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Parviz Amoghli

Buchbesprechung Boris Palmer "Wir können nicht allen helfen"
Aufruhr im Wolkenkuckucksheim

Boris Palmer ist spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise zur Reizfigur der Bunten Republik avanciert. Mit seinen Facebook Posts, die keinen Zweifel an seiner Skepsis hinsichtlich Merkels Einladungspolitik lassen, hat er in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig die Wut und den Hass der One-world-Apologeten auf sich gezogen.

Dementsprechend vorhersehbar waren daher auch deren Reaktionen auf die Veröffentlichung seines neuesten Buches "Wir können nicht allen helfen". Palmer solle "einfach mal die Fresse halten" (Canan Bayram), er habe, so war außerdem zu vernehmen, keine Ahnung von dem Thema, über das er schreiben würde, überdies sei er ein Provokateur, ein "grüner Sarrazin", der sich dem Pack an- beziehungsweise deren Vorurteile bediene, das Land spalte und die Demokratie gefährde. Und das alles nur wegen des schnöden Mammons, weil es ihm genauso wie dem roten Original vor allem um Geldmacherei gehe.

Dabei hat Palmer mit seinem Buch Merkel-Deutschland weder verraten noch verkauft noch ist er ein blaues U-Boot in grünen Gewässern. Der Tübinger Oberbürgermeister, das zeigt seine Schrift, ist und bleibt ein Grüner, und das wahrscheinlich mehr als so manch anderer seiner Parteifreunde, die sich von ihm abwenden. Nur ist er eben ein grüner Realo und schwäbischer Sturschädel. Und als ein solcher hat er lediglich das getan, was eigentlich jeder Demokrat tun sollte: er sagt und begründet seine Meinung.

Ungeachtet dessen ist die Heftigkeit der Anwürfe der bunten Nomenklatura natürlich erklärlich. Schließlich mutet er ihnen einiges zu. Immer wieder geht er auf den 256 Seiten seines Buches hart ins Gericht mit der Kanzlerin, seiner Partei sowie mit dem Juste Milieu. Eine Politik des moralischen Imperativs nennt er einen Fehler, er lehnt die Verurteilung von befreundeten Staaten, die sich weigern am deutschen Wesen zu genesen, genauso ab wie die Verachtung und Ausgrenzung von AfD Wählern sowie von Eltern, die als Nachbarn von Flüchtlingsheimen um ihre Kinder bangen. Außerdem konfrontiert Palmer die Refugees welcome Gemeinde mit "schmerzhaften" Erkenntnissen. Diese muss beispielsweise ertragen, dass der Autor nicht gewillt ist, die "große Mehrheit (der Flüchtlinge) pauschal als Geschenk (zu) betrachten". Oder dass er für die Einhaltung von Gesetzen ohne moralischen Vorbehalt eintritt, die gängige Interpretation der Genfer Flüchtlingskonvention vom Kopf auf die Füße stellt und "über Prägungen reden will, die Menschen bestimmter Herkunft haben, einfach weil es sie gibt."

Sätze wie diese sind es, die die bunten Republikaner in Rage versetzen. Dass sie mit ihrem Gebaren nur Palmers Bestandsaufnahme vom Juste Milieu bestätigen – so etwas kommt ihnen freilich nicht in den Sinn. Dialektisches Denken, und sei es nur für den Hausgebrauch, hat in Merkel Deutschland noch nie eine Heimat gehabt. Hier zählt nur das dumpfe Bauchgefühl. Und das kennt kein Pardon mit dem Apostaten Palmer. Da hilft es auch nicht, wenn er im letzten Satz des Buches das merkelsche Glaubensbekenntnis: "Wir schaffen das" ablegt.

Derweil staunt der Leser von außerhalb der bunten Echokammer über den Aufruhr im Wolkenkuckucksheim. Es scheint, als wollten dessen Insassen mal wieder den Überbringer der schlechten Nachrichten für selbige zur Rechenschaft ziehen. Das ist umso absurder, da eben jene schlechten Nachrichten schon längst bekannt sind. Palmer schreibt nichts wirklich Neues. Die Gedankengänge sind geläufig, die Schlüsse, zu denen er gelangt, ebenfalls. Alles wurde schon vielfach und nicht nur in alternativen Medien besprochen. Und wenn nicht, dann sicherlich deshalb, weil es sich um Banalitäten, Trivialitäten und sonstige Binsen handelt, wie beispielsweise der Hinweis auf die Gültigkeit des Grundgesetzes.

Und auch die Forderungen, die der Tübinger Oberbürgermeister formuliert, haben nicht unbedingt das Zeug zum Revolutionären. Da wäre einmal jene nach einer Flüchtlingspolitik, die sich statt an Illusionen und Wunschdenken an der Realität, am Möglichen und dessen Grenzen orientiert. Und zum anderen jene, die eine offene Debatte anmahnt, die frei von Tabus und Denkverboten die Bedenken und Befürchtungen der Menschen, die das "freundliche Gesicht" der Kanzlerin auszubaden haben, auf- und ernstnimmt. – Beides sind keine besonderen Aufreger, sondern eher Dinge, von denen man eigentlich dachte, sie müssten in der freiesten, besten und schönsten Demokratie aller Zeiten auf deutschem Boden nicht explizit eingefordert werden. Dass es dennoch so ist, wirft einmal mehr ein bedenkliches Licht auf die Zustand der Bunten Republik.

Die Geduld und Hartnäckigkeit, mit der Palmer virtuell und analog seine Anliegen vertritt, und wie er dabei den verbalen Fäkalstürmen, den Beschimpfungen, Beleidigungen und Anfeindungen begegnet, nötigen Respekt und Sympathie ab. Es bleibt im Sinne und zum Wohle der Diskussionskultur in Deutschland zu wünschen, dass er noch lange durchhält.

 

2. Oktober 2017


Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat