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Wilhelm Domke- Schulz, freier Fernsehproduzent

Gedanken und Anregungen zur
Gründung eines Bürgerfernsehens

 

Auf dieser Plattform wurden bereits sehr viele Beispiele dafür genannt, dass es der öffentlichen Berichterstattung an Facetten, Vielfalt sowie vielschichtiger Sichtweise auf die unterschiedlichsten Themen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung, Steuerpolitik usw. mangelt. Außerdem wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, welche Auswirkungen solch einseitige, oftmals moralisch wertende Information auf die öffentliche Wahrnehmung, Diskussion und auf politische Entscheidungen hat.

Dies alles hat bisher schon eindringlich deutlich gemacht, wie notwendig und dringend die Gründung eines bürgerlichen Fernsehens ist, das sich streng ideologischer Neutralität, guter Recherche und der Darstellung umfassender Sichtweisen verpflichtet fühlt ohne sich mit einer der behandelten Seiten gemein zu machen. Dem kann man eigentlich kaum noch etwas hinzufügen.

Nur um diesen, durchaus richtigen Eindruck zu bestärken, an dieser Stelle noch ein weiteres Beispiel aus der Filmwirtschaft.

Eine aktuelle Studie des Bundeswirtschaftsministeriums feiert sich und die umsatzstarke und angeblich so erfolgreiche Filmwirtschaft in Deutschland. Die massiven Probleme der deutschen Film- und Fernsehwirtschaft verschweigt sie allerdings. Das ist nicht neu.

Schon seit Jahrzehnten verschließen deutsche Medien und Medienpolitiker Augen und Ohren vor den prekären Arbeitsbedingungen in der deutschen Filmwirtschaft genauso, wie vor der mehrheitlich nationalen und internationalen Bedeutungslosigkeit der in Deutschland mit Fördermitteln produzierten Kino- und Fernsehfilme. Dabei hängt beides ursächlich zusammen und ist die direkte Folge einer völlig am Wesen vorbeiführenden "Förderpolitik" und damit von den deutschen Medienpolitikern und den Medienförderanstalten selbst verursacht.

Etwas genauer: Jährlich werden in Deutschland über 200 Spielfilme, Kino- und Fernsehfilme produziert. Überwiegend finanziert aus Töpfen der zahlreichen deutschen Medienförderanstalten. Von diesen über zweihundert Filmen dringen jährlich nicht einmal ein Dutzend in das öffentliche Bewusstsein. Oft sorgt sogar nur ein einziger "Förderfilm" im Jahr für Schlagzeilen.

Wenn aber insbesondere Kinofilme in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden, liegt das meist daran, dass sie nicht besonders gut gelungen sind. Die Folge: sie bringen im Kino keinen Umsatz. Denn der Zuschauer hat ein feines Gespür dafür, für welchen Film es sich lohnt ins Kino zu gehen und für welchen nicht. Und das trifft leider für die absolute Mehrheit aller über die deutschen Medienförderungen finanzierten Kinofilme zu. Und das nicht nur im letzten Jahr, sondern schon sehr, sehr lange.

Seit Jahrzehnten erwirtschaften rund 95 - 98 % aller jährlich produzierten deutschen Förderfilme nicht einmal die eigenen Produktionskosten. Weil sie es einfach nicht schaffen viele Kinosäle gut zu füllen. Ein fataler Zustand mit weitreichenden wirtschaftlichen Konsequenzen für Tausende Filmschaffende. Sie springen wie Tagelöhner von Projekt zu Projekt und haben am Jahresende oftmals so wenig Geld in der Tasche, dass sich etliche von ihnen keine Krankenkasse und sehr viele nicht einmal eine Rentenversicherung leisten können.

Angemessene Honorierung, Gewinnbeteiligungen oder Wiederholungshonorare, die diese prekären Verhältnisse lindern könnten, schließen sich bei massenhaft künstlerisch sowie wirtschaftlich desaströsen Filmprojekten nun einmal leider von selbst aus.

Die überwiegende Mehrzahl deutscher Förderfilm- und Fernsehproduzenten bezeichnet sich deshalb mittlerweile selbst als erfolgreich, wenn sie es schaffen nach der Jahresabrechnung eine "schwarze Null" zu schreiben.

Wie konnte es dazu kommen?

Kern des Problems ist das filmwirtschaftlich destruktive Wesen des deutschen Fördersystems. So entscheiden zum Beispiel in den einzelnen Medienfördereinrichtungen fast ausschließlich aus Fachfremden besetzte Entscheidungsgremien über die Vergabe der Fördermittel. Diesen Gremien mangelt es auf weiten Strecken einerseits vielfach an filmkünstlerischem sowie filmwirtschaftlichem Sachverstand, andererseits verfolgen diese Gremien ganz andere Interessen, als die Filmwirtschaft.

Den Vergabegremien geht es hauptsächlich darum, dass die von ihnen bewilligten Steuergelder ausschließlich im sie betreffenden, regionalen Film-Dienstleistungssektor ausgegeben werden. Weil man ernsthaft glaubt, über diesen Weg die Filmwirtschaft zu stärken und zu entwickeln. Während es der Filmwirtschaft im Gegensatz dazu darum geht, emotional fesselnde, künstlerisch wertvolle Filme zu produzieren, die ein großes Publikum erreichen, am Ende Gewinn erwirtschaften, und das alles auf der dafür zwingend erforderlichen Basis freier, unternehmerischer Entscheidung welches Filmprojekt man wie, mit wem und wo produziert.

Aber diese eigentlich völlig selbstverständliche unternehmerische Freiheit ist einem Förderfilmproduzenten in Deutschland durch das derzeitige Fördersystem nicht gegeben. Die elementar wichtigste Grundentscheidung, nämlich die, welches Projekt eigentlich finanziert werden soll, liegt im Grunde nicht bei ihm sondern bei den überwiegend fachfremd besetzten Fördergremien. Denn wenn der Filmproduzent bei ihnen ein Projekt einreicht, dass dem Entscheidungsgremium nicht "gefällt", wird es ohne Begründung abgelehnt, darf nicht überarbeitet und wieder vorgeschlagen werden. Um dies zu vermeiden und um regelmäßig an Fördergeld zu kommen, hat sich deshalb über die Jahre in der Filmwirtschaft eine Mentalität entwickelt, ausschließlich Stoffe einzureichen, die den Fördergremien "gefallen" könnten. Der Zuschauer als Verwertungszielgruppe oder anders gesagt der Markt, bleibt bei dieser Art von Fördersystem immer weiter außen vor. Die Folge sind überwiegend leere Stuhlreihen im Kino und nach dem, durch die Förderung finanzierten Produktionsprozess, leere Kassen beim Filmproduzenten.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Filmproduzent nach Zuteilung von Fördermitteln nicht völlig frei darüber entscheiden kann, welche Mittel er wofür einsetzt. Denn das regeln die starren Förderrichtlinien. Diese legen, allgemein formuliert, ebenfalls fest, wo und mit wem er produzieren muss, um an die Fördertöpfe zu gelangen.

Dass unter diesem fachfernen Reglement am Ende doch noch der ein oder andere Förderfilm erfolgreich ist, dann eher ausschließlich dank zufälliger, glücklichster Umstände, trotz des geltenden Fördersystems, als aufgrund der Förderung durch dieses im Grunde filmwirtschaftsfeindliche System.

Dass diese Art von "Förderung" völlig am Wesen vorbeiführt und am Ende einen ganzen Wirtschaftszweig zur ewigen, künstlerisch, wie wirtschaftlichen Erfolglosigkeit verdammt, wurde im Laufe der Jahre mehrfach von namhaften Regisseuren und Filmproduzenten öffentlich angesprochen. Dies fand aber bis heute keinen echten Widerhall in den Medien oder gar in der Politik.

Um diese Dauermisere der deutschen Filmwirtschaft öffentlich zu diskutieren und wirksam Alternativen aufzuzeigen, damit sich endlich etwas zum Besseren wendet, sowohl für den Zuschauer, als auch für die deutschen Filmproduzenten, auch dazu brauchen wir einen offenen, kritischen, unabhängigen, bürgerlichen Rundfunk.

Wie gesagt, eigentlich geht es schon lange nicht mehr um die Notwendigkeit der Gründung eines solchen Rundfunks, sondern viel mehr darum, ob und wie das machbar ist.

Dazu nun im Folgenden ein paar Gedanken.

Zunächst einmal ganz allgemein. Selbstverständlich ist ein solches Projekt realistisch und auch relativ kurzfristig realisierbar. Denn es gibt mehr als genug Potential in Deutschland, das einen solchen Sender problemlos auf ein solides finanzielles Fundament stellen, technisch und personell hervorragend ausstatten und mit höchstem journalistischen Qualitätsanspruch auf Sendung schicken kann.

Soweit so gut. Aber wie geht man ein solches Projekt an und vor allem, wie hoch sind die Kosten?

Diese Frage lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös beantworten. Zu einer solchen Schätzung fehlen ganz einfach die Grundlagen. Diese lassen sich aber relativ kurzfristig klären.

Zunächst müsste man ein kleines Fachgremium aus erfahrenen Fernsehjournalisten und Fernsehproduzenten bilden, das als allererstes die Frage klärt, an welche Zielgruppe man sich wenden müsste, um überhaupt die Chance auf spürbare öffentliche Wahrnehmung und Verbreitung zu haben. Und die sich darüber Gedanken macht, wie hoch die dafür angestrebte Zuschauerzahl sein sollte.

Aus dieser klaren Zielgruppendefinition ergibt sich automatisch der dazu notwendige Verbreitungsweg. Also Internet, terrestrisch und / oder Satellit.

Die zweite Frage, die parallel dazu beantwortet werden müsste, wäre die nach der mindestens notwendigen Sendestruktur. Ein reiner Nachrichtensender kann niemals in die Tiefe gehen. Dazu braucht es noch andere, ergänzende, übergreifende Sendeformate, wie zum Beispiel ideologiefreie, sachlich-informative Fernsehdiskussionsrunden, Dokumentationen mit hohem Informationsgehalt, journalistische Hintergrundberichte, die sich nicht mit einer Seite gemein machen, etc. Dies müsste besprochen und grob abgesteckt werden.

Aus diesen beiden Faktoren ergibt sich dann der minimal notwendige Personal-, Raum- und Technikbedarf.

Aus dem Personalbedarf lassen sich die laufenden Personalkosten abschätzen. Wobei man ausdrücklich davor warnen muss, anfangs aus Kostengründen auf unqualifiziertes, beruflich unerfahrenes Personal zurückzugreifen. Das ist in diesem, wie auch in vielen anderen Wirtschaftszweigen, der sichere Weg zum Misserfolg. Noch dazu wo auf der "anderen Seite" sehr professionell gearbeitet wird.

Aus der minimal notwendigen Formatstruktur des geplanten Senders ergibt sich dann der Raum- und Technikbedarf, dessen Kosten man bei Fernsehausrüstern kurzfristig, grob kalkulieren lassen kann.

Dazu ist noch zu bemerken, dass es für die technische Ausstattung im Grunde keinen großen Unterschied bedeutet, ob man am Ende nur im Internet oder nur terrestrisch oder über beide Wege ausstrahlt. Die zum Antennen- oder Satellitenempfang notwendige Sendeanlage neben dem Studiogebäude macht den finanziellen Kohl dann auch nicht mehr fett. Zu klären wären außerdem in diesem Zusammenhang noch die bei jeder Form von Liveausstrahlung erforderlichen Kosten für Sendelizenzen, Übertragungsgebühren und Ausstrahlungsrechten (u.a. GEMA).

Nur zum Vergleich. Schließlich gibt es bisher schon eine ganze Reihe kleiner, alternativer Internetsender, die aber eben nur relativ wenige Zuschauer erreichen, weil sie einerseits nicht über ein größeres, professionelles, journalistisches Potential verfügen und andererseits aus Kostengründen in den traditionellen Verbreitungswegen nicht vorkommen. Der Verzicht auf eine Ausstrahlung außerhalb des Internets würde also, ohne jede Not, die Empfangbarkeit des bürgerlichen Fernsehens ganz erheblich einschränken. Und damit auch von Anfang an die wirtschaftliche Refinanzierbarkeit durch Werbeeinnahmen. Doch gerade dies beides sollte nicht das Ziel sein, sondern eher das ganze Gegenteil, eine dafür notwendige, größtmögliche Empfangsdichte dieses Senders in ganz Deutschland.

Erst wenn diese grob geschätzte Gesamtkalkulation über das notwendige Startkapital zur Gründung eines neuen bürgerlichen Fernsehens vorliegt, kann man sich ersthaft auf die Suche nach interessierten Investoren begeben.

Was bleibt abschließend zu sagen?

Die dringende Notwendigkeit zur Gründung eines solchen Senders scheint hinlänglich bewiesen. Alle notwendigen Voraussetzungen sind im ausreichenden Maße gegeben. Jetzt brauchen sich eigentlich nur ein paar Mutige finden und es tun. Daran darf es am Ende nicht scheitern. Packen wir es an!

26. Juni 2017

Josef Kraus

Wilhelm Domke-Schulz

Wilhelm Domke-Schulz ist Autor und freier Fernsehproduzent für verschiedene Fernsehanstalten, wie MDR, NDR, RBB, WDR und NDR.
Hier ist er hauptsächlich im Bereich Reportage, Dokumentarfilm und Geschichtsdokumentation tätig.