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Josef Kraus, PrÄsident Deutscher Lehrerverband

Inklusion zwischen Ideologie und Kindeswohl

 

Im Jahr 2006 verabschiedete die UNO ihr "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen". Adressat dieser Konvention waren zunächst alle damals 192 UN-Mitglieder, vor allem aber die vermutlich 150, die zum Beispiel keinerlei schulische Förderung für behinderte Heranwachsende hatten.

In Deutschland aber taten und tun einige Ideologen so, als habe die UNO jetzt ausgerechnet Deutschland mit seinen Förder- und Sonderschulen aufs Korn genommen und deren Fortbestand untersagt. Die UN-Konvention enthält jedoch keinerlei Passus, mit dem die Beschulung in Förderschulen als Diskriminierung betrachtet würde. Im Gegenteil: Artikel 5 (4) der UN-Konvention spricht davon, dass "besondere Maßnahmen … zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen" nicht als Diskriminierung gelten. In Artikel 7 (2) heißt es: "Bei allen Maßnahmen, die Kinder mit Behinderungen betreffen, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist." Und auch Artikel 24 der Konvention spricht nicht von einem inklusiven einheitlichen Schulwesen.

Gottlob, denn das deutsche Förderschulwesen ist einmalig. Deutschland hat weltweit eines der funktionsfähigsten Systeme der Sonder- und Förderpädagogik mit rund 3.000 Förderschulen, deren 300.000 Schülern und mehr als 40.000 hochprofessionellen Förderlehrern.

Der Diskurs um "Inklusion" ist in typisch deutscher Manier allerdings nicht immer frei von ideologisch unterlegten Instrumentalisierungsabsichten. Vor allem ist es diskurstötend, wenn in der Inklusionsdebatte verbal mit der Faschismus-Keule geschwungen wird. Wer jede skeptisch-realistische Betrachtung von Inklusion als Haltung des "Aussortierens", "Selektierens" und "Aussonderns" etikettiert, der will offenbar bewusst Assoziationen an schlimme zwölf Jahre deutscher Geschichte wecken; der muss sich aber auch fragen lassen, ob er mit dieser Semantik nicht ein millionenfaches Leid missbraucht.

Deshalb ist die von Befürwortern einer Radikalinklusion geforderte Dekategorisierung ein Irrweg. Dekategorisierung heißt: Die Behindertenkategorien körperlich, geistig, sensorisch, sprachlich, sozial-emotional usw. sollen verschwinden. Man will damit angeblich Diskriminierung vermeiden, vergeudet damit aber die Chance, einem Menschen individuell gerecht zu werden.

Das Ziel jeder behindertenpädagogischen Maßnahme ist unumstritten: Es geht um Zugehörigkeit und Teilhabe, es geht um die berufliche und soziale Eingliederung dieser jungen Menschen. In vielen Einzelfällen aber kann Inklusion der falsche Weg dorthin sein. Es muss vermieden werden, dass Schüler mit Anforderungen konfrontiert werden, denen sie nie und nimmer gewachsen sind.

Entsprechend der Art der Beeinträchtigung muss denn auch das Förderkonzept ausgerichtet werden: Wenn eine Behinderung bzw. Beeinträchtigung mit Hilfe technischer oder baulicher Mittel (Digitalisierung des Unterrichtsgeschehens, Aufzüge in Schulgebäuden, zusätzliche Räume usw.) bzw. mit Hilfe zusätzlicher Fachkräfte kompensiert werden kann, steht einer Inklusion nichts im Wege. Anders stellen sich die Möglichkeiten der Inklusion bei verhaltensauffälligen oder kognitiv beeinträchtigten Schülern dar.

Bedenken sollte man auch: Bei allen Maßnahmen der Inklusion muss das Wohl aller Kinder mitreflektiert werden. Auch Kinder ohne Behinderung haben ein Recht auf bestmögliche Förderung. Es ist durchaus richtig, dass Nichtbehinderte einen Gewinn haben von der Begegnung mit Behinderten. Ein Mehr an Gemeinsamkeit von behinderten und nicht behinderten Menschen ist in allen gesellschaftlichen Bereichen denkbar, im Bildungsbereich sehr wohl wünschenswert. Dieses Mehr ist aber nur möglich, wenn die Wege der Inklusion vom Kindeswohl ausgehen sowie realistisch und frei von Egalisierungsabsichten sind. Es sollte der Grundsatz gelten: So viel Inklusion wie möglich – so viel Differenzierung wie nötig!

10. Juli 2017

Josef Kraus

Josef Kraus

Josef Kraus ist seit 1987 Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes DL.