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Annette Heinisch, RechtsanwÄLTIN

Fit für die Zukunft – Teil 2

Eines der größten Probleme bei Bildungsfragen sind die weitverbreiteten Irrtümer, die als allgemein bekannte Wahrheiten gehandelt werden. Aus Falschem folgt bekanntlich Beliebiges ("Ex falso quodlibet"), also müssen wir zunächst einmal Fakten sortieren.

Als "Vater der allgemeinen Bildung" wird zweifelsohne Wilhelm von Humboldt angesehen. Das ist aber geradezu ein Treppenwitz der Geschichte, denn er war ein Gegner der allgemeinen und gleichen Beschulung oder gar einer Schulpflicht. Er lehnte daher die Übernahme des Postens des Geheimen Staatsrates für Kultusangelegenheiten in Preußen ab. Das half ihm aber nichts, er wurde dennoch vom König eingesetzt.

Der Grund für seine ursprüngliche Weigerung erschließt sich, wenn man Wilhelm von Humboldt und seine Werke genauer betrachtet. Grundlegend ist sein Werk "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", welches er bereits 1792 verfasste. Von Humboldt untersucht darin die Frage, was die Aufgabe des Staates ist. Es gab schon damals zwei Grundströmungen: Die eine sah die Aufgabe des Staates darin, durch aktives Tun für das positive Wohl (auch das physische) der Bürger zu sorgen. Das war die vorherrschende und sich später durchsetzende Meinung. Die andere Strömung sah die Aufgabe des Staates auf das negative Wohl beschränkt. Danach hat der Staat für die äußere und innere Sicherheit der Bürger und für eine Ordnung als Grundlage des gedeihlichen Zusammenlebens zu sorgen. Von Humboldt schloss sich der zweiten Meinung an, weil er aufgrund logischer Deduktion zu dem Schluss kam, dass jeder Staat mit der Sorge für das positive Wohl nicht nur überfordert sei, sondern sogar langfristig Schaden anrichte.

Aus seiner Sicht ist der Vorteil des Staates darin zu sehen, dass – verkürzt gesagt – jeder alleine nur begrenzt etwas schaffen kann, durch das Zusammenfügen verschiedener Talente und Fähigkeiten zu einem Ganzen dagegen mehr erreicht werden kann. Das bedeutet, der Staat benötigt vielfältige Fähigkeiten und muss diesen einen so klugen Rahmen vorgeben, dass eine optimale Entfaltung des Einzelnen zum Wohle der Gesamtheit möglich ist. Von Humboldt führt aus:

"Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung. Allein außer der Freiheit erfordert die Entwickelung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng Verbundenes: Mannigfaltigkeit der Situationen. Auch der freieste und unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus."

(W. v. Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, Reclam Universal Bibliothek Nr. 1991, S. 22).

Von Humboldt weist logisch nach, dass es unter mehreren Gesichtspunkten nachteilig ist, wenn der Staat sich um das positive Wohl der Bürger kümmert. Ein Aspekt ist die daraus resultierende Konformität, die der natürliche Feind der Vielfalt ist.

"Gerade die aus der Vereinigung mehrerer entstehende Mannigfaltigkeit ist das höchste Gut, welches die Gesellschaft gibt, und diese Mannigfaltigkeit geht gewiß immer in dem Grade der Einmischung des Staats verloren.

Es sind nicht mehr eigentlich die Mitglieder einer Nation, die mit sich in Gemeinschaft leben, sondern einzelne Untertanen, welche mit dem Staat, d. h. dem Geiste, welcher in seiner Regierung herrscht, in Verhältnis kommen, und zwar in ein Verhältnis, in welchem schon die überlegene Macht des Staats das freie Spiel der Kräfte hemmt.

Gleichförmige Ursachen haben gleichförmige Wirkungen. Je mehr also der Staat mitwirkt, desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern auch alles Gewirkte. Auch ist dies gerade die Absicht der Staaten. Sie wollen Wohlstand und Ruhe. Beide aber erhält man immer in eben dem Grade leicht, in welchem das einzelne weniger miteinander streitet. Allein was der Mensch beabsichtet und beabsichten muß, ist ganz etwas andres, es ist Mannigfaltigkeit und Tätigkeit."

(a. a. O., S. 30)

Von Humboldt führt weiter aus, dass der Staat bei der positiven Sorge das, was er als Bestes meint zu erkennen, entweder direkt als Gesetz aufgibt oder indirekt durch eine den Bürger bindende Einrichtung. Das macht den Menschen zu einem reinen Befehlsempfänger, was ihn sämtlicher Möglichkeiten zu lernen und selbstständig zu werden beraubt. Irgendwann wird er gar nicht mehr selbstständig sein wollen:

"Noch mehr aber leidet durch eine zu ausgedehnte Sorgfalt des Staats die Energie des Handlens überhaupt und der moralische Charakter. Dies bedarf kaum einer weiteren Ausführung. Wer oft und viel geleitet wird, kommt leicht dahin, den Überrest seiner Selbsttätigkeit gleichsam freiwillig zu opfern. Er glaubt sich der Sorge überhoben, die er in fremden Händen sieht, und genug zu tun, wenn er ihre Leitung erwartet und ihr folgt. Damit verrücken sich seine Vorstellungen von Verdienst und Schuld. Die Idee des erstern feuert ihn nicht an, das quälende Gefühl der letztern ergreift ihn seltner und minder wirksam, da er dieselbe bei weitem leichter auf seine Lage und auf den schiebt, der dieser die Form gab."

(a. a. O., S. 33).

Diese Entwicklung führe zu einer Wechselwirkung: Da der Bürger durch dieses Verhalten immer unmündiger wird, sind immer mehr Gesetze nötig, um gegen zu steuern. Dies wiederum führe zwingend zu einer Ausweitung des Staatsapparates.

"Dasselbe Übel, aus welchem dieser Nachteil entspringt, wird wieder von demselben wechselsweis hervorgebracht. Die, welche einmal die Staatsgeschäfte auf diese Weise verwalten, sehen immer mehr und mehr von der Sache hinweg und nur auf die Form hin, bringen immerfort bei dieser vielleicht wahre, aber nur mit nicht hinreichender Hinsicht auf die Sache selbst und daher oft zum Nachteil dieser ausschlagende Verbesserungen an, und so entstehen neue Formen, neue Weitläuftigkeiten, oft neue einschränkende Anordnungen, aus welchen wiederum sehr natürlich eine neue Vermehrung der Geschäftsmänner erwächst. Daher nimmt in den meisten Staaten von Jahrzehent zu Jahrzehent das Personale der Staatsdiener und der Umfang der Registraturen zu und die Freiheit der Untertanen ab. Bei einer solchen Verwaltung kommt freilich alles auf die genaueste Aufsicht, auf die pünktlichste und ehrlichste Besorgung an, da der Gelegenheiten, in beiden zu fehlen, so viel mehr sind. Daher sucht man insofern nicht mit Unrecht, alles durch so viel Hände als möglich gehen zu lassen und selbst die Möglichkeit von Irrtümern oder Unterschleifen zu entfernen.

Dadurch aber werden die Geschäfte beinah völlig mechanisch und die Menschen Maschinen;"

(a. a. O., S. 47)

Von Humboldt kritisiert zudem das "one fits all" - Prinzip:

"Die Sorgfalt des Staats für das positive Wohl der Bürger ist ferner darum schädlich, weil sie auf eine gemischte Menge gerichtet werden muß und daher den einzelnen durch Maßregeln schadet, welche auf einen jeden von ihnen nur mit beträchtlichen Fehlern passen." (a. a. O., S. 42) Sein Fazit ist: "Die Menschen werden um der Sachen, die Kräfte um der Resultate willen vernachlässigt.".

(a. a. O., S. 48)

Das Humboldtsche Bildungsideal war also eines, dem eine Vielfalt der Situationen und ein Höchstmaß an Individualisierung vorschwebte bei möglichst großer Staatsferne. Es wurde nie verwirklicht.

Gezwungen, gegen seine Überzeugung dennoch aktiv zu werden, setzte sich von Humboldt zunächst daran, verbindliche Richtlinien für Lehrer festzulegen, denn die Person und Persönlichkeit der Lehrkraft war aus seiner Sicht sehr wichtig. Außerdem schuf er mit dem Königsberger und dem Litauischen Schulplan Standards für den Unterricht.

Als nächstes entwarf er ein Bildungssystem. Dabei hatte er das Menschenbild seiner Zeit, der Aufklärung, vor Augen, d. h. den Menschen als rational denkende und handelnde Person. In der Wirtschaft ist dieses Menschenbild als "homo oeconomicus" bekannt. Er meinte, mit ausreichender Schulung der Vernunft sei jeder in der Lage, sein Leben sinnvoll zu gestalten, unabhängig davon, was er später für einen Beruf ergreift. Diese Schulung der Vernunft war damit allgemeines Wissen, das man wie ein Mathematiker "vor die Klammer ziehen" konnte. So entwarf er ein dreistufiges Bildungssystem für alle Schüler bestehend aus:

  • Elementarschule; dort sollten zunächst die Kulturtechniken des Schreibens, Lesens und Rechnens eingeübt werden und zwar nach den (damals höchst modernen) Methoden Pestalozzis, dessen überliefertes Motto "Beispiel und Liebe sind die beste Erziehung" ist,
  • Gymnasium, auf welchem grundlegende Kenntnisse der Wissenschaften und Künste und vor allem die Methodik wissenschaftlichen Arbeiten gelehrt werden sollten, wobei von Humboldt wichtig war, dass jeder Schüler zu jeder Zeit wissen sollte, warum er etwas lernt,
  • Universität, auf welcher die auf dem Gymnasium erlernte Theorie über das wissenschaftliche Arbeiten erweitert und vor allem in die Praxis umgesetzt werden sollte. Aus diesem Grund führte er mit Hilfe seines Bruders, des berühmten Naturforschers Alexander von Humboldt, Forschung und Lehre zusammen. So konnten und sollten Studenten selber forschen und durch Übung das erlernte Wissen vertiefen.

Der preußische König sah das anders, weder er noch seine Regierung hatten den Willen oder das Geld, breite Schichten des Volkes zu bilden. So entstand eine ganz anderes dreistufiges Schulsystem. Die Bildung hing ausschließlich vom Stand ab, nicht von der Intelligenz. Dass die Schulform von der Intelligenz abhänge, ist eine erst später nachgeschobene Begründung, um zu rechtfertigen, dass der Masse eine hochwertige Bildung vorenthalten blieb. Als von Humboldt erfuhr, dass sein Konzept nicht verwirklicht werden würde, kündigte er frustriert nach nur gut einem Jahr Tätigkeit und zog sich für den Rest seines Lebens auf sein Schloss nach Tegel zurück.

6. November 2017


Annette Heinisch

Annette Heinisch. Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Schwerpunkt: Internationales Bank - und Währungsrecht und Finanzverfassungsrecht. Seit 1991 als Rechtsanwältin sowie als Beraterin von Entscheidungsträgern vornehmlich im Bereich der KMU tätig.

 
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