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Dr. Viktor Heese - war 17 Jahre bei Deutschen Bank als Börsenanalyst tätig

Beispiel Polen:
Wie funktioniert ein unabhängiges Fernsehen in der Praxis

Das unabhängige Fernsehen Telewizja Republika auf dem Vormarsch

Das Konzept eines abhängigen, konservativen und börsenfinanzierten Fernsehens wurde in Polen bereits vor fünf Jahren realisiert. Die Gründer füllten mit ihrer Idee die Marktücke, welche das tendenziöse und regierungsfreundliche Staatsfernsehen geschaffen hat. Mit welchen Anlaufschwierigkeiten dabei der Sender Telewizja Republika zu kämpfen hat(te), wie er sich sukzessive im stark umkämpften Markt behauptet und welche eventuelle Lehren daraus für ein Unabhängiges Bürgerliches Fernsehen in Deutschland gezogen werden könnten, zeigt folgender Beitrag.

Geschäftsmodell
Der Bezahltsender Telewizja Republika ist ein klassischer start up ohne Verbindungen zu den großen Medienkonzerne oder dem Staat. Er zielte seit der Gründung auf eine starke konservative und national orientierte Zuschauergruppe ab. Der "5.0 R" - Wertekodex des Unternehmens stammt von den Anfangsbuchstaben der Wörter Vernunft - Marktwirtschaft - Familie - Religion - Vaterland. Trotz seiner engen "geistigen Verwandtschaft" mit der PIS-Regierung, wird er von dieser nicht unterstützt, die weiter auf ihr Sprachrohr, das Staatsfernsehen TVP setzt. Bei dem an der Warschauer Börse im NewsConnect - vergleichbar mit dem Entry Standard in Deutschland - sporadisch notierten Nebenwert, steht der Renditeaspekt, wie die Kennzahl RoE (return on equity), nicht im Fordergrund. Den Geschäftsfokus des Fernsehanbieters liegt auf dem Informationsangebot (Nachrichten, Reportagen, Dokumentation, Kultur, Magazine) und weniger auf kommerzielle Unterhaltung gerichtet, was nach dem  erworbenen Status des Universalfernsehens, sich allerdings ändern kann.  

Gründungsphase
Telewizja Repulika wurde von prominenten aber "politischunkorrekten" Medienprofis, konkret von Fernsehredakteuren und Beschäftigten der konservativen Wochenblättern ("w sieci", "do Rzeczy", "niezalezna", "Gazeta Polska") quasi mit Eigenmitteln gegründet. Der oppositionelle Nachrichtensender nahm den Betrieb noch in Zeiten der Vorgänger-Regierung Ende 2012 auf. Erwartungsgemäß war die Reaktion der Systemmedien negativ bis feindlich. Die gelungenen Börsengänge in den Folgejahren 2013 - 2016 - die Aktien wurden sowohl von Privatanleger als auch von institutionellen Investoren erworben - gaben dem Unternehmen jedoch die finanzielle Sicherheit und ermöglichten die Anlaufschwierigkeiten zu überstehen. Personalprobleme tauchten 2015 auf, als mit dem Regierungswechsel im Lande ein Teil der Top-Leute aus Gründen der höheren beruflichen Sicherheit zum Staatsfernsehen TVP wechselte. Um die Personalkosten niedrig zu halten, werden viele Projekte mit freien Mitarbeitern durchgeführt. Ob durch den Einstieg eines Großinvestors in diesem Jahr, dem Managementwechsel und die mehr kommerzielle Ausrichtung das Profil des Unternehmens signifikant tangiert wird, kann noch nicht gesagt werden.

Konsolidierungsphase: Finanz- und Ertragslage
Da das Unternehmen nicht im Hauptsegment der Warschauer Börse notiert ist, unterliegt es nicht den Offenlegungs- und Meldepflichten für Kapitalgesellschaften. Seine testierten Geschäftsberichte mit Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen sind somit nicht öffentlich zugänglich. Ein erfahrener Analyst wird allerdings bereits anhand weniger Zahlen ein grobes Gesamtbild über die Effektivität des Unternehmens gewinnen können:

Ergebnis:   weitgehend kostendeckend
Kosten (Betrieb):  rd. 5 Mio. (etwa 1,2 Mio. €); ohne Investitionskosten
Beschäftigte:   rd. 60 (ergibt Kosten pro Beschäftigten rd. 7.100 Zloty  oder 1.700 € monatlich)
Hinweis: in Deutschland herrscht ein etwa 2,5 höheres Lohnniveau als in Polen
Einnahmenstruktur:   2/3 aus Abo-Gebühren (Abonnement 32 € jährlich) und 1/3 aus Werbung
tägliche Sendezeit: 24 Stunden

Der Sender kommt also mit einem auffälligen Mini-Budget aus. Selbst der kleinste Regionalsender im "ARD-Imperium", der SRW, ist vom Umsatz her, 30 Mal größer als Telewizja Republika. In Beitrag "Kann ein börsenfinanziertes bürgerliches Fernsehen im deutschen Medienmarkt bestehen" wurden zum Vergleich die Betriebskosten eines Unabhängigen Bürgerlichen Fernsehens hierzulande bei einer wesentlich kleineren Beschäftigtenzahl und kürzerer Sendezeit als bei der Telewizja Republika auf 2 Mio. € jährlich und die Investitionskosten auf 30 Mio. € geschätzt. Im Lichte obiger Zahlen erscheint dieser Ansatz realistisch.

Gemessen an den Einschalquoten liegt der Anteil des Neulings am polnischen Nachrichtenmarkt zwischen 3 bis 5%, weit hinter den "konzerngebundenen" Großanbietern TVN24, Polsat News und TVP Info. Die durchschnittliche Zuschauerzeit beträgt rund 41 Minuten. Beide Zahlen sind demnach nicht unbedingt imposant. Die Quoten schwanken jedoch erheblich und temporär werden einige mediale Platzhirsche von den ersten Rängen verdrängt - wie Fachmedien berichten. Beim Indikator "Einfluss auf die politische Meinungsbildung" (amtliche Erhebung) kommen die Konservativen sogar regulär auf Platz 2. GfK Polonia (polnische Tochter des deutschen Marktführers Gesellschaft für Konsumforschung) bescheinigt der Telewizja Republika eine "andere journalistische Herangehensweise". Erhebungen zufolge besteht die Zuschauerstruktur zudem aus Personen mit der höchsten Bildung und dem höchsten Einkommen unter den untersuchten Marktanbietern. Auch verschiedene Auszeichnungen und gewonnene Preise erhöhen den Bekanntheitsgrad des Senders. Seine Popularität steigt hierdurch kontinuierlich.

Wie in Deutschland wird der polnische Markt in der Sparte Universalfernsehen vom beitragsfinanzierten Staatsfernsehen TVP1 und TVP2 (50% Einschaltquoten) dominiert, das zuletzt wegen seiner Personalien stark in der Kritik der Brüsseler "Wertegemeinschaft" geriet. Im Unterschied zu den deutschen GEZ-Zwangsabgaben der 9 Mio. Beitragszahler, wird die Eintreibung hiesiger Fernsehgebühren bei den 2,8 Mio. polnischen Haushalten jedoch nicht mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt. Bislang landete noch kein Zahlungsverweigerer in Erzwinungshaft. Gesetzesverschärfungen sind jedoch in Diskussion. Neben der Telwizja Republika gibt es in Polen noch kleinere unabhängige Sender wie Super Stacja und TV Trwam.

Bald Wachstumsphase? Optimistische Zukunftspläne
Die rege Investitionstätigkeit durch die Eröffnung des zweiten Fernsehstudios, dem Erwerb neuer technischer Infrastruktur, merkliche Marketingaktivitäten, Gründung neuer Radiosender und Programme werden aus Kapitalerhöhungen getätigt, die aus den Kapitalerhöhungen stammen. Sie bestätigen den Optimismus der Geschäftsführung. 2018 soll die Gewinnschwelle deutlich übertroffen werden und 2019 die landesweite Erreichbarkeit des Senders durch den Ausbau neuer Sendeformen (Kabel-, Antennen-, Satelliten- und Internetfernsehen) erreicht werden. All diese Maßnahmen klingen im Kontext der Milliarden schweren Mega-Vorhaben der Medienriesen bescheiden und wohl eher dem Grundsatz zu folgen: Schuster bleib bei deinen Leisten. Bezüglich ihrer Wachstums- und Expassionspläne zeigt sich die konservative Geschäftsführung zugeknöpft (keine medialen Auftritte, Analystenkonferenzen usw.).

Fazit: Was könnten deutsche Initiatoren eines unabhängigen Fernsehprojektes daraus lernen?
Für die Protagonisten eines Unabhängigen Bürgerlichen Fernsehens in Deutschland liefert das Beispiel der Telewizja Republika, vier verwertbare Informationen:

  1. der Börsengang eines Nachrichtensenders kann auch in einem schwierigen Umfeld gelingen; die "werteorientierte" Ausrichtung der Anstalt ist dabei unbedeutend, ökonomisch entscheidend ist das Vorhandensein einer nachhaltige Nachfrage
  2. nach dem gelungen Börsenstart - aus dem die Sachinvestitionen bezahlt werden, - kann ein start up die laufenden Betriebskosten über Werbeeinnahmen und Abonnementgebühren finanzieren
  3. ein effizient arbeitender Nachrichtensender ist imstande bei denkbar geringen Kosten "viel Sendeprogramm" zu liefern
  4. erst nach einigen Anlaufjahren und der Marktbehauptung erscheint es sinnvoll an eine Expansion zu denken; es herrscht weltweit hoher Wettbewerb im Medienbereich

Eine Schlussanmerkung: In Polen ist die politische Medienlandschaft vielfältiger und damit der "Hunger nach unabhängiger Information" geringer als in Deutschland, wo der mit Alternativmedien wenig vertraute Bürger de facto wenig Möglichkeit besitzt, seine Unzufriedenheit zu kanalisieren. Dieser Fakt müsste die Gründungschancen eines deutschen Fernsehprojektes wesentlich verbessern.

Links zur offiziellen Webseite von Telewizja Republika: http://telewizjarepublika.pl/

17. Juli 2017

Dr. Viktor Heese

Viktor Heese ist Dozent,
Fachbuchautor und Analyst für Finanztitel und Börse.