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Wilhelm Domke- Schulz, freier Fernsehproduzent

Information versus Manipulation.
Wie man Propaganda erkennt

 

Jeder Mensch ist neugierig, hat ein ganz natürliches Informationsbedürfnis. Man will informiert sein. Über die neueste Mode oder was auf der Welt los ist. Um dieses selbstverständliche Bedürfnis zu stillen, konsumiert man Medien. Zum Bespiel die renommierten mit den höchsten Auflagenzahlen. Zeitungen, Radio und Fernsehen. Die "seriösen Qualitätsmedien". Denn schließlich sind sie ja dazu da. Das ist ihre Aufgabe. Sie sollen den Medienkonsumenten mit allen Informationen versorgen, die er haben will. Kann man also nichts falsch machen. Eigentlich. Die Sache hat nur einen Haken. Genau genommen mehrere.

Zum einen ist dem Medienkonsumenten unter anderem nicht immer bewusst, dass ihm ein unbegrenzter, umfassender Informationszugang gar nicht möglich ist. Ihm sind vor allem eigene Grenzen gesetzt, sei es durch seine eingeschränkten Sprachkenntnisse, japanische Nachrichten im Original hören, ist nun mal nicht jedem Deutschen gegeben, oder zum Beispiel durch die Regionalität des Zeitungsangebotes. Es ist hierzulande nicht unbedingt üblich und auch nicht ganz einfach die "New York Times" oder die "Известия" gleichzeitig jeden Morgen im Briefkasten zu haben. Darüber hinaus gibt es noch durchaus Menschen, die keinen Internetanschluss, bzw. Computer haben oder sich generell nicht im Internet informieren. Und schließlich ist es dem normalen Medienkonsumenten schwer bis unmöglich, sich bei Originalquellen zu informieren. Man kann sich halt nicht einfach in die interne Verhandlungsrunde des G 20 Gipfels setzen und Auge in Auge miterleben, was dort verhandelt wird. Zum Glück hat man ja dafür die Presse.

Das heißt, man sucht sich aufgrund fehlender Möglichkeiten, aus Zeitmangel, Gewohnheit oder welchen Gründen auch immer, einen bequemen, komprimierten Informationszugang. Das ist völlig verständlich und geschieht nach wie vor in großem Umfang über die Massenmedien.

Die Basis für diese leichte Entscheidung sind zwei grundlegende Kriterien: Glaube und Vertrauen. Schließlich leben wir in einer Demokratie. Offiziell gibt es keine Zensur. Die Freiheit der Presseberichterstattung ist garantiert. Also vertraut man den Großmedien und glaubt was dort verkündet wird. Noch dazu, wenn man, wie in Deutschland, in der politischen Berichterstattung auf allen Kanälen im Grunde das gleiche hört, sieht und liest. Kann man also deshalb den Massenmedien in Deutschland glauben und vertrauen? Einfache Antwort: Nein!

Blindes, grenzenloses Vertrauen in filternde, komprimierende Informationsquellen sollte man nie haben. Denn um nichts anderes handelt es sich bei Presse- und Massenmedien. Egal in welchem Land und in welchem Gesellschaftssystem man lebt. Die objektive Wahrheit und allumfassende Informationen sind von diesen Medien nicht zu erwarten. Ganz einfach, weil Auswahl, Komprimierung, Wertung, etc. sämtlicher Inhalte durch das Subjekt Mensch erfolgt.

Das beginnt mit der Entscheidung des einzelnen Presseorgans, bei welcher Nachrichtenagentur man sich bedient. Denn schon in der Agentur wird entschieden, welche Themen und Informationen man den Presseorganen überhaupt anbietet und welche nicht. Als nächstes gibt es die Herausgebervorgaben, mit welchen Themenschwerpunkten oder Sichtweisen man die Konsumentenzielgruppe erreichen will. Diese werden vom Chefredakteur oder Redaktionsleiter umgesetzt, die mit ihren Entscheidungen die Auswahl der Informationen, die sie publizieren wollen noch enger eingrenzen, komprimieren und aufarbeiten. Und schließlich ist da noch der einzelne Journalist oder Autor, der bei der Beschreibung des Themas, der Geschichte, der Story seine ganz persönliche Erfahrung, Sichtweise und seinen Stil einfließen lässt.
Der Konsument, Leser, Zuschauer, Hörer, der Rezipient steht ganz am Ende dieser Kette, in dem er sich schließlich noch entscheidet, welches Presseorgan ihm zusagt und auf welches er lieber verzichten will.    

Also stellt sich im Grunde die Frage: Wie gut sind wir wirklich informiert? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir nach dem Medienkonsum eigentlich nur noch glauben etwas zu wissen, während wir womöglich von umfassenden Informationen, vom eigentlichen Kern der Wahrheit meilenweit entfernt sind?

Das größte Manko der Presseberichterstattung ist ja für Rezipienten, und das wäre der nächste Haken, dass deren Inhalte kaum überprüfbar sind. Denn wie soll man vom Wohnzimmer aus herausbekommen, was in Syrien, der Türkei, im Weißen Haus oder in der Ostukraine tatsächlich los ist?

Wer Zugang zu den Informationsquellen hat und gleichzeitig über die Verbreitungswege verfügt, der bestimmt was der Rezipient am Ende geliefert bekommt. Dieses Alleinstellungsmerkmal des Journalismus ist das wohl größte Problem unserer Massenmediengesellschaft. Denn Medienmacht wird so zu einer realen Macht. Das birgt immer die Gefahr des massiven Missbrauchs in sich. Denn wer diese Macht in den Händen hält, verfügt gleichzeitig über alle Werkzeuge für Desinformation und Meinungsmanipulation.

Dieses Problem ist nicht neu. Das war schon immer so, solange es Massenmedien gibt. Nicht erst seit der Gründung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.

Was ist daraus zu schlussfolgern? Hat man als Medienkonsument am Ende also nur zwei Möglichkeiten: entweder den Informationsmedien blindlings glauben und vertrauen, oder allen misstrauen und alles in Zweifel ziehen, was die Presse von sich gibt? Nein. Dies wäre sicher keine Lösung.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist die Mündigkeit des Bürgers beim Umgang mit den Medien. Dazu gehört vor allem das Wissen darüber, wie Propaganda definiert ist, wie sie funktioniert und wie man sie erkennt. Damit man von ihr nicht beeinflusst, fehlgeleitet oder missbraucht werden kann. Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Exkurs zu diesem Thema.

Zu Wesen, Merkmalen und Wirkungsweisen von Propaganda

Wesen und Ziel: zielgerichtete Propaganda wird eingesetzt, um die Meinung, die Stimmung in der Bevölkerung in eine bestimmte politische Richtung zu lenken. In der Regel dient sie dazu, ein bestimmtes Freund-Feindbild zu vermitteln. Sei es, um zum Beispiel Zwangsmaßnahmen gegen ein anderes Land in der öffentlichen Wahrnehmung zu legitimieren, politische Kritiker und Andersdenkende im eigenen Land mundtot zu machen oder in der Phase einer Kriegsvorbereitung den bevorstehenden Krieg als "alternativlos" erscheinen zu lassen.

Politische Propaganda ist also immer gegen die legitimen und existenziellen Interessen der eigenen Bevölkerung gerichtet. Weil sie Teile des eigenen Volkes gegen andere Bevölkerungsteile aufbringt (bis zum Bürgerkrieg, Judenvernichtung, etc.) und / oder die Stimmung der Mehrheit der eigenen Bevölkerung gegen ein anderes Land aufstachelt (um z.B. Sanktionen gegen ein "feindliches" Land zu legitimieren oder den heißen Kriegseintritt gegen einen selbsterklärten Kriegsgegner). Sie ist damit vom Wesen her antidemokratisch und birgt bei massenhafter Verbreitung die Gefahr in sich, der Errichtung einer Diktatur den Weg zu bereiten.

Einseitige Berichterstattung: Um das beabsichtigte Freund-Feindbild in den Köpfen der Rezipienten zu erzeugen, bedient sich Propaganda der immer gleichen Methoden. Dazu gehört die bewusst einseitige Berichterstattung. Propagandamedien stellen sich immer ausschließlich auf die von ihnen zum "Freund" erklärte, "gute" Seite eines Konfliktes und berichten niemals paritätisch und wertfrei von beiden Seiten. Denn die andere Seite ist die des "Feindes". Und mit dem "Feind" macht sich der "gute Journalist" nun mal nicht gemein, in dem er dessen Position, Haltung, dessen Argumente wertfrei wiedergibt.

Der Propagandist steht also zum Beispiel immer wieder nur auf dem "Maidan in Kiew" und betritt nicht das "Gegenlager" im Mariinsky-Park, das nur wenige hundert Meter entfernt ist; er berichtet ausschließlich aus der Sicht der "Freiheitskämpfern in Bengasi" und überschreitet nicht die Frontlinie, um die Bevölkerungsgruppen zu Wort kommen zu lassen, die zu Gaddafi stehen, etc.

Einseitige Recherche, konsequentes Fehlen von konträren Fragestellungen: Der Propagandist recherchiert also nur das, was seine Sicht auf die Dinge unterstützt. Die Gegenseite kommt nicht gleichberechtigt zu Wort. Außerdem werden die Handlungen der eigenen "guten" Seite nicht kritisch hinterfragt.

Es stellt sich also zum Bespiel fast nie die Frage, ob denn die "westliche Demokratie" überhaupt so einfach auf den Nahen Osten übertragbar ist oder ob diese Versuche nicht erst die Grundlage für Bürgerkriege, Staatenzerfall und damit für Hunderttausende Opfer unter der Zivilbevölkerung geschaffen haben. Eine solche Fragestellung, Recherchen in diese Richtung würden ja automatisch die Frage aufwerfen, ob man wirklich auf der richtigen, der "guten" Seite steht. Deshalb stellt man als "guter" Propagandist solche Fragen nicht.         

Moralische Wertung: Die Propagandaberichterstattung aus der einseitigen "Erzählperspektive" der "guten Sicht" auf die zum Feind erklärte, "böse" Konfliktpartei funktioniert dabei vor allem über eine emotionalisierende, moralische Wertung. Dem Rezipienten wird immer und immer wieder suggeriert, dass die eigene Sichtweise, der  einseitige Standpunkt der Propagandamedien moralisch "gut" ist und die andere Seite unethisch, verwerflich, grundsätzlich "böse" sei.

Emotionale Meinungsmanipulation: Die moralisch wertende Emotionalität der Berichterstattung ist damit eine ganz besonders perfide Methode der zielgerichteten Propaganda. Denn man nötigt den Rezipienten dazu, sich nicht auf der Basis von umfassenden Informationen, sondern überwiegend auf der Grundlage einseitiger, moralischer Wertungen zu positionieren. Vertritt er also die moralisierende Meinung der Propagandamedien, steht er automatisch auf der Seite der "Guten", empfindet er dagegen irgendeine Art von Verständnis für die postulierte Feindseite, schlägt er sich damit sofort auf die Seite der "Bösen". Aber wer will schon auf der Seite eines "durchgeknallten Putin", eines "unberechenbaren Trump" oder eines "blutigen Diktators Assad" stehen? Da bekennt man sich doch viel lieber völlig kritiklos zur "guten" "westlichen Wertegemeinschaft". Und ist damit auf der sicheren Seite. Propaganda ist somit der ideale Nährboden für jede Art von unkritischem Opportunismus.

Weglassen/Verschweigen unliebsamer Informationen: Um das moralisch wertende Freund-Feind-Bild logisch erscheinen zu lassen, zu legitimieren und in der öffentlichen Wahrnehmung durchzusetzen, unternehmen Propagandisten alles, um der propagierten Meinung entgegenstehende Informationen zu vertuschen oder am besten gänzlich zu verschweigen. Denn gegenteilige, sachliche Informationen der "Gegenseite" könnten das emotional verurteilende "Feindbild" ins Wanken geraten lassen oder gar zum Einsturz bringen. Propaganda bedient sich also immer einer mehrheitlich äußerst lückenhaften Informationskette, die beim Rezipienten einen einseitigen und damit völlig realitätsfernen Gesamteindruck des Geschehens erzeugt. 

Desinformation: So werden zum Beispiel Bilder von jubelnden Menschen nach der Befreiung Aleppos durch syrische Regierungstruppen einfach unterschlagen, weil sie das "Assad-Feindbild" stören würden, werden tödliche Überfälle ukrainischer Neofaschisten auf Anhänger des "Antimaidan" in Odessa und Mariupol mit vermutlich mehreren hundert Toten entweder als "Verkettung unglücklicher Umstände" (Claus Kleber) heruntergespielt  zur "Antiterroroperation" uminterpretiert oder gleich völlig verschwiegen, um einerseits die Existenz neofaschistischer Paramilitärs zu vertuschen, weil man ja als "Guter" nicht auf der Seite von neofaschistischen Mördern stehen kann, und um andererseits durch das komplette Verschweigen der "Antimaidanbewegung" den Bürgerkrieg in der Ukraine in eine "russische Aggression" umetikettieren zu können, um so das propagierte antirussische Feindbild störungsfrei zu bedienen.

Unbelegte, unbewiesene Tatsachenbehauptungen: Zur Desinformation durch Propaganda gehört somit auch das permanente Wiederholen von Behauptungs-Stereotypen, die weder klar bewiesen noch kritisch hinterfragt werden. So werden zum Beispiel bis heute Stellungnahmen und Expertisen von Völkerrechtlern, die zu dem Ergebnis kommen, dass es sich beim Beitritt der Krim zur Russischen Föderation keineswegs um eine völkerrechtswidrige Annexion gehandelt hat einfach ignoriert; wird nie die Frage gestellt, welches Interesse die russische Föderation überhaupt daran hätte haben können, eine Passagiermaschine über der Ukraine abzuschießen, etc., etc. Kritische Gegenfragen werden nicht gestellt, Tatsachenbehauptungen nicht sachlich erläutert, abgewogen oder umfassend von verschiedenen Seiten beleuchtet.  

Diffamierung von alternativen Informationsquellen und Andersdenkenden: Da sich im Informationszeitalter und vor allem Dank des Internets die Veröffentlichung alternativer Informationen, Argumente und Denkweisen nicht verhindern lässt, bedienen sich Propagandisten besonders häufig dem seit Jahrhunderten immer wieder bewährten Mittel der Diffamierung. Die Quelle anderslautender Informationen wird stets als "unseriös", "gesteuert" oder als "Propaganda" der Gegenseite diffamiert, ohne dafür belegbare Beweise zu liefern. Gleiches gilt für den Andersdenkenden, wie u.a. den kritischen Journalisten. Man unterstellt ihm zum Beispiel einfach, er wäre ein "antisemitischer Rechter" oder ein "Kremlagent". Schon allein solch ein unbewiesener Vorwurf reicht völlig aus, um den "guten", gutgläubigen oder opportunistischen Rezipienten davon abzuhalten sich überhaupt die Informationen dieses angeblichen "Rechten" oder "Putinverstehers" anzusehen, anzuhören oder zu lesen. Denn dann würde man sich ja mit "rechtem" oder wahlweise "kremlgesteuertem" Gedankengut beschäftigen. Das tut man als guter Bürger einfach nicht. So wie man im Dritten Reich nicht "BBC London" gehört, Flugblätter sofort ungelesen bei der Gestapo abgeliefert und kritische Nachbarn beim Blockwart angezeigt hat. Diffamierung ist somit das wirksamste Mittel, um Andersdenkende mundtot zu machen und die Verbreitung von unliebsamen Informationen zu be- oder verhindern. 

Wird also immer nur eine Seite der Medaille behandelt, die eigene als die ausschließlich gute und die andere als die ausschließlich böse dargestellt, werden eigene Sichtweisen nicht kritisch hinterfragt, Gegenargumente unterschlagen und Andersdenkende moralisch diffamiert, kann man keinesfalls von seriöser Berichterstattung oder "Qualitätsjournalismus" sprechen. In einem solchen Fall handelt es sich zweifelsfrei um gezielte Propaganda. Kommt sie massenhaft vor, wird durch sie ein immer größerer Keil in die Gesellschaft getrieben und die Demokratie durch Desinformation und Meinungsmanipulation akut gefährdet. Deshalb ist eine breite Aufklärung über das Wesen von Propaganda enorm wichtig, genauso wie die Existenz bzw. die Gründung von ideologisch unabhängigen, umfassenden Informationsmedien.

Fehlt beides in einer Gesellschaft, ist der schleichenden Errichtung einer Diktatur Tür und Tor geöffnet. Eine lebendige Demokratie sollte stark genug sein, aus der Geschichte zu lernen und dies zu verhindern. 

07. August 2017

Josef Kraus

Wilhelm Domke-Schulz

Wilhelm Domke-Schulz ist Autor und freier Fernsehproduzent für verschiedene Fernsehanstalten, wie MDR, NDR, RBB, WDR und NDR.
Hier ist er hauptsächlich im Bereich Reportage, Dokumentarfilm und Geschichtsdokumentation tätig.