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Günter Spahn, Wirtschaftsjournalist

Die Hatz um den Diesel

 

Die aktuell durch die  drohenden  Fahrverbote für Dieselfahrzeuge befeuerte Diskussion um die Berechtigung und Zukunft des Diesels ist eine beispiellose Hatz gegen eine Technologie, die sich bewährt hat.  Geforderte Fahrverbote und das Entziehen von Zulassungen  sind der größte Skandal der jüngeren deutschen Industriegeschichte und ein Anschlag auf die deutsche Volkswirtschaft – aber nicht wegen Software-Manipulationen zur Beeinflussung der Grenzwerte.  Da sind – keine Frage – gewiss einige Dinge schiefgelaufen.

Es geht vielmehr um den grundsätzlichen Ansatz von Messwerten bei unrealistischen Vorgaben etwa durch Brüsseler EU-Behörden.  Wenn  diese in eine ideologisch gewünschte Richtung abgesenkt werden, um grundsätzlich das von links-grünen Ideologen verhasste Auto in Frage zu stellen, dann kann die Industrie noch so gute Fahrzeuge herstellen – diese werden immer im Kampf gegen unrealistische Abgasgrenzwerte  zweiter Sieger sein.  Getan wird im Verbund mit einem Betroffenheitsjournalismus in der Öffentlichkeit so, als ob der Diesel ein Massenmörder sei!  Die abenteuerlichsten Zahlen von angeblichen  Todesfällen durch  Dieselabgase  geistern ungeprüft von selbsternannten und vermeintlichen Fachleuten durch die Welt!  Je nach Gusto reichen die Jahreszahlen  allein für Deutschland  von 30.ooo bis zu einem Vielfachen. Es darf dann gelost werden, welche Nichtregierungsorganisation und welche Zeitung die Weisheit gepachtet hat…

Stand je auf einem ärztlichen  Totenschein "gestorben wegen dem Diesel" ?  Natürlich nicht.  Alle genannten Horrorzahlen basieren auf theoretischen Modellrechnungen.  In Wahrheit geht es  um eine Industriefeindlichkeit. Der "Club of Rome"  lässt – obwohl er so oft falsch  lag – grüßen!  Ist der Diesel nämlich  "erledigt", wird man einen neuen Feind ausfindig machen.  Dieser  könnte künftig  – Wetten werden fast angenommen -  der Elektroantrieb mit Batterien  sein, denn deren Produktion gibt genug Anlass, um neue Frontalangriffe gegen Elektrofahrzeuge  zu starten. Gründe wird man finden.  Beispielsweise bei der Herstellung der notwendigen Lithium-Ionen-Batterien und später bei deren Entsorgung. Aber dies wäre ein eigenes Thema!   Kaum war die Kernkraft besiegt, war der neue Bösewicht Kohle und deren Verstromung im Visier der "Menschheitserretter".  Dabei hat die Technik längst die Herausforderungen angenommen. Kohlekraftwerke wie etwa der neue innovative  Block 9  beim Großkraftwerk  Mannheim beweisen das eindrucksvoll.  Aber in der Vorstellungswelt gewisser Nichtregierungsorganisationen (die übrigens weitgehend vom Staat mit Steuergeldern mitfinanziert werden) sind Kohlekraftwerke  halt Dreckschleudern und Dieselfahrzeuge halt  Stinker!   Punkt – Rom hat   gesprochen – in Form der NROs…

Um auf den Diesel zurückzukommen. Wie Daten des  Umwelt-Bundesamtes belegen, ist z.B. von 1990 bis 2013, also in nur 23 Jahren, eine Reduzierung der jetzt beim Diesel beanstandeten NOx-Emissionen von rund 1,6 Millionen Tonnen erreicht worden. Dies ist ein Rückgang von beachtlichen 56,1 %.  Im übrigen wird erfreulicherweise das Durchschnittsalter der Deutschen immer höher.

Das Problem bei der Hatz um den Diesel ist auch die Feigheit der Politik!  Sobald ein Thema im Verbund mit den Medien dramatisiert wird und vermeintliche Wählerverluste drohen, knicken die Parteien ein. Jahrelang hat gerade die Politik aus Gründen des Klimaschutzes den Diesel empfohlen. Jetzt ist der Stein der Weisheit vom Himmel gefallen:  Der Diesel muss weg, weil es die Ideologen geschafft haben, über den Betroffenheitsjournalismus (wenn Journalisten sich mit einer Sache verbünden und nicht mehr kritisch hinterfragen) die Diskussion zu bestimmen! Wo bleibt – verdammt noch mal – eine Bundeskanzlerin, die aufgrund ihrer Richtlinienkompetenz auf den Tisch hat und substanzielle Gefährdungen unserer Autoindustrie beendet? Wir leben schließlich nicht im Paradies. Gewisse Beeinträchtigungen wird es in einer Industrie- und Exportnation  wie Deutschland immer geben.

Selbstverständlich ist die Automobilwirtschaft nicht ganz unschuldig an der derzeitigen Entwicklung der Dieseldiskussionen.  Die Unternehmen haben sich in der Öffentlichkeit  in die Defensive drängen lassen und ihr Verband  hat sich zu stark auf die Instrumente Lobbyarbeit verlassen. Diesen defensiven   Fehler hat schon die Energiewirtschaft beim Thema Kernenergie begangen. Eine breit angelegte Offensive mit Nutzen und Risiken  war auch dort  nie erkennbar,   und wenn es einzelne Ansätze gab, waren diese als plumpe Arbeit von PR-Agenturen erkennbar. So kann man es natürlich nicht machen!   Auch jetzt  versagt die Lobbyarbeit der Autoindustrie in den Hinterzimmern, weil sie nichts nützt, weil die Politik, wie bereits oben erwähnt,  den Verlust von Wählerstimmen befürchtet und spätestens dann, die Wirtschaft im Regen stehen lässt.  Die Autoindustrie muss deutlicher und energischer argumentieren und sich wehren – sie muss den Bürgern die Augen öffnen: Ja,  es wurden  Fehler gemacht – aber diese rechtfertigen nicht, den Diesel grundsätzlich als Mordinstrument anzufeinden.  Viel wichtiger wäre es, auf breiter Front gelenkte Stimmungen zu korrigieren. Denn es geht immerhin auch um Hundertausende Arbeitsplätze in unserem Land. Und spätestens da hört der Spaß auf!

07. August 2017


Günter Spahn

Günter Spahn ist Wissenschaftsjournalist mit langjährigem Schwerpunkt auf alle Themen rund um die Automobilindustrie.