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Ralph Thiele, Politikberater

Resilienz – Schock und Stress standhalten (Teil 2)

Standhalten
Europäische Union und NATO entwickeln derzeit flexible Ansätze, die vor hybriden Angriffen abschrecken bzw. diesen mit einem breiten Portfolio an Instrumenten begegnen können. Zugleich soll die Fähigkeit besser ausgeprägt werden, hybrider Gewalt und Ambiguität standzuhalten und sich von erfolgreichen Angriffen ggf. schnell zu erholen, kritische Dienstleistungen und Infrastrukturen einsatzfähig zu halten bzw. deren Einsatzfähigkeit zügig wiederherzustellen.

Die entsprechenden Hausaufgaben für die politischen, zivilen Eliten in Europäischer Union und Atlantischem Bündnis sind beachtlich. Das Ausgangsfundament ist nicht besonders belastbar. Neben Haushaltsproblemen, Banken- und Finanzkrisen, Identitätsproblemen im europäischen Integrationsprojekt und Brexit ist es insbesondere das fragwürdige Krisenmanagement der vergangenen Jahre, das den Wachstumsbedarf politischer und ziviler Eliten bei der Bewältigung anspruchsvoller außen- und sicherheitspolitischer Herausforderungen beleuchtet.

Die Ergebnisse der außen‐ und sicherheitspolitischen Beiträge von NATO und EU-Mitgliedstaaten im vergangenen Jahrzehnt zum Krisenmanagement in der europäischen Nachbarschaft sind ernüchternd bis verstörend. Wie soll man zerfallende Staaten mit Millionen von Flüchtlingen und Zuwandern, die sowohl dem Terror der Gewalt wie auch dem wirtschaftlichen Elend in den Heimatländern entkommen wollen und diese zugleich im Gepäck mitbringen anders bewerten? Leider zeigt auch der Umgang mit der wachsenden Terrorgefahr im Inland: praktisch alle Instrumente, die der Staat zur Wahrnehmung seiner Schutzverantwortung einsetzen kann, sind nicht gut aufgestellt, sondern häufig Opfer des schleichenden Auszehrungsprozesses der vergangenen Jahre – unterbesetzt, mangelhaft ausgerüstet und unterfinanziert.

Unsere Eliten müssen dazulernen. Hier hilft auch der Blick zurück. Bereits im Kalten Krieg war Resilienz darauf ausgelegt, schwerwiegende Störungen kritischer Versorgungsleistungen zu antizipieren und abzufedern. Mit der Übungsreihe CIMEX wurde die Zusammenarbeit aller Verantwortlichen im Katastrophenschutz regelmäßig und mit großem Gewinn geübt. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurden entsprechende Fähigkeiten allerdings stark vernachlässigt. Sie sind praktisch nicht mehr existent. Man sah den Bedarf nicht mehr und scheute die Kosten. Der Rückgriff auf das Wissen von gestern ist notwendig, allerdings nicht hinreichend. Vor dem Hintergrund moderner Informations- und Kommunikationstechnologien und der Herausbildung hybrider Bedrohungen muss Resilienz heute mehr und anderes leisten als in der Vergangenheit, muss quasi neu erfunden werden. Dabei ist insbesondere der erheblichen Vernetzung ziviler und privatwirtschaftlicher, staatlicher und militärischer Sektoren Rechnung zu tragen.

Wollen deutsche Streitkräfte beispielsweise baltischen Partnern in der Krise beistehen, sind sie maßgeblich auf die Infrastruktur und Dienstleistungen des privaten Sektors angewiesen, um Kräfte, Ausrüstung und Versorgungsgüter schnellstmöglichst in weit entfernte Einsatzgebiete zu verlegen. Zeitgleich müssen auch hybride Gefahren in der Heimat antizipiert, identifiziert, abgewehrt und ggf. auch verkraftet werden können.

Ein Blick auf die Logistik offenbart die Achillesferse der gegenwärtig erheblichen Abhängigkeit von "just-in-time" Ansätzen. Jegliche größere Störung ist nicht nur für staatliche Organe außerordentlich problematisch, sondern mehr noch für die Bevölkerung. Vergleichbare Abhängigkeiten bestehen bei Wasser oder auch Strom. Beispielsweise funktioniert die Wasserversorgung im kommunalen Verbund nur bei zuverlässiger Stromversorgung reibungslos. Ein erfolgreicher hybrider Angriff auf Stromversorgung, Telekommunikation, Verkehr oder auch das Finanzsystem bringt damit immer zeitgleich ein ganzes Spektrum öffentlicher und privater Dienstleistungen zum Erliegen. Dies kann sehr leicht zu sozialen Unruhen führen, zumal wenn diese von Kampagnen in sozialen Medien befeuert werden.

Ein verschärfendes Problem ist die außerordentlich schwierige Identifizierung und Lokalisierung eines etwaigen Verursachers. In Zeiten globaler Vernetzung kann jeder von überall aus angreifen. Angegriffene wissen nicht wo und von wem der Angriff erfolgt. Die resultierende Ambiguität macht eine adäquate Reaktion schwierig und beansprucht insbesondere Gesellschaften und multinationalen Organisationen, die nach dem Konsensprinzip entscheiden. "Cyber-Angriffe" haben in diesem Kontext eine hervorgehobene, noch immer rapide wachsende Bedeutung. Das Spektrum der Akteure reicht vom privaten Hacker über Kriminelle und Terroristen bis hin zu staatlichen Akteuren. Diese beobachten, experimentieren, intervenieren, stehlen, erpressen, stören und zerstören. In wenigen Bereichen fallen innere und äußere Sicherheit so eng zusammen wie im Cyber-Raum.

Innovation nutzen und Schritt halten
Resilienz zu schaffen ist zugleich Weg und Ziel. Es geht um die Einstellung, um die Motivation der Schlüsselakteure bis hin zum einzelnen Staatsbürger. Es geht um den Prozess, der iterativ, inklusiv, integriert, anpassungsfähig und flexibel ausgestaltet werden muss und dabei im Auge behält, dass er eine freiheitliche, demokratische Grundordnung und deren Werte schützt. Es geht auch um ganz konkrete, messbare Fähigkeiten. Resilienz neuen Zuschnitts soll mittels Innovation einen Mehrwert zu bewährten Vorhaben und Prozessen generieren, die dann nachhaltig geübt und kontinuierlich weiterentwickelt werden müssen. Schlüssel zum Erfolg ist die fortgesetzte Einbindung neuer Informationen und neuen Wissens als Grundlage für die aktuelle Neubewertung und Repriorisierung bisheriger Aktivitäten.

Technologische Umwälzungen lassen darauf schließen, dass sich das Portfolio hybrider Gefahren zügig erweitern wird. Resilienz muss damit Schritt halten. Computer werden immer schneller und allgegenwärtiger. Hinzu kommen fundamentale Durchbrüchen u.a. in Robotik, Nano- und Biotechnologie, künstlicher Intelligenz und Sensorik. Maschinen werden von Tag zu Tag kleiner und zugleich leistungsstärker. Sie verbinden sich symbiotisch mit dem Leben der Menschen. In der sich zunehmend ausprägenden Wissensgesellschaft proliferiert Wissen nicht nur rechtmäßig, sondern sehr häufig wie auch durch systematischen Diebstahl von geistigem Eigentum. Kommunikationstechnologien befeuern diese Entwicklung. Das enorme Potenzial von Big Data spielt dabei eine wichtige Rolle.

Vor diesem Hintergrund sind Investitionen in Resilienz alles andere als triviale Aufgabenstellungen. Der hybriden Komplexität und Ambiguität muss mit einer ressortübergreifenden und transsektoral Perspektive begegnet werden. Von Anfang an ist ein entschieden innovativer Ansatz erforderlich, der auf bestehende Ansätzen aufsetzt und neuen Schwung entfacht. Eine besondere Chance bietet sich darin, Staat und Gesellschaft, Streitkräfte und den privaten Sektor über einen vernetzten Simulations- und Experimentalverbund neuer Technologien, innovativer Partnerschaften und kreativen Denkens in ihrer Resilienz zu bestärken.

In den USA hat man diesbezüglich z.B. aus den Naturkatastrophen der letzten Jahre gelernt. So haben dort die Hurrikane "Katrina" und "Sandy" tausende Menschenleben gekostet und darüber hinaus 3-stellige Milliardensummen verschlungen, um nur die gröbsten Schäden zu beseitigen. Heute gibt es Resilienz-Förderprogramme in Milliardenhöhe. Städte wie New York leisten sich einen "Chief Resilience Officer", der querschnittlich darauf achtet, dass städtische Planung immer auch Resilienz Erfordernisse im Auge behält. Wettbewerbe wie "100 Resilient Cities" befeuern zudem die verbesserte internationale Ausprägung von Resilienz. Denn das Wohlergehen der Nachbarn dient nicht zuletzt auch der eigenen Prosperität.

24. April 2017


Ralph Thiele
Ralph Thiele ist Oberst a.D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft e.V.