationalsozialisten veränderte sich vieles. Die Schulen wurden zentralistisch organisiert und "entwissenschaftlicht". Um die Kinder und Jugendlichen möglichst frühzeitig beeinflussen zu können, wurde 1933 die Hitlerjugend gegründet, mit dem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 dann flächendeckend die allgemeine Schulpflicht eingeführt, die rigoros durchgesetzt wurde. In diese Zeit fällt auch der erhebliche Ausbau der Kindergärten.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass es Kindergärten oder sogenannte Kinderbewahranstalten seit Beginn der industriellen Revolution gab. Damals zogen immer mehr Menschen in die Städte, die arbeitenden Eltern konnten nicht auf ihre Kinder aufpassen, diese lebten auf der Straße. Um sie aufzubewahren, wurden entsprechende Einrichtungen geschaffen. Die Berufstätigkeit der Frauen nahm in der Folge immer mehr zu, so wurde schon Anfang des letzten Jahrhunderts laut darüber geklagt, dass Frauen lieber in Büros arbeiten würden als sich um Heim und Kinder zu kümmern. Die Tatsache, dass eine Frau arbeitet, ist mithin völlig unabhängig von der Frage der Gleichberechtigung.

Nach Kriegsende behielten die zwei Staaten in Deutschland die Schulpflicht bei (anders in Österreich, wo als milderes Mittel die Bildungspflicht installiert wurde). Im übrigen gingen sie unterschiedliche Wege.

In der DDR blieb das Schulsystem weitgehend zentralistisch verwaltet mit stärkerer Ausrichtung auf den naturwissenschaftlich – technischen Bereich. Das war bewusst als Gegensatz zum bürgerlichen - humanistischen Bildungsideal konzipiert. Es wurde zudem der von der politischen Linken seit 1918 vorhandene Wunsch einer Einheitsschule verwirklicht, einheitliche Schulform war die polytechnische Oberschule, also eine Einheitsschule, welche 10 Klassen umfasste. Für diejenigen, die das Abitur ablegen wollten, kam die zweijährige Erweiterte Oberschule hinzu. Eine Besonderheit und Hauptmerkmal war der Polytechnische Unterricht, in welchem die Schüler direkt in der Produktion eingesetzt wurden.

Der Arbeiter – und Bauernstaat sah Bildung und Erziehung als Einheit. Er wollte – wie zuvor in der nationalsozialistischen Diktatur – die Kinder möglichst frühzeitig beeinflussen und durch den Konformitätsdruck gefügig machen, so dass eine noch umfassendere Kinderbetreuung als in der NS – Zeit auch vor (Kinderkrippen, Kindergärten) und außerhalb der Schule eingerichtet wurde. An die Stelle der Hitlerjugend traten ab der 1. Klasse die Jungen Pioniere, ab der 4. Klasse die Thälmann Pioniere und danach die "Freie Deutsche Jugend" (FDJ). Dieses entsprach auch dem Wunsch der Wirtschaft in der DDR, die Frauen als Werktätige benötigte. Das Bild der selbstständigen, werktätigen Frau, die ob ihrer Werktätigkeit als emanzipiert galt, wurde daher bewusst propagandistisch im Gegensatz zum westlichen "Heimchen am Herd" aufbereitet.

Im Gegensatz zur zentralistischen Bildung in den Diktaturen wurde in der BRD den damaligen 11 Bundesländern die Zuständigkeit für die Bildung zugewiesen. Im Prinzip wurde das alte Bildungssystem bestehend aus einer gemeinsamen Volks-/Grundschule und dem dreigliedrigen System aus Haupt- und Realschule sowie Gymnasium fortgeführt, hinzu kam ein berufsbildendes System, welches von Kritikern als unübersichtlich, von Befürwortern als facettenreich angesehen wird.

Da der Berufsabschluss über die weiteren Lebenschancen entscheidet, war die Bildungspolitik ein wichtiges Machtinstrument, welches einem ständigen politisch – ideologischem Kampf in allen 11 Bundesländern ausgesetzt war. Dem politisch linken Spektrum zugehörige Parteien forderten die Einheitsschule und setzten dieses Ziel in Form der Gesamtschule um, wenn sie an der Macht waren. Diese politische Richtung wünschte neben einer staatlichen Bildung ebenfalls eine staatliche Erziehung und forderte daher flächendeckend Kinderkrippen und Kindergärten, wobei letztere verpflichtend sein sollen.

Das politisch liberal – konservative Spektrum förderte die Beibehaltung eines gegliederten Schulsystem mit Gymnasien, deren Schwerpunkt Sprachen und geisteswissenchaftliche bzw. schöngeistige Fächer waren. Ferner standen sie für Wahlfreiheit der Familien in Bezug auf die vorschulische Betreuung. Dass sich nicht der Staat, sondern ein Familienmitglied, d. h. Mutter oder Vater, um den Nachwuchs kümmert, wurde eher als positiv bewertet.

In der Erziehung entwickelte sich in den späten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts der sogenannte anti – autoritäre Erziehungsstil. Er war die Reaktion auf den vormals autoritären Erziehungsstil der NS – Diktatur und wurde von einem linksliberalen Spektrum propagiert. Kinder sollten sich frei entfalten können. Ihnen sollten keine Grenzen gesetzt werden, verkürzt gesagt war erlaubt, was gefällt (permissiver Erziehungsstil).

Vergleiche zwischen beiden Schulsystemen haben gezeigt, dass Arbeiterkinder im Arbeiter- und Bauernstaat wesentlich schlechtere Aufstiegschancen hatten als im kapitalistischen Westen, die naturwissenschaftlich – technische Ausbildung hingegen in der DDR sehr gut war.

Dann kam die Wende. Prinzipiell wurde flächendeckend das westliche Bildungssystem eingeführt, wobei die östlichen Bundesländer das Abitur nach 12 Jahren beibehielten. Außerdem wurde dort ein eher zweigliedriges Schulsystem praktiziert, weil Haupt – und Realschule zusammen gelegt wurden. Dies wird aufgrund der zurück gehenden Schülerzahlen auch zunehmend in westlichen Bundesländern umgesetzt.

Anfang des Jahrtausends kam der Pisa – Schock. Deutschlands Kinder waren nicht gut, sie waren sogar unterdurchschnittlich. Der Aufschrei war groß, passiert ist letztlich nicht viel. Wenn überhaupt, so lautete die Devise "Mehr vom selben." Nach kurzer Zeit konzentrierte sich die Aufmerksamkeit vor allem darauf, dass das Elternhaus in Deutschland einen so großen Einfluss auf den Bildungserfolg hat. Die Lösung: Möglichst alle Kinder von klein auf in die institutionalisierte Betreuung!

Mehr als eine Dekade weiter sehen wir nun die Ergebnisse. Rückblickend auf den Weg, den wir gegangen sind, kann man versuchen zu analysieren, wo die Fehler lagen und liegen.

20. November 2017


Annette Heinisch

Annette Heinisch. Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Schwerpunkt: Internationales Bank - und Währungsrecht und Finanzverfassungsrecht. Seit 1991 als Rechtsanwältin sowie als Beraterin von Entscheidungsträgern vornehmlich im Bereich der KMU tätig.

 
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