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Dr. phil. Wulf-H. MÖller

Brauchen die Deutschen ein neues Bewußtsein ? Gemeinsamkeiten und Brüche im Wertesystem unseres Volkes.

Millionen Deutsche erlebten im November 89 nach über 40 Jahren der Teilung unseres Vaterlandes den Fall der Mauer, die Beseitigung des sichtbar Trennenden. Sollte nun nicht auch in uns selbst eine Mauer fallen? Die Bewußt-seinsmauer unseres geschichtlichen Denkens?

Welch geistige Bewußtseinslage hat auf deutscher Seite die Spaltung mitbeför-dert? Wie tief liegen ihre Wurzeln? Adenauer schon sprach vom Gegensatz zwischen dem katholischen Westen und dem protestantischen Osten. In der Bewertung führt ein derartiges Grundmusterdenken einerseits negativ zu Pro-vinzialismus, positiv könnte man dahinter  ein "transmontanes Europakonzept" unter der geistigen Führung des päpstlichen Stuhles sehen. Insofern kann man hinter diesem Gedanken eine Wurzel der Europa-Idee suchen. Die eigentliche historische Aufgabe Deutschlands in der Mitte Europas lag bekanntlich jahrhundertelang in der Vermittlung zwischen Ost und West. Wenn nach der Wende Tschechen, Ungarn oder Polen uns Deutsche baten, zu unseren historischen Wurzeln zurückzukehren, so klang hierin die Befürchtung an, Deutsche könnten nach der Vereinigung eine zu einseitig ausgerichtete Westbindung eingehen.

Auch wurde in der damaligen Sowjetunion schon das mangelhafte Interesse der Deutschen am Russischunterricht beklagt. Während sich dort 20 bis 30 Prozent der Schüler und Studenten des Deutschen annahmen, waren es bei uns entsprechend zwei Prozent. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union jedoch sollte uns die Aufgabe des Ausgleichs nach Osten und Westen erleichtern. Staunten doch über die deutsche Wiedervereinigung erfreute Moskauer nicht schlecht, als sie am 3. Oktober vorübegehenden deutschen Touristen spontan gratulieren wollten. Anstelle von Umarmungen gab es abweisende Reaktionen. (Prof. W. Seifert, a.a.O.)

Die Ursachen für dieses Bewußtseinstrennende liegen zweifellos im Ausgang des zweiten Weltkrieges, der 45jährigen Besetzung Deutschlands wie in der Umerziehung des deutschen Volkes im Sinne der jeweiligen Siegermächte. War doch die Chance der Vereinigung, im Herbst 1989 sichtbar geworden, über die Mehrheit der Bundesdeutschen hereingebrochen wie ein unerwartetes "Natur-ereignis". Natürlich gab es erfreuliche Emotionen, als die Mauer fiel und die Deutschen der DDR mit ihren Trabbis in die alte BRD kamen. Das zeigt, daß tief im Innern des deutschen Volkes doch ein Zusammengehörigkeitsgefühl unzer-störbar vorhanden war. Aber das Bewußtsein, daß diese Teilung überwunden werden müsse, war im Westen doch sehr zusammengeschrumpft. Insofern brannte den Westdeutschen persönlich, von Verwandtschaftsbeziehungen abgesehen, die Frage der Vereinigung nicht auf den Nägeln . Ja, es gab sogar Befürchtungen bei einigen, und sie fragten: Wird die Wiedervereinigung  nicht die Lebensverhältnisse grundlegend ändern? Soll man diese Sache überhaupt befördern?

Diese Stimmung war doch sehr stark und bildete den Hintergrund für manche Forderungen im politischen Raum: "Die deutsche Frage ist nicht mehr offen!" – "Präambel des Grundgesetzes ändern!" – "Zweistaatlichkeit anerkennen!" u.a.m.

Bei den Deutschen in der DDR war das immer anders, weil sie sich in ihrer Mehrheit mit den Verhältnissen in der DDR nicht identifizieren konnten. "Und sie hatten immer die Hoffnung, wenn sie nicht raus konnten, weil sie noch nicht im Rentenalter waren und nicht zu den sogenannten Reisekadern gehörten:

"Na ja, es muß ja nicht immer so bleiben, da ist ja noch die deutsche Wiedervereinigung offen!" Insofern gab es in der DDR ein stärkeres ge- samtdeutsches Bewußtsein als in der Bundesrepublik Deutschland" (Prof. W. Seifert, Kiel am 15.10.90.)

In der schmerzhaften Teilung empfanden sich die Mitteldeutschen täglich als der unterdrückte Teil des deutschen Volkes, während im Westen dieses Bewußtsein durch wirtschaftlichen Wohlstand und Status Quo Denken betäubt worden war, gab es doch in diesem Teil Deutschlands Tendenzen genug, das Leben als unablässige Unterhaltung zu sehen und damit einen Deutschen heranzuziehen, dem die "kleinen gewöhnlichen Freuden" alles, das Vaterland wenig bedeuteten. Kurzum, die vielbeschworene multikulturelle Gesellschaft, der freizeitverseuchte Televisionsgermane, Geschichtslosigkeit und Wiederver-einigung allenfalls als "Brot für die DDR-Aktion". Fehlentwicklungen dieser Art machten in der Bundesrepublik auch nicht vor der Historiker-Zunft halt: Gera-dezu beflissen pflegte man Soziologie statt Geschichte. Der Untersuchung mittelalterlicher Kochrezepte in Nordniedersachsen schenkte man mehr Auf-merksamkeit als der Frage der Nation. Warnte doch der Göttinger Historiker Bookmann vor einer ausufernden "Rhein-Donauländischen Heimatkunde", und die "DDR-Geschichtswissenschaft stellte sich bis weit in die achtziger Jahre hinein als die abgewandte Seite des Mondes dar", so Bernd Heydemann vom Deutschen Historischen Institut London.

Die Kategorie des Volkes als handelndes Subjekt der Geschichte geriet völlig in Vergessenheit. Allen Universalismen, Soziologismen und europäischen Integra-tionsschwüren zum Trotz meldete sich im Herbst 89 aber dieses Volk als handelnde Macht zurück. Und nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Mittel-und Osteuropa.

Jetzt haben wir die Chance, uns unserer Geschichte zu stellen

Überraschte westdeutsche Intellektuelle weigerten sich noch über Jahre, vom erblühenden Völkerfrühling Kenntnis zu nehmen und davon, daß das Volk im kollektiven Unbewußtsein lebt. Ja, einige neigten zu der Vermessenheit, das in Leipzig protestierende Volk als verachtenswerten Pöbel zu beschimpfen. "Das Einheitsgeschrei des DDR-Pöbels widerte ihn an", meinte Joseph von Westfalen in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" (zitiert nach FAZ vom 13.10.90.) Steht doch das moralische Versagen solch westdeutscher Intellektueller im krassen Gegensatz zu denen, die beispielsweise im 19. Jahrhundert an der Einheitsbewegung Teil hatten.

Was hat sich im Wertesystem der Deutschen in den vergangenen 45 Jahren bewährt, was ist erhaltenswert, was nicht? Gravierend war der Bewußtseinsbruch im Westen in der Loslösung, im Abschied von den preußischen Traditionen. Dieses vollzog sich ganz radikal – in der DDR stellte sich die Frage anders. Am Beispiel der Nationalen Volksarmee lassen sich drei Wertesäulen erkennen, auf die sich das DDR-Regime stützte: der Antifaschismus, der starke Arm der Arbeiterklasse und der Rückgriff auf preußische Traditionen. Bezeichnenderweise war der höchste NVA-Orden eben nicht ein Marx-oder Lenin-Orden, sondern der Scharnhorst-Orden – eingedenk des preußischen Heeresreformers in den Befreiungskriegen von 1813. In der Geschichte der deutschen Einheitsbewegung kamen die meisten maßgeblichen Impulse aus Preußen. Zum Beispiel nahmen der Aufruf "An mein Volk" oder Arndts Freiheitslied "Was ist des Deutschen Vaterland?" von Königsberg, nicht vom Rheinischen her ihren Lauf – gerichtet gegen die Napoleonische Besetzung.

Im Gegensatz zum Bismarck-Bild in der Bundesrepublik, welches meist nur mit der Schablone von "Blut und Eisen" verknüpft wart, steht Engelbergs feinsinnige Bismarck-Biographie aus der Feder eines Marxisten. Ebenso das negativ verkürzte Preußen-Bild im Sinne der Siegermächte. "Im Zustand der Teilung wurde die Vergangenheitsbewältigung selektiv betrieben, die Geschichte einseitig aufgearbeitet. Jetzt hatten wir die Chance, uns unserer Geschichte zu stellen. Die Wahrheit bis zu Ende auszusprechen und die Vergangenheit z.B. der DDR, der BRD und ihrer Deutschlandpolitik neu zu suchen. Das Ergebnis der November-Entwicklung in der DDR war eben nicht einer offensiven Bonner Wiedervereinigungspolitik zu verdanken, sondern dem Freiheits-und Einheitswillen der Mitteldeutschen und der sowjetischen Außen- und Deutschland-Politik.

Helmut Schmidts Worte vor dem Überseeklub in Hamburg am 5. April 1982 zur "Lage der Weltwirtschaft" könnten als Schlüssel dienen. Er sagte, lange vor dem 9. November 1989: "Wenn die Sowjetunion so weiter rüstet wie bisher, dann ist sie in Zukunft ein Obervolta mit Atomraketen" !

Noch im Herbst 1989 haben alle politischen Bonner Kräfte immer wieder betont, die deutsche Wiedervereinigung stünde nicht auf der Tagesordnung der Weltgeschichte. Ja, sie galt vielfach als politische Umweltvergiftung... Der Osten galt als böse, abgeschrieben, hoffnungslos, und diese Auffassung war eben falsch, und das wäre aufzuarbeiten. Allein den Chef des BND zu entlassen, weil er angeblich die Bundesregierung nicht richtig über die Entwicklung in der DDR informiert habe, das reicht eben nicht...." (Seifert, 13.10.90).

Heute ist In unseren westdeutschen Schulbüchern neben dem defizitären Preußen-Bild von brandenburgisch-sächsischer oder polnischer Geschichte nach wie vor kaum die Rede. Es ist eben zwingend notwendig für das sich bildende gesamtdeutsche Bewußtsein, die weißen Flecken im Geschichtsbild der Westdeutschen zu ersetzen. Von daher ist es für diesen Teil Deutschlands mehr als folgerichtig gewesen, wenn Berlin Hauptstadt und natürlich Regierungssitz  Gesamtdeutschlands wurde. Bonn, westlich ausgerichtetes Provisorium , fehlte jeglicher Bezug zu den steinernden Zeugen der deutschen Geschichte in Berlin. Daß überhaupt eine Diskussion über die Hauptstadtfrage geführt wurde, beweist das Festhalten am Status-Quo-Denken, an der Bewußtseinsverengung. "Mit Berlin war eben die Chance am größten, daß die Nation den gesamtdeutschen Staat in allen seinen Teilen annimmt, daß alles zusammenwächst, was zusammen gehört." (Seifert/Willy Brandt).

In der ehemaligen DDR lag der gravierendste Mangel sicher in der sozialistischen Plan- und Kommandowirtschaft, keine russische Erfindung übrigens, sondern Rathenaus Kriegswirtschaftskonzept aus dem Jahre 1916 entlehnt. Im Gegensatz zur sozialen Marktwirtschaft, dem Unternehmertum, der persönlichen Verantwortung, die die Westdeutschen zu bisher nie gekanntem Wohlstand geführt haben. Hier ist eine sogenannte Bewußtseinsveränderung notwendig, in allen Lebensbereichen!

Alle Aufgaben werden wir nur bewältigen können, wenn wir uns selbst als Nation akzeptieren, uns unserer Rolle in Europa bewußt sind und eine auf ehrlichen Interessenausgleich ausgerichtete Politik mit unseren Nachbarn betreiben. Die endliche Versöhnung mit der deutschen Geschichte sowie die Aufhebung der selbstverschuldeten Bewußtseinsverengung der Westdeutschen aber sollte notwendig am Anfang stehen....

 

www.drwhmoeller.de

 

13. November 2017


Dr. phil. Wulf-H. MÖller

Dr.phil. Wulf-H. Möller studierte Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaft an der Akademie für Gemeinwirtschaft Hamburg, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Freien Universität Berlin. Stationen im Verlags- und Zeitungswesen bildeten eine berufliche Grundlage. (Wachholtz Neumünster). Nach 1. und 2. Staatsexamen Tätigkeiten im Schul-und Hochschuldienst. Lehrtätigkeit an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Köln, am Institut zur Fortbildung von Fach-und Führungskräften der Wirtschaft und seit 1991 an der Helmut Schmidt Universität Hamburg. Mitglied der Gesellschaft für Deutschlandforschung Berlin, Referent an der Journalistenschule A. Springer Hamburg/Berlin. Arbeitsschwerpunkt deutsch-deutsche Beziehungen bis zur Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten.